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Donnerstag, 17. April 2014

Ich klage an (1941) Wolfgang Liebeneiner

Inhalt: Hanna (Heidemarie Hatheyer) kann ihre Freude über die Berufung ihres Mannes, Professor Thomas Heyt (Paul Hartmann), an das renommierte Münchner Pettenkofer-Institut kaum zurückhalten. Vor Temperament überquellend lädt sie spontan ihren Freundeskreis ein, begleitet von ihrer kopfschüttelnden Hausdame (Margarete Haagen) , die die Tochter aus reichem Hause nach dem Tod ihrer Mutter von Klein auf erzogen hatte. Selbst Hannas großer Bruder, der ihrem Ehemann immer skeptisch gegenüberstand, zeigt sich angesichts des Erfolgs seines Schwagers einsichtig, nur Dr. Bernhardt Lang (Mathias Wieman), der älteste Freund des Paares, selbst einmal in Hanna verliebt, verspätet sich.

Er musste noch dringend nach einem schwer erkrankten Neugeborenen sehen, weshalb er wenig Feierlaune mitbringt. Trotzdem lässt er sich von Hanna dazu überreden, mit ihr und ihrem Mann gemeinsam zu musizieren. Zuerst erklingt ihr Trio in gewohnter Qualität, doch dann versagt mehrfach Hannas Hand am Klavier, so dass sie abbrechen müssen. Die junge Frau verspricht ihrem Mann, sich von Bernhardt untersuchen zu lassen, ohne die Sache allzu ernst zu nehmen, denn sie vermutet, schwanger zu sein. Doch Bernhardts Diagnose bedeutet ihr wahrscheinliches Todesurteil… 


Regisseur Wolfgang Liebeneiner inszenierte 1947, kurz nach dem Krieg, die Uraufführung von "Draußen vor der Tür" an den Hamburger Kammerspielen, ein exemplarisches Werk der kritischen deutschen Nachkriegsliteratur, das nach dem frühen Tod seines Autors Wolfgang Borchert zu Berühmtheit gelangte. Dessen Beschreibung eines Kriegsheimkehrer-Schicksals verfilmte Liebeneiner zwei Jahre später in "Liebe 47" (1949) - der erneute Startschuss eines intensiven Filmschaffens, mit dem er fast nahtlos an seine erfolgreiche Karriere während der Zeit des Nationalsozialismus anknüpfte. Begonnen hatte er unter anderen mit zwei Rühmann-Komödien ("Der Mustergatte" (1937) und "Der Florentiner Hut" (1939)), bevor er eng mit dem Propaganda-Ministerium zusammenarbeitete, Produktionschef der UFA wurde und von Joseph Goebbels 1943 den Professoren-Titel verliehen bekam.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Liebeneiner schon 1945 als Theaterregisseur weiter arbeiten durfte und sich wenig später eines Autors wie Wolfgang Borchert annahm, der mehrfach wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der NSDAP und Wehrkraftzersetzung im Gefängnis saß. Zu verdanken hatte Liebeneiner diese Möglichkeit der Tatsache, dass seine zwei Filme über Bismarck ("Bismarck" (1940) und "Die Entlassung" (1942)) zwar als historisch verfälschend, aber minderschwere Propagandafilme eingeordnet wurden. Seine Mitwirkung am Durchhalte-Film "Kolberg" (1945) war nicht offiziell und der unvollendete, in den letzten Kriegsmonaten gedrehte "Das Leben geht weiter" (1945) gilt als verschollen. Einzig der 1941 zwischen den Bismarck-Filmen entstandene "Ich klage an" darf heute als "Vorbehaltsfilm" nur beschränkt und unter pädagogischer Anleitung in Deutschland gezeigt werden, verfügt aber weder über antisemitische, noch kriegstreiberische Tendenzen, weshalb er Liebeneiner nach dem Ende der Nazi-Diktatur nicht belastete.

In Unkenntnis der Zusammenhänge während seiner Entstehungszeit, ließe sich "Ich klage an" als engagierter Beitrag zu der nach wie vor aktuellen Diskussion über das Recht zur "aktiven Sterbehilfe" betrachten, zudem ausgezeichnet gespielt, straff inszeniert und trotz seiner zweistündigen Länge bis zum Schluss die Spannung hochhaltend. Gehört das erste Drittel des Films dem Glück des erfolgreichen, gerade an das renommierte Pettenkofer-Institut nach München berufenen Mediziners Professor Thomas Heyt (Paul Hartmann) und seiner jungen, lebenslustigen Frau Hanna (Heidemarie Hatheyer), die spontan eine Feier zu seinen Ehren veranstaltet, beschreibt der Film in seinem zweiten Drittel die Zerstörung ihres Lebenstraums durch ihr fortschreitendes Siechtum. In dieser Phase hält der Film das Gleichgewicht zwischen Drama und Action, in dem er Hannas Todeskampf mit dem verzweifelten Versuch des Forscherteams um Professor Heyt, ein Mittel gegen die Multiple Sklerose zu entdecken, verzahnt, bevor das letzte Drittel zum klassischen Gerichts-Drama mutiert bis zum abschließenden emotionalen Schluss-Plädoyer des Angeklagten.

Wolfgang Liebeneiner entwickelte aus der Romanvorlage "Sendung und Gewissen" des Mediziners Hellmuth Unger, Mitglied des Reichsausschusses zur Erfassung Erb- und Anlagebedingter Schwerer Leiden, ein geschickt manipulierendes Drehbuch, dass seine wohlwollende Haltung für die aktive Sterbehilfe strategisch und Gegenargumenten vorgreifend aufbaute. Mit Heidemarie Hatheyer wählte Liebeneiner eine Darstellerin, die sich als kraftstrotzende und eigenständig handelnde junge Frau in "Die Geierwally" (1940) einen Namen gemacht hatte, womit er ihrer Position als um Sterbehilfe bettelnde Todgeweihte die Passivität nahm. Hanna handelt nicht als Opfer, sondern im Bewusstsein, nicht mehr ihre Funktion ausfüllen zu können - ihr Tod wird im Film als Befreiung gezeigt, als erlösender Akt in den Armen des geliebten Mannes. Dass es sich bei diesem um einen renommierten Arzt handelt, zudem Leiter eines aus Koryphäen bestehenden Forscherteams, sollte die theoretische Möglichkeit einer Heilung ausschließen - wenn sie es nicht schaffen, dann Niemand.

Doch das hätte nicht genügt, seinen Akt, ihr Gift zu verabreichen, zu legitimieren, weshalb mit Dr. Bernhardt Lang (Mathias Wieman) ein zweiter, der Sterbehilfe ablehnend gegenüber stehender Arzt, dem Ehepaar zur Seite gestellt wurde. Bei der Feier zu Beginn treten sie gemeinsam als musikalisches Trio auf, um ihre enge Zusammengehörigkeit zu demonstrieren, aber Bernhardt Langs Rolle ist ihre Konstruiertheit deutlich anzumerken. Hannas Äußerung ihm gegenüber, sie hätte ihn geheiratet, hätte er sie gefragt, bevor sie ihren jetzigen Mann traf, kann nur als Kränkung des nach wie vor von ihr begeisterten Mannes verstanden werden und passt nicht zu ihrem freundlichen Wesen. Ebenso unprofessionell ist die Aussage ihres sonst so seriösen Mannes, der Bernhardts erschütternde Diagnose, Hanna hätte Multiple Sklerose, auf dessen Eifersucht zurückführt, obwohl sich deren Wahrheitsgehalt schon in der nächsten Szene herausstellt.

Liebeneiner wollte damit die Zögerlichkeit und Unsicherheit des praktizierenden Arztes betonen, der schon nicht in der Lage war, die geliebte Frau zu erobern, obwohl er die beste Ausgangssituation besaß. Professor Heyt wird dagegen als Mann der Tat charakterisiert, der sich auch von Ablehnung und Skepsis nicht abschrecken ließ, wie sie ihm wiederholt in seinem Berufs- und Privatleben widerfahren war - zu unrecht, wie seine Berufung an das Pettenkofer-Institut suggerieren soll. Während die Liebe zwischen dem Professor und seiner Frau im Film mehrfach idealisiert wird, um den Vorwurf eigennütziger Intentionen auszuschließen, wird Dr. Lang parallel mit dem Schicksal eines Säuglings konfrontiert, dessen Leben er mit allen Mitteln der Medizin zu retten versucht, dabei aber nicht verhindern kann, dass das kleine Mädchen schwere Nebenwirkungen am Gehirn erleidet. Hatten die Eltern ihn zuvor gebeten, alles für die Heilung des Kindes zu unternehmen, beknien sie ihn jetzt, dessen Leben ein Ende zu bereiten. Angesichts des elenden Zustands des Kindes überdenkt Dr. Lang seine Meinung.

Die Nationalsozialisten hatten 1940 begonnen, systematisch aus ihrer Sicht „unwertes Leben“ zu vernichten, da dieses dem propagierten Rassenideal nicht entsprach. Bis 1941 wurden ca. 70000 Behinderte und sonstige „unerwünschte Elemente“ in der „Aktion T4“ auf Basis von Gutachten in sogenannten „Euthanasie“ - Anstalten ermordet, bis der Unmut in der Bevölkerung wuchs. Offiziell wurde die Aktion daraufhin beendet, heimlich aber weiter geführt. An dieser Schnittstelle entstand „Ich klage an“, um eine positive Stimmung für das als „aktive Sterbehilfe“ verklausulierte Euthanasie-Programm zu erzeugen. Dem Film ist diese direkte Verbindung oberflächlich nicht anzumerken, denn Joseph Goebbels ließ die Urfassung ändern, um jeden politischen Bezug zu vermeiden. Die Gerichtsverhandlung wirkt fast absurd in der Abwesenheit nationalsozialistischer Insignien und geprägt von einer toleranten Haltung.

Auch ohne das Wissen über diese historischen Zusammenhänge – ganz konkret wird im Film eine Kommission zur Entscheidung über Sterbehilfe vorgeschlagen, da den Ärzten diese Verantwortung nicht zugemutet werden könnte – und trotz der unterschwelligen Manipulation entlarvt der Film unfreiwillig das dahinter stehende unmenschliche System. Es wird zwar viel von Liebe und Aufopferung geredet, aber immer nur im Zusammenhang mit einem funktionierenden, sinnvollen Leben. Schwäche, Krankheit, Behinderung oder Niedergang besitzen keinen Wert, sondern geben nur Anlass, den Menschen von seinem Leiden zu erlösen. Hier an zwei extremen, unheilbaren und einen allgemeinen Konsens anstrebenden Beispielen exerziert. Doch sowohl an der geänderten Haltung der Säuglings-Mutter, als auch an der Hilfestellung des Ehemanns bleibt die Rationalität haften, mit der die Entscheidung über den Wert eines Lebens abgewogen wurde. Intuitiv, verrückt, unlogisch oder bedingungslos – und damit schlicht menschlich – ist nichts in diesem kalten, berechnenden Film.

"Ich klage an" Deutschland 1941, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: Wolfgang Liebeneiner, Eberhard Frowein, Hellmuth Unger (Roman), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Paul Hartmann, Mathias Wieman, Margarete Haagen, Albert Florath, Erich Ponto, Hans Nielsen, Laufzeit : 119 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Montag, 26. August 2013

Der Stern von Afrika (1957) Alfred Weidenmann

Inhalt: Nachdem sich Hans-Joachim Marseille (Joachim Hansen) 1938 freiwillig bei der Luftwaffe gemeldet hatte, wurde zwar sein fliegerisches Talent offensichtlich, hatte ihn aber nur das Eingreifen seines besten Freundes Robert Franke (Hansjörg Felmy) vor dem Rauswurf bewahrt, da er zu eigensinnig und unmilitärisch agierte. Die Fliegerei ist für Marseille ein großer Spaß, weshalb ihn die Nachricht vom Kriegsbeginn genauso überrascht wie seine Kameraden, darunter neben Robert noch Albin Droste (Horst Frank) und Answald Sommer (Peer Schmidt).

Bei einem der ersten Einsätze am Atlantik wird Robert abgeschossen, der nur mit Glück überlebt, nachdem er eine Nacht auf dem Meer verbracht hatte. Erstmals spürt Marseille die Gefahr, die ihre Flüge begleitet, aber nachdem sie nach Afrika versetzt wurden, beginnt sein unaufhaltsamer Aufstieg als Kampfflieger. Gegen die zahlenmäßig überlegenen britischen Flugzeugstaffeln schert er aus dem Flieger-Pulk aus und greift sie individuell an. Das widerspricht militärischen Gepflogenheiten, aber seine Abschusszahlen geben ihm Recht, die ständig neue Rekordhöhen erklimmen…


Einen Film über den von der NS-Propaganda in den ersten Kriegsjahren hochgejubelten Kampfflieger Hans-Joachim - genannt "Jochen" - Marseille in die Hände des Regisseurs Alfred Weidenmann und des Drehbuchautors Herbert Reinecker zu legen, scheint jedes Klischee an einen 50er Jahre Kriegsfilm zu erfüllen, der keine kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur suchte, sondern die Heroisierung des tapferen Wehrmachtssoldaten beabsichtigte, der nur seine Pflicht tat. Weidenmann, Jahrgang 1918, drehte schon als junger Mann Reportage-Filme für die Hitlerjugend, nachdem er als Presse- und Propaganda-Referent der HJ mehrere Bücher verfasst und herausgegeben hatte. 1944 erschien sein Propaganda-Film "Junge Adler", zu dem Reinecker ebenfalls das Drehbuch schrieb und in dem mit Dietmar Schönherr, Hardy Krüger und Gunnar Möller drei später renommierte Darsteller ihr Debut gaben - eine weitere Parallele zu "Der Stern für Afrika", der für Joachim Hansen, Hansjörg Felmy und Horst Frank zum Beginn ihrer erfolgreichen Karrieren wurde.

Auch in "Canaris" (1954) hatte sich Alfred Weidenmann schon mit einer realen Figur der jüngeren Geschichte befasst, aber "Der Stern von Afrika" bedeutete eine Zäsur im deutschen Kriegsfilm-Genre, denn erstmals wurden wieder ausführliche Kampfhandlungen gezeigt. Nachdem es 1956 zu einem Jahr ohne Kriegsfilme im deutschen Kino gekommen war, bereitete die Wiedereinführung einer deutschen Armee - die ersten Wehrpflichtigen wurden Anfang 1957 eingezogen - den Weg zu einer konkreteren Darstellung des deutschen Soldatentums. Dazu bot sich Hans-Joachim Marseille als ideale Identifikationsfigur an, denn Abschusszahlen von allein kämpfenden Piloten ließen sich leichter vermarkten und darstellen als Ergebnisse komplexer militärischer Aktionen, weshalb sich auch die Nationalsozialisten seiner Popularität bedient hatten. Entsprechend wird in „Der Stern von Afrika“ nur so mit Zahlen um sich geschmissen, wenn gut aussehende junge Offiziere ihren „Jochen“ angesichts ständiger neuer Rekorde hochleben lassen, als ging es um eine 100m-Bestzeit und nicht um den Tod von Menschen.

Zudem entwickelte der Film um die Kameraden „Jochen“ Marseille (Joachim Hansen), dessen besten Freund Robert Franke (Hansjörg Felmy), den etwas widerborstigen Albin Droste (Horst Frank) und den Witzbold Answald Sommer (Peer Schmidt) eine lockere, meist gut gelaunt agierende Männertruppe, die sich weder besonders militärisch gibt, noch Berührungspunkte mit den Nationalsozialisten und deren Ideologie zu haben scheint. Wie in dem kurz darauf entstandenen Kriegsfilm „Haie und kleine Fische“ (1957) vermitteln auch hier Aufnahmen von sich bei einem Segeltörn vergnügenden jungen Menschen zuerst das Bild eines friedlichen Lebens, über das plötzlich ein schrecklicher Krieg hereinbricht, der die Jugend Deutschlands zerstören sollte – eine Botschaft, die Weidenmanns Film noch mehrfach wiederholt, auch aus den Worten eines alten Franzosen (Erich Ponto), nachdem er mit Marseille in Paris eine Partie Billard spielte. Dass die jungen Offiziere Paris besuchen konnten, weil Frankreich von Deutschland besetzt wurde, das als Aggressor für den Ausbruch des Krieges erst verantwortlich war, wird ebenso wenig erwähnt, wie Zusammenhänge zu den Aktionen des Afrika-Corps hergestellt werden, zu dem die jungen Flieger nach ihrem ersten Einsatz am Atlantik versetzt werden.

Ihr Zelt-Lager im afrikanischen Wüstensand erinnert mehr an eine Abenteuer-Expedition, bei der ausführlich gefeiert (mit Roberto Blanco in seiner ersten Rolle als Stimmungskanone, selbstverständlich frei von rassistischen Ressentiments) und viel geflogen wird, was Weidenmann die Gelegenheit gab, schicke Bilder von schnell startenden und landenden Messerschmidt-Jagdflugzeugen, sowie erfolgreiche Luftkämpfe aus der Ego-Shooter-Perspektive zu zeigen. Weidenmann gelang es sogar, Marseilles Besuch in seiner Heimatstadt Berlin, wo ihm nach seinem 100. Abschuss höchste militärische Ehren zuteil wurden - ein von der NSDAP propagandistisch genutzter Vorgang - ohne die geringsten Verweise auf die herrschende Diktatur darzustellen. Weder Hitlergruß, noch SS-Uniformen sind in „Der Stern von Afrika“ zu sehen, nicht einmal die typischen patriotischen und selbst beweihräuchernden Redewendungen sind zu hören. Im Gegenteil lässt Marseille erkennen, dass ihm die gesamten Ehrenbekundungen eher unangenehm sind, und der Film zeigt ihn einzig bei einer Rede in seiner ehemaligen Schule, in der er nicht von seinen Taten, sondern von seinen Kameraden erzählt. Dabei erwähnt er vor den aufmerksam zuhörenden Schülern auch den fröhlichen Answald Sommer, um sich kurz darauf selbst zu berichtigen, dass dieser jetzt tot wäre – viel unrealistischer und beschönigender hätten Weidenmann und Reinecker diese Situation nicht inszenieren können.

Mit dieser idealisierten, die eigene Verantwortung verharmlosenden Charakterisierung, entsprach Weidenmann der Haltung eines Großteils der ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich Mitte der 50er Jahre als Opfer betrachteten. Mehrfach thematisierte er in „Der Stern von Afrika“ auch die Frage nach dem Sinn ihres Handelns. Als Marseille, Selbstzweifel äußernd, seinem Vorgesetzten diese Frage stellt, deutet dieser an, dass der persönliche Einsatz für eine Sache über dem System steht – eine Aussage, die Vielen aus dem Herzen gesprochen haben dürfte, weshalb der Film an der Kinokasse sehr erfolgreich war, obwohl die zeitgenössische Kritik nicht nur die wenig realistische Darstellung des Kampffliegers bemängelte, sondern auch einen Propagandacharakter erkannte, der an die hintergründig beeinflussenden Filme der NS-Zeit erinnerte. Einerseits zurecht, denn mit einer Aufarbeitung historischer Fakten hat „Der Stern von Afrika“ nichts gemeinsam - die tatsächliche Rolle der Wehrmacht wurde bekanntlich erst Jahrzehnte später dokumentiert - andererseits verwendete Weidenmann die selben filmischen Mittel, um die Tragik des Geschehens nicht weniger deutlich herauszuarbeiten.

Der zuerst locker abenteuerliche Charakter des Films wandelt sich zunehmend in Richtung eines Melodramas. Mit dem Auftreten von Brigitte (Marianne Koch), die als Lehrerein Marseilles Rede vor den Schülern mit anhörte, beginnt eine tragische Liebesgeschichte, die die militärischen Aktionen in den Hintergrund drängt. Sowohl Brigittes Bitte an ihren Geliebten, zu desertieren, der Marseille keineswegs vehement widerspricht, als auch ihre körperliche Liebe in Italien als unverheiratetes junges Paar, sind reine Fantasie, aber diese Szenen verfehlen ihre Wirkung nicht. Es mag eine unrealistische Idealisierung des echten Hans-Joachim Marseille sein, aber der Protagonist in Weidenmanns Film will weder weiter kämpfen, noch irgendwelche Orden erringen, sondern mit seiner Brigitte ein glückliches Leben führen. Dass er doch wieder zu seiner Einheit zurückkehrt, ist dem plötzlichen Auftreten seines besten Freundes Robert zu verdanken, der ihn mit gemessenen Worten an seine Verantwortung erinnert, eine erneute Rechtfertigung der Wehrmachtssoldaten.

Der Vorwurf einer verharmlosend bis verlogenen Darstellung der historischen Ereignisse ist gerechtfertigt, sollte aber im Zusammenhang mit dem Zeitgeist Mitte der 50er Jahre betrachtet werden. Die inszenatorischen Mittel, die den Film weniger als Biographie, denn als reinen Unterhaltungsfilm ausweisen, wendete Weidenmann gleichwertig an, So attraktiv „Der Stern von Afrika“ vom Kameradschaftsleben im afrikanischen Wüstensand erzählt – dabei historische Fakten auf ein Minimum reduzierend – so bewegend gelingt die Liebesgeschichte zwischen Brigitte und Hans-Joachim, deren Ende weder Hurra-Patriotismus, noch Soldatenherrlichkeit vermittelt. Der Tod des 23jährigen Mannes wird von Weidenmann als sinnloses Opfer inszeniert und das letzte eindrucksvolle Bild gilt der jungen Frau, wie sie weinend auf ihrem Pult zusammenbricht, während der Knabenchor verstummt.

"Der Stern von Afrika" Deutschland 1957, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Udo Wolter, Darsteller : Joachim Hansen, Marianne Koch, Hansjörg Felmy, Horst Frank, Peer Schmidt, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 99 Minuten 

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"Junge Adler" (1944)
"Weg in die Freiheit" (1952)

Freitag, 10. Mai 2013

Das Herz der Königin (1940) Carl Froelich


Inhalt: Maria Stuart (Zarah Leander), ehemalige Königin von Schottland, ist seit vielen Jahren Gefangene der englischen Königin Elisabeth I. (Maria Koppenhöfer). Immer wieder versucht sie, diese mit Briefen von ihrer Unschuld zu überzeugen, aber Elisabeth liest ihre Briefe gar nicht erst, sondeern fällt das Todesurteil über sie.

In Gedanken lässt Maria Stuart nochmals die Zeit Revue passieren, als sie aus Frankreich in ihr Heimatland zurückkehrte, um Schottland zu regieren. Doch nicht nur das Volk lehnte sie ab, sondern auch die Machtinteressen der schottischen Lords sollten ihr das Leben schwer machen...


Als Zarah Leander 1940 "Das Herz der Königin" drehte, war sie schon zum großen UFA-Filmstar aufgestiegen, hatte es aber trotzdem verstanden, sich nicht zu sehr in der Nähe der Nazi-Machthaber aufzuhalten. Ihr Status erlaubte diese Eigenständigkeit, der auch darin deutlich wurde, dass sie im prüden Deutschland der 30er Jahre selbstbewusste und sexuell offensive Frauenfiguren spielen konnte. Trotzdem wäre es eine Illusion anzunehmen, dass sie den Propaganda-Interessen entkommen wäre, denn Joseph Göbbels, der sie persönlich sehr schätzte, wusste sie geschickt für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Die Rolle der "Maria Stuart" war Zarah Leander geradezu auf den Leib geschrieben. Die schottische Königin war nicht nur für ihre Schönheit berühmt, sondern hatte im französischen Exil, wo sie aufwuchs, musikalische Fertigkeiten gelernt. Als sie nach Schottland zurückkehrte, befand sie sich in Begleitung des italienischen Sängers David Riccio (Friedrich Benfer), der als ihr Privatsekretär arbeitete. Den rauen Gesellen im Norden der britischen Insel waren diese "französischen Sitten" äußerst suspekt, ebenso wie man der eher als emotional geltenden Königin die "harte Hand, die das Volk braucht" nicht zutraute. So konnte Zarah Leander quasi im historischen Sinn ihre Stärken ausspielen - ihr schöner Gesang, ihre emotionale, aber durchaus selbstsichere Art passten gut zu dem überlieferten Charakter der Maria Stuart.

"Das Herz der Königin" leistet sich dabei eine erzählerische Klammer, die Maria Stuart zu Beginn als Gefangene der englischen Königin Elizabeth I. (Maria Koppenhöfer) zeigt. Mehrfach hatte sie die Königin von ihrer Unschuld überzeugen wollen, aber diese hatte ihre Briefe ignoriert und verurteilte sie nach langer Gefangenschaft zum Tode. In Erwartung der Hinrichtung, lässt sie noch einmal ihr Leben seit der Ankunft in Schottland vor ihrem geistigen Auge ablaufen.

"Das Herz der Königin" hielt sich an die historischen Abläufe und versuchte, die damaligen Intrigen und Machtinteressen komplex zu schildern. In beeindruckenden, in ihrer Schwarz-weiß Schattierung dramatisch wirkenden Bildern entfaltet sich die Geschichte theaterartig. In einzelnen Szenen, die an nur wenigen Orten stattfinden, wird dialoglastig eine Situation aufgezeigt, die von Opportunismus und Hinterhältigkeit geprägt ist. Marias Halbbruder Jacob ( Walther Süssenguth), der in ihrer Abwesenheit das Land regierte, unterstützt zuerst seine Schwester, um später doch mit der englischen Königin gemeinsame Sache zu machen. Auch Lord Bothwell (Willy Birgel) hat eigensüchtige Interessen und täuscht sie. Einzig Maria Stuart und ihre Getreuen, besonders ihr Diener Olivier (Will Quadflieg), vermitteln einen ehrlichen Charakter.

Die Wahl Zarah Leander als schottischer Königin ließ von Beginn an keinen Zweifel daran, wem das Publikum seine Sympathie schenken würde. So konnte es sich Regisseur Carl Froelich leisten, die Charaktere der Gegner Marias ohne Übertreibungen zu schildern. Trotzdem war Froelich an einer objektiven Betrachtung der damaligen Situation in Schottland keineswegs interessiert, sondern zeichnete unterschwellig das negative Bild einer rücksichtslosen, expansiven englischen Politik. Diese Intention war angesichts des parallel stattfindenden Kriegs mit England gewollt, so das Froelich - der seit 1939 der Reichsfilmkammer als Präsident vorstand - als Regisseur den Willen seines direkten Vorgesetzten Joseph Goebbels umsetzte.

Tatsächlich wurde Maria Stuart in vielen internationalen Produktionen häufig verklärt, so dass „Das Herz der Königin“ keineswegs als besonders negativ für die englische Krone heraus sticht. Schon immer mochte das Publikum - auch in der Hollywood-Umsetzung - die unglückliche Königin mehr als die scheinbar hartherzige, unattraktive Elisabeth, die zudem noch ohne Mann und Kinder blieb. Das Maria Stuart in der Realität ziemlich arrogant gewesen sein soll, ihren Halbbruder Jakob als „Bastard“ ansah, der es nicht wert war zu regieren, und auch ihre Mitwirkung beim Tod ihres zweiten Mannes nie wirklich aufgeklärt werden konnte, wird hier nicht berührt. Zarah Leander ist ganz in ihrem Element als emotionale, liebevolle Regentin, die nur selbstlos das Beste für ihr Volk will. Alle Unglücke, Morde und sonstigen tragischen Ereignisse lassen keinen Schatten auf ihren hehren Charakter fallen. Selbst die schon kurz nach dem "Unfalltod" ihres Mannes erfolgte erneute Trauung mit Lord Bothwell, die damals dazu führte, dass Maria Stuart zugunsten ihres zu diesem Zeitpunkt einjährigen Sohnes abdanken musste, wird hier als eine für sie erzwungene Situation geschildert.

Dagegen werden der englischen Königin bösartige Sätze wie „Alle, die uns helfen, werden getötet“ in den Mund gelegt, als sie weitere Lords nach Schottland schickt, die Maria Stuarts vordergründig stützen sollen, tatsächlich aber ihre Basis aushöhlen. Solche Sätze sollten konkret vermitteln, das man den Engländern nicht trauen kann. Das die erzählerische Klammer den Film mit der Hinrichtung Maria Stuarts beendet, überrascht schon nicht mehr, denn so wird sie noch zur Märtyrerin hochstilisiert. Trotz dieser Intention gehört "Das Herz der Königin" nicht zu den auffälligen Propagandawerken, da die negative Sicht auf die englische Vorgehensweise eher subtil geschildert wurde und die tatsächlichen Ereignisse kaum verfälscht, sondern nur sehr einseitig betrachtet wurden. Die größte Parteinahme verbirgt sich letztlich in der Besetzung der Hauptrolle mit Zarah Leander, denn dadurch waren die Sympathien von vornherein verteilt.

"Das Herz der Königin" Deutschland 1940Regie: Carl Fröelich, Drehbuch: Harald Braun, Jacob Geis, Darsteller : Zarah Leander, Willi Birgel, Maria Koppenhöfer, Axel Von Ambesser, Hans  Mierendorff, Erich Ponto, Will Quadflieg, Laufzeit : 105 Minuten


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Mittwoch, 1. Mai 2013

Himmel ohne Sterne (1955) Helmut Käutner



Inhalt: Anfang der 50er Jahre - unter dramatischen Umständen flieht Anna Kaminski (Eva Kotthaus) über die innerdeutsche Grenze, die zwar noch einen provisorischen Charakter hat, aber schon streng bewacht wird. Leicht verletzt auf der westdeutschen Seite angekommen, trifft sie dort den Grenzsoldaten Carl Altmann (Erik Schumann), der ihr Hilfe anbietet. Ohne darauf einzugehen, begibt sie sich in das nahe gelegene Städtchen und sucht Otto (Gustav Knuth) und Elsbeth Friese (Camilla Spira) auf, die wenig erfreut über ihren Besuch sind, denn Anna ist die Mutter ihres Enkelsohns Jochen, der hier bei seinen Großeltern lebt.

Ihr Sohn war im Krieg gefallen und hatte Anna nicht mehr geheiratet. Durch die Trennung Deutschlands hatten sie entschieden, den Enkelsohn bei sich zu behalten, weil er es im Westen besser hätte. Als Anna auch diesmal zum wiederholten Male den Jungen mitnehmen will, verweigern sie ihr diese Bitte mit der Begründung, dass sie ihn schließlich mit ihrem Einverständnis adoptiert hätten. Doch Anna flieht in der Nacht mit Jochen und bittet Carl Altmann nun doch um Hilfe, um ihn über die Grenze zu schmuggeln. Willi (Georg Thomalla), ein Freund von Altmann, hilft ihr dabei, indem er sie in seinem LKW versteckt, doch als sie in der DDR ankommen, ist der Junge verschwunden...


Anna Kaminskis (Eva Kotthaus) Schicksal kam Ende des zweiten Weltkriegs sicher nicht selten vor. Als ihr Freund an die Front befohlen wurde, war sie schwanger von ihm und an eine Hochzeit nicht zu denken. Nachdem dieser im Krieg fiel, blieb sie als allein erziehende Mutter mit einem unehelichen Kind zurück. In ihrer Not wandte sie sich an die Eltern ihres Freundes, die Ihre Hilfe allerdings an die Bedingung einer Adoption ihres Enkelkindes knüpften, in die Anna gezwungenermaßen einwilligte. Diese Vorgeschichte, die sich nur aus wenigen Worten Annas erschließt, liegt zum Beginn der Filmhandlung schon einige Jahre zurück, aber sie ist die Ursache für das dramatische Geschehen und typisch für Regisseur Helmut Käutner.

Schon in seinen ersten, noch während der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen Filmen, betonte er die Verlogenheit der allgemeinen Moralvorstellungen, die den realen menschlichen Bedürfnissen widersprach und sie zu einem Verhalten zwang, dass erst die späteren tragischen Folgen ermöglichte („Große Freiheit Nr.7“, 1943). Die Nachkriegsjahre hatten in der moralischen Strenge nicht nachgelassen, obwohl die gemeinsamen Erfahrungen im Krieg Verständnis für Annas Situation hätte erzeugen müssen. Doch erst der moralische Druck als uneheliche Mutter zwang sie zum Einverständnis in die Adoption. Anfang der 50er Jahre hatte sich ihre finanzielle Situation geändert, weshalb Anna in der Lage wäre, ihren Sohn Jochen wieder zu sich zu holen, aber zwei Fakten behindern ihren Wunsch – rechtlich ist Jochen das Adoptivkind seiner Großeltern und die neue innerdeutsche Grenze verläuft ausgerechnet zwischen den beiden unweit von einander entfernten Heimatorten.

Helmut Käutner nahm sich als einer von Wenigen schon Mitte der 50er Jahre der Teilung Deutschlands an, weshalb "Himmel ohne Sterne" nur ein Film werden konnte, der auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs provozieren musste. Dabei hätte es sich der westdeutsche Regisseur in seiner Anklage an die Trennung Deutschlands leicht machen können, in dem er die politischen Umstände und damit besonders die sowjetische Besatzungsmacht angeprangert hätte, aber das entspräche nicht Käutners Linie, der die Ursachen nie im Grossen, sondern immer im Kleinen suchte. "Ich habe die Grenze nicht gemacht!" legt er seinen Protagonisten häufig in den Mund, aber er lässt kein Zweifel daran, dass die tatsächlichen Probleme untereinander eben doch selbst erzeugt sind und die Umstände immer als Ausrede dafür herhalten müssen.

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Nebenfigur Mischa Bjelkin, einem sehr jungen sowjetischen Soldaten, von Horst Buchholz in einer seiner ersten Rollen mit erstaunlicher Zurückhaltung gespielt, auch bedingt dadurch, dass seine Umgebung kein Russisch versteht. Er verdeutlicht, dass für Jeden eine Wahl in seinen Entscheidungen besteht, auch ohne sich davon Vorteile zu versprechen. Gegensätzlich charakterisiert Käutner dagegen die westdeutsche Seite, die - dank des schnell eintretenden wirtschaftlichen Erfolgs in der jungen BRD - nur noch wenige Gedanken an die kommunistisch regierten Landsleute in der DDR verschwendet. Die Wahl der sympathischen Darsteller Camilla Spira und Gustav Knuth als Großeltern Elsbeth und Otto Friese, die den adoptierten Enkelsohn nicht mehr hergeben wollen, ist geschickt, denn Käutner vermeidet damit Einseitigkeiten und demonstriert authentisch, wie schnell sich die Menschen damals an die neue Situation gewöhnt hatten, besonders, wenn sie persönlich davon profitierten.

Auch den DDR-Alltag zeigte Käutner ohne Beschönigungen, vermeidet dabei aber für die Zeit typische Abqualifizierungen. So zeigt sich auch, dass es für Anna, die in einem volkseigenen Betrieb arbeitet (sehr gut Siegfried Lowitz als korrekter, aber nicht unmenschlicher Leiter), in der DDR leichter ist, als allein erziehende Mutter ihr Leben zu organisieren, obwohl sie sich sogar noch um ihre Großeltern (Lucie Höflich, Erich Ponto) kümmern muss, die sie nicht allein lassen will, weshalb für sie eine Flucht in den Westen nicht in Frage kommt. Wer aus heutiger Sicht glaubt, erst nach dem Bau der Mauer wurde es schwierig in den Westen zu fliehen, wird hier eines Besseren belehrt, denn auch wenn Anfang der 50er Jahre die Perfektion der späteren „Todesstreifen“ noch nicht bestand, so galt schon der Schießbefehl der ständig patrouillierenden Grenzsoldaten.

Auch in "Himmel ohne Sterne" spielt Käutner wieder seine Stärke aus, eine Vielzahl von Darstellern so agieren zu lassen, dass ein komplexes Geflecht an Beziehungen entsteht. Selbst kleine Rollen sind hervorragend besetzt (Georg Thomalla, Josef Offenbach, Wolfgang Neuss) und die Wahl der beiden Hauptrollen (der Sachse Erik Schumann als westdeutscher Grenzer, die aus der BRD stammende Eva Kotthaus als Anna) ist intelligent, besonders da beide damals von der DEFA besetzt wurden. Man spürt an jeder Einstellung des Films, wie ernst es Käutner damit war, ein ausgewogenes Bild beider Seiten zu zeigen. Betonte er in seinen Filmen aus der nationalsozialistischen Zeit noch die individuelle Freiheit des Einzelnen, die im Widerspruch zur äußeren Reglementierung stand, scheinen die Beteiligten hier nicht in der Lage zu sein, sich aus den ihnen aufgesetzten Strukturen und Vorurteilen zu befreien.

"Himmel ohne Sterne" fehlt jeglicher Optimismus, positive Momente entstehen nur im Verhalten einzelner Menschen, die aber wenig am Fortlauf des Dramas ändern können. In dieser Konsequenz wirkt der Film manchmal übertrieben melodramatisch, da er die Umstände so aneinander reiht, dass sich alles zum Negativen fügen muss, womit er sich auf einer Linie mit den Filmen Douglas Sirks befindet. Indem Käutner nicht einmal den Liebenden zugesteht, sich über bestehende Grenzen hinweg zu setzen, und ihnen damit einiges ihrer Reputation nimmt, geht er weit über die übliche Sezierung einer gesellschaftlichen Situation hinaus. "Himmel ohne Sterne" ist keine differenzierte Analyse, sondern eine unparteiische Anklage, etwas an den bestehenden Zuständen zu ändern – nicht erstaunlich, dass der unbequeme Film bis heute die ihm zustehende Anerkennung nicht erfahren hat.

"Himmel ohne Sterne" Deutschland 1955, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Darsteller : Eva Kotthaus, Erik Schumann, Horst Buchholz, Siegfried Lowitz, Erich Ponto, Wolfgang Neuss, Josef Offenbach, Georg Thomalla, Lina Carstens, Gustav Knuth, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner:

Donnerstag, 4. April 2013

Die Feuerzangenbowle (1944) Helmut Weiss


"Die Feuerzangenbowle" von 1944 gilt als die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinrich Spoerl und damit als "Remake" von "So ein Flegel" aus dem Jahr 1934. Tatsächlich haben beide Filme wenig gemeinsam und erst der 1944er Film wurde zu einer "echten" Umsetzung des Buches. 


Inhalt: Dr.Hans Pfeiffer (Heinz Rühmann), ein erfolgreicher Schriftsteller, kommt etwas zu spät zu dem Treffen einer Herrenrunde, um festzustellen, dass die Honoratioren der Feuerzangenbowle schon stark zugesprochen haben und aufgedreht von alten Schulzeiten erzählen. In ihr Gelächter kann er nicht einstimmen, da er selbst nie auf eine staatliche Schule ging, sondern privat unterrichtet wurde. Alkoholselig fassen sie einen Plan, um ihm diese Erfahrung für ein paar Wochen zu ermöglichen. Sie lassen ihn wieder wie einen Pennäler aussehen und schicken ihn auf ein kleinstädtisches Gymnasium.

Dort angekommen, muss er feststellen, dass sich Niemand für den „Neuen“ interessiert und das seine flappsigen Sprüche bei den Klassenkameraden der Oberprima noch nicht recht ankommen. Zudem bestellt der Direktor (Hans Leibelt) ihn zu sich, damit er sich eine anständige Unterkunft besorgt und nicht im Hotel wohnt, was sich für einen Schüler nicht gehört. Er kommt bei der Witwe Windscheidt (Anneliese Würtz) unter, die ihn vor den Versuchungen junger Mädchen warnt, aber Pfeiffer war schon Eva (Karin Himboldt) begegnet, der Tochter des Direktors, deren Desinteresse ihn erst anspornt…


Die Geschichte ist inzwischen altbekannt. Als Heinz Rühmann erfuhr, das „Die Feuerzangenbowle“ nicht aufgeführt werden durfte, ging er persönlich zu Adolf Hitler, führte ihm den Film vor und erhielt so die Erlaubnis, den Film doch in die Kinos bringen zu können. Vom Propagandaministerium war kritisiert worden, dass der Film die Autorität des Lehrpersonals untergraben hätte, obwohl Heinz Rühmann die Rolle des Oberlehrers Brett (Lutz Götz) im Gegensatz zum Roman Heinrich Spoerls extra im nationalsozialistischen Sinne hatte umschreiben lassen. Dessen Schluss-Dialog mit dem Sympathieträger Bömmel (Paul Henckels mit überzeugendem rheinischen Idiom) verwies auf „eine neue Zeit“, die zu diesem Zeitpunkt schon längst vergangen war, und hatte mit Spoerls idealisierten Erinnerungen einer Schulzeit nichts zu tun.

Sein erster 1933 erschienener Roman, der die Grundlage für den bekanntesten Rühmann-Film bilden sollte, war ähnlich wie seine späteren Werke „Der Maulkorb“ oder „Wenn wir alle Engel wären“ eine Geschichte vom Niederrhein, die humoristisch und liebevoll einen durchaus kritischen Blick auf den Charakter der hier lebenden Menschen warf und ein stimmiges Zeitbild des frühen 20. Jahrhunderts nachzeichnete. Heinz Rühmann, der noch mit Vierzig wie ein Pennäler aussehen konnte, hatte sich als ideale Verkörperung der Spoerlschen Hauptfiguren erwiesen, weshalb er schon in „Wenn wir alle Engel wären“ (1936) und in „Der Gasmann“ (1941), der im Gegensatz zu Spoerls früheren Romanen in Berlin angesiedelt war, die tragende Rolle übernommen hatte. Beinahe vergessen ist dagegen, dass Rühmann die Rolle des Hans Pfeiffer schon früh in seiner Karriere spielte, in der ersten Adaption der „Feuerzangenbowle“, die unter dem Titel „So ein Flegel“ 1934 in die Kinos kam.

Heinz Rühmanns großer Einsatz für die zweite Fassung der „Feuerzangenbowle“ ist aus der Entwicklung seit dieser Zeit erklären. Nicht nur der Schauspieler, auch Heinrich Spoerl hatte seit Mitte der 30er Jahre eine erfolgreiche Karriere hingelegt - mehrfach hatten sie zusammen gearbeitet - aber zum Entstehungszeitpunkt von „So ein Flegel“ besaß der Autor noch kein Mitspracherecht bei dem damaligen Drehbuch, das die Originalstory stark abwandelte. Gemeinsam mit Helmut Weiss, der hier erstmals die Regie übernahm, aber schon lange zu Rühmanns Vertrauten gehörte, wollten Beide die Buchvorlage endlich kongenial umsetzen, was ihnen in einer fast penibel zu nennenden Art und Weise gelang. Bis auf die oben genannte Änderung in der Figur des Dr.Brett sind die Dialoge teilweise wörtlich aus dem Roman übernommen.

Da 1944 nur noch unproblematische, der Ablenkung von den Kriegswirren dienende Stoffe gedreht werden durften, schien die zu Beginn des Jahrhunderts spielende Geschichte geradezu ideal geeignet, aber Heinrich Spoerls Romane waren trotz ihres hohen Unterhaltungswerts immer auch eine Spur anarchistisch und entlarvend. Schon der Genuss der Titel gebenden „Feuerzangenbowle“ erzeugt bei der Herrenrunde die wildesten Fantasien, die schließlich dazu führen, den von einem Privatlehrer unterrichteten Dr.Hans Pfeiffer als Pennäler auf ein kleinstädtisches Gymnasium zu schicken, wo er für ein paar Wochen endlich in den Genuss seliger Oberprimanerzeiten kommen soll – eine im bürokratischen Deutschland schwer vorstellbare Umsetzung.

Doch davon ließ sich Spoerl nicht abhalten, sondern entwickelte ein Panoptikum, das zur Grundlage aller Filme über die Schulzeit werden sollte. Skurrile Lehrer, aufmüpfige Klassenkameraden, verschworene Gemeinschaften, Schulstreiche und nicht zuletzt die süßen Mädchen vom Lizeum gegenüber, erzeugten eine Atmosphäre, die jeden Betrachter unmittelbar an seine eigene Schulzeit erinnert, auch wenn diese nur wenig konkrete Parallelen mit dem hier gezeigten Geschehen aufweisen – denn Spoerls Geschichten folgen ihren Träumen und versuchten gar nicht erst, realistisch zu sein. Für die späte Phase des Nationalsozialismus war dieser idealisierte Gegenentwurf zum autoritären Schulbetrieb zu individuell, zu gleichberechtigt im Umgang zwischen Schülern und Lehrpersonal, weshalb „Die Feuerzangenbowle“ noch heute, sieht man von dem genannten Dialog einmal ab, uneingeschränkt empfohlen werden kann. Allein die Szene, in der Marion (Hilde Sessak) ihrem in die Kleinstadt entlaufenen Dr.Hans Pfeiffer zeigt, warum er wieder mit ihr nach Berlin zurückgehen soll, entsprach keineswegs den damaligen Moral-Vorstellungen.

Trotz dieser zeitlosen Qualitäten, sollten die Umstände der Entstehung nicht vergessen werden. Während im Film eine heile Welt gezeigt wird, mit einer Hauptfigur, die sich die Freiheit erlauben kann, für ein paar Wochen eine Auszeit vom Erwachsensein zu nehmen, waren einige der jungen Darsteller schon als Soldaten gefallen, bevor „Die Feuerzangenbowle“ uraufgeführt wurde. Auch für Heinz Rühmann blieb es nicht nur sein letzter vor dem Ende des Kriegs gezeigter Film, sondern auch sein letzter großer Erfolg für mehr als 10 Jahre. Der abschließenden Szene des Films kommt eine entsprechende Bedeutung zu. Nicht nur die Geschichte von Hans Pfeiffer war erfunden, entstanden in den von der Feuerzangenbowle benebelten Gehirnen, die in alten Erinnerungen schwelgten, sondern dem gesamten Film haftet bis heute etwas Unwirkliches an. 

"Die Feuerzangenbowle" Deutschland 1944, Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Heinrich Spoerl (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Hilde Sessak, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Richter, Laufzeit : 93 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Weiss:

Dienstag, 26. März 2013

Kleider machen Leute (1940) Helmut Käutner


Inhalt: Schneidergeselle Wenzel (Heinz Rühmann) bleibt abends noch in der Werkstatt, um den Frack für den Bürgermeister fertig zu nähen. Doch nachts beginnen seine Fantasien mit ihm durchzugehen und er schneidert sich den Frack selbst auf den Leib. Als am Morgen sein Chef den Bürgermeister empfängt, um ihm das gute Stück anzuziehen, kann Wenzel die Katastrophe nicht mehr verhindern und wird achtkantig rausgeschmissen – ohne Geld, nur mit dem Frack und wenigen Habseligkeiten bei sich.

Schwermütig sieht er in dem kalten Winter seinem Tod entgegen. Ein Puppenspieler (Erich Ponto), der den armen Wenzel versucht hatte zu trösten, sieht eine Kutsche halten und überzeugt den Kutscher davon, dass es sich bei dem Schneidergesellen um eine hochstehende Persönlichkeit handelt. Dieser glaubt darauf, in ihm den russischen Grafen zu erkennen, den er abholen sollte, aber nicht angetroffen hatte. Wenzel will zuerst nicht einsteigen, bis ihn Nettchen (Hertha Feiler), deren Kutsche verunglückt war, bittet, sie in die Nachbarstadt mitzunehmen. Er willigt ein und erzeugt mit seiner Ankunft große Aufregung unter den Bürgern und Honoratioren…


Der ersten Zusammenarbeit von UFA-Star Heinz Rühmann und Regisseur Helmut Käutner sollte erst viele Jahre später mit "Der Hauptmann von Köpenick" (1956) eine weitere folgen, zudem unter umgekehrten Vorzeichen. Heinz Rühmann erfreute sich 1940 seit Jahren großer Popularität und drehte mehrere Filme jährlich, während Käutners erster im Jahr zuvor gedrehter Film "Kitty und die Weltkonferenz" von der Zensurbehörde verboten worden war. Dagegen hatte Käutner 1956 viel Renomée erworben und war zu einem Stil prägenden Regisseur aufgestiegen, während hinter Heinz Rühmann schwierige Jahre nach dem Ende des 2.Weltkriegs lagen, die nicht zuletzt mit seiner zwiespältigen Beziehung zu den nationalsozialistischen Machthabern zusammen hing.

Für Käutners zweiten Film bedeutete die Besetzung Rühmanns und dessen Ehefrau Hertha Feiler in der weiblichen Hauptrolle die Chance, dass dieser von der Zensur verschont bleiben würde, da sie großen Einfluss im Propaganda-Ministerium besaßen. Zudem hatte er als Vorlage für sein Drehbuch mit "Kleider machen Leute" eine Novelle aus dem zweiten Teil des Novellenzyklus "Die Leute von Seldwyla"  von Gottfried Keller gewählt, die dieser zwischen 1860 und 1875 geschrieben hatte. Der Schweizer Schriftsteller Keller gilt heute als Meister des "bürgerlichen Realismus" des 19.Jahrhunderts, der die sozialen Verhältnisse seiner Zeit genau beschrieb und auch kritisch betrachtete, aber die Verlegung der Handlung in die Schweiz des vorigen Jahrhunderts machte aus diesem Stoff ein Lustspiel mit gemäßigt ironischen Anspielungen, das von der nationalsozialistischen Zensur als reiner Unterhaltungsfilm eingestuft wurde.

Tatsächlich wäre es zu viel der Interpretation, erkenne man in der Geschichte um den unfreiwilligen Hochstapler eine unterschwellige Kritik am Nationalsozialismus, aber dank Gottfried Kellers Grundlage kam die Rolle Rühmanns, obwohl er erneut als einfacher Mann des Volkes besetzt wurde, ohne die üblichen Klischees aus. Auch in den kurz zuvor und danach entstandenen Filmen "5 Millionen suchen einen Erben" (1938) oder "Der Gasmann" (1941) wurde er der Versuchung ausgesetzt, mehr sein zu können als es seinem einfachen Stand entsprach. Nur kurz erlag er jeweils dem Lockruf (des Geldes), um letztlich seinen ihm zustehenden Platz wieder einzunehmen - nicht ohne in "Der Gasmann" noch vor Gericht (komödiantisch) abgestraft zu werden. So eindeutig die Botschaft war - zudem ganz im Sinn der Machthaber - so beliebt machten diese Rollen Heinz Rühmann beim Großteil der Kinobesucher. "Kleider machen Leute" hat dagegen einen exakt gegensätzlichen Aufbau, schon weil die Versuchung, in die Rühmann zu Beginn gerät, auf seinem Fehlverhalten beruht.

Anstatt den Frack für den Bürgermeister korrekt fertigzustellen, erliegt der Schneidergeselle Wenzel (Heinz Rühmann) einen Moment lang seinen Träumen und kürzt das noble Kleidungsstück auf seine eigene Größe. Am nächsten Morgen wieder bei klarem Verstand, kann er nicht mehr verhindern, dass der Bürgermeister den viel zu kleinen Frack bemängelt und er von seinem Meister rausgeschmissen wird - statt einer anständigen Bezahlung mit dem Kleidungsstück als Abfindung. Dieses wird zu seiner Eintrittskarte in die bessere Gesellschaft, obwohl Wenzel sich mit Worten und Taten dagegen wehrt. Selbst Fluchtversuche werden unterbunden.

Kellers Novelle führt in eine Zeit zurück, in der jedes Detail der Bekleidung etwas über die gesellschaftliche Position seines Trägers verriet. Ein Verstoß gegen diese Regeln galt als unmöglich, weshalb Wenzels Frack für seine Umgebung mehr Bedeutung hatte, als sein Verhalten oder seine Sprache. Im Gegenteil wird jedes widersprüchliche Benehmen so interpretiert, dass es wieder in die vorgefasste Meinung, Wenzel sei in Wirklichkeit ein incognito reisender russischer Graf, passt. Wirklich geändert hat sich an dieser äußerlichen Beurteilung von Mitbürgern bis heute nichts, auch wenn sich die Insignien des Erfolges inzwischen geändert haben. Dass Wenzel diese Posse irgendwann mitmacht, liegt an Nettchen (Hertha Feiler), der Tochter des wohlhabenden Tuchmachers, in die er sich spontan verliebt. Zudem unterstützt der richtige russische Graf seine Position, da ihm das die Freiheit lässt, weiter unerkannt zu agieren.

Der Unterschied zu den typischen Rühmann-Komödien liegt nicht nur darin, dass er sich zuerst gegen die Versuchung wehrt, um ihr dann doch zu erliegen, sondern das sein Objekt der Liebe aus einer gesellschaftlich höheren Schicht stammt, anstatt das es sich wie üblich um das "liebe Frauchen" von nebenan handelt. Ein Happy-End war entsprechend nur möglich, wenn Wenzel seinen bisherigen Stand verlassen würde, worin Gottfried Kellers Intention lag. Dieser hatte es nicht auf den kleinen Schneidergesellen abgesehen, sondern auf die hohen Herren, deren Irrtum Konsequenzen haben sollte. Heinz Rühmann alias Wenzel versucht zwar noch, sich der Schande durch Flucht zu entziehen, aber Nettchen will nicht nur seine Frau werden, sondern ihre gesellschaftliche Position selbstbewusst verteidigen.

"Kleider machen Leute" hat teilweise einen märchenhaften Gestus, auch bedingt durch Käutners poetische, an Gemälde erinnernde Schwarz-Weiß-Bilder, die besonders in den Traumsequenzen und den Fastnacht-Szenen einen wunderschönen, unwirklich scheinenden Charakter annehmen. Damit wies er schon früh auf seinen am französischen "poetischen Realismus" orientierten Stil hin, den er in "Unter den Brücken" (1945) zu absoluter Reife brachte. Aber auch wenn der Inhalt des Films wenig realistisch erscheint, erzählt er doch ganz sanft von der Auflehnung gegen eine bestehende Ordnung.

"Kleider machen Leute" Deutschland 1940, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Gottfried Keller (Novelle), Darsteller : Heinz Rühmann, Hertha Feiler, Erich Odemar, Hilde Sessak, Erich Ponto, Laufzeit : 99 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner: