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Freitag, 15. Januar 2016

Immer wenn der Tag beginnt (1957) Wolfgang Liebeneiner

Inhalt: Nachdem der Stadtschulrat sie kaum zu Wort kommen ließ, sondern ihr vermittelt hatte, dass er ihr nach zweimaligem Verstoß gegen die Vorschriften nur auf Grund des Lehrermangels eine weitere Chance gibt, führt Frau Dr. Burkhardts (Ruth Leuwerik) Weg direkt zum Schiller-Gymnasium, wo Direktor Cornelius (Hans Söhnker) über sie befinden soll. Dieser erweist sich als so autoritär, wie humorvoll, und nimmt sie gerne als einzige Frau ins Kollegium auf. Einzig hat er Bedenken, die Mathematik- und Physik-Lehrerin ausgerechnet bei der Oberprima einsetzen zu müssen.

Eine unbegründete Sorge, denn die junge Frau weiß sich durchzusetzen, stellt aber im Gegenteil schnell fest, dass die Klasse in Richtung Abitur-Prüfung hinter dem Lehrplan liegt. Zudem trifft sie in der nahe gelegenen Pension von Frl. Richter (Agnes Windeck) zu ihrer Überraschung auf einen der Schüler - Martin Wieland (Christian Wolff), dessen getrennt lebende Eltern sich nur finanziell um ihren Sohn kümmern. Aus Frau Dr. Burghardts Sicht ein unhaltbarer Zustand, der ihre Aufgabe zusätzlich erschwert.


Ruth Leuwerik 1924 - 2016
In Erinnerung an Ruth Leuwerik, mit 91 Jahren gestorben am 12.01.2016

Schon in den 70er Jahren, als meine Kino-Sozialisation begann, gehörte Ruth Leuwerik zu den vergangenen Stars. Seit 1963 war sie kaum noch im Kino zu sehen, auch ihre TV-Präsenz blieb auf wenige Rollen beschränkt. Wiederholt wurden vor allem ihre Adels-Rollen in "Königliche Hoheit" (1953) und "Königin Louise" (1957), jeweils an der Seite von Dieter Borsche, mit dem sie damals ein "Traumpaar " bildete. Dass zwischen beiden Filmen vier Jahre lagen - im damaligen Filmgewerbe eine Ewigkeit - und diese Rollen eher untypisch für beide Darsteller waren, wurde ignoriert. Dieser Eindruck blieb auch an mir haften und den jetzigen Nachrufen zu ihrem Tod ist dieser Einfluss noch immer anzumerken.

Inzwischen wird die Modernität ihrer Frauenrollen und ihr selbstbestimmtes Auftreten zwar wieder betont, aber die dazu gehörigen Filme sind größtenteils in Vergessenheit geraten - auch weil sich die damalige Tragweite nicht mehr ermessen lässt. Themen, wie die Pädagogik-Diskussion in "Immer wenn der Tag beginnt" wirken inzwischen veraltet, auch lassen sich manche Konzessionen ans Publikum hinsichtlich der emanzipatorischen Ausrichtung nicht übersehen. Filme wie Käutners "Die Rote" (1962), die darauf verzichteten, sind bis heute aus der Öffentlichkeit verschwunden. Tatsächlich ist Ruth Leuweriks Schönheit und ihr Spiel auch gemessen an heutigen Klischees von Unabhängigkeit und Eigenständigkeit geprägt. Es gilt mehr denn je, sie wieder zu entdecken.



Die knapp 30 Filme, die Ruth Leuwerik während ihrer Kino-Karriere zwischen 1952 und 1963 drehte, besitzen eine bemerkenswerte Signifikanz - ihre Beschränkung auf eine überschaubare Anzahl an Regisseuren, mit denen sie wiederholt zusammenarbeitete,  nahm einen fast symmetrischen Verlauf. Ihr Karrierebeginn stand unter dem Einfluss von Helmut Käutner und dessen künstlerischem Umfeld. Nach Harald Braun ("Vater braucht eine Frau" (1952) und "Königliche Hoheit" (1953)), häufiger Produzent von Käutners Filmen, und dessen früheren Regie-Assistenten Rudolf Jugert („Ein Herz spielt falsch“, 1953), besetzte Käutner selbst Ruth Leuwerik in der Hauptrolle zwei seiner Filme („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und "Ludwig II: Glanz und Elend eines Königs" (1955)). Auch gemeinsam mit Rolf Thiele entstand ein früher Film ("Geliebtes Leben" (1952)).

Sieht man von dem früh verstorbenen Harald Braun ab, ließ sie ihre Filmkarriere mit denselben Regisseuren Anfang der 60er Jahre wieder ausklingen. Thiele drehte mit ihr "Auf Engel schießt man nicht" (1960), Jugert "Die Stunde, in der du glücklich bist" (1961) und unter Käutner spielte sie noch dreimal, darunter in „Die Rote“ (1962) und "Das Haus in Montevideo" (1963). Einzig Alfred Vohrer konnte sie noch für zwei spätere Kinofilme gewinnen („Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1971)). In den fünf Jahren zwischen diesen beiden Phasen - im Zenit ihrer Popularität - arbeitete sie fast ausschließlich an der Seite von Wolfgang Liebeneiner. Nach dem großen Erfolg von "Die Trapp-Familie" (1956) und "Königin Louise" (1957) entstanden bis 1960 ("Eine Frau fürs ganze Leben") sieben gemeinsame Filme.

"Immer wenn der Tag beginnt" markiert als vierter Film dieser Reihe zwar die Mitte ihres Schaffens, blieb aber im Schatten ihrer großen Filmerfolge, obwohl George Hurdalek erneut das Drehbuch verfasste. Diesmal orientierte er sich weder an einer Biografie ("Die Trapp-Familie"), noch wählte er einen historischen Stoff wie in "Königin Louise", sondern entwarf ein Gegenwarts-Szenario. Hurdalek - 1942 am Propaganda-Film "Fronttheater" beteiligt - , der als Co-Autor vieler Käutner- und Jugert-Filme zum Bindeglied zwischen Früh- und Hochphase in Ruth Leuweriks Karriere wurde, betrat damit keineswegs Neuland. Im Jahr zuvor hatte er für das Drogen-Drama "Ohne dich wird es Nacht" (1956) das Drehbuch geschrieben, wenige Jahre später folgte die gesellschaftskritische Satire „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959).

„Immer wenn der Tag beginnt“ nahm sich scheinbar die seit 1956 populären „Halbstarken“-Filme zum Vorbild, die mit ihrem moralischen Gestus auf die sich verändernden soziokulturellen Veränderungen in der Bundesrepublik reagierten. Der damals 19jährige Christian Wolff spielte 1957 nach „Anders als du und ich“ und „Die Frühreifen“ schon seine dritte Rolle als schwer erziehbarer Jugendlicher, dessen Zukunft wegen des behaupteten moralischen Niedergangs gefährdet ist. Diesmal gab er den Oberprimaner Martin Wieland, ein verwöhntes Scheidungskind, das alleine in einer nahegelegenen Pension wohnt und seine um die Welt jettenden Eltern nur selten zu sehen bekommt. Die „Schule am Harthof“ in München, deren moderne, transparente Architektur von der jungen Demokratie, wie vom allgemeinen Unternehmergeist zeugte, bildete den stimmigen Hintergrund für das mit souveräner Autorität von Oberstudiendirektor Wolfgang Cornelius (Hans Söhnker) geleitete Jungen-Gymnasium.

„Wir haben die jungen Menschen geistig fit zu machen – für die Wissenschaft, für ihren Beruf“

lautet sein Credo gegenüber der neuen Lehrerin Frau Dr.Burkhardt (Ruth Leuwerik), die schon zweimal versetzt werden musste, weil sie gegen Auflagen verstoßen hatte. Im Gegensatz zu ihren Vorgesetzten ist sie der Meinung, dass der familiäre Hintergrund und damit die psychische Situation eines Schülers bei der Beurteilung eines Vergehens mit berücksichtigt werden sollte. Sie hatte einem Mädchen, das gestohlen hatte, nicht nur Geld geliehen, sondern sie auch vor der Polizei geschützt, weil sie von ihren berufstätigen Eltern vernachlässigt wurde. Cornelius argumentiert gegen diese Sichtweise mit der schieren Anzahl an Schülern – bei 1600 Gymnasiasten sei es unmöglich, die individuelle Situation des Einzelnen zu berücksichtigen. Einzig Disziplin sei gefragt.

Schon die Eingangssequenz, in der die Konfliktlinie zwischen der damaligen Auffassung von konservativer und moderner Lehrmethodik gezogen wurde, lässt deutlich werden, dass Hurdalek und Liebeneiner die Thematik nur sanft ausloteten. Der Direktor wirkt trotz seiner autoritären Haltung diskussionsbereit und die Mathematik- und Physik-Lehrerin legt höchsten Wert auf gutes Benehmen. Einzig das Fehlverhalten von Eltern wird von ihr als Ursache für die Probleme einzelner Schüler betrachtet – eine Mitte der 50er Jahre aufkommende Meinung, als erste Tendenzen sich verändernder Familienstrukturen, besonders hinsichtlich der Mutter-Rolle, spürbar wurden. Für die peinlichste Situation des Films sorgt entsprechend Martin Wielands Mutter (Christl Mardayn), die bei einem überraschenden Besuch ohne jegliches Feingefühl in eine Jugend-Party platzt und ihren Sohn blamiert. Kein Wunder, dass er sich in seine Lehrerin verliebt.

Abgesehen von dieser Szene, bleibt das auffälligste Merkmal des Films seine Unauffälligkeit. Weder die Unterrichtsstunden mit der Oberprima – seit der „Feuerzangenbowle“ (1944) klassischer Komödien-Stoff – noch deren Jazz-Begeisterung wurden für zugespitzte Situationen genutzt. Konflikte zwischen den Schülern gibt es nicht. Auf Sex oder Kriminalität, wie in den „Halbstarken-Filmen“ üblich, wurde gänzlich verzichtet. Selbst der Tod eines Schülers und das vom Hausmeister (Joseph Offenbach) entdeckte Tagebuch, in dem Martin über seine Liebe zu seiner Lehrerin fantasiert, können kaum Dramatik erzeugen. Innerhalb dieses unaufgeregten Szenarios wird schon die Entscheidung, bei einer Beerdigung Jazz zu spielen, zum Wagnis. Dass ganz am Ende noch Cornelius seine Studienrätin heiratet, kann nur als Konzession ans Publikum verstanden werden. Angeblich hatten sie sich gleich zu Beginn ineinander verliebt – zu spüren war es nicht.

Es ist diese untertemperierte Emotionalität, mit der „Immer wenn der Tag beginnt“ besticht, der keinen Moment die im Zentrum stehende souveräne Frauenrolle durch Gefühlswallungen diskreditierte. Sicherlich war das meist respektvolle Auftreten sowohl des Lehrer-Kollegiums, als auch der Primaner geschönt, so wie eine Frau innerhalb des männlich geprägten Umfelds im Film als Ausnahme verstanden werden wollte, aber das lässt nicht übersehen, wie sehr Ruth Leuwerik gegen damalige Klischees anspielte. Sie verband Schönheit, Intelligenz, Humor und Selbstbewusstsein zu einer starken Persönlichkeit, hinter der der sonstige Film nur eine Nebenrolle einnahm.

"Immer wenn der Tag beginnt" Deutschland 1957, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: George Hurdalek, Wolfgang Liebeneiner, Utz Utermann, Darsteller : Ruth Leuwerik, Hans Söhnker, Christian Wolff, Agnes Windeck, Friedrich Domin, Joseph Offenbach, Rex Gildo, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Mittwoch, 28. Mai 2014

Und Jimmy ging zum Regenbogen (1971) Alfred Vohrer

Inhalt: Manuel Aranda (Alain Noury) landet in Wien, um die Leiche seines ermordeten Vaters zu überführen, ahnt aber nicht, dass er seit seiner Ankunft beobachtet wird. Ein Profi-Killer wurde auf ihn angesetzt, der verhindern soll, dass Aranda zu viel über die Hintergründe des Todes seines Vaters erfährt. Der junge Mann hat viele Fragen, denn er begreift nicht, warum dieser von einer alten Frau getötet wurde, die danach mit einer Zyankali-Kapsel Selbstmord beging.

Für die Polizei scheint die Angelegenheit geklärt, weshalb er auf eigene Faust auf Spurensuche geht. Als er am Grab der Mörderin Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) erstmals deren Nichte Irene Waldegg (Doris Kunstmann) begegnet, ist schon das Gewehr des Killers auf ihn gerichtet, aber bevor dieser abdrücken kann, wird er selbst durch einen gezielten Schuss getötet – ein Vorgang, von dem Manuel Aranda nichts erfährt. Offensichtlich gibt es Interessenten, die nichts gegen seine Nachforschungen haben, sondern sich Vorteile davon versprechen…


Die Simmel-Offensive der frühen 70er Jahre

Zwar gelang dem österreichischen Journalisten und Schriftsteller Johannes Mario Simmel mit seinem Roman "Es muss nicht immer Kaviar sein" schon 1960 ein großer Erfolg, der es auch zu einer zeitnahen Verfilmung mit O.W. Fischer in der Hauptrolle brachte, aber erst Regisseur Alfred Vohrer begann 1971, nach seinem Abschied von dem Edgar-Wallace-Franchise mit "Der Mann mit dem Glasauge" (1969), mit sieben innerhalb von drei Jahren gedrehten Simmel-Filmen dessen schriftstellerisches Werk umfassend für das Kino zu adaptieren. Gemeinsam mit dem Autor Manfred Purzer, dessen moderner, von den späten 60er Jahren beeinflusster Stil  - sein erstes Drehbuch schrieb er zu "Komm nur, mein liebstes Vögelein" (1968), Regie Rolf Thiele - auch die aus den 50er und 60er Jahren stammenden Romane entsprechend des Publikumsgeschmacks Anfang der 70er Jahre modernisierte.

Nachdem sie zuvor bei "Inspektor Perrack greift ein" (1970) schon einmal erfolgreich zusammengearbeitet hatten, starteten sie die Simmel-Reihe mit dessen aktuellen Beststeller "Und Jimmy ging zum Regenbogen". Der eintretende Erfolg an den Kinokassen zog in schneller Abfolge weitere Verfilmungen nach sich, deren Chronologie zufällig wirkt. "Liebe ist nur ein Wort" (1971) basierte auf einem 1963 erschienenen Roman, "Der Stoff, aus dem die Träume sind" (1972) griff dagegen wieder Simmels neueste Veröffentlichung auf, bevor mit "Und der Regen verwischt jede Spur" (1972) ein Film im "Simmel-Stil" nachgeschoben wurde - eine Methodik, die an die späten Edgar-Wallace-Verfilmungen erinnerte, deren Drehbücher nicht mehr nach den Original-Romanen, sondern im „Wallace-Style“ verfasst wurden. Das Drehbuch dazu erdachte Purzer gemeinsam mit dem französischen Autor Michel Gast („Die Klosterschülerinnen“ (1972)) nach einer Kurzgeschichte von Alexander Puschkin.

Bei den 1973 folgenden Verfilmungen "Alle Menschen werden Brüder" und "Gott schützt die Liebenden“ kamen erneut ältere Romane von 1967 und 1957 zu Ehren, bevor Vohrer nach dem brandneuen Bestseller "Die Antwort kennt nur der Wind" 1974 seinen letzten Beitrag ablieferte. Manfred Purzer schrieb noch das Drehbuch zu dem 1962 erschienenen Roman „Bis zur bitteren Neige“, den der Fernsehregisseur Gert Oswald herausbrachte. Mit dem neunten Film der Simmel-Reihe „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ (1976) auf Basis des letzten noch nicht verfilmten Simmel-Romans der 60er Jahre setzte Roland Klick, Regisseur und Autor in Personalunion, den vorläufigen Schlusspunkt.

Dass die seit mehr als 10 Jahren populären Romane Johannes Mario Simmels erst Anfang der 70er Jahre im großen Stil verfilmt wurden, war kein Zufall. Bei dem frühen „Es muss nicht immer Kaviar sein“ handelte es sich um eine gemäßigte Satire auf internationale Gepflogenheiten im Agenten-Milieu, deren Anspielungen nicht wehtaten, aber Simmels bevorzugte, seine eigene jüdische Vergangenheit reflektierende Beschäftigung mit den Verbrechen der Nazi-Zeit und deren mangelhafte Aufarbeitung in der Bundesrepublik nach dem Krieg, benötigte die gesellschaftspolitischen Veränderungen Ende der 60er Jahre, um auch im Kino große Publikumsschichten zu erreichen. Simmel bettete seine dramatischen Hintergründe in einen unterhaltenden Kontext, der ihm zu seinem eigenen Leidwesen über Jahrzehnte den Vorwurf der Trivialität einbrachte, der sich für Vohrer aber als ideal erwies. Erst die dezenten kritischen Aspekte verliehen den meist mit einer Liebesgeschichte verbundenen, publikumswirksam inszenierten Thrillern die notwendige Modernität, um sie aus der Masse herauszuheben, erwiesen sich für die Reputation der Simmel-Romane beim Feuilleton aber als wenig förderlich.


Und Jimmy ging zum Regenbogen

"Und Jimmy ging zum Regenbogen" kann in dieser Hinsicht als prototypisch gelten, denn obwohl sich Vohrers erster Simmel-Film mit der bis heute aktuellen Thematik von Naziverbrechern auseinandersetzte, die nach dem Krieg ein bürgerliches Dasein führen konnten - auch dank der Interessen staatlicher Behörden - blieb er als reiner Unterhaltungsfilm in einer zunehmend verblassenden Erinnerung. Der junge französische Darsteller Alain Noury, der noch in "Und der Regen verwischt jede Spur" von Vohrer in der Hauptrolle besetzt wurde, und die ebenfalls in zwei Simmel-Filmen auftretende Doris Kunstmann verkörperten ein im Stil der frühen 70er Jahre attraktives Paar, deren Annäherung Vohrer mit einer weichgezeichneten Linse und romantischer Musik ins Bild rückte, die die innere Tragik ihrer Begegnung noch betonen sollte. In der Kombination mit den knallharten Interessen der widerstreitenden englischen, französischen und US-amerikanischen Geheimdienste - wie in fast allen Vohrer-Simmel-Verfilmungen mit Herbert Fleischmann als charismatischem Mittelpunkt - entwickelte sich daraus ein Verwirrspiel, das die jeweiligen Motive und inneren Zusammenhänge lange im Ungewissen belässt.

Manuel Aranda (Alain Noury) war nach Wien gekommen, um die Leiche seine Vaters zu überführen, aber die seltsamen Umstände seines Todes - eine alte Bibliothekarin hatte ihn ermordet, um danach mit einer Zyankali-Kapsel Selbstmord zu begehen - lassen ihm keine Ruhe, weshalb er sich gegen den Willen der Behörden um die Aufklärung der näheren Hintergründe bemüht. Schon am Grab der Mörderin Valerie Steinfeld, an dem er deren Nichte Irene Waldegg (Doris Kunstmann) erstmals begegnet, in die er sich sofort verliebt, entgeht er nur knapp und ohne sein Wissen einem Mordanschlag, dessen Hintergründe sich dem Betrachter zu diesem Zeitpunkt nicht erschließen. Denn Aranda hatte mit der gefährlich werdenden Suche nach der Vergangenheit seines Vaters noch nicht begonnen.

In Rückblenden aus der Zeit des Nationalsozialismus beginnt der Film eine parallele Handlung mit Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) im Zentrum, deren jüdischer Ehemann geflohen ist und deren gemeinsamer Sohn Heinz (Franz Elkins) als Halbjude zunehmend in die Mühlen der Rassenpolitik gerät. Gemeinsam mit dem engagierten Anwalt Dr. Forster (Horst Tappert) versucht Valerie zu beweisen, dass sie ihren Mann betrogen hätte, und ihr Sohn nicht von diesem abstammt. Diese Szenen beeindrucken in der Konfrontation mit einer Gerichtsbarkeit, die über die Wahrheit dieser Schutzbehauptung urteilen soll, und demaskieren die Verlogenheit der rassistischen Argumentation. Besonders das der Halbjude Heinz trotz seiner Benachteiligung ein glühender Nazi ist, der seinen Vater hasst und seinen "Freispruch" sofort zum Eintritt in die Waffen-SS nutzt, bleibt als Symbol für die ideologische Verblendung in Erinnerung.

Diese Szenen verfehlen ihre kritische Wirkung nicht, aber sie gehen in einer mehr als 2stündigen Laufzeit unter, die sich nicht auf die tragischen Konsequenzen der mangelnden Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen beschränkte. Als hätte die Begegnung des Sohnes des Ermordeten mit der Nichte der Mörderin nicht genügt, um an Hand einer langsamen Aufklärung der Hintergründe für Spannung zu sorgen, kombinierte Simmel den Plot noch mit Geheimdienstinteressen, chemischen Waffen, Experimenten an Menschen und einer Vielzahl an Nebenschicksalen, die allein einen ganzen Film wert gewesen wären. Judy Winter als Prostituierte und Doppelagentin, sowie Horst Frank als SS-Mann, der sie trotz des Wissens über ihre Rolle verehrt, hätten eine tiefer gehende Betrachtung verdient gehabt, aber angesichts der Fülle an Themen und Schicksalen gelang es dem Film nicht, mehr als ein wenig an der Oberfläche zu kratzen.

Um "Und Johnny ging zum Regenbogen" - ein Zitat, dass zur Entschlüsselung eines Geheim-Codes führt – eine weiter gehende gesellschaftskritische Dimension zuzubilligen, bleibt der Film zu plakativ und klischeehaft. Besonders die Initialzündung der Story - der Grund für den Mord an dem alten Mann - wird zu sehr an den äußeren Umständen festgemacht, so perfide und menschenverachtend diese auch waren. Eine charakterliche Entwicklung der Betroffenen innerhalb von drei Jahrzehnten wurde dagegen nicht in Betracht gezogen. So offensichtlich diese Schwächen sind, sollten sie nicht übersehen lassen, dass nur auf diese Weise der Zugang zu großen Publikumskreisen gelang. Sowohl Simmels Roman, als auch Vohrers filmische Umsetzung spiegeln den Zeitgeist der frühen 70er Jahre nahezu ideal wider, als die noch sehr konservativ geprägte Gesellschaft erst langsam begann, sich der Auseinandersetzung mit ihrer unmittelbaren Vergangenheit zu nähern.

"Und Jimmy ging zum Regenbogen" Deutschland, Österreich 1971, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Manfred Purzer, Johannes Mario Simmel (Roman), Darsteller : Alain Noury, Doris Kunstmann, Horst Frank, Horst Tappert, Judy Winter, Ruth Leuwerik, Herbert Fleischmann, Heinz Baumann, Klaus SchwarzkopfLaufzeit : 133 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer: 

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

Freitag, 2. Mai 2014

Ein Herz spielt falsch (1953) Rudolf Jugert

Zum 90.Geburtstag von Ruth Leuwerik am 23.04.2014:

Inhalt: Peter van Booven (O.W. Fischer), ständig pleite und von seinen Gläubigern verfolgt, will die junge Gerda (Gertrud Kückelmann) dazu überreden, ihr gemeinsames Kind abtreiben zu lassen. Mehr als ein kurzes Abenteuer wäre das zwischen ihnen nicht gewesen und sie würden auch nicht zusammenpassen. Ohne ihr Unglück weiter zu beachten, begibt er sich zu dem Chefarzt Professor Linz (Carl Wery), der mit seinem Vater befreundet war, um ihn um einen Eingriff bei Gerda zu bitten. Zuerst ihm wohlwollend begegnend, verweigert der Arzt empört Van Boovens Ansinnen und wirft ihn aus seiner Praxis.

Als er aus dem Krankenhaus tritt, begegnet er Sybilla Zander (Ruth Leuwerik), einer ehemaligen Klassenkameradin, die sich wegen ihrer Schmerzen am Hinterkopf bei dem mit ihr befreundeten Professor untersuchen lassen will. Er erkennt die unscheinbare, allein stehende junge Frau aus reichem Hause sofort wieder, die sich nicht verändert hat – schon während der Schulzeit hatte er sie „Alte Schachtel“ genannt. Wenig später kehrt er nochmals ins Krankenhaus zurück, da er seinen Hut vergaß, und wird zufällig Zeuge eines Gesprächs unter Ärzten, in dem Professor Linz seine tödliche Diagnose äußert. Sybilla hat seiner Meinung nach nur noch sechs Monate zu leben. Wieder in seiner kleinen Wohnung, erfährt er von seiner Vermieterin (Lina Carstens), dass ein ungehobelter Kerl nach ihm gefragt hätte, der bald wieder kommen will. Peter van Booven fasst einen perfiden Plan…


Ein Abenteurer, dem die Gläubiger im Nacken sitzen und dessen einzige Reaktion darauf, dass seine Geliebte schwanger ist, darin liegt, sich bei einem Arzt um eine Abtreibung zu bemühen, hört in dessen Praxis zufällig mit, dass eine frühere Klassenkameradin an einem unheilbaren Tumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Zwar machte er sich schon damals über das altmodische, unscheinbare Aussehen der Industriellentochter lustig, aber angesichts des verlockenden Erbes, dass auf einen Schlag seine Probleme lösen könnte, setzt er seinen gesamten Charme ein, um ihre frühere Bekanntschaft wieder aufzufrischen. Mit Erfolg, denn die nach einer Operation noch geschwächte junge Frau, die nichts von ihrem tatsächlichen Zustand weiß - der mit ihr befreundete Arzt wagt es nicht, sie über ihren baldigen Tod aufzuklären - freut sich über dessen Aufmerksamkeiten und verliebt sich in den attraktiven Mann.

Angesichts dieser Schmonzette überrascht es nicht, dass der Text als Fortsetzungsroman Anfang der 50er Jahre in der "Hör Zu" veröffentlicht wurde, geschrieben von deren langjährigen Chefredakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster. Entsprechend geringschätzig fielen die Kommentare der zeitgenössischen Kritiker ("oberflächlich konstruiert", "konventionell und falsch im Stoff") für einen Filmplott aus, der auch in heutigen Komödien vorstellbar wäre. Erst die Zusammenführung zweier gegensätzlicher kaum vorstellbarer Menschen unter emotional zugespitzten Bedingungen, die folgerichtig zu geschlechtsimmanenten Charakter Veränderungen führen - aus dem hässlichen Entchen wird ein schöner Schwan und aus dem egoistischen Schwerenöter ein verantwortungsvoller Ehemann. Äußerlich beschreitet "Ein Herz spielt falsch" genau diesen Weg, aber es wird deutlich, wie zeitlos, konkret und stimmig Regisseur Rudolf Jugert und seine Drehbuchautorin Erna Fentsch, Ehefrau von Carl Wery und mehrfache Mitstreiterin Jugerts („Ich heiße Niki“, 1952), die Romanvorlage umsetzten.

Dank seines Charmes vermied O.W. Fischer eine gänzlich unsympathische Gestaltung des berechnend vorgehenden männlichen Protagonisten Peter van Booven, aber an Konsequenz ließ er es nicht missen. Die von ihm schwangere Gerda (Gertrud Kückelmann) weist er zurück, bis sie sich das Leben nehmen will. Mit der Erinnerung an seinen verstorbenen Vater versucht er dessen Freund Professor Linz (Carl Wery) zu einer Abtreibung zu überreden und für den Blumenstrauß, mit dem er bei seiner früheren Klassenkameradin Sybilla Zander (Ruth Leuwerik) am Krankenbett Eindruck schinden will, verkauft er ein Andenken an den gefallen Sohn seiner Vermieterin (Lina Carstens). Selbst heute ließe sich kaum ein männlicher Filmstar auf das Risiko ein, eine ähnlich negativ besetzte Hauptfigur zu spielen, die Anfang der 50er Jahre zudem gegen die sehr viel konservativeren moralischen Standards verstieß. So überzeichnet diese Figur angelegt wurde, so authentisch vermittelt sie die häufig gebrochenen Lebensläufe in der Nachkriegszeit. O.W. Fischer spielte van Booven als Getriebenen, der nach dem Krieg die Kontrolle über sein Leben verloren hat und dem jedes Mittel recht ist, um seiner Notlage zu entkommen. Trotz dessen Charakterlosigkeit fiel es damals nicht schwer, sich mit dessen Situation zu identifizieren.

Ruth Leuwerik verkörperte das Gegenteil – eine altmodisch wirkende junge Frau, die von geradezu atemberaubender Verlässlichkeit und innerer Ruhe ist. Schon während ihrer gemeinsamen Schulzeit nannte sie Van Booven eine „Alte Schachtel“, aber diese Bezeichnung erweist sich hier als Prädikat. Denn im Gegensatz zu den üblichen Geschichten vom „Hässlichen Entchen“ ändert sie sich nicht, sondern gewinnt in den Augen des Betrachters gerade dadurch, dass sie sich selbst treu bleibt. Ruth Leuwerik, die zuvor schon zwei Filme an der Seite Dieter Borsches gedreht hatte und mit „Königliche Hoheit“ (1953, Regie Harald Braun) noch im selben Jahr eine weitere Zusammenarbeit folgen ließ, wurde durch „Ein Herz spielt falsch“ endgültig zum großen Filmstar. Zwei weitere gemeinsame Filme mit O.W. Fischer unter der Regie Helmut Käutners („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und „Ludwig II.: Glanz und Elend eines Königs“ (1955)) gaben Ruth Leuwerik erneut die Gelegenheit, einen selbstbewussten und eigenständigen Frauen - Typus zu spielen, der auch viel über ihre enge Zusammenarbeit mit Braun, Käutner und Jugert aussagt, die die frühen Jahre ihrer Karriere prägten und mit denen sie auch später wiederholt zusammen arbeitete.

Harald Braun, der einen Großteil der Käutner-Filme der 50er Jahre produzierte (bis er früh 1960 starb), besetzte sie erstmals in einer Hauptrolle in „Vater braucht eine Frau“ (1951) und Rudolf Jugert, seit Käutners erstem Film „Kitty und die Weltkonferenz“ (1939) als Regie-Assistent an dessen Seite tätig - bis er 1948 in „Film ohne Titel“ selbst erstmals die Regie übernahm – profitierte in „Ein Herz spielt falsch“ ungemein von Leuweriks exaktem und unaufgeregtem Spiel. Ihre Präsenz, die auch in den letzten Minuten des Films, als ihr Tod unmittelbar bevorsteht, jedes Abgleiten in Kitsch verhindert und O.W. Fischers schnelle Wandlung vom Saulus zum Paulus in den Hintergrund drängt, verlieh dem Film die notwendige Seriosität, um hinter dem klischeehaften Treiben den Angriff auf die damaligen Moralvorstellungen zu erkennen. „Ein Herz spielt falsch“ klingt zwar nach schicksalsschwerem Liebesdrama, aber Jugerts ein hohes Tempo vorlegender Unterhaltungsfilm wagte die Grobheit menschlicher Abgründe um eine zentrale Frauenfigur, die sich keinen gängigen Vorurteilen anbiederte.

"Ein Herz spielt falsch" Deutschland 1953, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Erna Fentsch, Hans-Ulrich Hörster, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Carl Wery, Getrud Kückelmann, Lina Carstens, Günther Lüders, Gert Fröbe, Ernst F. Fürbringer, Rudolf VogelLaufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rudolf Jugert:

Mittwoch, 18. September 2013

Bildnis einer Unbekannten (1954) Helmut Käutner

Inhalt: Bei einer Ballett-Aufführung im Pariser Opernhaus sieht der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) das Gesicht einer jungen Frau (Ruth Leuwerik), dass ihn sofort fasziniert, weshalb er es spontan auf sein Programmheft skizziert. Da sie schon in der Pause geht, gelingt es ihm nicht, sie kennenzulernen, aber noch am selben Abend beschließt er, ihren Kopf auf den nackten Körper von Jacqueline (Ingrid van Bergen) zu malen, die ihm Modell sitzt.

Er ahnt nicht, dass es sich bei der Unbekannten um Nicole, die Ehefrau des Diplomaten Walter (Erich Schellow) handelt, weshalb sie wieder zu ihm nach Madrid fuhr, wo er in der Botschaft arbeitet. Glücklich wieder bei ihm zu sein, sieht sie sich noch am selben Abend mit einem Pflichttermin konfrontiert, den sie aber Beide übermütig abkürzen. Wenige Tage später kommen sie nicht so glimpflich davon, denn der Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) veranstaltet eine Gemälde-Versteigerung zugunsten kranker Kinder, an der Walter teilnehmen muss, obwohl er dessen Methoden nicht mag. Kurz bevor das nächste Gemälde aufgerufen wird, zeigt ihm Hernandez unter vier Augen das von Keller gemalte Nacktbild seiner Frau, um ihn zu erpressen, aber Walter gibt nicht nach und es kommt zu einem Skandal...


Helmut Käutners Film "Bildnis einer Unbekannten" beginnt mit der großen Liebe. Nach ein paar Tagen in ihrer Heimatstadt Paris kehrt Nicole (Ruth Leuwerik) wieder zurück zu ihrem Mann Walter (Erich Schellow) nach Madrid, wo dieser als Diplomat tätig ist. Zwar kommen sie um eine abendliche Einladung beim Botschafter (Albrecht Scheonhals) nicht herum, aber diese verbringen sie gemeinsam auf der Tanzfläche, um sich früh in ihre Wohnung zurückzuziehen. Den Kommentar zu dieser Konstellation gibt die Gattin des Botschafters (Irene von Meyendorff) ab, die angesichts des liebenden Paars die Haltbarkeit eines solchen Glücksgefühls ohne Neidgefühle realistisch einzuschätzen weiß.

An dieser Figur lässt sich die Haltung des Regisseurs und seines Drehbuchautors Hans Jacoby, der nach seiner Rückkehr aus der Emigration erstmals wieder in Deutschland arbeitete, genau ablesen, denn aus ihr spricht der Fatalismus einer mit den Realitäten des Lebens vertrauten Frau. Als ein Gemälde von Nicole, auf dem sie nackt die Perlenkette trägt, die sie nach der Hochzeit von ihrem Mann geschenkt bekam, bei einer Kunst-Versteigerung zugunsten kranker Kinder im Haus des windigen spanischen Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) auftaucht, ist ihr die moralische Entrüstung gleichgültig. Ob Nicole mit einem anderen Mann geschlafen hat oder nicht, spielt für sie keine Rolle - aus ihren Worten lässt sich leicht heraushören, dass sie diese Option auch für sich selbst in Betracht zieht - sie kritisiert nur, dass das Bild in die Öffentlichkeit gekommen ist. Der verwerfliche Versuch von Hernandez, Walter mit dem Bild seiner Frau zu erpressen - eine Verklausulierung der Franco-Diktatur, die auf diese Weise einen Gegner ausschalten will - spielt für sie und den Botschafter keine Rolle.  Einzig die öffentliche Meinung ist von Belang, weshalb dieser von Walter verlangt, sich scheiden zu lassen oder seine Karriere beim diplomatischen Dienst zu quittieren.

Aus der Diskrepanz zwischen Realität und den in der Gesellschaft verankerten moralischen Standards entstand in vielen Filmen Käutners erst das notwendige Spannungsverhältnis für seine Geschichten. Hier kehrt er die Thematik um. Der Bruch zwischen den Liebenden wird einzig durch die von dem Gemälde hervorgerufenen Stimmungen erzeugt, ohne dass es dafür einen gerechtfertigten Anlass gibt - der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) war von Nicoles Gesicht so fasziniert, dass er es noch in der Pariser Oper skizzierte und als Kopf für den Körper seines Nacktmodells (Ingrid van Bergen) verwendete - wird aber zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Diese Abläufe als Kritik an der internationalen Diplomatie zu begreifen - wie es in manchen zeitgenössischen Kritiken geäußert wurde -, ist oberflächlich, denn Käutner nutzte diesen Hintergrund vor allem wegen der darin verankerten Zuspitzung einer generellen gesellschaftlichen Haltung.

Zudem hat Nicoles Ehemann Walter nichts mit den typischen Männerrollen aktueller romantischer Komödien gemeinsam, die ihre künstliche Dramatik aus konstruierten Missverständnissen erzeugen. Er glaubt Nicole, dass sie ihn nicht betrogen hat, aber er gerät in die Mühlen zwischen beruflicher Karriere und romantischen Liebesfantasien. Dass er den Maler in Paris persönlich aufsuchen will, ist Zeichen seiner Unsicherheit, weshalb er seine Frau, wider seines Empfindens, sofort beim Wort nimmt, als sie plötzlich doch ihre Affäre gesteht – sie liefert ihm damit einen willkommenen Entscheidungsgrund. Aus heutiger Sicht wirkt die Rollenverteilung der beiden konkurrierenden Männer eindeutig – hier der korrekte, etwas langweilige Diplomat, dort der lässige, unterhaltsame Künstler – aber es bedurfte schon eines Mimen wie O.W. Fischer, um diese Figur sympathisch wirken zu lassen, die den Anforderungen an einen zuverlässigen Ehemann deutlich widersprach.

Bis heute werden Bohemiens dieser Art am Filmende zivilisiert – meist wird ihnen ein gesichertes Einkommen angedichtet und die bisherigen Frauengeschichten als nebensächlich relativiert - um die Entscheidung der weiblichen Hauptfigur für diesen Typus rechtfertigen zu können. Nicht bei Käutner, dem es weniger um die gefestigte Figur des Malers ging als um Nicole. Sein Film erzählt die Geschichte ihrer Emanzipation, eines wachsenden Selbstbewusstseins bis zu einer Unabhängigkeit, die sie in der Lage versetzt, nicht nur ihrer eigenen Entscheidungen zu treffen, sondern sie auch selbst umzusetzen. Ruth Leuwerik spielte noch mehrfach unter der Regie von Helmut Käutner, darunter knapp 10 Jahre später in „Die Rote“ (1962), in der sie eine Frau verkörperte, die ohne finanziell abgesicherten Hintergrund ihren Ehemann verlässt. Beide Filme lassen sich als Indiz für die Entwicklung der Emanzipation der Frau in den 50er Jahren verstehen, die Käutner Anfang der 60er Jahre deutlich pessimistischer analysierte als in „Das Bildnis einer Unbekannten“. Ruth Leuwerik, die hier selbst die von Käutner zur Musik Franz Grothes geschriebenen Liedtexte sang, glänzt in der Rolle einer liebenswerten, emotionalen jungen Frau, die ihren eigenen Weg findet – eine Möglichkeit, die ihr in „Die Rote“ nicht mehr offen stand.

Im Zusammenspiel mit O.W. Fischer entwickelte sich ein äußerst Stil sicherer und optimistisch gehaltener Unterhaltungsfilm, der in der Glaubwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen und der Modernität seiner Anlage nur noch selten erreicht wurde.

"Bildnis einer Unbekannten" Deutschland 1954, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Hans Jacoby, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Erich Schellow, Irene von Meyendorff, Ingrid van Bergen, Laufzeit : 103 Minuten

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Dienstag, 9. April 2013

Die Rote (1962) Helmut Käutner

1962 kam es zum Berührungspunkt zwischen italienischem und deutschem Film in Helmut Käutners Karriere, dessen Liebe zum italienischen Kino von Beginn seinen Stil beeinflusste. "Die Rote" wurde damals zu unrecht von Kritik und Publikum verrissen - eine Analyse, die nun zum Berührungspunkt zwischen meinen beiden Blogs "L'amore in città"  und "Grün ist die Heide" wird:


Inhalt: Während sie mit ihrem Mann Herbert Lucas (Harry Meyen) in einem Mailänder Café sitzt, entscheidet die knapp 40jährige Franziska (Ruth Leuwerik) spontan, ihn zu verlassen. Zuerst nimmt er sie nicht ernst, da sie schon häufig von Scheidung gesprochen hatte, und glaubt zudem, sie will zu Joachim (Richard Münch) nach Deutschland, seinem Chef, mit dem sie schon lange eine von ihm tolerierte Affäre hat, aber sie lässt sich nur sein Bargeld geben und geht.

Auf dem Mailänder Bahnhof kauft sie sich ein einfaches Ticket für den nächsten Zug und kommt so in das winterliche, graue Venedig. Nachdem sie sich eine billige Unterkunft besorgt hatte, versucht sie einen Job zu finden, aber Dolmetscherinnen werden im Winter nicht benötigt. Auch eine Stelle als Zimmermädchen bekommt sie nicht, nur 1000 Lire, die ihr der Portier aus Mitleid schenkt. Patrick O'Malley (Giorgio Albertazzi) beobachtet diese Szene, erkundigt sich nach ihr und spricht sie an. Trotz ihrer Skepsis folgt sie dem gebürtigen Iren auf dessen Yacht und erfährt von ihm, weshalb er in Venedig ist...


Als „Die Rote“ 1962 im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde, fiel der Film beim Publikum durch. Auch die Kritiker waren sich in ihrem vernichtenden Urteil einig, welches sich durch den Disput zwischen dem Autor Alfred Andersch und Regisseur Helmut Käutner kurz nach der Filmvorführung zu bestätigen schien. Andersch warf Käutner mangelnde Selbstkritik vor und distanzierte sich von dessen Umsetzung seiner Romanvorlage. Für Käutner, dessen zwei letzte Filme „Schwarzer Kies“ (1961) und „Der Traum von Lieschen Müller“ (1961) wenig Anklang bei Kritik und Publikum fanden, bedeutete dieser Misserfolg einen Wendepunkt, nach dem er nur noch wenige reine Unterhaltungsfilme für das Kino drehen und fast ausschließlich für das Fernsehen arbeiten sollte. Dabei war Käutners Film „Die Rote“ besonders ambitioniert, sollte die Zusammenarbeit mit Alfred Andersch - einem der führenden kritischen deutschen Autoren der Nachkriegszeit – eine schlüssige Umsetzung seines Romans garantieren.

Andersch demaskierte darin die gesellschaftlichen Prinzipien der Wirtschaftswunderjahre und stellte eine Frau in den Mittelpunkt, die ohne Alternative aus einer gesicherten Existenz ausbricht. Die Dolmetscherin Franziska (Ruth Leuwerik) war schon die Geliebte ihres Chefs Joachim (Richard Münch), bevor sie dessen Angestellten Herbert Lucas (Harry Meyen) kennenlernte und heiratete. Der Chef hatte die Hochzeit seines Mitarbeiters unterstützt, der wiederum die Affäre seiner Frau mit ihm toleriert – für Beide eine gewinnbringende Situation. Auch Franziska profitiert davon, da sie ihren beziehungsunwilligen Chef liebt, aber dank der Ehe mit Herbert legitimiert und abgesichert ist – eine von Andersch hochstilisierte Situation weiblicher Abhängigkeit unter der Prämisse wirtschaftlicher Sicherheit. Ihr Ausbruch aus dieser Konstellation – sie verlässt ihren Mann (und in Konsequenz daraus auch ihren Chef) während einer Dienstreise in Mailand, ohne Gepäck und kaum Bargeld, um den nächsten Zug zu nehmen, der sie zufällig nach Venedig bringt – widersprach nicht nur jeder Vernunft, sondern galt als unvorstellbar für eine Ehefrau, Ende 30. In Anderschs Roman ist Franziska jünger, eine Änderung, die nicht nur der Besetzung Ruth Leuweriks geschuldet war, sondern signifikant für die thematische Entschlackung des Romans ist. Wie weit diese inhaltlichen Veränderungen mit dem Einverständnis des Autors geschahen oder ob sie der Anlass für die öffentliche Auseinandersetzung wurden, bleibt offen - der filmischen Umsetzung kamen sie entgegen.

Die Konzentration galt im Film allein Franziska, während Fabio (Rossano Brazzi), der in Anderschs Roman eine gleichwertige, parallel erzählte Rolle als Musiker und ehemaliger Kommunist einnimmt (und nur wenige Worte mit Franziska wechselt), hier als desillusionierter Schriftsteller und möglicher Liebhaber glänzt. Zudem wird die Homosexualität des Iren Patrick O’Malley (Giorgio Albertazzi) nur angedeutet, verzichtet Käutner ganz auf die Schwangerschaft seiner Protagonistin (und damit deren Überlegungen abzutreiben) und belässt den Juwelier, der Franziskas Notsituation beim Ankauf ihres Eherings ausnutzt, neutral hinsichtlich seiner Religionszugehörigkeit. Im Roman wird er als Jude beschrieben, was Andersch den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte, obwohl er damit nur die Klischees der Nachkriegszeit brechen wollte, wie er in einer späteren Szene noch betont. Nachdem der ehemalige Gestapo-Mann Kramer (Gert Fröbe) zusätzlich Geld für sie herausgeholt hatte, das dem tatsächlichen Ankaufswert des Rings entsprach, gibt es Franziska dem Juwelier wieder zurück. Für Andersch ein Symbol des schlechten Gewissens der Deutschen, die zu keiner normalen Handlungsweise gegenüber den Juden in der Lage waren. Im Film behält sie das Geld, dass ihr rechtmäßig zusteht.

Käutner deshalb vorzuwerfen, er hätte sich strittigen Themen entzogen, wäre falsch, denn während es im Roman möglich ist, diese zu integrieren, ohne den Rhythmus der Erzählung zu unterbrechen, wäre sein Film davon überladen worden. Viel mehr erkannte Käutner in der zufälligen, ziellosen Handlungsweise der Protagonistin und ihren im Ungefähren bleibenden Beziehungen, die Verwandtschaft zur französischen „Nouvelle vague“ und den Filmen Antonionis, dessen Werk er sehr schätzte. Da die Handlung größtenteils in Venedig spielte, strebte Käutner eine enge Zusammenarbeit mit italienischen Filmschaffenden an, womit er auf seine eigenen Anfänge zurückkam. Seitdem er mit „Große Freiheit Nr.7“ (1944) und „Unter den Brücken“ (1945) authentische, die Lebenssituation der Menschen genau erfassende Filme noch während der Zeit des Nationalsozialismus gedreht hatte, hatte sich Helmut Käutner als Regisseur profiliert, auch weil seine Bildsprache an den „Poetischen Realismus“ des französischen Films erinnerte, der den italienischen „Neorealismus“ beeinflusste. Diese Nähe zum damals stilbildenden Kino kam nicht zufällig, da Käutner viele Jahre eng mit seinem Regie-Assistenten Rudolf Jugert zusammen arbeitete, der unter Alessandro Blasetti 1938 in Italien sein Handwerk gelernt hatte, dessen Film „Quattro passi fra le nuvole“ (Lüge einer Sommernacht, 1942) als ein Wegbereiter des Neorealismus gilt.

Neben der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit den italienischen Darstellern Rossano Brazzi und Giorgio Albertazzi, hatte sich Käutner mit dem italienischen Kameramann Otello Martelli einen Meister seines Fachs an Bord geholt, der an den neorealistischen Filmen Roberto Rossellinis und Giuseppe De Santis beteiligt war, an fast allen Fellini-Filmen der 50er Jahre mitarbeitete - zuletzt an „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960) – und im selben Jahr bei zwei Teilen von „Boccaccio ’70“ (1962) die Kameraarbeit verantwortete. Schon in der ersten Einstellung seines Films, die das Pirelli-Hochhaus von Mailand zeigt, zitiert Käutner den Beginn von Antonionis „La notte“ (Die Nacht, 1961). „Die Rote“ wurde entsprechend ein Film, der von langen, ruhigen Kameraeinstellungen bestimmt wird, die das winterliche Venedig in grauen, düsteren Farben erfassen, dabei jeden pittoresken Eindruck vermeidend. Der langsame Rhythmus, die Ziellosigkeit und Zufälligkeit des Geschehens, wortreiche Dialoge und mangelhafte Kommunikation, werden in „Die Rote“ zu einer Mischung aus dem Stil Käutners, Antonionis und der „Nouvelle vague“ - ernsthaft und leicht, kritisch und doch ohne konkrete Botschaft – ein Film auf der künstlerischen Höhe seiner Zeit.

Doch anstatt ihn als Ganzes zu begreifen, wurde er auseinander gepflückt. Wahlweise wurden die italienischen Charakteristika als Fremdkörper innerhalb deutscher Ernsthaftigkeit angesehen („ganz und gar verquollene Geschichte“ (Hamburger Abendblatt)) oder einzig die italienische Kameraarbeit gelobt. Ruth Leuwerik wurde besonders wegen ihrer angeblich atypischen Rollenwahl bewertet (obwohl sie in vielen Filmen moderne Frauentypen verkörperte), während allein Gert Fröbe in seiner Rolle als Nazi und Kriegsverbrecher Kramer gute Kritiken erhielt. Für das Heyne-Filmlexikon liegt in seiner Leistung der einzige positive Aspekt innerhalb eines „langweiligen, misslungenen Films“ – eine Meinung, die erst die Unfähigkeit deutlich werden lässt, sich auf einen deutschen Film einzulassen, der eine moderne, europäische Filmsprache wählte, ohne Lösungen oder ein klares Ende anzubieten. Die von Gert Fröbe verkörperte Figur ist die einzig konkret handelnde und damit einfach nachvollziehbare Person des Films. Doch ihre Wirkung entsteht erst durch die Konfrontation mit Menschen, die nicht wissen, was sie tun wollen und wohin es sie treibt.

„Die Rote“ hatte keine Chance bei Kritik und Publikum, denn ihre filmischen Mittel wurden nicht akzeptiert, auch weil sich die stilistischen Fronten offensichtlich verhärtet hatten. Mehr als eine Frau, die ohne Alternative und Plan aus einer gesicherten Existenz ausbrach, provozierte ein Film, der diese Intention in seiner Filmsprache kongenial umsetzte.

"Die Rote" Deutschland / Italien 1962, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Alfred Andersch (Novelle), Darsteller : Ruth Leuwerik, Rossano Brazzi, Giorgio Albertazzi, Harry Meyen, Richard Münch, Gert Fröbe, Laufzeit : 91 Minuten

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