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Mittwoch, 28. Mai 2014

Und Jimmy ging zum Regenbogen (1971) Alfred Vohrer

Inhalt: Manuel Aranda (Alain Noury) landet in Wien, um die Leiche seines ermordeten Vaters zu überführen, ahnt aber nicht, dass er seit seiner Ankunft beobachtet wird. Ein Profi-Killer wurde auf ihn angesetzt, der verhindern soll, dass Aranda zu viel über die Hintergründe des Todes seines Vaters erfährt. Der junge Mann hat viele Fragen, denn er begreift nicht, warum dieser von einer alten Frau getötet wurde, die danach mit einer Zyankali-Kapsel Selbstmord beging.

Für die Polizei scheint die Angelegenheit geklärt, weshalb er auf eigene Faust auf Spurensuche geht. Als er am Grab der Mörderin Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) erstmals deren Nichte Irene Waldegg (Doris Kunstmann) begegnet, ist schon das Gewehr des Killers auf ihn gerichtet, aber bevor dieser abdrücken kann, wird er selbst durch einen gezielten Schuss getötet – ein Vorgang, von dem Manuel Aranda nichts erfährt. Offensichtlich gibt es Interessenten, die nichts gegen seine Nachforschungen haben, sondern sich Vorteile davon versprechen…


Die Simmel-Offensive der frühen 70er Jahre

Zwar gelang dem österreichischen Journalisten und Schriftsteller Johannes Mario Simmel mit seinem Roman "Es muss nicht immer Kaviar sein" schon 1960 ein großer Erfolg, der es auch zu einer zeitnahen Verfilmung mit O.W. Fischer in der Hauptrolle brachte, aber erst Regisseur Alfred Vohrer begann 1971, nach seinem Abschied von dem Edgar-Wallace-Franchise mit "Der Mann mit dem Glasauge" (1969), mit sieben innerhalb von drei Jahren gedrehten Simmel-Filmen dessen schriftstellerisches Werk umfassend für das Kino zu adaptieren. Gemeinsam mit dem Autor Manfred Purzer, dessen moderner, von den späten 60er Jahren beeinflusster Stil  - sein erstes Drehbuch schrieb er zu "Komm nur, mein liebstes Vögelein" (1968), Regie Rolf Thiele - auch die aus den 50er und 60er Jahren stammenden Romane entsprechend des Publikumsgeschmacks Anfang der 70er Jahre modernisierte.

Nachdem sie zuvor bei "Inspektor Perrack greift ein" (1970) schon einmal erfolgreich zusammengearbeitet hatten, starteten sie die Simmel-Reihe mit dessen aktuellen Beststeller "Und Jimmy ging zum Regenbogen". Der eintretende Erfolg an den Kinokassen zog in schneller Abfolge weitere Verfilmungen nach sich, deren Chronologie zufällig wirkt. "Liebe ist nur ein Wort" (1971) basierte auf einem 1963 erschienenen Roman, "Der Stoff, aus dem die Träume sind" (1972) griff dagegen wieder Simmels neueste Veröffentlichung auf, bevor mit "Und der Regen verwischt jede Spur" (1972) ein Film im "Simmel-Stil" nachgeschoben wurde - eine Methodik, die an die späten Edgar-Wallace-Verfilmungen erinnerte, deren Drehbücher nicht mehr nach den Original-Romanen, sondern im „Wallace-Style“ verfasst wurden. Das Drehbuch dazu erdachte Purzer gemeinsam mit dem französischen Autor Michel Gast („Die Klosterschülerinnen“ (1972)) nach einer Kurzgeschichte von Alexander Puschkin.

Bei den 1973 folgenden Verfilmungen "Alle Menschen werden Brüder" und "Gott schützt die Liebenden“ kamen erneut ältere Romane von 1967 und 1957 zu Ehren, bevor Vohrer nach dem brandneuen Bestseller "Die Antwort kennt nur der Wind" 1974 seinen letzten Beitrag ablieferte. Manfred Purzer schrieb noch das Drehbuch zu dem 1962 erschienenen Roman „Bis zur bitteren Neige“, den der Fernsehregisseur Gert Oswald herausbrachte. Mit dem neunten Film der Simmel-Reihe „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ (1976) auf Basis des letzten noch nicht verfilmten Simmel-Romans der 60er Jahre setzte Roland Klick, Regisseur und Autor in Personalunion, den vorläufigen Schlusspunkt.

Dass die seit mehr als 10 Jahren populären Romane Johannes Mario Simmels erst Anfang der 70er Jahre im großen Stil verfilmt wurden, war kein Zufall. Bei dem frühen „Es muss nicht immer Kaviar sein“ handelte es sich um eine gemäßigte Satire auf internationale Gepflogenheiten im Agenten-Milieu, deren Anspielungen nicht wehtaten, aber Simmels bevorzugte, seine eigene jüdische Vergangenheit reflektierende Beschäftigung mit den Verbrechen der Nazi-Zeit und deren mangelhafte Aufarbeitung in der Bundesrepublik nach dem Krieg, benötigte die gesellschaftspolitischen Veränderungen Ende der 60er Jahre, um auch im Kino große Publikumsschichten zu erreichen. Simmel bettete seine dramatischen Hintergründe in einen unterhaltenden Kontext, der ihm zu seinem eigenen Leidwesen über Jahrzehnte den Vorwurf der Trivialität einbrachte, der sich für Vohrer aber als ideal erwies. Erst die dezenten kritischen Aspekte verliehen den meist mit einer Liebesgeschichte verbundenen, publikumswirksam inszenierten Thrillern die notwendige Modernität, um sie aus der Masse herauszuheben, erwiesen sich für die Reputation der Simmel-Romane beim Feuilleton aber als wenig förderlich.


Und Jimmy ging zum Regenbogen

"Und Jimmy ging zum Regenbogen" kann in dieser Hinsicht als prototypisch gelten, denn obwohl sich Vohrers erster Simmel-Film mit der bis heute aktuellen Thematik von Naziverbrechern auseinandersetzte, die nach dem Krieg ein bürgerliches Dasein führen konnten - auch dank der Interessen staatlicher Behörden - blieb er als reiner Unterhaltungsfilm in einer zunehmend verblassenden Erinnerung. Der junge französische Darsteller Alain Noury, der noch in "Und der Regen verwischt jede Spur" von Vohrer in der Hauptrolle besetzt wurde, und die ebenfalls in zwei Simmel-Filmen auftretende Doris Kunstmann verkörperten ein im Stil der frühen 70er Jahre attraktives Paar, deren Annäherung Vohrer mit einer weichgezeichneten Linse und romantischer Musik ins Bild rückte, die die innere Tragik ihrer Begegnung noch betonen sollte. In der Kombination mit den knallharten Interessen der widerstreitenden englischen, französischen und US-amerikanischen Geheimdienste - wie in fast allen Vohrer-Simmel-Verfilmungen mit Herbert Fleischmann als charismatischem Mittelpunkt - entwickelte sich daraus ein Verwirrspiel, das die jeweiligen Motive und inneren Zusammenhänge lange im Ungewissen belässt.

Manuel Aranda (Alain Noury) war nach Wien gekommen, um die Leiche seine Vaters zu überführen, aber die seltsamen Umstände seines Todes - eine alte Bibliothekarin hatte ihn ermordet, um danach mit einer Zyankali-Kapsel Selbstmord zu begehen - lassen ihm keine Ruhe, weshalb er sich gegen den Willen der Behörden um die Aufklärung der näheren Hintergründe bemüht. Schon am Grab der Mörderin Valerie Steinfeld, an dem er deren Nichte Irene Waldegg (Doris Kunstmann) erstmals begegnet, in die er sich sofort verliebt, entgeht er nur knapp und ohne sein Wissen einem Mordanschlag, dessen Hintergründe sich dem Betrachter zu diesem Zeitpunkt nicht erschließen. Denn Aranda hatte mit der gefährlich werdenden Suche nach der Vergangenheit seines Vaters noch nicht begonnen.

In Rückblenden aus der Zeit des Nationalsozialismus beginnt der Film eine parallele Handlung mit Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) im Zentrum, deren jüdischer Ehemann geflohen ist und deren gemeinsamer Sohn Heinz (Franz Elkins) als Halbjude zunehmend in die Mühlen der Rassenpolitik gerät. Gemeinsam mit dem engagierten Anwalt Dr. Forster (Horst Tappert) versucht Valerie zu beweisen, dass sie ihren Mann betrogen hätte, und ihr Sohn nicht von diesem abstammt. Diese Szenen beeindrucken in der Konfrontation mit einer Gerichtsbarkeit, die über die Wahrheit dieser Schutzbehauptung urteilen soll, und demaskieren die Verlogenheit der rassistischen Argumentation. Besonders das der Halbjude Heinz trotz seiner Benachteiligung ein glühender Nazi ist, der seinen Vater hasst und seinen "Freispruch" sofort zum Eintritt in die Waffen-SS nutzt, bleibt als Symbol für die ideologische Verblendung in Erinnerung.

Diese Szenen verfehlen ihre kritische Wirkung nicht, aber sie gehen in einer mehr als 2stündigen Laufzeit unter, die sich nicht auf die tragischen Konsequenzen der mangelnden Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen beschränkte. Als hätte die Begegnung des Sohnes des Ermordeten mit der Nichte der Mörderin nicht genügt, um an Hand einer langsamen Aufklärung der Hintergründe für Spannung zu sorgen, kombinierte Simmel den Plot noch mit Geheimdienstinteressen, chemischen Waffen, Experimenten an Menschen und einer Vielzahl an Nebenschicksalen, die allein einen ganzen Film wert gewesen wären. Judy Winter als Prostituierte und Doppelagentin, sowie Horst Frank als SS-Mann, der sie trotz des Wissens über ihre Rolle verehrt, hätten eine tiefer gehende Betrachtung verdient gehabt, aber angesichts der Fülle an Themen und Schicksalen gelang es dem Film nicht, mehr als ein wenig an der Oberfläche zu kratzen.

Um "Und Johnny ging zum Regenbogen" - ein Zitat, dass zur Entschlüsselung eines Geheim-Codes führt – eine weiter gehende gesellschaftskritische Dimension zuzubilligen, bleibt der Film zu plakativ und klischeehaft. Besonders die Initialzündung der Story - der Grund für den Mord an dem alten Mann - wird zu sehr an den äußeren Umständen festgemacht, so perfide und menschenverachtend diese auch waren. Eine charakterliche Entwicklung der Betroffenen innerhalb von drei Jahrzehnten wurde dagegen nicht in Betracht gezogen. So offensichtlich diese Schwächen sind, sollten sie nicht übersehen lassen, dass nur auf diese Weise der Zugang zu großen Publikumskreisen gelang. Sowohl Simmels Roman, als auch Vohrers filmische Umsetzung spiegeln den Zeitgeist der frühen 70er Jahre nahezu ideal wider, als die noch sehr konservativ geprägte Gesellschaft erst langsam begann, sich der Auseinandersetzung mit ihrer unmittelbaren Vergangenheit zu nähern.

"Und Jimmy ging zum Regenbogen" Deutschland, Österreich 1971, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Manfred Purzer, Johannes Mario Simmel (Roman), Darsteller : Alain Noury, Doris Kunstmann, Horst Frank, Horst Tappert, Judy Winter, Ruth Leuwerik, Herbert Fleischmann, Heinz Baumann, Klaus SchwarzkopfLaufzeit : 133 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer: 

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

Dienstag, 1. April 2014

Trotta (1971) Johannes Schaaf

Inhalt: 1914 – Unter den jungen Offizieren, zu denen auch Baron Franz Ferdinand Trotta (András Bálint) gehört, verbreitet sich schnell die frohe Kunde kommender Kampfhandlungen, nachdem die K.u.K. Monarchie Österreich-Ungarn an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten ist. Doch bevor sie zur Front aufbrechen, will Trotta noch schnell die von ihm geliebte Elisabeth (Doris Kunstmann) heiraten, obwohl sie seiner Mutter als Bürgerliche nicht gefällt. Doch Trotta setzt sich durch und hält erfolgreich um ihre Hand an. Die Hochzeitsnacht verläuft weniger nach seinem Geschmack, denn Elisabeth verlässt ihn noch in derselben Nacht, da er statt bei ihr am Sterbebett seines alten Dieners, der einen Infarkt erlitten hatte, verweilt.

1918 – die heroischen Zeiten sind vorbei und Trotta kommt nach langer Kriegsgefangenschaft in Russland wieder nach Wien zurück. Die Adelstitel wurden in Österreich nach dem Zusammenbruch der K.u.K.-Monarchie verboten, aber ihm bleibt noch der Familiensitz, in dem er gemeinsam mit seiner Mutter wohnt. Elisabeth hat er nicht vergessen und versucht, wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen, obwohl sie mit Almarin (Rosemarie Fendel) in einer lesbischen Beziehung zusammenlebt, wie es hinter vorgehaltener Hand heißt. Seine Mutter rät ihm deshalb ab, aber er beginnt sich regelmäßig mit Elisabeth zu verabreden bis es zu einem ersten, mehr von ihm erzwungenen Beischlaf zwischen ihnen kommt. Wenig später stellt sich heraus, dass Elisabeth schwanger ist. Und sie will das Kind gegen den Willen ihrer Freundin bekommen…

Mit seinem zweiten Kinofilm "Trotta" gelang Johannes Schaaf 1971 ein überraschender Erfolg, denn die Verfilmung eines kritischen, vor dem 2.Weltkrieg entstandenen Romans unter Verwendung moderner Stilmittel traf den Nerv des damaligen Publikums. Trotz, vielleicht auch wegen seiner eigenständigen künstlerischen Umsetzung geriet "Trotta" vollständig in Vergessenheit und wurde auch nicht auf Video veröffentlicht. Ein Zustand, der dank des Labels FILMJUWELEN der Vergangenheit angehört, denn seit dem 28.03.2014 existiert eine sehr schöne DVD, die zudem über ein ca. 45minütiges, aktuelles Interview mit dem Regisseur Johannes Schaaf verfügt (Schaaf erwähnt den Tod seines Co-Autors Maxilimilian Schell, der am 01.02.2014 starb). Erst auf Basis der darin geäußerten Hintergrundinformationen war es mir möglich, "Trotta" angemessen zu rezensieren (die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).







Johannes Schaafs zweiter Kinofilm "Trotta" - seit den frühen 60er Jahre drehte der auch als Schauspieler aktive, gelernte Theater-Regisseur, Fernsehfilme - lief 1971 erfolgreich in den Kinos und wurde mit einer Vielzahl bundesdeutscher Filmpreise bedacht, geriet aber trotzdem schnell wieder in Vergessenheit. Ein nicht seltenes Schicksal deutscher Filme an der Schnittstelle zwischen dem Ende des traditionellen Kinos der 50er und 60er Jahre und der aufkommenden Unterhaltungs-Filmindustrie, die zunehmend von Hollywood-Produktionen bestimmt werden sollte. Anders als Schaafs Kino-Erstling "Tätowierung" (1967), der stilistisch unmittelbar auf den sich verändernden Zeitgeist der aufkommenden Studentenunruhen reagierte, erfüllte "Trotta" mit einer Mischung aus ruhig inszeniertem, qualitativem Schauspieler-Kino, historischen Kulissen und seriös integrierten modernen Stilmitteln wie Eberhard Schöners von einem Synthesizer interpretierte Wiener Caféhaus-Musik und erotischen Nuancen gleichgeschlechtlicher Liebe, Anfang der 70er Jahre angesagte Kriterien. Zudem eignete sich der Roman des jüdischen Autors Joseph Roth "Die Kapuzinergruft", herausgegeben 1938, als ideale Vorlage, da er die Phase bis zum Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland beleuchtete – eine inzwischen generell akzeptierte, zeitkritische Thematik.

Mit Doris Kunstmann und Rosemarie Fendel war „Trotta“ zwar prominent besetzt, aber der restliche Cast setzte sich aus in Deutschland wenig bekannten ungarischen Darstellern zusammen, da der Film größtenteils in Ungarn gedreht wurde – dort fand Schaaf noch vermehrt die Überbleibsel der vergangenen K.u.K.-Monarchie und des Österreichs der folgenden Jahre bis 1938 vor. „Die Kapuzinergruft“ beginnt mit dem Ausbruch des 1.Weltkriegs 1914, womit Joseph Roth in seinem letzten Roman den Faden seines 1932 veröffentlichten „Radetzky Marsch“ wieder aufnahm, der den Zeitraum der K.u.K.-Monarchie bis zu deren Ende 1918 an drei Generationen der Familie Trotta beleuchtete. Doch obwohl mit Franz Ferdinand Trotta (András Bálint) erneut ein Mitglied dieser Familie im Mittelpunkt stand, war „Die Kapuzinergruft“ keine konkrete Fortsetzung, denn „Radetzky Marsch“ endete mit dem Tod des letzten Trotta – damit auch das Ende des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn symbolisierend - während es sich bei Franz Ferdinand Trotta um den Abkömmling eines parallelen Familienzweigs handelte.

Joseph Roths Intention für „Die Kapuzinergruft“ lag nahe. Nachdem er nach dem Ende des 1.Weltkriegs schon einmal den Niedergang seiner Heimat erleben musste – der Autor wurde 1894 in Brody geboren, damals zu Österreich-Ungarn gehörend, ab 1919 polnisch und heute in der westlichen Ukraine liegend – wiederholte sich die Geschichte wenig später. Österreich wurde Teil des großdeutschen Reiches und vollendete damit den Untergang einer Epoche. Der 1.Weltkrieg steht am Anfang dieses Endes, weshalb Schaafs Film mit dessen Ausbruch beginnt, den er mit einer großartig geschnittenen Szene akustisch und optisch erfahrbar werden lässt. Während ein Offizier mit schneidender Stimme die Notwendigkeit der Kampfhandlungen nach einer langen Phase des Friedens herausschreit, unterbricht der Film dessen Rede staccatoartig mit feiernden Jung-Offizieren, die sich gegenseitig zuprosten. Die Szene endet mit dem dissonanten Klang ihrer zusammenstoßenden Gläser. Ein noch mehrfach im Film erklingender Ton, zu dem Schaaf jeweils die Handlung symbolisch einfrieren lässt – eine wegen ihrer markanten Eigenständigkeit in Erinnerung bleibende, sehr gelungene filmästhetische Umsetzung.

Einen Augenblick lang, kurz vor dieser Szene gönnt der Regisseur dem Film einen einzigen spielerisch ausgelassenen Moment, den er im Gellért-Bad in Budapest aufnahm. Dessen homoerotische Attitüde mit den sich balgenden jungen Offizieren vermittelt einen letzten melancholischen Blick auf eine vergangene Zeit. Dagegen strahlen die hektischen Feierlichkeiten, mit denen viele Soldaten vor ihrem Einsatz an der Front noch schnell ihre Hochzeit begehen, nur wenig Freude aus. Die Hochzeitsnacht von Trotta misslingt entsprechend, da dessen alter Hausdiener einen Infarkt erleidet. Seine frisch vermählte Ehefrau Elisabeth (Doris Kunstmann) verlässt ihren Mann noch in derselben Nacht, da dieser nicht bei ihr weilt. In der ursprünglichen Drehbuchfassung spielte der 1.Weltkrieg noch eine wesentliche Rolle. Nicht hinsichtlich irgendwelcher Kampfhandlungen – Joseph Roth und in Konsequenz daraus auch Johannes Schaaf verzichteten auf jede Form des Aktionismus – sondern in der Beschreibung der langjährigen russischen Kriegsgefangenschaft, in die Trotta gerät. Schaaf folgte dem Rat Maximilian Schells, mit dem er das Drehbuch überarbeitete, auf die Kriegsphase zu verzichten, und blendete vom Hurra-patriotischen Beginn unmittelbar zur Ankunft der nach dem Krieg demoralisierten Soldaten über.

Diese Entscheidung war konsequent, denn „Trotta“ unterscheidet sich besonders durch den Verzicht auf vertraute Klischees, erklärende Details und eine zugespitzte Dramatik von typischen Historien- oder Romanverfilmungen, der dem Film trotz des offenkundigen historischen Bezugs eine bis heute spürbare Zeitlosigkeit verleiht. Nicht die tatsächlichen Ereignisse spiegeln den Niedergang wider, sondern die Figur des „Trotta“, in dessen hübschem Gesicht sich Sympathie, Passivität und Hilflosigkeit vereinen. Trotta bleibt immer freundlich, zuvorkommend und geduldig – selbst der unschöne Geschlechtsakt mit der ihm überlegenen, kalkulierenden Elisabeth wirkt mehr ungeschickt als erzwungen – während um ihn herum die ihm bekannte Welt zusammenbricht. Damit gelang Johannes Schaaf der Spagat zu der damaligen, sich ebenfalls im Umbruch befindenden Gegenwart. Viele Figuren – der Traditionalist, der Proletarier, der Kommunist – ließen sich problemlos in die Entstehungszeit des Films transportieren, aber besonders Rosemarie Fendel als Almarin verkörperte sowohl optisch, als auch in ihrem selbstbewussten, emanzipierten, ihre lesbische Liebe offen lebenden Auftreten beide Phasen ideal.

Während sie die richtigen Schlüsse aus den Veränderungen zieht, verschwindet Trotta einfach, nicht einmal fähig, sein Leben selbst zu beenden – zurück bleibt ein Film, der aufs trefflichste Geschichte und Gegenwart vereinte und damit seine Wirkung bis heute nicht verlor.

"Trotta" Deutschland 1971, Regie: Johannes Schaaf, Drehbuch: Johannes Schaaf, Maximilian Schell, Joseph Roth (Roman), Darsteller : András Bálint, Rosemarie Fendel, Doris Kunstmann, Elma Bulla, Tamás Major, Heinrich Schweiger, Laufzeit : 92 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Johannes Schaaf: