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Samstag, 17. Mai 2014

Schwarzer Kies (1961) Helmut Käutner

Inhalt: Am Checkpoint zum Armeegelände kommt es zu Wartezeiten für die LKW-Fahrer, die den schwarzen Kies für den Bau einer Landebahn anliefern. Den handgreiflichen Streit zwischen einem deutschen Fahrer und einem Amerikaner nutzt Otto Krahne (Wolfgang Büttner) sofort zur Abstempelung weiterer Lieferscheine an Robert (Helmut Wildt), der damit Kies auf eigene Rechnung verkaufen kann. Ein anderer Fahrer schmeißt einen Stein nach einem bellenden Hund, trifft ihn damit aber so unglücklich, dass dieser tot liegen bleibt. Robert nimmt sich dessen auffälliges Halsband und wirft ihn auf den Kieshaufen, wo der Kadaver zugeschüttet wird.

Nachdem der Wagen ihres Mannes, Major John Gaines (Hans Cossy), liegengeblieben war, lässt sich Inge (Ingmar Zeisberg) von einem LKW-Fahrer mitnehmen, um Hilfe zu holen. Zuerst reagiert sie nicht auf Robert, aber dieser macht kein Geheimnis daraus, dass er sie sofort wieder erkannte. Vor einigen Jahren, kurz nach dem Krieg, waren sie ein Paar - bis sich Inge von ihm trennte, weil sie an der Seite des attraktiven, aber unsteten Mannes keine Zukunft mehr sah. Robert, der ein Zimmer in einem der Bordelle bewohnt, in denen die US-Soldaten Ablenkung suchen, flirtet selbstbewusst mit ihr, ohne zu ahnen, dass sie verheiratet ist. Er erfährt, dass sie ihren Hund sucht, erzählt ihr aber nichts von dessen Tod, sondern nutzt seinen Wissensvorteil für einen weiteren Annäherungsversuch… 


"Hart und direkt, mit erotischen und brutalen Realitäten..."

sollte "Schwarzer Kies" (ursprünglich geplanter Titel "Haut auf Haut") nach Aussage seines Regisseurs Helmut Käutner werden und auf diese Weise die Realität im Jahr 1960 abbilden, um "alle deutschen Tabus zu durchstoßen". Eine so provokante, wie überraschende Aussage, denn Käutners Filme zeichneten sich von Beginn an durch ihre authentische Darstellung menschlicher Verhaltensweisen aus. "Große Freiheit Nr. 7" (1943) spielte vor dem Hintergrund von Liebe, Sex und Prostitution und gemeinsam mit dem Autoren und Produzenten Walter Ulbrich hatte Käutner schon am Drehbuch zu "Unter den Brücken" (1945) zusammen gearbeitet, der einfühlsam eine Geschichte von einer Frau zwischen zwei Männern erzählte.

Dem Subtext einer modernen, die sozialen Veränderungen realistisch betrachtenden Sichtweise blieb Käutner auch nach dem Krieg treu, vermied aber eine direkte Konfrontation. Das änderte sich Ende der 50er Jahre als er mit Wolfgang Staudte und Harald Braun eine eigene Produktionsgesellschaft gründete, um ihre Vorstellungen ohne Konzessionen umsetzen zu können. Wegen Brauns frühem Tod entstanden mit "Der Rest ist Schweigen" (1959, Regie Käutner) und "Kirmes" (1960, Regie Staudte) nur zwei Filme unter eigener Hoheit. "Schwarzer Kies" - die letzte Produktion der 1956 reprivatisierten "Universum Film AG" - vertrat zwar eine ähnlich kompromisslose Haltung, setzte aber auf reines Unterhaltungs- und Spannungs-Kino, ohne konkrete Gesellschaftskritik zu üben. Wenig wohlwollend, aber zurecht rückte ihn die zeitgenössische Presse in die Nähe französischer Thriller, denn besonders die Parallelen zu Clouzots „Le salaire de la peur“ (Lohn der Angst, 1954) sind offensichtlich.

Nicht allein wegen der hart gesottenen LKW-Fahrer, die den schwarzen Kies für die Düsenjäger-Startbahn anliefern, sondern mehr noch wegen des Hintergrunds einer von den Verheißungen des US-Kapitalismus abhängigen Sozialisation. Lebten bei Clouzot die Menschen im Schatten einer Öl-Raffinerie, setzen sie in „Schwarzer Kies“ ihre Hoffnungen auf die US-Armee, um deren Territorium sich Geschäftemacher, Betrüger, Vergnügungslokale und Bordelle angesiedelt haben – bevölkert von Frauen und Männern, die in der Illusion leben, irgendwann mit den Taschen voller Geld den Absprung zu schaffen. Doch anders als in „Lohn der Angst“ befinden sie sich nicht in einer abgelegenen Einöde, sondern mitten in Deutschland, in Sichtweite gepflegter Reihenhausanlagen, womit der Film einen Angriff auf die Scheinmoral der frühen 60er Jahre wagte. Die beiden Protagonisten Inge (Ingmar Zeisberg) und Robert (Helmut Wildt) symbolisierten die gegensätzlichen Positionen eines unsteten, abenteuerlichen Lebens und eines bürgerlichen Daseins, ohne als Identifikation dienen zu können.

Wildt verkörperte in seinem ersten Film den selbstständigen LKW-Fahrer Robert Neidhardt, der einen Teil seiner Kies-Lieferungen an die Amerikaner vortäuscht, um das Material schwarz zu verkaufen. Das funktioniert dank gefälschter Lieferscheine, die ihm Otto Krahne (Wolfgang Büttner) besorgt, der auch mit anderen Fahrern zusammenarbeitet und plant, mit dem verdienten Geld seinen Lebensabend luxuriös im Ausland zu verbringen. 15 Jahre nach dem Ende des Krieges hat sich der Respekt vor den Amerikanern längst verflüchtigt und ist, frei von jedem Schuldbewusstsein, rein wirtschaftlichen Motiven gewichen. Neidhardt ist gleichzeitig Profiteur und Opfer. Ein attraktiver, selbstbewusst auftretender Mann, der nach dem Krieg nicht mehr ins geregelte Leben zurückgefunden hat. Er bewohnt ein einfaches Zimmer in einem Nachtclub, wird von einer Prostituierten (Anita Höfer) geliebt, ohne deren Gefühle zu erwidern, und lebt ziellos in den Tag hinein. Das ändert sich als er zufällig Inge wieder trifft, die er als Anhalterin mitnimmt. Der Wagen ihres Mannes Major John Gaines (Hans Cossy), Befehlshaber des Stützpunkts, hatte eine Panne.

Inges Werdegang verlief entgegen gesetzt, nachdem sie sich getrennt hatten. Details über ihre gemeinsame Zeit werden nur angedeutet, aber trotz der nach wie vor vorhandenen erotischen Anziehungskraft, entschied sie sich, ihn zu verlassen, um ein materiell gesichertes und sozial anerkanntes Leben zu führen. Alles in „Schwarzer Kies“ atmet die Folgen des Krieges. Nicht mehr in der unmittelbaren Konsequenz von Zerstörung oder Hunger, sondern in der unbändigen und gleichzeitig unerfüllbaren Sucht nach Sicherheit und Glück. Das propagierte geordnete Leben existiert hier ebenso wenig, wie emotional gefestigte Menschen. Ein junges Paar – die jungfräuliche Anni (Edeltraut Elsner) und der US-Soldat Bill (Peter Nestler) – scheint aus der vergnügungssüchtigen Masse herauszutreten, stirbt aber bei einem von Neidhardt verschuldeten Unfall. Die wahre Ursache erfährt nur der Betrachter. Bill war die Genehmigung für ihre geplante Hochzeit vom US-Konsulat verweigert worden, da Anni aus der DDR stammt, aber er versuchte noch, sie zum Sex zu bewegen, ohne ihr diese Konsequenz mitzuteilen. Als sie sich wehrt, losreißt und er ihr auf die Straße folgt, kommt es zu dem Unglück.

Angesichts der fatalistischen Mischung aus Egoismus, Sex und Gewalt, die Käutner in kräftigen Schwarz-Weiß-Bildern entwarf, erstaunen die kritischen Stimmen nicht, die dem Film damals Klischees und einseitige Charakterisierungen attestierten. „Schwarzer Kies“ bemühte sich weder um Differenzierungen, noch Ausgewogenheit, traf damit aber den Nerv einer Zeit, die schon deutliche Schatten in Richtung der sozialen Veränderungen der späten 60er Jahre warf. Wie missverstanden sein Film wurde, wird auch an der Anklage wegen Antisemitismus deutlich, der sich Käutner durch den Zentralrat der Juden ausgesetzt sah. In einer Szene beschimpft einer der Gäste den Club-Besitzer mit „Saujud“, nachdem dieser ihn mehrfach freundlich aufgefordert hatte, wegen der US-Soldaten auf patriotisches Liedgut aus der Juke-Box zu verzichten. Käutners gegenteilige Absicht lag darin, den latent vorhandenen Hass gegenüber Juden in der Bevölkerung hervorzuheben, aber allein dass ein ehemaliger KZ-Häftling – die Kamera erfasst nach dem Streit dessen tätowierten Code am Unterarm - ein Bordellbetreiber sein sollte, genügte schon als Affront.

Diese Szene kann beispielhaft für einen Film gelten, hinter dessen Fassade Anfang der 60er Jahre Niemand zu sehen bereit war. Selbst die seriöse „Zeit“ verstieg sich zu dem Urteil eines „durchschnittlichen Kriminalfilm mit einer langweiligen Polizei“, obwohl „Schwarzer Kies“ nichts weniger als ein Kriminalfilm ist. Die Polizei nimmt nur eine Nebenrolle als gelegentlicher Störenfried ein, ohne wirklich ernst genommen zu werden. Das Verschwinden des jungen Paares – Neidhardt entsorgte die Leichen im Kies unter der Startbahn – wird nicht als Verbrechen erkannt, sondern Annis DDR-Herkunft zugeschoben. Als kommunistische Spionin hätte sie Bill verführt, der mit ihr hinter den eisernen Vorhang geflohen wäre. So die einhellige Meinung, die jedes Einfühlungsvermögen über die gängigen Vorurteile hinaus vermissen lässt.

Eine Haltung, der sich Käutners Film generell ausgesetzt sah und die darin gipfelte, dass „Schwarzer Kies“ gemeinsam mit seinem Nachfolgefilm „Der Traum von Lieschen Müller“ (1961) als „Schlechteste Leistung eines bekannten Regisseurs“ im Jahr 1961 ausgezeichnet wurde. Vergeben von der Jury „Preis der jungen Filmkritik“, die sich parallel zum „Oberhausener Manifest“ um eine Erneuerung des deutschen Films bemühte und Regisseure wie Helmut Käutner zur Vergangenheit zählte (passend titelte der „Spiegel“: „Papas Kies“). Ein absurdes Urteil, denn von der Bildsprache abgesehen, deren schwere Schwarz-Weiß-Optik an Käutners vom poetischen Realismus beeinflusste frühe Filme erinnert, verwies „Schwarzer Kies“ in seiner so mitreißenden, wie zerstörerischen Mischung aus Maßlosigkeit und Hedonismus unmittelbar in die Zukunft.

"Schwarzer Kies" Deutschland 1961, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Walter Ulbrich, Darsteller : Ingmar Zeisberg, Helmut Wildt, Hans Cossy, Wolfgang Büttner, Anita Höfner, Laufzeit : 107 Minuten

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Montag, 10. Februar 2014

Ein Mädchen aus Flandern (1956) Helmut Käutner

In Erinnerung an Maximilian Schell (83), gestorben am 31.01.2014

Inhalt: Belgien, Oktober 1914 - Der junge Offizier Alexander Haller (Maximilian Schell) befindet sich mit seiner Einheit unweit der Front. Einerseits befürchten die jungen, im Kampf unerfahrenen Männer ihren Einsatz, andererseits suchen sie Ablenkung in der nahen Gaststätte, die für ihre hübschen Frauen bekannt ist. Doch die Einheimischen lehnen die ungebetenen Besatzungssoldaten ab und wollen ihnen nicht einmal etwas zu Trinken geben. Als es ihnen mit Nachdruck gelingt, die junge Angeline (Nicole Berger), die sie spontan „Engel“ nennen, dazu zu bringen, ihnen Wasser zu reichen, trinken sie es nicht, weil sie fürchten, es könnte vergiftet sein. Nur Alexander leert das Glas in einem Zug, dass ihm Angeline heimlich hinstellt, bevor er mit seinem Zug zur Front aufbricht – ein Moment, den er nicht mehr vergessen wird.

Drei Jahre vergehen, bis Alexander, der bei der ersten „Flandern-Schlacht“ zwar schwer verletzt wurde, aber im Gegensatz zu den meisten seiner Kameraden überlebte, wieder in die damalige Region zurückkommt, in deren Nähe sich die unbewegliche Frontlinie befindet. Er erkennt das Gasthaus trotz seines inzwischen deutschen Namens sofort wieder, und beschließt spontan, ein paar Tage dort seinen Urlaub zu verbringen, anstatt in die deutsche Heimat zu fahren. Er hofft, Angeline wieder zu sehen…


Mitte der 50er Jahre drehte Helmut Käutner vier Filme nach literarischen Vorlagen Carl Zuckmayers, unter denen "Ein Mädchen aus Flandern" (1956), das zwischen "Des Teufels General" (1955), "Der Hauptmann von Köpenick" (1956) und "Schinderhannes" (1958) in die Kinos kam, einen Sonderstatus einnimmt. Während die drei anderen Zuckmayer-Verfilmungen auf populären Bühnenstücken basierten, von denen "Der Hauptmann von Köpenick" und "Schinderhannes" während der  Weimarer Republik und "Des Teufels General" direkt nach dem Krieg 1946 uraufgeführt wurden, entstand "Ein Mädchen aus Flandern" nach Zuckmayers aktuellem Roman "Engele von Loewen. Erzählungen", den der Autor im Jahr zuvor veröffentlicht hatte.

Folgerichtig unterschied sich dessen erzählerische Anlage erheblich von den Dialog lastigen Theaterstücken, die ihre Intention auf engstem Raum komprimierten, während die Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Offizier und einem belgischen Mädchen einen Bogen über die Jahre des 1.Weltkriegs spannt, in dessen Verlauf es zu mehreren, teils zufälligen Begegnungen zwischen Angeline, genannt "Engele" (Nicole Berger), und Leutnant Alexander Haller (Maximilian Schell) kommt. Thematisch ähnelt „Ein Mädchen aus Flandern“ mehr Käutners Vorgängerfilm „Himmel ohne Sterne“ (1955), der ebenfalls von einer an den äußeren Umständen zu scheitern drohenden Liebe erzählte. Handelte dieser ganz aktuell von der Teilung Deutschlands nach dem Krieg, wirkte der Rückblick auf den ersten Weltkrieg - zumal unter dem noch unmittelbar vorherrschenden Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur – vordergründig harmlos.

Trotz der sich am Ende zuspitzenden Dramatik, als sich Haller vor Gericht gegen den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung wehren muss – er hatte als angehender Arzt einem feindlichen Soldaten geholfen – blieben die Anspielungen auf Hurra-Patriotismus, arrogante Offiziere und verlogene Helden-Verklärungen dezent. Die politischen Hintergründe oder despotische Militärführer wurden ausgeblendet und die Gräuel des Stellungskrieges nahmen nur wenige Minuten des Films in Anspruch. Stattdessen ging es im Hinterland der Frontlinie eher gemütlich zu, weshalb sich Leutnant Haller entscheidet, seinen Urlaub im besetzten Belgien zu verbringen, anstatt zu seinem Vater (Friedrich Domin), einem einflussreichen General, und seiner Schwester (Erica Balqué) nach Deutschland zu fahren. Der tatsächliche Grund ist Angeline, der er nur einmal am Anfang des Krieges begegnet war, die er aber nicht mehr vergessen konnte, nachdem sie ihm gegen die allgemeine Haltung der Einheimischen etwas zu Trinken gegeben hatte.

Käutner hielt sich an den Roman, blieb aber seinem eigenen Stil treu, der besonders in der emotional schlüssigen, ohne Klischees auskommenden Entwicklung der Beziehung von Engele und Alexander sichtbar wird. Gemeinsam mit der früh verstorbenen französischen Darstellerin Nicole Berger – Käutner legte viel Wert auf die Authentizität der unterschiedlichen Sprachen – verkörperte Maximilian Schell in seiner zweiten Hauptrolle ein überzeugendes Paar, dessen Liebe angesichts der Kriegswirren und des sonstigen Trubels um sie herum beinahe zurückhaltend wirkt. Zudem integrierte der Regisseur, der gemeinsam mit Heinz Pauck Zuckmayers Vorlage adaptierte, einige kritische Anspielungen, die ihre vollständige Wirkung nur mit dem entsprechenden Hintergrundwissen entfalten, das Mitte der 50er Jahre noch gegenwärtiger war. Alexander Haller widersprach mit seiner Schilderung vom qualvollen Tod eines bei der ersten Flandernschlacht 1914 gefallenen Kameraden dem „Mythos von Langemarck“, mit dem die Heerführung den Tod vieler junger Rekruten in einen heroischen Sieg wandelte – ein frühes Beispiel propagandistischer Verfälschung. Käutner setzte die Behauptung, die Soldaten wären mit dem Deutschland-Lied auf den Lippen begeistert für ihr Vaterland in den Tod gegangen, in einer irreal wirkenden Sequenz um, die in Bilder auf dem Schlachtfeld liegender Leichen mündet.

Entscheidender für die Wirkung des Films ist Käutners kompromissloser Umgang mit der Sexualität, deren Gegenwärtigkeit nicht nur überraschte, sondern das moralische Selbstbild von dem sich fürs Vaterland aufopfernden Soldaten aushöhlte. Von Taktik oder Kriegszielen ist wenig zu hören, umso mehr von geplanten nächtlichen Abenteuern. Die Handlung findet größtenteils in einschlägigen Etablissements statt, auch das Gasthaus, in dem Alexander Angeline kennenlernt, ist für die entgegenkommende Haltung der Töchter des Hauses bekannt. Zwischen den deutschen Offizieren, die ihre Machtposition bei ihren amourösen Bemühungen im besetzten Belgien ausnutzen – gekonnt schmierig Gert Fröbe in einer kleinen Rolle als Rittmeister – und den Frauen, die sich Vorteile davon versprechen, wirkt die Beziehung von Engele und Alexander wie ein Hort an Tugend, aber auch sie schlafen unverheiratet miteinander, was dem jungen Offizier mehr Anerkennung vom Ortskommandanten einbringt, als dessen militärische Leistungen.

Schon im zweiten Teil der „08/15“-Trilogie (1955) ließ Autor Hellmut Kirst keinen Zweifel an den promiskuitiven Interessen der Soldaten an der Front, aber der Film schilderte dieses Verhalten mit einem satirischen Gestus und ruderte die anrüchige Charakterisierung im dritten Teil („08/15 In der Heimat“ (1955)) wieder zurück. „Ein Mädchen aus Flandern“ integrierte seine Liebesgeschichte dagegen in die Normalität des menschlichen Bedürfnisses nach Sex, Essen und Feiern, an dessen Wahrheitsgehalt Niemand zweifeln wird, dessen Realität aber besonders in Filmen mit patriotischen Absichten bis heute geleugnet wird. Sowohl Zuckmayers Roman, als auch Käutners Verfilmung brachen Mitte der 50er Jahre damit ein Tabu, ohne diese Intention besonders zu betonen oder an einem Einzelschicksal zu dramatisieren. Im Gegenteil liegt die Qualität des Films in der Beiläufigkeit, mit der er vom Krieg und den Menschen erzählt, vom Tod und der Liebe oder einfach dem Versuch zu überleben.

"Ein Mädchen aus Flandern" Deutschland 1956, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Heinz Pauck, Carl Zuckmayer (Roman), Darsteller : Maximilian Schell, Nicole Berger, Victor De Kowa, Friedrich Domin, Gert Fröbe, Laufzeit : 97 Minuten

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Mittwoch, 18. September 2013

Bildnis einer Unbekannten (1954) Helmut Käutner

Inhalt: Bei einer Ballett-Aufführung im Pariser Opernhaus sieht der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) das Gesicht einer jungen Frau (Ruth Leuwerik), dass ihn sofort fasziniert, weshalb er es spontan auf sein Programmheft skizziert. Da sie schon in der Pause geht, gelingt es ihm nicht, sie kennenzulernen, aber noch am selben Abend beschließt er, ihren Kopf auf den nackten Körper von Jacqueline (Ingrid van Bergen) zu malen, die ihm Modell sitzt.

Er ahnt nicht, dass es sich bei der Unbekannten um Nicole, die Ehefrau des Diplomaten Walter (Erich Schellow) handelt, weshalb sie wieder zu ihm nach Madrid fuhr, wo er in der Botschaft arbeitet. Glücklich wieder bei ihm zu sein, sieht sie sich noch am selben Abend mit einem Pflichttermin konfrontiert, den sie aber Beide übermütig abkürzen. Wenige Tage später kommen sie nicht so glimpflich davon, denn der Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) veranstaltet eine Gemälde-Versteigerung zugunsten kranker Kinder, an der Walter teilnehmen muss, obwohl er dessen Methoden nicht mag. Kurz bevor das nächste Gemälde aufgerufen wird, zeigt ihm Hernandez unter vier Augen das von Keller gemalte Nacktbild seiner Frau, um ihn zu erpressen, aber Walter gibt nicht nach und es kommt zu einem Skandal...


Helmut Käutners Film "Bildnis einer Unbekannten" beginnt mit der großen Liebe. Nach ein paar Tagen in ihrer Heimatstadt Paris kehrt Nicole (Ruth Leuwerik) wieder zurück zu ihrem Mann Walter (Erich Schellow) nach Madrid, wo dieser als Diplomat tätig ist. Zwar kommen sie um eine abendliche Einladung beim Botschafter (Albrecht Scheonhals) nicht herum, aber diese verbringen sie gemeinsam auf der Tanzfläche, um sich früh in ihre Wohnung zurückzuziehen. Den Kommentar zu dieser Konstellation gibt die Gattin des Botschafters (Irene von Meyendorff) ab, die angesichts des liebenden Paars die Haltbarkeit eines solchen Glücksgefühls ohne Neidgefühle realistisch einzuschätzen weiß.

An dieser Figur lässt sich die Haltung des Regisseurs und seines Drehbuchautors Hans Jacoby, der nach seiner Rückkehr aus der Emigration erstmals wieder in Deutschland arbeitete, genau ablesen, denn aus ihr spricht der Fatalismus einer mit den Realitäten des Lebens vertrauten Frau. Als ein Gemälde von Nicole, auf dem sie nackt die Perlenkette trägt, die sie nach der Hochzeit von ihrem Mann geschenkt bekam, bei einer Kunst-Versteigerung zugunsten kranker Kinder im Haus des windigen spanischen Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) auftaucht, ist ihr die moralische Entrüstung gleichgültig. Ob Nicole mit einem anderen Mann geschlafen hat oder nicht, spielt für sie keine Rolle - aus ihren Worten lässt sich leicht heraushören, dass sie diese Option auch für sich selbst in Betracht zieht - sie kritisiert nur, dass das Bild in die Öffentlichkeit gekommen ist. Der verwerfliche Versuch von Hernandez, Walter mit dem Bild seiner Frau zu erpressen - eine Verklausulierung der Franco-Diktatur, die auf diese Weise einen Gegner ausschalten will - spielt für sie und den Botschafter keine Rolle.  Einzig die öffentliche Meinung ist von Belang, weshalb dieser von Walter verlangt, sich scheiden zu lassen oder seine Karriere beim diplomatischen Dienst zu quittieren.

Aus der Diskrepanz zwischen Realität und den in der Gesellschaft verankerten moralischen Standards entstand in vielen Filmen Käutners erst das notwendige Spannungsverhältnis für seine Geschichten. Hier kehrt er die Thematik um. Der Bruch zwischen den Liebenden wird einzig durch die von dem Gemälde hervorgerufenen Stimmungen erzeugt, ohne dass es dafür einen gerechtfertigten Anlass gibt - der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) war von Nicoles Gesicht so fasziniert, dass er es noch in der Pariser Oper skizzierte und als Kopf für den Körper seines Nacktmodells (Ingrid van Bergen) verwendete - wird aber zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Diese Abläufe als Kritik an der internationalen Diplomatie zu begreifen - wie es in manchen zeitgenössischen Kritiken geäußert wurde -, ist oberflächlich, denn Käutner nutzte diesen Hintergrund vor allem wegen der darin verankerten Zuspitzung einer generellen gesellschaftlichen Haltung.

Zudem hat Nicoles Ehemann Walter nichts mit den typischen Männerrollen aktueller romantischer Komödien gemeinsam, die ihre künstliche Dramatik aus konstruierten Missverständnissen erzeugen. Er glaubt Nicole, dass sie ihn nicht betrogen hat, aber er gerät in die Mühlen zwischen beruflicher Karriere und romantischen Liebesfantasien. Dass er den Maler in Paris persönlich aufsuchen will, ist Zeichen seiner Unsicherheit, weshalb er seine Frau, wider seines Empfindens, sofort beim Wort nimmt, als sie plötzlich doch ihre Affäre gesteht – sie liefert ihm damit einen willkommenen Entscheidungsgrund. Aus heutiger Sicht wirkt die Rollenverteilung der beiden konkurrierenden Männer eindeutig – hier der korrekte, etwas langweilige Diplomat, dort der lässige, unterhaltsame Künstler – aber es bedurfte schon eines Mimen wie O.W. Fischer, um diese Figur sympathisch wirken zu lassen, die den Anforderungen an einen zuverlässigen Ehemann deutlich widersprach.

Bis heute werden Bohemiens dieser Art am Filmende zivilisiert – meist wird ihnen ein gesichertes Einkommen angedichtet und die bisherigen Frauengeschichten als nebensächlich relativiert - um die Entscheidung der weiblichen Hauptfigur für diesen Typus rechtfertigen zu können. Nicht bei Käutner, dem es weniger um die gefestigte Figur des Malers ging als um Nicole. Sein Film erzählt die Geschichte ihrer Emanzipation, eines wachsenden Selbstbewusstseins bis zu einer Unabhängigkeit, die sie in der Lage versetzt, nicht nur ihrer eigenen Entscheidungen zu treffen, sondern sie auch selbst umzusetzen. Ruth Leuwerik spielte noch mehrfach unter der Regie von Helmut Käutner, darunter knapp 10 Jahre später in „Die Rote“ (1962), in der sie eine Frau verkörperte, die ohne finanziell abgesicherten Hintergrund ihren Ehemann verlässt. Beide Filme lassen sich als Indiz für die Entwicklung der Emanzipation der Frau in den 50er Jahren verstehen, die Käutner Anfang der 60er Jahre deutlich pessimistischer analysierte als in „Das Bildnis einer Unbekannten“. Ruth Leuwerik, die hier selbst die von Käutner zur Musik Franz Grothes geschriebenen Liedtexte sang, glänzt in der Rolle einer liebenswerten, emotionalen jungen Frau, die ihren eigenen Weg findet – eine Möglichkeit, die ihr in „Die Rote“ nicht mehr offen stand.

Im Zusammenspiel mit O.W. Fischer entwickelte sich ein äußerst Stil sicherer und optimistisch gehaltener Unterhaltungsfilm, der in der Glaubwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen und der Modernität seiner Anlage nur noch selten erreicht wurde.

"Bildnis einer Unbekannten" Deutschland 1954, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Hans Jacoby, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Erich Schellow, Irene von Meyendorff, Ingrid van Bergen, Laufzeit : 103 Minuten

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Mittwoch, 14. August 2013

Die Zürcher Verlobung (1957) Helmut Käutner

Inhalt: Die bisher wenig erfolgreiche Schriftstellerin Juliane Thomas (Lieselotte Pulver) beendet enttäuscht die Beziehung mit ihrem untreuen Freund Jürgen Kolbe (Wolfgang Lukschy) und fährt nach Berlin zu ihrem Onkel Dr.Julius Weyer (Werner Finck), einem Zahnarzt, um die Angelegenheit zu verdauen. Damit sie auf andere Gedanken kommt, dient sie sich als Zahnarzthelferin an, zeigt dabei aber nur wenig Engagement. Das ändert sich, als mit Dr. Jean Berner (Paul Hubschmid) ein attraktiver Mann im Wartezimmer erscheint, der seinen Freund Paul Frank (Bernhard Wicki) begleitet, den die Zahnschmerzen zum Arzt trieben. Obwohl schon mit Alkohol beruhigt, erweist sich Frank wenig souverän im Patientenstuhl, während dessen Freund Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, weshalb sich Juliane Hals über Kopf in ihn verliebt.

Wieder zu Hause in Hamburg, nimmt sie dieses Erlebnis zum Anlass, ein Drehbuch zu schreiben. Den ungehobelten Paul Frank nennt sie darin „Büffel“ und aus ihrer Begegnung mit Dr. Berner lässt sie eine Liebesgeschichte entstehen - selbstverständlich mit Happy-End. Zu ihrer Überraschung wird ihr Drehbuch angenommen und sie soll bei dem Regisseur vorsprechen, bei dem es sich ausgerechnet um den besagten „Büffel“ handelt…


"Die Zürcher Verlobung" gehört zu den unverwüstlichen Komödien des Fernsehzeitalters, die meist an irgendwelchen Sonntagnachmittagen wiederholt werden, was der Reputation nicht unbedingt dienlich war. Dabei drehte Regisseur Helmut Käutner nach seinem Erfolg mit der Zuckmayer-Verfilmung „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) im Jahr darauf neben „Monpti“ noch eine zweite Komödie, die neben ihrem intelligenten, charmanten und witzigen Drehbuch nach dem Roman von Barbara Noack noch eine weitere, Mitte der 50er Jahre im deutschen Film, seltene Eigenschaft aufwies – sie befand sich auf der Höhe der Zeit, oder genauer, war ihr vielleicht sogar ein wenig voraus. Selten beschäftigte sich ein humorvoll angelegter Film dieser Phase so unmittelbar mit der bundesrepublikanischen Gegenwart und wurde zudem von Käutner, obwohl die Handlung unter Filmprominenz und Besserverdienenden angelegt ist, gleichzeitig selbstironisch und ohne kitschige Peinlichkeiten inszeniert.

Neben Liselotte Pulver, die zwischen den Kurt Hoffmann Filmen „Heute heiratet mein Mann“ (1956) und „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957) erstmals mit Helmut Käutner zusammen arbeitete, wählte er nicht zufällig Bernhard Wicki für die Rolle des Regisseurs Paul Frank aus, dessen im Film vertretene Meinung viel über Käutners eigene Haltung verrät. Wicki hatte nicht nur in „Die letzte Brücke“ (1954) unter ihm seine erste Hauptrolle gespielt, er ging noch im selben Jahr bei den Dreharbeiten zu „Monpti“ als Assistent bei ihm in die Lehre, bevor er selbst mit „Die Brücke“ (1959) als Regisseur reüssierte – entsprechend viel Persönliches wird in „Zürcher Verlobung“ spürbar, von Käutner noch auf die Spitze getrieben, indem er selbst in einem Cameo-Auftritt als Journalist äußert, er fände es nicht gut, wenn ein Regisseur in seinem eigenen Film mitspielt. Auch Sonja Ziemann tritt als sie selbst auf und spielt darin mit ihrem Image, nicht die talentierteste zu sein.

Dieser hintergründige, selbstironische Humor zeichnet den gesamten Film aus, der nach außen hin eine scheinbar normale Liebesgeschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht Juliane Thomas (Liselotte Pulver), die in einem großen 50er Jahre - Wohnblock in Hamburg lebt. Zu Beginn sieht man sie enttäuscht Reliquien einer vergangenen Liebes-Affäre verbrennen, um dann - um Abstand zu gewinnen - nach Berlin zu ihrem Onkel, dem Zahnarzt Dr.Julius Weyer (Werner Finck), zu fahren, der sie mit den freundlichen Worten empfängt, wann endlich eine ihrer Beziehungen klappt und sie einen ordentlichen Job findet. Finck wiederholte damit seine Rolle als Zahnarzt in „Heute heiratet mein Mann“, in dem Liselotte Pulver ebenfalls eine selbstbewusste, junge Frau spielte, allerdings noch nicht mit der Konsequenz wie in „Die Zürcher Verlobung“. Die Szene, in der sich Lieselotte Pulver in knappem Negligé über ihren ins Nebenzimmer ausgelagerten Ex (Wolfgang Lukschy) beugt, um die Schallplatte auszumachen, während er versucht, sie zu sich ins Bett zu ziehen, erzählt eine andere Geschichte als im konservativ geprägten Heimatfilm oder moralisch genormten Komödien dieser Zeit – Sex vor der Ehe ist hier genauso selbstverständlich wie unsichere Arbeitsverhältnisse.

Ihre Erlebnisse als Zahnarzthelferin bei ihrem Onkel, hatte die selbstbewusste Juliane in einem Drehbuch umgesetzt, welches sie an diverse Produktionsgesellschaften geschickt hatte. Im Mittelpunkt ihrer Story stehen zwei Männer – Einer, den sie "Büffel" nennt, da er einen besonders unfreundlichen und gleichzeitig feigen Eindruck hinterließ, als er auf denkbar unvorteilhafteste Weise auf dem Zahnarztstuhl randalierte, und im Gegensatz dazu, dessen Freund und Begleiter Dr. Jean Berner (Paul Hubschmid), einem attraktiven Schweizer Arzt, in den sich die junge Frau sofort verliebt, weshalb sie aus dieser Begegnung eine romantische Liebesgeschichte entwickelte. Ihre Freude, als ihr Drehbuch angenommen wird, ist zuerst sehr groß, trübt sich aber, als sie sich bei dem Regisseur des geplanten Films vorstellt, bei dem es sich um Niemand Anderen als den von ihr beschriebenen "Büffel" handelt. Paul Frank (Bernhard Wicki), der sich gut getroffen findet, gefällt das Drehbuch gerade deshalb, hält aber die Liebesgeschichte für unrealistisch und kitschig – besonders das typische Happy-End lehnt er ab.

Von ihm darauf angesprochen, ob sie selbst in seinen Freund verliebt wäre, widerspricht Juliane diesem Verdacht und erfindet in ihrer Erklärungsnot einen anderen Mann, mit dem sie sich demnächst in Zürich verloben würde. Die Titel gebende „Zürcher Verlobung" ist entsprechend eine Fälschung, die der Film zum Anlass für eine Vielzahl an Diskussionen nimmt, die bis heute aktuell geblieben sind. Allein die Frage, ob sich die Story nach dem Willen des Publikums richten soll oder künstlerische Gesichtspunkte wichtiger sind, wird wiederholt aufgeworfen. Beide Haltungen gelten nicht als vereinbar und geben die unterschiedlichen Herangehensweisen an einen Film wider – während der Produzent von Julianes Liebesgeschichte sehr angetan ist und schon die Begeisterung des Publikums vor Augen hat, lässt Regisseur Paul Frank ständig das Drehbuch ändern, um die Story authentischer und realistischer werden zu lassen.

Trotz dieser Thematik blieb Käutner in „Die Zürcher Verlobung" schwerelos und siedelte die Handlung, deren Liebesgeschichte sich unerwartet und untypisch entwickelt, vor den verschneiten Berge um St.Moritz an. Und bewies damit, dass auch deutsche Komödien der 50er Jahre geistreich, witzig und modern wirken konnten.

"Die Zürcher Verlobung" Deutschland 1944, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Heinz Pauck, Barbara Noack (Roman), Darsteller : Liselotte Pulver, Bernhard Wicki, Paul Hubschmid, Rudolf Platte, Wolfgang Lukschy, Werner Finck, Maria Sebaldt, Sonja Ziemann, Laufzeit : 103 Minuten

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Freitag, 31. Mai 2013

Große Freiheit Nr.7 (1944) Helmut Käutner

Inhalt: Die Padua, das Schiff auf dem Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) als Seeleute arbeiten, hat endlich wieder im Hamburger Hafen angelegt. Sie freuen sich Hannes (Hans Albers) wieder zu sehen, der als „Singender Seemann“ in der „Großen Freiheit“ auf der Reeperbahn auftritt. Nach vielen Jahren gemeinsamer Seefahrt hatte Hannes sich entschlossen an Land zu bleiben, da ihn sein Bruder um viel Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance nahm, eine Ausbildung zu finanzieren, um nicht nur als einfacher Matrose zur See fahren zu können.

Doch trotz seines Erfolges auf der Reeperbahn ist er nicht glücklich, weshalb er nur unwillig zu seinem Bruder geht, als dieser ihn an sein Sterbebett ruft. Wiederholt macht er ihm Vorwürfe für das, was er ihm angetan hat, aber sein Bruder denkt nur an Gisa (Ilse Werner), seine frühere Geliebte, um die er sich nicht mehr gekümmert hatte. Er bittet Hannes, zu Gisa aufs Land zu fahren, wo sie bei ihrer Mutter auf dem Bauernhof arbeitet. Als er kurz darauf stirbt, kann Hannes trotz seines Grolls nicht anders, als seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Gisa leidet unter den ständigen Vorwürfen ihrer Mutter, sich unverheiratet auf einen Mann eingelassen zu haben. Sie hält auch Hannes für unmoralisch, was dieser energisch von sich weist, aber er bietet Gisa an, mit ihm nach Hamburg zu kommen, wo er für sie sorgen wird. Erst zögert sie, aber nach erneuten Anschuldigungen ihrer Mutter entschließt sie sich, Hannes zu begleiten...


Obwohl Helmut Käutner 1943 wegen „Romanze in Moll“ mit dem Propaganda-Ministerium in Konflikt geraten war, da der melodramatische Film zu sehr einen individuellen Lebensentwurf herausstrich, durfte er mit „Große Freiheit Nr.7“ den ersten Agfa-Farbfilm der Terra - Filmgesellschaft drehen, der mit Hans Albers in der Hauptrolle als Würdigung der deutschen Handelsmarine gedacht war. Dazu gab es klare Vorgaben seitens des Ministeriums. Im Film durfte nichts auf den fortgeschrittenen Krieg hinweisen, sondern sollte eine positive Grundstimmung vorherrschen, um das Volk bei Laune zu halten. Um gegen diese Richtlinien nicht zu verstoßen, setzten in dieser Phase viele Regisseure auf historische oder fantastische Geschichten wie „Münchhausen“ (1943) unter der Regie von Josef von Báky, in dem Hans Albers die Titelrolle übernommen hatte. Auch die Gattung des Musikfilms galt als unverfänglich – ein Genre, das Regisseur Käutner vertraut war. Mit „Wir machen Musik“ hatte er zuletzt 1942 einen erfolgreichen Vertreter auf die Leinwand gebracht - mit Ilse Werner an der Seite von Marika Rökk.

Entsprechend versprach auch "Die große Freiheit Nr.7" eine mit vielen populären Nummern gespickte Musikrevue (unter anderen „La Paloma“ und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“) zu werden, mit dem "Blonden Hans" Albers und Ilse Werner in den Hauptrollen und populären Komödianten wie Gustav Knuth und Günther Lüders in Nebenrollen. Dank nur weniger Aufnahmen im Hamburger Hafen – der größte Teil der Dreharbeiten fand in Prag statt – konnte Käutner Hinweise auf den Krieg vermeiden, verzichtete aber auch sonst auf jeden konkreten Bezug zur politischen Realität, obwohl die Handlung in der damaligen Gegenwart stattfand. Doch dieser äußerliche Anschein täuschte, denn Helmut Käutner nutzte die abwechslungsreiche Geschichte um Liebe, Reeperbahn und die Sehnsucht nach dem Meer, um ein authentisches Zeitbild zu schaffen, geprägt von nachvollziehbaren menschlichen Emotionen. Schon der geplante Titel „Große Freiheit“ stieß im Propagandaministerium auf Ablehnung, weshalb der mögliche Symbolcharakter mit der Hinzufügung der Hausnummer 7 abgeschwächt werden musste. Trotzdem fand Käutners Film keine Gnade vor den Augen Joseph Goebbels, dem die Handlung zu schwermütig und pessimistisch angelegt war, weshalb der Film nicht zur Aufführung kam. Selbst nach dem Krieg wurde „Große Freiheit Nr.7“ nicht empfohlen, da die Handlungsweise der Protagonisten als moralisch verwerflich galt.

Zwar beginnt der Film humorvoll, wenn sich die beiden Hamburger Seeleute Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) vor dem Landgang mit einem Kölner Kollegen über die Qualitäten ihrer jeweiligen Heimatstädte in die Haare kommen, aber schon als sie ihren alten Freund Hannes (Hans Albers) im Lokal „Große Freiheit Nr.7“ zu besuchen, wo er jeden Abend als „Singender Seemann“ auftritt, wird Wehmut spürbar. Hannes war lange Zeit gemeinsam mit Fiete und Jens auf dem Viermast-Schoner „Padua“ über die Meere gesegelt, bevor er sich entschieden hatte, an Land zu bleiben. Obwohl ihm die Herzen bei seinen Auftritten zufliegen, ist der eingefleischte Seemann Hannes mit seinem Job auf der Reeperbahn unglücklich, den er hatte annehmen müssen, weil ihn sein Bruder mehrfach um sein Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance genommen wurde, eine Ausbildung auf See zu machen. Doch trotz seiner stattlichen Erscheinung bleibt er gutmütig bis zur Naivität, weshalb er gegen seine ursprüngliche Absicht auch den letzten Wunsch seines Bruders erfüllt und ihm auf dessen Sterbebett verspricht, sich um dessen ehemalige Geliebte Gisa (Ilse Werner) zu kümmern.

Diese lebt weit von Hamburg entfernt wieder bei ihrer Mutter auf einem Bauernhof, wo sie nach dem Tod des Vaters tatkräftig mitarbeiten muss. In wenigen Szenen schildert Käutner, welchen Anfeindungen sie in der ländlichen Gegend ausgesetzt ist, da sie sich nicht wie ein anständiges Mädchen verhalten hatte. Sogar ihre Mutter schämt sich für sie, weshalb Hannes nicht viele Worte braucht, um sie dazu zu überreden, wieder nach Hamburg zurückzukehren. Käutner versucht gar nicht erst, Gisas Handlungsweise zu relativieren, sondern schildert sie als junge Frau, die ein Faible für direkt und frech daher kommende Kerle hat, ohne deshalb ihren Anstand in Frage zu stellen. Auch bei Hannes hinterlässt die hübsche Gisa einen großen Eindruck, weshalb er sich gerne um sie kümmert und sie zu sich in seine Wohnung nimmt, obwohl sich die Leute schnell das Maul darüber zerreißen.

Doch es ist seine Figur, die das kommende Missverständnis erst herauf beschwört. Während sie einfach ihre Emotionen lebt, kann er nicht aus seiner Haut. Weder erkennt er, dass er nicht Gisas Typ ist, noch dass ihn Anita (Hilde Hildebrand), die Chefin der „Großen Freiheit“, liebt. Käutner macht kein Geheimnis daraus, dass auch hier die Gesetze der Reeperbahn gelten. Ganz offensichtlich machen sich die Mädchen an die Matrosen heran, um Geld zu verdienen. Aus heutiger Sicht wirkt die damalige Anmache fast romantisch, aber das ist nur der veränderten Sichtweise auf die Sexualität geschuldet. Zudem spielt Günther Lüders den verprellten Seemann Jens auch in seinem Unglück mit einer gewissen Komik, was seine Enttäuschung etwas abschwächt. Hannes singt zwar dort, sieht sich aber moralisch über seiner Umgebung stehend, weshalb Anita für ihn nicht als „ernste“ Beziehung in Frage kommt. Stattdessen verbietet er Gisa, die sich seine Auftritte ansehen will, dorthin zu gehen, weil sich das für ein anständiges Mädchen nicht gehört. Dabei hätte das seine Chancen bei ihr wahrscheinlich erhöht, denn als Sänger ist er charmant und lässig, während er sonst versucht, besonders solide aufzutreten. Gisa lernt dagegen mit Willem (Hans Söhnker) genau den Typen kennen, auf den sie steht, obwohl es offensichtlich ist, dass er den Umgang mit Frauen gewöhnt ist.

Käutner schert sich in „Große Freiheit Nr.7“ weder um die Erwartungshaltung des Publikums, noch um irgendeine ausgleichende Gerechtigkeit, die es in der Realität nicht gibt. Gisa lebt ihre Emotionen, unabhängig von pragmatischen Erwägungen und trotz ihrer schlechten Erfahrungen mit Hannes’ Bruder, auch Willem, der stolz ist, kein Seemann zu sein, sondern bei Blohm & Voss arbeitet, will nicht auf seinen Spaß verzichten – an ihnen verdeutlicht Käutner, dass Unvernunft keine Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist, sondern dank der gepredigten Moralvorstellungen damals nicht existieren durfte. Am ehrlichsten und zuverlässigsten ist Anita, aber sie kann die Vorurteile nicht überwinden und wird zur tragischen Figur des Films. Vordergründig scheint Hannes’ Tragik größer, da er von Gisa zurückgewiesen wird, aber letztlich bleibt seine Braut die See. Er musste an Land scheitern, da er die dortigen Regeln nicht verstand. Den Seeleuten der Handelsmarine mit Hannes an der Spitze gehören die Sympathien, aber der Film lässt auch deutlich werden, dass sie vor echter Verantwortung an Land damit auch fliehen.

Käutner nutzte den Agfa-Film, um mit satten Farben und starken hell/dunkel Kontrasten seine am poetischen Realismus orientierte Bildsprache fortzuführen, wie er sie zuvor in seinen Schwarz/Weiß Filmen schon entwickelt hatte und in seinem folgenden Film „Unter den Brücken“ zur Meisterschaft führen sollte. Auch thematisch bleibt er dem Realismus nah, schildert das Leben in Hamburg lakonisch und ohne seine Figuren zu bewerten. Wie in Hannes melancholischen Liedern ist das Dasein eine Abfolge von Glück und Trauer, ohne Garantien auf irgendein Gelingen – eine der nationalsozialistischen Ideologie gänzlich widersprechende Sichtweise. „Große Freiheit Nr. 7“ hat sich seine Zeitlosigkeit nicht nur wegen seiner unvergesslichen Lieder und Hans Albers eindrucksvollem Spiel bis heute bewahrt.

"Große Freiheit Nr. 7" Deutschland 1944, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Richard Nicolas, Darsteller : Hans Albers, Ilse Werner, Hans Söhnker, Hilde Hildebrand, Gustav Knuth, Günther Lüders, Laufzeit : 106 Minuten

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