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Donnerstag, 14. November 2013

Die Unbekannte (1936) Frank Wisbar

Inhalt: Eine Frauenleiche, die aus dem Wasser gefischt wurde, wird auf eine Polizeistation gebracht. Obwohl sie offensichtlich Selbstmord beging, lächelt ihr Antlitz, was die Polizisten darüber sinnieren lässt, unter welchen Umständen sie starb:

Es ist der letzte Abend, an dem Madeleine (Sybille Schmitz) als Sängerin auftritt, obwohl sie in dem Nachtclub große Erfolge feierte. Viele Männer versuchen es noch ein letztes Mal, sie für sich zu gewinnen, aber Madeleine glaubt nicht an die große Liebe und hat sich längst entschieden, in einer Großstadt ein neues Engagement anzunehmen. Als sie dort auf dem Bahnhof ankommt wird sie zufällig Zeuge eines Diebstahls. Innerhalb einer großen Menschenmenge, die sich um den bekannten Afrika-Forscher Thomas Bentick (Jean Galland) versammelt hatte, der gerade seine Braut Evelyn (Ilse Abel) verabschiedet, schnappt sich ein Dieb eine Tasche mit wertvollen Unterlagen, aber Madeleine kann die Polizei noch rechtzeitig warnen.

Bentick und seine Braut bedanken sich bei ihr, aber für Madeleine ist die Angelegenheit schon erledigt. Nicht so für den Forscher, der die schöne Frau vor dem Bahnhof stehen sieht und sie mit seinem Auto zu einem Hotel mitnimmt, dass er ihr empfiehlt. Er selbst wohnt dort auch und bittet sie, ihm am Abend Gesellschaft zu leisten. Sie sagt zu, obwohl sie am selben Abend ihren ersten Auftritt an ihrer neuen Arbeitsstelle hat. Als man ihre Bitte, einen Tag später dort beginnen zu können, ablehnt, kündigt sie spontan, zieht sich ein schönes Abendkleid an und geht zu der Verabredung mit Bentick…


Nachdem "Fährmann Maria" im Januar 1936 in die Kinos gekommen war, drehte Regisseur Frank Wisbar noch im selben Jahr einen weiteren Film mit Sybille Schmitz in einer tragenden Hauptrolle, der in mehrfacher Hinsicht prophetisch wirkt - "Die Unbekannte". Der Film beginnt mit einer aufgebahrten Frauenleiche, deren Schönheit, unterstrichen durch ein Lächeln in ihrem Gesicht, die anwesenden Polizisten darüber sinnieren lässt, unter welchen Umständen die junge Frau in den Freitod ging. Zurück geht diese Ausgangssituation auf die inzwischen vergessene Legende über "Die Unbekannte aus der Seine", die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum Allgemeingut gehörte und sich in unzähligen Haushalten in Form einer reproduzierten Totenmaske wieder fand, die häufig die Wände schmückte. Die damalige Faszination erklärt sich aus dem für eine Wasserleiche ungewöhnlich friedlichen Gesichtsausdruck und entfachte die Fantasien der Betrachter, obwohl die Authentizität der Totenmaske nie bewiesen wurde.

Nicht wenige Künstler ließen sich davon animieren und spielten  in ihren Werken auf diese Legende an - darunter Rainer Maria Rilke in seinem einzigen Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (1910) - aber den größten Einfluss auf den Mythos hatte die 1934 erschienene Novelle "Die Unbekannte" des studierten Botanikers und späteren Schriftstellers Reinhold Conrad Muschler, der mit einer rührseligen Geschichte um die junge Madeleine einen veritablen Bestseller ablieferte. Seine Fiktion von der großen Liebe einer armen Waise zu dem englischen Diplomaten Thomas, der ihre Gefühle zuerst erwidert - selbstverständlich bewahren sie bei ihrer gemeinsamen Reise nach Paris immer den moralischen Anstand - sich dann aber doch für die Frau entscheidet, mit der er zuvor schon verlobt war, traf den Nerv der Zeit. Madeleine stirbt im Bewusstsein ihrer ewigen Liebe mit einem glücklichen Lächeln, da für sie ein Weiterleben nach Thomas' Ablehnung keinen Sinn mehr hat.

Autor Muschler war seit 1932 Mitglied der NSDAP und drückte seine glühende Verehrung für Adolf Hitler in den Büchern "Adolf Hitler unser Führer" (1933) und "Das deutsche Führerbuch" (1934) aus. Eine Liebe, die nicht ewig andauerte, wie sein Austritt aus der NSDAP 1937 dokumentiert, die seine Schriftstellerkarriere unterbrach. Erst nach 1948 konnte er diese noch sehr produktiv bis zu seinem Tod 1957 fortsetzen. Es bedarf keiner tiefgründigen Interpretation, um die Geschichte von der glückseligen Selbstaufopferung Madeleines in die Nähe der nationalsozialistischen Ideologie zu rücken, die das persönliche Opfer für Führer und Vaterland propagierte. Auch die thematische Linie zu Wisbars Vorgängerfilm "Fährmann Maria" wird darin offensichtlich, in dem Sybille Schmitz ebenfalls eine Frau verkörperte, die bereit ist, für ihre Liebe in den Tod zu gehen, dessen morbide, schwermütige Umsetzung allerdings nur wenig Anklang beim Propagandaministerium fand.

Doch während zu "Fährmann Maria" noch entsprechende Hintergrundinformationen existieren, macht "Die Unbekannte" ihrem Namen alle Ehre, obwohl es sich um die Verfilmung eines damals aktuellen Bestsellers handelte - nicht einmal ein Filmplakat lässt sich zu einer damaligen Vorführung finden. Noch weniger bekannt sind nur die zwei letzten Filme Wisbars, bevor er aus Deutschland mit seiner jüdischen Frau emigrierte - "Ball im Metropol" (1937) und "Petermann ist dagegen" (1938). Sieht man von Aribert Mog ab, dessen NSDAP -Mitgliedschaft ihn nicht davor bewahrte, eingezogen zu werden, weshalb er 1941 beim Russlandfeldzug starb, verfügte der Cast von "Die Unbekannte" über keinen echten Filmstar. Zwar ist hier Curd Jürgens in einer seiner ersten Rollen zu sehen, aber der einzig relevante Part an der Seite von Sybille Schmitz, der des englischen Diplomaten Thomas Bentick, wurde von Wisbar mit dem französischen Mimen Jean Galland besetzt, der mit entsprechendem Akzent spricht und in keinem weiteren deutschen Film mitwirkte. Doch allein die Besetzung von Sybille Schmitz hätte genügen müssen, um für Aufmerksamkeit beim Publikum zu sorgen, aber ihr Abstand zu den nationalsozialistischen Machthabern, gepaart mit ihrer moralisch anrüchigen Haltung, schadete trotz ihrer Popularität zunehmend ihrer Reputation.

Entscheidender dafür, dass „Die Unbekannte“ im nationalsozialistischen Deutschland kein Erfolg wurde und in Vergessenheit geriet, dürfte Frank Wisbars Bearbeitung der Buchvorlage gewesen sein. Schon dass er Sybille Schmitz, deren Schönheit und selbstbewusstes Auftreten eine geheimnisvolle Erotik ausstrahlte, die Rolle der Madeleine spielen ließ, widersprach dem verklärten Frauenbild einer selbstlos liebenden Waisen. Konsequenterweise veränderte Wisbar den Charakter der weiblichen Hauptrolle und ließ seinen Star als Sängerin eines Nachtclubs auftreten, der die Männer scharenweise zu Füßen liegen. Allein das zu Beginn von ihr vorgetragene Lied „Die große Liebe ist nur ein Märchen“ mit der Textzeile „…die Türen meines Herzens sind zu…“ genügt schon für den gesamten Film. Entsprechend lässt sie eine Vielzahl an gebrochenen Männerherzen zurück, als sie sich entscheidet, ein Engagement in einer anderen Stadt anzunehmen. Wisbars Film lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich auf konkrete Liebesabenteuer eingelassen hatte, an denen sie nach kurzer Zeit wieder die Lust verlor. In einer späteren Szene erkennt sie ein älterer Herr wieder, der ihr vorwirft, sie hätte einen seiner begabtesten Studenten mit ihrer unmoralischen Lebensweise in die Verzweiflung getrieben.

Auch die männliche Hauptrolle wurde von Wisbar stark überarbeitet. Thomas Bentick ist im Film kein englischer Diplomat, sondern ein in Deutschland lebender, sehr bekannter Afrika-Forscher, dessen Nationalität offen bleibt. Er will in wenigen Tagen zu einem 5jährigen Forschungsaufenthalt abreisen, verabschiedet sich aber schon von seiner deutschen Verlobten Evelyn (Ilse Abel), die vorausfährt, während er noch ein paar Formalitäten in Berlin erledigen muss. Am Bahnhof begegnen sie Madeleine, die dank ihrer Aufmerksamkeit einen Diebstahl wichtiger Unterlagen verhindern kann. Kaum hat Bentick seine Braut verabschiedet, wirbt er offensiv um die schöne Madeleine, fährt sie zum Hotel und bittet sie um ihre Begleitung bei einem abendliche Dinner. Die Art, wie sich Madeleine darauf einlässt, widerspricht in jeder Hinsicht dem damals tradierten Frauenbild, dem in Muschlers Roman gehuldigt wurde. In vollem Bewusstsein darüber, dass Bentick verlobt ist und damit ihre fatalistische Haltung über die Liebe bestätigt, kündigt sie ihre neue Arbeitsstelle, weil ihr nicht erlaubt wurde, einen Tag später zu beginnen, und geht in einem schicken Abendkleid zu der Verabredung.

Nicht mehr an die Arbeitsstelle gebunden, willigt sie ein, mit Thomas nach Berlin zu fahren, aber mit einer romantischen Liebesreise nach Paris, wie sie Muschler in seinem Buch beschrieb, hat das wenig zu tun. Viel mehr entsteht ein Wechselspiel zwischen dem Werben des sehr wohlhabenden Lebemanns und der attraktiven, selbstbewussten Frau, die spürt, dass sie tiefe Gefühle für ihn entwickelt. Nur in dieser emotionalen Ebene lassen sich Parallelen zur literarischen Vorlage erkennen, aber Wisbar zieht entgegengesetzte Schlüsse daraus. Nicht Thomas entscheidet sich gegen Madeleine, sondern sie schickt ihn zu seiner Braut. Ihre letzte Entscheidung wird zu einer Bestätigung des Liedes, das sie zu Beginn sang - „Die große Liebe ist nur ein Märchen“. Einen Moment lang trauert sie, aber ihr letzter Weg erinnert nicht an einen Selbstmord, sondern an ein Wandeln in die Ewigkeit mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht.

Frank Wisbar nahm der „Unbekannten aus der Seine“ die Rückständigkeit einer idealisierten passiven und keuschen Frauenfigur, und verlieh ihr in der von Sybille Schmitz verkörperten Madeleine einen erotischen, selbstbewussten Gestus. Damit konnte er die Erwartungshaltung an eine Romanverfilmung schwerlich erfüllen, aber die eigentliche Tragik des Films erschließt sich erst heute. Nur mit Sybille Schmitz, deren individueller Charakter zwar die Menschen faszinierte, gleichzeitig aber nicht in ihre Zeit passte und fremd blieb, konnte Wisbars Film funktionieren. Als sie 1955 an einer Überdosis Tabletten starb war sie ihr Leben lang geblieben, was der Film prophezeite – „Die Unbekannte“.

"Die Unbekannte" Deutschland 1936, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Frank Wisbar, Reinhold Conrad Muschler (Roman), Darsteller : Sybille Schmitz, Jean Galland, Aribert Mog, Ilse Abel, Curd JürgensLaufzeit : 86 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Frank Wisbar:

Montag, 23. September 2013

Fährmann Maria (1936) Frank Wisbar

Inhalt: Der alte Fährmann (Karl Platen) setzt einen Musiker (Carl de Vogt) herüber ans andere Ufer, wo dieser im Ort zu einem Fest aufspielen soll. Er freut sich auf dessen Bezahlung, denn damit hat er nach 15 Jahren endlich genügend Geld zusammen, um der Stadt die Fähre abkaufen zu können. Der Musiker lacht über ihn, da seine Arbeit dadurch nicht leichter werden wird, aber der alte Fährmann sieht das anders, da er endlich zu seinen eigenen Gunsten Geld verdienen kann.

Doch dazu kommt es nicht mehr, denn nachts möchte noch ein Fahrgast am anderen Ufer abgeholt werden - ein schwarz gekleideter, schweigsamer Mann (Peter Voß), der dem Fährmann nur mit einem Kopfnicken zu verstehen gibt, dass er ablegen soll. Dieser gehorcht und beginnt hinüber zu setzen, doch dabei verlassen ihn die Kräfte und er stirbt. Ohne die genauen Umstände zu kennen, spricht es sich in der Umgebung schnell herum, dass der Tod den Fährmann geholt haben soll, weshalb Niemand dessen Nachfolge antreten will. Bis eine heimatlose junge Frau (Sybille Schmitz) auftaucht, die Arbeit sucht und sich bereit erklärt, den Posten zu übernehmen...


Seine erfolgreichste Phase als Filmregisseur erlebte Frank Wisbar, nachdem er Mitte der 50er Jahre wieder nach Deutschland zurückgekehrt war und mit "Haie und kleine Fische" (1957) begann, sich mit der jüngeren Historie seines Heimatlandes auseinanderzusetzen. Nach seiner Emigration 1938 in die USA hatte es lange gedauert, bis er dort über den Status eines B-Film Regisseurs hinaus gekommen war. Erst als er sich Anfang der 50er Jahre dem Fernsehen zuwandte und eine eigene Produktionsgesellschaft gründete, schuf er sich die Basis, um anspruchsvolle Filme nach eigenem Ermessen umsetzen zu können. Seine Vorkriegsfilme waren zu diesem Zeitpunkt schon in Vergessenheit geraten, wie auch der Großteil der daran Beteiligten.

Am ehesten blieb von seinen vor seiner Flucht gedrehten Filmen "Fährmann Maria" in Erinnerung, denn mit "Strangler of the Swamp" schuf Frank Wisbar 1946 ein Remake der Story um den weiblichen Fährmann, dass von ihm an die Erwartungshaltung des us-amerikanischen Publikums angepasst wurde. Einer solchen sah sich Wisbar auch 1936 ausgesetzt, denn der Propagandaminister der NSDAP, Joseph Göbbels, begutachtete seinen Film zwei Wochen bevor er in die Kinos kam. Ihm persönlich gefiel er nicht, aber „Fährmann Maria“ wurde mit den Prädikaten "künstlerisch wertvoll" und "volksbildend" freigegeben, womit er besser beurteilt wurde als Wisbars früherer Film "Anna und Elisabeth" (1933), der nach Ansicht der Nationalsozialisten gegen das "gesunde Volksempfinden" verstoßen hatte.

So wie der irritierend klingende Filmtitel "Fährmann Maria" Zwiespältigkeit ausdrückt, verzichtet der gesamte Film auf jede Eindeutigkeit in seiner inszenatorischen Anlage, weshalb die Interpretationen von der Anpassung an die "Blut und Boden" - Ideologie der Nationalsozialisten bis zu einer verschlüsselten Anti-Haltung reichen. Allein die Besetzung des Films unterstreicht diese Mehrdeutigkeit - und steht gleichzeitig exemplarisch für die Vergänglichkeit von Ruhm und Erfolg. Das zum Vorspann erklingende "Heidelied", mit dem Wisbar zu dem Musiker (Carl de Vogt) überleitet, der gerade von dem alten Fährmann (Karl Platen) zum anderen Ufer gefahren wird, wurde von der Sängerin Mimi Thoma gesungen, deren mit tiefer Stimme vorgetragenen wehmütigen Lieder in den 30er und 40er Jahren ein Millionen-Publikum fanden, sie aber auch zu regelmäßigen Auftritten in Propagandaveranstaltungen verpflichtete. Obwohl sie im September 1945 noch Stargast einer Benefiz-Veranstaltung zugunsten des "Roten Kreuzes" in München war, verblasste ihr Stern nach dem Krieg schnell. Mit nur 59 Jahren starb sie 1968, inzwischen vollständig in Vergessenheit geraten, in Köln.

Carl de Vogt, der hier einen unsteten Musiker verkörperte, war sowohl als Stummfilmstar, als auch als Sänger schon in den 20er Jahren sehr bekannt, konnte nach seinem Berufsverbot, dass wegen seines 1933 erfolgten Eintritts in die NSDAP nach 1945 verhängt wurde, aber nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen und ist heute ebenso unbekannt. Aribert Mog, vor 1933 schon Mitglied des antisemitischen "Kampfbund für deutsche Kultur" und prädestiniert für Helden-Rollen ("Sprung ins Nichts" (1932)) verkörperte in "Fährmann Maria" den verletzten Soldaten, in den sich Maria verliebt. Trotz seiner Mitwirkung am Propagandafilm "Wunschkonzert" (1940) wurde er im selben Jahr zum Kriegsdienst eingezogen und fiel 1941 beim Russlandfeldzug. Auch Co-Autor Hans-Jürgen Nierentz verfügte als Schriftsteller über eine eindeutige Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie. Schon 1930 der Partei beigetreten, arbeitete er in verschiedenen hohen Positionen, unter anderen als Fernseh-Intendant und als Mitglied des "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda". Seine Mitwirkung am Drehbuch zu "Fährmann Maria" blieb seine einzige Filmarbeit. Nach 1945 – er galt eine Zeitlang als verstorben – hielt er sich bis zu seinem Tod im Hintergrund.

Entgegengesetzt zu dieser Reihe, die sich weiter fortsetzen ließe - Kameramann Franz Weihmayr war parallel zu seiner Tätigkeit für Wisbar am Propagandafilm "Hans Westmar" (1933) über Horst Wessels und an den Leni Riefenstahl -Filmen "Der Sieg des Glaubens" (1933) und "Triumph des Willens" (1935) beteiligt - steht Hauptdarstellerin Sybille Schmitz, die weder in einem eindeutigen Propagandafilm mitwirkte, noch sich der NSDAP annäherte. Zudem galt die ausschließlich ernsthafte Rollen verkörpernde, ausdrucksstarke Darstellerin moralisch nicht als integer – aus ihrer Vorliebe für beide Geschlechter machte sie kein Geheimnis -  weshalb sie trotz ihrer großen Attraktivität nie ein UFA-Star für die allgemeine Masse wurde. Die Folgen davon bekam sie nach dem Krieg zu spüren. Obwohl sie als unbelastet eingestuft wurde und schon in frühen Nachkriegsfilmen mitwirkte ("Zwischen gestern und morgen" (1947)), kam sie über Nebenrollen nicht mehr hinaus und nahm sich alkoholabhängig 1955 als 45jährige das Leben. Rainer Werner Fassbinder widmete ihren letzten Lebensjahren, stellvertretend für die Sozialisation Westdeutschlands in den 50er Jahren, den Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982), der mit ihrem Suizid endet. Auch Eduard Wenck, erfolgreicher Nebendarsteller während der Zeit des Nationalsozialismus, der in „Fährmann Maria“ den Dorfschulze verkörperte, beging 1954 als 60jähriger Selbstmord.

Den offensiv morbiden Charakter des Films deshalb als Menetekel zu begreifen, wäre unzutreffend – sämtliche Beteiligte wirkten parallel auch in Unterhaltungsfilmen mit - aber die Auseinandersetzung mit dem Tod, die allgegenwärtig über dem Film liegt, gilt als signifikant für die nationalsozialistische Ideologie. Schon in frühen Propagandafilmen wie „Morgenrot“ (1933) wurde der Tod als Mittel zur Selbstopferung für das Vaterland legitimiert. Die in Wisbars Film erfolgte Personifizierung des „Todes“ (Peter Voß) orientierte sich dagegen mehr an der traditionell in der bildenden Kunst verankerten Figur des „Gevatter Tod“, wie er schon von Fritz Lang in „Der müde Tod“ (1921) thematisiert wurde. Zudem besteht an der eindeutigen Gefahr, die von dieser Figur ausgeht, von Beginn an kein Zweifel, denn die Eingangssequenz, in der das Erscheinen des schwarz gekleideten, autoritär und schweigsam auftretenden Mannes zum Tod des alten Fährmanns (Karl Platen) führt, der sich gerade erst aus der Abhängigkeit lösen konnte – er hatte nach 15 Jahren genug Geld verdient, um der Stadt die Fähre abkaufen zu können – betont ausschließlich dessen unbarmherzige Vorgehensweise, welche dem Film eine stetig über der Handlung liegende Spannung verleiht.

Frank Wisbar und sein Kameramann Franz Weihmayr unterstrichen diese düstere Atmosphäre mit expressiven Schwarz-Weiß-Bildern, die die Landschaft der Lüneburger Heide als einen Ort stilisierten, aus dem unbekannte Gefahren geboren werden – jedes Geräusch und jeder Schatten, der sich in der Dunkelheit bewegt, kann eine unmittelbare Bedrohung bedeuten. Damit wählte Wisbar eine Charakterisierung des landschaftlichen Hintergrunds, die dem nach dem Krieg aufkommenden Heimatfilm der 50er Jahre entgegen gesetzt war. In dem für das Genre exemplarischen „Grün ist die Heide“ (1951) diente dieselbe Heidelandschaft als Hort der Geborgenheit und Tradition. Auch der Begriff der „Heimat“ hat in „Fährmann Maria“ eine andere Bedeutung, denn hier handelt es sich weniger um einen Zuflucht versprechenden geografischen Ort, als um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einer Idee – eine eindeutige Anspielung auf die nationalsozialistische Ideologie, die besonders aus den Worten des verletzten jungen Mannes herauszuhören ist, den Maria (Sybille Schmitz) vor seinen Verfolgern rettet. Mehrfach betont er, dass sich jenseits des Ufers seine Heimat befindet, für die es sich zu kämpfen lohnt, ohne das Wisbar diesen Ort darüber hinaus näher definiert. Entsprechend lässt sich Marias Bereitschaft, sich für ihn opfern zu wollen - trotz der damit verbundenen, der nationalsozialistischen Ideologie widersprechenden christlichen Symbolik - auch als Teil des Kampfes um die Idee/Heimat interpretieren, so sehr sie unmittelbar aus Liebe zu ihm handelt.

Anders als in vielen Mitte der 30er Jahre entstandenen reinen Unterhaltungsfilmen, lässt sich die Nähe zu seiner Entstehungszeit in „Fährmann Maria“ nicht ausblenden. Dass Joseph Goebbels den Film trotzdem als „misslungenes Experiment“ betrachtete und die unterschwelligen Anspielungen aus heutiger Sicht kaum noch Gewicht haben, verdankt der Film dem Spiel seiner Hauptdarstellerin. Obwohl Maria als ein Mensch ohne Heimat in die Handlung tritt, weshalb sie von der Gesellschaft als Außenseiterin behandelt wird - ihr den Kraft raubenden Beruf eines Fährmanns anzubieten, den Niemand mehr übernehmen wollte, zeugt ebenso von Respektlosigkeit, wie die Eindeutigkeit, mit der ihr die Männer nachstellen – wirkt Sybille Schmidt mit ihrem klaren Gesicht und ihrer sparsamen, wahrhaftigen Ausdrucksweise stärker als ihre Umgebung. Die gespenstische Moorlandschaft, der Schatten, aus dem der Tod tritt, das blecherne Geräusch, mit dem die Fähre gerufen wird, die Männer, die die schöne Frau begehren, aber auch die Heimat, die auf sie wartet – sie alle bleiben weit hinter der beeindruckenden weiblichen Hauptfigur zurück.

"Fährmann Maria" Deutschland 1936, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Frank Wisbar, Hans-Jürgen Nierentz, Darsteller : Sybille Schmitz, Aribert Mog, Peter Voß, Carl de Vogt, Karl Platen, Eduard WenckLaufzeit : 81 Minuten

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Montag, 15. Juli 2013

Haie und kleine Fische (1957) Frank Wisbar

Inhalt: 1940 – der 18jährige Hans Teichmann (Hansjörg Felmy) und seine Kameraden Gerd Heyne (Horst Frank), Emil Stollenberg (Thomas Braut) und Vögele (Ernst Reinhold) treten ihren ersten Dienst als angehende Offiziere auf dem Minensuchboot „Albatros“ an, und lassen sich ihre gute Laune auch nicht von dem unfreundlichen Empfang durch Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) vermiesen. Im Gegenteil – schon bald überqueren Teichmann und ein Freund den nahe gelegenen See mit ihrer Jolle, bis sie fast mit einem Motorboot zusammen stoßen, dem Teichmann unfreundliche Worte hinterher ruft.

Zurecht wie er findet, auch als er erfährt, dass die Frau seines Flotillen-Chefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) am Steuer saß. Zur Strafe muss er ihr beim Einkauf und der Einrichtung der Wohnung helfen, aber die Nähe zu der jungen und hübschen Frau Engelmann (Sabine Bethmann) empfindet Teichmann zunehmend als Vergnügen. Als er sie küsst, wehrt sie sich einen Moment nicht, weist ihn dann aber von sich, womit sein Job bei ihr beendet ist. Kurz darauf sticht er mit dem Minensuchboot in See, wo es zu dramatischen Ereignissen kommt, in die auch sein Flotillen-Chef verwickelt wird…


Obwohl der Kriegsfilm seit der "08/15" - Trilogie (1954/55) erfolgreich in den deutschen Kinos lief, hielten sich die Produzenten mit der Darstellung von Kampfhandlungen merklich zurück. Das änderte sich mit "Der Stern von Afrika" und "Haie und kleine Fische", die kurz nacheinander im Herbst 1957 in die deutschen Lichtspielhäuser kamen. Basierte "Der Stern von Afrika" noch auf der Biografie eines bekannten Kampffliegers und stand in der Tradition zuvor entstandener Kriegsfilme, die der Thematik auf diese Weise einen seriösen Anstrich geben sollte ("Canaris" 1954), verarbeitete der sonst unbekannt gebliebene Schriftsteller Wolfgang Ott in "Haie und kleine Fische" seine persönlichen Erfahrungen als Soldat der Marine und wirkte auch am Drehbuch der Verfilmung mit.

Sein überraschender Erfolg als Autor stand signifikant für die damalige Sehnsucht nach Stoffen, die das Erleben eines durchschnittlichen Soldaten im Krieg wiedergaben, weshalb "Haie und kleine Fische" stilbildend für die zukünftigen Kriegsfilme werden sollte. Im Mittelpunkt steht der angehende Marine-Offizier Hans Teichmann (Hansjörg Felmy), der als gerade 18jähriger kurz nach Kriegsbeginn auf einem Minensuchboot dient, bevor er 1941 an Bord eines U-Bootes versetzt wird. Das gab Regisseur Frank Wisbar die Gelegenheit, zuerst Gefechte auf See zu zeigen, bevor er die intensiven Erlebnisse der Männer unter Wasser mit der Enge an Bord, Luftknappheit und Torpedoangriffen wiedergab, die vom Gegner mit Echolot-Suche und Wasserbomben beantwortet wurden. Geschickt verband Wisbar dazu originale Aufnahmen mit gespielten Szenen, was einen authentischen Eindruck hinterlässt, auch wenn einzelnen davon die Studio-Atmosphäre anzumerken ist.

Regisseur Frank Wisbar hatte zum Zeitpunkt seines ersten deutschen Films nach dem Krieg schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit "Anna und Elisabeth" war er 1933 erstmals bei den Nationalsozialisten angeeckt, die seinen Film als Verstoß "gegen das gesunde Volksempfinden" betrachteten, bevor er mit "Fährmann Maria" (1936) zwar wenig Begeisterung bei Joseph Göbbels auslöste, aber einen exemplarischen Fantasy-Film mit Sybille Schmitz in der Hauptrolle ablieferte. 1946 drehte er mit "Strangler of the swamp" ein Remake des Films in Hollywood, nachdem er 1938 in die USA emigriert war, da seine halbjüdische Frau unter die Rassegesetze fiel. Erfolg hatte er dort erst, als er begann, für das Fernsehen zu arbeiten und daraufhin eine eigene Produktionsgesellschaft aufbaute. Seine Rückkehr nach Deutschland wurde von der Intention begleitet, die jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten, weshalb er nach "Haie und kleine Fische" mit "Hunde, wollt ihr ewig leben" (1958), "Nacht fiel über Gotenhafen" (1959) und "Fabrik der Offiziere" (1960) drei weitere während des 2.Weltkriegs spielende Filme herausbrachte, die trotz ihres offensichtlichen Unterhaltungscharakters eine kritische Betrachtungsweise versuchten.

Die bemerkenswerteste Szene in "Haie und kleine Fische" erinnert direkt an Wisbars Schicksal. Horst Frank, der Teichmanns Freund und Kameraden Gerd Heyne spielt, der gerade zum Oberleutnant befördert wurde, sinniert angesichts des Todes seines Vaters im KZ Bergen-Belsen darüber, was denn wäre, wenn er eine Frau heiratet, die nicht jüdisch wäre wie seine Großeltern. Dann wären seine Kinder Achtel-Juden und hätten eine Überlebenschance - nur kurz danach erschießt er sich selbst. Abgesehen von dieser kurzen, spät im Film angeordneten Sequenz, die verdeutlicht, dass die nationalsozialistische Ideologie in jeden Lebensbereich eindrang, taucht sie im übrigen Film nicht mehr auf. Stattdessen verkörperte Hansjörg Felmy den Typus des unangepassten Burschen, der zwar freiwillig zur Marine geht und auch für sein Vaterland kämpfen will, darüber hinaus aber jede soldatische Disziplin vermissen lässt und auch einen Vorgesetzten schlägt, wenn es der moralischen Gerechtigkeit dient  - eine idealisierte Mischung aus Kriegsheld und antiautoritärem Geist, die mehr die Coolness der 50er Jahre, als das Soldatenleben in der Wehrmacht abbildete.

Der Beginn des Films erinnert entsprechend an eine Sommerfrische. Während ihr Vorgesetzter Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) nur Wert auf korrekte Kleidung und respektvolles Grüßen legt, darüber hinaus aber nichts vom soldatischen Handwerk versteht, vergnügt sich Teichmann mit Freunden beim Segeln und hilft der Frau seines Flottillenchefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) "zur Strafe" für freche Bemerkungen beim Einkaufen und Einrichten der Wohnung. Da es sich bei Frau Engelmann (Sabine Bethmann) zudem um eine hübsche und junge Frau handelt, kann Charmeur Teichmann einfach nicht dagegen an, mit ihr anzubändeln - zwar wird er von ihr zurückgewiesen, aber nur weil es Sitte und Anstand so verlangen. Die "Tragik" dieser verhinderten Liebesgeschichte, die sich durch die gesamte Handlung zieht, kann ihren konstruierten und unrealistischen Charakter zwar nicht ablegen, förderte aber Hansjörg Felmys Reputation als ganzer Kerl und Womanizer.

Felmy, der auch in "Der Stern von Afrika" mitspielte (ebenso wie Horst Frank), gab die wichtige Identifikationsfigur, die die linear erzählte und sich vorhersehbar entwickelnde Story unbedingt benötigte. Seine Kriegserlebnisse - Lebensgefahr, Erfolg, Mannschaftsfeiern, aber auch großes Leid und der Verlust enger Freunde - deckten sich mit den Erfahrungen vieler Betrachter, ohne das schwierige Themen wie Kriegsverbrechen oder ideologische Verflechtungen berührt wurden. Selbst der Feind wird auch in den gefährlichsten Momenten kaum einmal sprachlich verdammt, so dass der Film keinen Moment vermitteln kann, warum es überhaupt zum Krieg gekommen war und welche Ziele damit verfolgt wurden. Schuld daran sind abstrakt die "Haie" - also die Nationalsozialisten - die die "kleinen Fische" - die Soldaten  - einem gefährlichen und sinnlosen Abenteuer aussetzten. Diesen Abenteuer-Charakter vermittelt zumindest der Film, der Teichmann die Gelegenheit gibt, zu zeigen, dass er ein mutiger Kämpfer ist, der sich damit letztlich auch den Respekt seines U-Boot-Kommandanten Jochen Lüttke verdient, den Wolfgang Preiss als autoritären Offizier gibt, der für den ängstlichen Berichterstatter - kein Soldat und der Partei nahe stehend - nur Verachtung übrig hat. Seine Bemerkungen wirken aus heutiger Sicht kleinlich und unsouverän, sprachen den ehemaligen Soldaten aber aus dem Herzen.

"Haie und kleine Fische" galt zum Zeitpunkt seiner Entstehung als "Anti-Kriegsfilm" und an Frank Wisbars Intention lässt sich auch nicht zweifeln, aber gleichzeitig wird deutlich, welche Kompromisse notwendig waren, um mit einem Kriegsfilm an der Kinokasse Erfolg zu haben. Aus heutiger Sicht wirkt der Film nicht nur verharmlosend, sondern regelrecht naiv in der völligen Abwesenheit einer alles beherrschenden Diktatur. Zudem spielte Felmy den Soldaten in einer Mischung aus kernigem Held und Freigeist, wie er in der Realität nicht hätte überleben können, mit der die Identifikation 1957 aber leicht fiel. Dass der Film Kampfhandlungen konkret zeigte und Teichmann am Ende als Einer von Wenigen überlebte, genügte schon als Kritik an einem Krieg, der noch nicht lange genug vorbei war, um ihn in auch nur annähernd ermessen zu können.

"Haie und kleine Fische" Deutschland 1957, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Alf Teichs, Wolfgang Ott (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Horst Frank, Wolfgang Preiss, Sabine Bethmann, Mady Rahl, Siegfried LowitzLaufzeit : 98 Minuten

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