Samstag, 17. August 2013

Das Spukschloss im Spessart (1960) Kurt Hoffmann

Inhalt: Die fünf Räuber Onkel Max (Georg Thomalla), Hugo (Curt Bois), Jockel (Hans Richter), Toni (Paul Esser) und als einzige Frau Katrin (Hanne Wieder) sollen unter der Aufsicht von Von Teckel (Hubert von Meyerinck) hingerichtet werden, aber dem Volk ist diese Strafe nicht hart genüg. Sie fordern, die Fünf in dem alten Wirtshaus im Spessartwald einzumauern, damit sie dort elendig verhungern. Von Teckel ist einverstanden und sperrt sie scheinbar für immer hinter einer Mauer ein, aber er konnte nicht mit den intensiven Arbeiten am Ausbau des Autobahnnetzes in der jungen Bundesrepublik Deutschland rechnen, denen Jahrhunderte später das Wirtshaus zum Opfer fiel. Inzwischen zu Gespenstern geworden, wollen sie sich eine neue Bleibe suchen, weshalb sie sich an das Schloss der Comtesse Franziska von Sandau erinnern, das in der Nähe gelegen ist.

Dort lebt inzwischen deren Nachfahre Charlotte (Liselotte Pulver), die nicht nur das alte Gemäuer von ihrem Vater geerbt hatte, sondern auch dessen Schulden. Deshalb steht ihr das Wasser bis zum Hals und die Pfändung des Schlosses kurz bevor. Die Ankunft der Gespenster erzeugt des nachts seltsame Vorkommnisse im Schloss, weshalb sie und ihre Tante Yvonne (Elsa Wagner) froh sind, als mit Martin „Dings“ (Heinz Baumann) ein junger Mann vor der Tür steht, der behauptet, in der Nähe einen Unfall gehabt zu haben, weshalb er um eine Unterkunft für eine Nacht bittet. Sie ahnen noch nicht, dass sein Besuch geplant war, aber die Gespenster, die sich Charlotte als ihre Freunde vorstellen, erweisen sich bald als hilfreiche Gesellen…


Nach dem großen Erfolg mit "Das Wirtshaus im Spessart" (1958), der seine kabarettistischen Seitenhiebe auf die Bundesrepublik Deutschland mit einer komödiantischen Geschichte aus alten Räuber-Zeiten und viel Musik verband, ließ Regisseur Kurt Hoffmann mit "Wir Wunderkinder" (1958) einen Film folgen, der seine Kritik unmittelbarer und vor einem ernsthafteren Hintergrund formulierte. Zu verdanken waren die respektlosen Anspielungen auf die "Wirtschaftswunderjahre" in beiden Filmen dem Duo Wolfgang Neuss / Wolfgang Müller, das besonders in "Wir Wunderkinder" zu Hochform auflief. Nach einigen weiteren Filmen des viel beschäftigten Regisseurs (unter anderen "Das schöne Abenteuer" (1959), ebenfalls mit Liselotte Pulver), die an den Kinokassen deutlich schwächer abschnitten und heute nahezu unbekannt sind, griff Hoffmann bei "Das Spukschloss im Spessart" erneut auf die alte Erfolgsformel zurück.

Zwar waren außer Hauptdarstellerin Liselotte Pulver, Hans Clarin, Hubert von Meyrinck in seiner ewigen Rolle als preußischer Kommiskopp (auch wenn er hier einen Bonner Staatsbeamten mimt) und Paul Esser Niemand der früheren Besetzung aus "Das Wirtshaus im Spessart" wieder mit an Bord, aber mit Hanne Wieder, Curt Bois, Hans Richter und Georg Thomalla wurde geeigneter Ersatz gefunden. Allerdings nicht für Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, nach dessen Unfall-Tod auch auf Neuss verzichtet wurde - ein herber Verlust, der sich deutlich in der Qualität der ironischen Anspielungen niederschlägt, die in „Das Spukschloss im Spessart“ gröber und weniger wirkungsvoll ausfielen, obwohl die Handlung diesmal in der Gegenwart spielte - zeitweise sogar unmittelbar in Bonn am Rhein, der damaligen Hauptstadt der BRD.

Um einen Zusammenhang zum ersten Film herzustellen, transferierten die Drehbuchautoren Heinz Pauck und Günter Neumann fünf der Räuber aus dem Spessartwald in die Gegenwart, wo sie diesmal als Geister ihr Unwesen treiben sollten. Der Film beginnt noch in der Vergangenheit, wo die Räuber statt am Strang zu enden, im titelgebenden Wirtshaus eingemauert werden, um sie dort qualvoller sterben zu lassen - Initiator dieses Vorgangs ist natürlich Hubert von Meyerinck als zackiger Offizier. Doch ein paar Jahrhunderte später, als das Wirtshaus einer Autobahntrasse weichen muss, kommen die Fünf wieder frei, die als Gespenster "überlebt" haben. Sie erinnern sich an das Schloss der Comtesse Franziska von Sandau, die in Teil 1 am Ende den Räuberhauptmann heiratete, und freuen sich, sie dort wieder zu sehen. Tatsächlich handelt es sich um deren Ur-Urenkelin Charlotte (Liselotte Pulver), die sie ebenfalls sofort in ihr Herz schließen, womit sich der Kreis zwischen den beiden Filmen schließt.

Auch in „Das Spukschloss im Spessart“ sind es wieder die Räuber, die für die respektlosen Sprüche und Anspielungen zuständig sind und sich nicht an die damals gängigen Moralvorstellungen halten mussten. Hanne Wieder darf deshalb eine hemmungslos promiskuitiv handelnde Schöne mimen, die vor allem im Duett mit Prinz Kalaka, den Hans Clarin als hektischen, sexgeilen Trottel gibt, ihre Reize einzusetzen weiß. Besonders an dieser Konstellation wird der stark angestaubte Charakter des Films sichtbar. Clarins zwar nicht unsympathische, aber klischeehafte Verkörperung eines reichen Scheichs, der nach Deutschland kommt, um die Finanzierung einer Talsperre zu übernehmen, lässt kaum ein Vorurteil aus, so wie Hanne Wieders Darstellung einer selbstbewusst erotisch auftretenden Frau keine emanzipatorische Züge trägt, da ihr nur als Räuberin aus dem Mittelalter ein solches Benehmen zugestanden wurde. Liselotte Pulver, die in „Das Wirtshaus im Spessart“ noch überzeugend in einer „Hosenrolle“ auftrat, verkörpert hier dagegen nicht nur Bravheit und Anstand pur, sondern wird in eine Liebesgeschichte mit dem jungen Martin Hartog (Heinz Baumann) verwickelt, die bemüht und konstruiert wirkt.

Deutlich wird daran auch, wie wenig „Das Spukschloss im Spessart“ letztlich riskierte. Für die wenigen konkreten Anspielungen – etwa wenn sich hinter dem Putz des Bonner Gerichtsgebäudes noch ein Hakenkreuz befindet, oder Hanne Wieder gegenüber Prinz Kalaka andeutet, es gäbe noch viel „Braune“ in Deutschland – sind ausschließlich die „Gespenster“ zuständig und als Karikatur auf den Bonner Beamten muss wie gewohnt einzig Hubert von Meyerinck herhalten. Dagegen wird das Potential um die Versteigerung des Schlosses der Comtesse - ein häufig gewähltes Motiv dieser Phase, siehe „Das Schloss in Tirol“ (1957) oder „Die Mädels vom Immenhof“ (1955) - verschenkt. Kaum hat Martin Hartog die bezaubernde Comtesse kennen gelernt, hat er seine ursprüngliche Intention, ihr Schloss unter einem Vorwand zu besuchen, um die Umbaumaßnahmen zu planen, schon vergessen. Er handelte im Auftrag seines Vaters, dessen Unternehmen Charlotte 100.000 Mark schuldet, weshalb die Pfändung kurz bevor steht. Eventuelle Seitenhiebe auf einen rücksichtslosen Kapitalismus wagte der Film natürlich nicht, denn nachdem sich Martin mit seinem Vater kurz entzweite, erweist sich dieser wenig später ebenfalls als anständiger Charakter, der Charlotte ihr Schloss nicht wegnehmen will. Als sich dann auch noch ein blöder US-Amerikaner findet, der 100.000 Mark für die fünf Gespenster bezahlt, um sie mit einer Rakete zum Mond zu schießen, ist nicht nur diese Schuld getilgt, sondern stellt sich auch die Frage, warum der Film nicht gleich mit hinauf geschossen wurde?

„Das Spukschloss im Spessart“, das sich selbst „Grusical“ nennt, da der Anteil an Gesangseinlagen gegenüber „Das Wirtshaus im Spessart“ deutlich gesteigert wurde, bedarf eines sehr nostalgischen Blicks, um sich an dem nur in seltenen Momenten ironischen, meist albernen und klischeehaften Treiben zu erfreuen – einzig die Tricks um die Gespenster können noch atmosphärisch überzeugen. Besonders Liselotte Pulver, deren erfrischendes Spiel immer auch selbstbewusste, emanzipatorische Züge trug, ist hier als nettes Mädel zu einseitig charakterisiert, während Heinz Baumann viel zu blass agiert, um nur einen Moment lang den knallharten Geschäftsmann zu verkörpern. Der Spagat zwischen kritisch-ironischen Anspielungen und einer unterhaltenden Komödie, der in „Das Wirtshaus im Spessart“ noch zeitweise gelang, wird in „Das Spukschloss im Spessart“ zu sehr an die Gespenster-Effekte und dem krampfhaften Bemühen, die Story im letzten Drittel noch nach Bonn zu versetzen, verschenkt, weshalb der Film den Eindruck eines Sammelsuriums hinterlässt, dessen Einzelteile nicht überzeugen können.

"Das Spukschloss im Spessart" Deutschland 1960, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Günter Neumann, Heinz Pauck, Darsteller : Liselotte Pulver, Heinz Baumann, Georg Thomalla, Hanne Wieder, Hans Clarin, Hubert von Meyerinck, Hans Richter, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

Mittwoch, 14. August 2013

Die Zürcher Verlobung (1957) Helmut Käutner

Inhalt: Die bisher wenig erfolgreiche Schriftstellerin Juliane Thomas (Lieselotte Pulver) beendet enttäuscht die Beziehung mit ihrem untreuen Freund Jürgen Kolbe (Wolfgang Lukschy) und fährt nach Berlin zu ihrem Onkel Dr.Julius Weyer (Werner Finck), einem Zahnarzt, um die Angelegenheit zu verdauen. Damit sie auf andere Gedanken kommt, dient sie sich als Zahnarzthelferin an, zeigt dabei aber nur wenig Engagement. Das ändert sich, als mit Dr. Jean Berner (Paul Hubschmid) ein attraktiver Mann im Wartezimmer erscheint, der seinen Freund Paul Frank (Bernhard Wicki) begleitet, den die Zahnschmerzen zum Arzt trieben. Obwohl schon mit Alkohol beruhigt, erweist sich Frank wenig souverän im Patientenstuhl, während dessen Freund Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, weshalb sich Juliane Hals über Kopf in ihn verliebt.

Wieder zu Hause in Hamburg, nimmt sie dieses Erlebnis zum Anlass, ein Drehbuch zu schreiben. Den ungehobelten Paul Frank nennt sie darin „Büffel“ und aus ihrer Begegnung mit Dr. Berner lässt sie eine Liebesgeschichte entstehen - selbstverständlich mit Happy-End. Zu ihrer Überraschung wird ihr Drehbuch angenommen und sie soll bei dem Regisseur vorsprechen, bei dem es sich ausgerechnet um den besagten „Büffel“ handelt…


"Die Zürcher Verlobung" gehört zu den unverwüstlichen Komödien des Fernsehzeitalters, die meist an irgendwelchen Sonntagnachmittagen wiederholt werden, was der Reputation nicht unbedingt dienlich war. Dabei drehte Regisseur Helmut Käutner nach seinem Erfolg mit der Zuckmayer-Verfilmung „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) im Jahr darauf neben „Monpti“ noch eine zweite Komödie, die neben ihrem intelligenten, charmanten und witzigen Drehbuch nach dem Roman von Barbara Noack noch eine weitere, Mitte der 50er Jahre im deutschen Film, seltene Eigenschaft aufwies – sie befand sich auf der Höhe der Zeit, oder genauer, war ihr vielleicht sogar ein wenig voraus. Selten beschäftigte sich ein humorvoll angelegter Film dieser Phase so unmittelbar mit der bundesrepublikanischen Gegenwart und wurde zudem von Käutner, obwohl die Handlung unter Filmprominenz und Besserverdienenden angelegt ist, gleichzeitig selbstironisch und ohne kitschige Peinlichkeiten inszeniert.

Neben Liselotte Pulver, die zwischen den Kurt Hoffmann Filmen „Heute heiratet mein Mann“ (1956) und „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957) erstmals mit Helmut Käutner zusammen arbeitete, wählte er nicht zufällig Bernhard Wicki für die Rolle des Regisseurs Paul Frank aus, dessen im Film vertretene Meinung viel über Käutners eigene Haltung verrät. Wicki hatte nicht nur in „Die letzte Brücke“ (1954) unter ihm seine erste Hauptrolle gespielt, er ging noch im selben Jahr bei den Dreharbeiten zu „Monpti“ als Assistent bei ihm in die Lehre, bevor er selbst mit „Die Brücke“ (1959) als Regisseur reüssierte – entsprechend viel Persönliches wird in „Zürcher Verlobung“ spürbar, von Käutner noch auf die Spitze getrieben, indem er selbst in einem Cameo-Auftritt als Journalist äußert, er fände es nicht gut, wenn ein Regisseur in seinem eigenen Film mitspielt. Auch Sonja Ziemann tritt als sie selbst auf und spielt darin mit ihrem Image, nicht die talentierteste zu sein.

Dieser hintergründige, selbstironische Humor zeichnet den gesamten Film aus, der nach außen hin eine scheinbar normale Liebesgeschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht Juliane Thomas (Liselotte Pulver), die in einem großen 50er Jahre - Wohnblock in Hamburg lebt. Zu Beginn sieht man sie enttäuscht Reliquien einer vergangenen Liebes-Affäre verbrennen, um dann - um Abstand zu gewinnen - nach Berlin zu ihrem Onkel, dem Zahnarzt Dr.Julius Weyer (Werner Finck), zu fahren, der sie mit den freundlichen Worten empfängt, wann endlich eine ihrer Beziehungen klappt und sie einen ordentlichen Job findet. Finck wiederholte damit seine Rolle als Zahnarzt in „Heute heiratet mein Mann“, in dem Liselotte Pulver ebenfalls eine selbstbewusste, junge Frau spielte, allerdings noch nicht mit der Konsequenz wie in „Die Zürcher Verlobung“. Die Szene, in der sich Lieselotte Pulver in knappem Negligé über ihren ins Nebenzimmer ausgelagerten Ex (Wolfgang Lukschy) beugt, um die Schallplatte auszumachen, während er versucht, sie zu sich ins Bett zu ziehen, erzählt eine andere Geschichte als im konservativ geprägten Heimatfilm oder moralisch genormten Komödien dieser Zeit – Sex vor der Ehe ist hier genauso selbstverständlich wie unsichere Arbeitsverhältnisse.

Ihre Erlebnisse als Zahnarzthelferin bei ihrem Onkel, hatte die selbstbewusste Juliane in einem Drehbuch umgesetzt, welches sie an diverse Produktionsgesellschaften geschickt hatte. Im Mittelpunkt ihrer Story stehen zwei Männer – Einer, den sie "Büffel" nennt, da er einen besonders unfreundlichen und gleichzeitig feigen Eindruck hinterließ, als er auf denkbar unvorteilhafteste Weise auf dem Zahnarztstuhl randalierte, und im Gegensatz dazu, dessen Freund und Begleiter Dr. Jean Berner (Paul Hubschmid), einem attraktiven Schweizer Arzt, in den sich die junge Frau sofort verliebt, weshalb sie aus dieser Begegnung eine romantische Liebesgeschichte entwickelte. Ihre Freude, als ihr Drehbuch angenommen wird, ist zuerst sehr groß, trübt sich aber, als sie sich bei dem Regisseur des geplanten Films vorstellt, bei dem es sich um Niemand Anderen als den von ihr beschriebenen "Büffel" handelt. Paul Frank (Bernhard Wicki), der sich gut getroffen findet, gefällt das Drehbuch gerade deshalb, hält aber die Liebesgeschichte für unrealistisch und kitschig – besonders das typische Happy-End lehnt er ab.

Von ihm darauf angesprochen, ob sie selbst in seinen Freund verliebt wäre, widerspricht Juliane diesem Verdacht und erfindet in ihrer Erklärungsnot einen anderen Mann, mit dem sie sich demnächst in Zürich verloben würde. Die Titel gebende „Zürcher Verlobung" ist entsprechend eine Fälschung, die der Film zum Anlass für eine Vielzahl an Diskussionen nimmt, die bis heute aktuell geblieben sind. Allein die Frage, ob sich die Story nach dem Willen des Publikums richten soll oder künstlerische Gesichtspunkte wichtiger sind, wird wiederholt aufgeworfen. Beide Haltungen gelten nicht als vereinbar und geben die unterschiedlichen Herangehensweisen an einen Film wider – während der Produzent von Julianes Liebesgeschichte sehr angetan ist und schon die Begeisterung des Publikums vor Augen hat, lässt Regisseur Paul Frank ständig das Drehbuch ändern, um die Story authentischer und realistischer werden zu lassen.

Trotz dieser Thematik blieb Käutner in „Die Zürcher Verlobung" schwerelos und siedelte die Handlung, deren Liebesgeschichte sich unerwartet und untypisch entwickelt, vor den verschneiten Berge um St.Moritz an. Und bewies damit, dass auch deutsche Komödien der 50er Jahre geistreich, witzig und modern wirken konnten.

"Die Zürcher Verlobung" Deutschland 1944, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Heinz Pauck, Barbara Noack (Roman), Darsteller : Liselotte Pulver, Bernhard Wicki, Paul Hubschmid, Rudolf Platte, Wolfgang Lukschy, Werner Finck, Maria Sebaldt, Sonja Ziemann, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner:

Montag, 12. August 2013

Playgirl (1966) Will Tremper

Inhalt: Alexandra Borowski (Eva Renzi) ist ein sehr hübsches Model, das ihre große Attraktivität beim männlichen Geschlecht auch privat nutzt. Gewohnt begehrt zu werden, verfügt sie über eine Vielzahl von Bewunderern, deren Einfluss ihre Karriere fördern soll.

Als sie beruflich nach Berlin kommt, weiß sie schon genau, an wen sie sich richten muss - an den Baulöwen Steigewald (Paul Hubschmied), mit dem sie früher eine Affäre hatte. Dieser scheint aber wenig begeistert zu sein, weshalb er selbst nie erreichbar ist, sondern jedes Mal seinen Mitarbeiter Siegbert Lahner (Harald Leibniz) vorschickt. Dieser verliebt sich sofort in Alexandra und auch sie verliert langsam die Kontrolle über ihre eigene Vorgehensweise...


Will Tremper gehörte zu den wenigen deutschen Drehbuchautoren und Regisseuren, die schon in den 50er Jahren Genre-Beiträge zu kontroversen Themen schrieben und später auch drehten, was damals für erhebliches Aufsehen sorgte. Als Autor war er erstmals an „Die Halbstarken“ (1956) beteiligt, einem Film über die angeblichen Gefahren durch die aufbegehrende Jugend während der Rock’n Roll-Ära, gefolgt von einer Zusammenarbeit mit Regisseur Frank Wisbar in „Nasser Asphalt“ (1958) über den Sensations-Journalismus. Seine erste Regie, der nur noch vier weitere bis 1970 („Mir hat es immer Spaß gemacht“) folgen sollten, führte er in „Flucht nach Berlin“ (1961). Sein vorletzter Film „Playgirl“ provozierte 1966 das „vor  68er Deutschland“ mit einer Thematik, die heute nicht weniger zeitgemäß ist, weshalb es überrascht, dass Will Tremper und seine Filme inzwischen fast unbekannt sind.

Einer der Gründe dafür lag in Trempers unverhohlener Nähe zum Trivialen. Seine Filme analysierten das damalige Deutschland weder intellektuell, noch begab er sich auf das Feld des harmlosen Kabaretts wie in „Herrliche Zeiten im Spessart“ (1967), sondern er dokumentierte die damalige Gegenwart an Hand von Autos, Klamotten, Hits und Prominenten und lässt die Menschen sprechen, wie ihnen das Maul gewachsen ist, was dem Film eine erfrischende Vulgarität verleiht. Politische Ereignisse spielten für das entsprechende Zeitgefühl dagegen nur eine untergeordnete Rolle, was „Playgirl“ authentisch wirken lässt, obwohl die Story unter den so genannten „Schönen und Reichen“ spielt – und denen, die dazu gehören wollen.

Zwar kommt Alexandra Borowski (Eva Renzi) das erste Mal nach Berlin, aber sie ist schon länger ein erfolgreiches Fotomodell und hat viele Kontakte. In Berlin will sie den reichen Baulöwen Joachim Steigewald (Paul Hubschmied) wieder treffen, mit dem sie früher eine Affäre hatte. Doch der lässt sie von seinem Mitarbeiter Siegbert Lahner (Harald Leibniz) mit der vorgeschobenen Behauptung abfangen, er wäre auf Dienstreise. Stattdessen kümmert sich Lahner persönlich um die schöne Alexandra und verliebt sich natürlich prompt in sie.

Die Story selbst spielt kaum eine Rolle, sie verläuft linear ohne besondere Überraschungen oder Nebenhandlungen – es ging Tremper vor allem um den nahezu dokumentarischen Charakter seines Films. Sämtliche Darsteller agieren realistisch - besonders Eva Renzi ist nicht nur sehr hübsch, so dass man ihr den Beruf als Model abnimmt, sondern in ihrer Art so reizend, dass die Reaktionen der Männer nachvollziehbar sind. Auch Harald Leibniz wirkt als Möchtegern - Lebemann mit Jaguar, der eine hübsche Verlobte hat, parallel mit Alexandra flirtet und nebenbei noch mit seiner Sekretärin schläft, gleichzeitig überzeugend und bieder. Solche Rollen werden häufig klischeehaft oder betont satirisch angelegt, aber Will Tremper meinte es ernst mit seinen Figuren und ließ keinen Zweifel an deren realistischer Charakterisierung Mitte der 60er Jahre.

Deutschland befand sich damals in einem gesellschaftlichen Umbruch – die Vorboten der Moderne sind in Trempers Film genauso gegenwärtig, wie das reaktionäre Denken der Vergangenheit. Wenn Siegbert „Ich mag keine Neger, denn sie nehmen uns die Frauen weg“ sagt, dann wird er zwar von Alexandra sanft dafür getadelt, aber danach gehen sie schnell wieder zur Tagesordnung über. Rockmusik oder eine neue politisch gefärbte kritische Denkweise hatten noch keinen Einzug in das allgemeine Bewusstsein gehalten, auch nicht in das der „nachtaktiven“ Menschen, die sich selbst für modern und unbürgerlich hielten. Siegbert führt Alexandra stolz in eine Jazz-Bar, in der Paul Kuhn mit Zigarette ein letztes Lied am Klavier gibt. Das ist für ihn der ultimative Ausdruck der Coolness. Alexandra verkörpert zwar schon optisch einen „neuen“ moralisch legeren Frauentyp, der sich promiskuitiv wie ein „Playgirl“ benimmt, mit verschiedenen Männern anbandelt und ins Bett geht, aber das entspringt keinem Selbstbewusstsein, sondern tiefer Unsicherheit und der Suche nach Liebe und Geborgenheit - die Männer können sie deshalb unwidersprochen als „verrückt“ bezeichnen.

Der gesamten Konstellation haftet nichts emanzipatorisches an, sondern sie zeigt im Gegenteil Frauen, die den Männern ständig Honig um den Bart schmieren („endlich mal ein großer Mann“), um deren Gunst zu erringen. Dazu gehörte auch, dass sie ihre eigene Intelligenz bewusst leugnen. Bei den jungen nach 1940 geborenen Menschen schien zudem das Geschichtsbewusstsein immer mehr nachzulassen, denn Tremper lässt mehrfach eine junge Frau fragen, was denn damals „mit dem Hitler oder so...“ gewesen wäre, womit sich der Regisseur auf ein vermintes Feld wagte. Sein abwechslungsreicher, unterhaltender, sehr authentischer Film zeigte die Deutschen Mitte der 60er Jahre ohne Schönfärberei und Idealismus, verzichtete aber auch auf Kritik oder einen intellektuellen Überbau, womit er Unterhaltungsfilm und Dokumentation geschickt vermischte. Doch es half nicht, dem Film die gerechtfertigte Seriösität zu verleihen – allein dass eine junge Frau hier wie ein „Playgirl“ agierte, genügte schon zur Provokation, ganz abgesehen von den vielen sehr genau getroffenen Verhaltensmustern der Deutschen, an denen sich bis heute nur wenig geändert hat.

"Playgirl" Deutschland 1966, Regie: Will Tremper, Drehbuch: Will Tremper, Darsteller : Eva Renzi, Paul Hubschmid, Harald Leipnitz, Umberto Orsini, Elga StassLaufzeit : 85 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Will Tremper:

Mittwoch, 7. August 2013

Das Schloss in Tirol (1957) Géza von Radványi



Inhalt: Comtesse Resi (Erika Remberg) lebt mitten in den Bergen Tirols im malerischen Schloss ihrer Vorväter, aber ihr Glück ist getrübt. Die Gerichtsvollzieher bereiten unter der Aufsicht des Rechtsanwalts Dr.Altbauer (Richard Romanovsky) die Versteigerung des Inventars vor, da sie die laufenden Kosten nicht mehr bezahlen kann. Die Comtesse hatte versucht, dass Schloss zu vermieten, aber bisher hatte sich kein Interessent gemeldet. Bis plötzlich laut knatternd ein kleiner Hubschrauber neben dem Schloss landet, diesem der junge Ingenieur Thomas Stegmann (Karlheinz Böhm) entsteigt und gegenüber Resi, die gerade die Kuh melkt, um ein Gespräch mit der Hausherrin bittet. Er möchte das Schloss, samt Personal und Inventar, für ein paar Tage mieten, um einen reichen amerikanischen Geschäftsmann (Gustav Knuth) zu beeindrucken, mit dem er ein großes Geschäft plant. Als Comtesse will er diesem seine Verlobte Gloria (Christiane Nielsen) vorstellen, die er am nächsten Tag erwartet. 

Resi, die ihn in dem Glauben belässt, sie wäre nur das Hausmädchen, rügt ihn wegen dieser Mogelei, lässt aber auch deutlich werden, dass ein paar Tage Miete zu wenig sind. In seinem Überschwang verspricht Thomas Stegmann, dass Schloss ein ganzes Jahr zu mieten, sollte das Geschäft erfolgreich verlaufen, da er es sich dann leisten kann. Mit dieser Aussicht lassen sich auch die Gläubiger überreden, nicht nur die Frist etwas zu verlängern, sondern auch das Personal für den US-Amerikaner zu spielen…


Der Heimatfilm "Das Schloss in Tirol" entstand mit Karlheinz Böhm in der Hauptrolle zwischen dem zweiten und dritten Teil der "Sissi" -Trilogie, die ihn zu einem großen Kinostar werden ließ. Anders als sein ebenfalls 1957 gedrehter Abenteuerfilm "Blaue Jungs", setzte "Das Schloss in Tirol", der zwei Monate vor "Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin" (1957) in die deutschen Kinos kam, auf eine verwandte Thematik um Adel, Liebe und ein wenig Dramatik, ist aber trotzdem fast vollständig in Vergessenheit geraten, obwohl die äußerlichen Zutaten stimmten. An der Seite von Karlheinz Böhm spielte Erika Remberg - die zuvor neben Adrian Hoven in "Kaiserjäger" (1956) und gemeinsam mit Böhm in "Ich war ein häßliches Mädchen" (1955) zu sehen war - die hübsche, junge Comtesse Resi, und bereicherten die erfahrenen und beliebten Darsteller Maria Andergast, Richard Romanovsky und Gustav Knuth - ebenfalls ein wichtiger Protagonist in der "Sissi"-Trilogie - die Besetzung.

Der später in der Fernsehserie "Hallo - Hotel Sacher...Portier" (1973 - 1976) und ab 1971 als Wiener Tatort Kommissar erfolgreiche Fritz Ekhardt schrieb das Drehbuch gemeinsam mit dem ungarischen Regisseur Géza von Radványi, der vor und nach dem 2.Weltkrieg schon mehrere Produktionen geleitet hatte, aber erst mit "Der Arzt von Stalingrad" (1958) und "Mädchen in Uniform" (1958) bekannt werden sollte. Interessant ist die Beteiligung der Wiener Schriftstellerin Gina Kaus am Drehbuch, die nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten 1938 in Hollywood arbeitete, dabei unter anderen am Drehbuch zu "All I desire" (All meine Sehnsucht, 1953) von Douglas Sirk mitwirkte, und deren 1940 geschriebener Roman "Teufel nebenan" 1956 unter dem Titel "Teufel in Seide" in Deutschland verfilmt wurde. Mit Kurt Nachmann war zudem noch ein weiterer Autor am Drehbuch beteiligt, der für einige der in den 50er Jahren üblichen Adaptionen beliebter Vorkriegsfilme verantwortlich war - wie "Heimatland" (1955), "Der Kongress tanzt" (1955) oder "Wenn wir alle Engel wären" (1956).

Die Autoren versuchten das Kunststück, die populäre Adels-Thematik und typische Elemente des Heimatfilms - beeindruckende Bergpanoramen und traditionelles Brauchtum - mit der Wirtschaftswundergegenwart und moderner Technologie zu kombinieren. Einerseits leugneten sie mit der Figur der Comtesse Resi (Erika Remberg), die nach dem Tod ihres Vaters allein für das herrschaftliche Schloss verantwortlich ist, die Tatsache, dass in Österreich seit 1919 das Führen eines Adelstitels untersagt war, andererseits schickten sie mit dem Ingenieur Thomas Stegmann (Karlheinz Böhm) einen Konstrukteur in die friedlichen Berge, der mit seinem eigenen Hubschrauber herbei geflogen kommt. Doch statt die Gegensätze aufeinander prallen zu lassen, schwelgt der Film abwechselnd in Landschaftsbildern und Hubschrauber-Kunststückchen. Vielleicht sollten damit unterschiedliche optische Bedürfnisse befriedigt werden, stattdessen entstand der uneinheitliche Charakter einer Handlung, die modernes Business und gefühlige Romantik so verband, dass sie letztlich beiden Seiten nicht gerecht wurde.

Die ersten Minuten des Films sind noch viel versprechend, wenn der Ingenieur Stegmann auf eine junge Frau trifft, die sich nicht als Comtesse und damit als Schlossherrin offenbart, sondern ihn im Glauben belässt, sie wäre nur das Hausmädchen. Ihr lockerer Umgangston wirkt modern, sein Anliegen das Schloss ein paar Tage mieten zu wollen, um ein Geschäft abzuwickeln, ebenso nachvollziehbar, wie ihre finanziellen Probleme, weshalb der Gerichtsvollzieher schon vor der Tür steht - kein seltener Vorgang im Heimatfilm, wie die „Immenhof“ (1955) – Filme mit Heidi Brühl schon zeigten. Dass die weitere Handlung jede Schlüssigkeit verliert, liegt nicht an der gewohnt konstruierten Verwechslungsgeschichte, sondern an der unnötigen Kombination mit angeblich modernen Geschäftspraktiken. Schon dass Stegmann anbietet, dass Schloss gleich für ein Jahr anzumieten, wenn das Geschäft mit dem US-Amerikaner erfolgreich verläuft, widerspricht jeder seriösen Kostenkalkulation und soll nur das Schauspiel der Gläubiger in Gang setzen, die in der Hoffnung, doch noch an ihr Geld zu kommen, sich bereit erklären, das Schlosspersonal zu mimen.

Die gesamte Hintergrundstory um den Hubschrauber – welcher junge Ingenieur, der einen Finanzier sucht, kann sich schon ein solches, wenn auch abgespecktes Gerät leisten? – wirkt zunehmend lächerlich. Nicht nur, dass Karlheinz Böhm im gut sitzenden Anzug und mit akkuratem Scheitel in den Hubschrauber steigt als wäre es eine bequeme Luxuslimousine, und das es gegenüber den zufällig am Schloss vorbei gekommenen Herren der „Vereinigten Motorwerke“ am Ende genügt, wenn er kurz sein futuristisches Verkehrskonzept vorträgt, dass diese nach etwa zehn Minuten ihre Unterschrift unter einen Millionenvertrag setzen, auch der angeblich so knallharte US-Kapitalist Jack Hover (Gustav Knuth), für den der ganz Zirkus erst veranstaltet wird, erweist sich als deutschstämmiger Heimatliebender, der sich in Sophie (Maria Andersgast) verguckt und den es nicht stört, dass er gerade sein in Jahrzehnten verdientes Vermögen am Aktienmarkt verloren hat („so etwas kommt ja ständig vor“) – hauptsache er kann sich von seiner Lebensversicherung noch ein kleines Häuschen in den Tiroler Bergen leisten.

Der Kritik an dieser dümmlichen und vereinfachenden Darstellung von Business und Technik ließe sich entgegnen, dass auch die diversen Dramen im deutschen Heimatfilm kaum glaubwürdiger gestaltet wurden, aber das hieße das Publikum zu unterschätzen. Dass sich Gloria (Christiane Nielsen), die Verlobte von Klaus Stegmann, als eitles und ehrgeiziges Fotomodell erweist, damit sie ohne großes Federlesen entsorgt werden kann, um dem Traumpaar nicht im Wege zu stehen, gehörte zum guten Ton im Heimatfilm – auch wenn die Frage, warum der männliche Held eine solche Frau zuvor noch heiraten wollte, nie beantwortet wird – aber die knatternde Nebenstory um den Hubschrauber und angebliche Deals mit der Wirtschaft störten die zarte Liebesgeschichte innerhalb der schönen Tiroler Berglandschaft athmosphärisch und ließen keine romantischen Emotionen zu. Der gedankliche Ansatz, einen Heimatfilm mit einer Technikstory zu verbinden, in der ein Hubschrauber nicht nur die Pferdekutsche ersetzt, sondern auch den ersten Tanz absolviert (Stegmann fliegt mit Resi Kreisel zu Walzermusik), ist zwar originell, aber zu schwach und inkonsequent umgesetzt, um dem Film einen kompakten Gestus zu verleihen.

"Das Schloss in Tirol" Österreich 1957, Regie: Géza von Radványi, Drehbuch: Fritz Eckhardt, Gina Kaus, Kurt Nachmann, Géza von Radványi, Darsteller : Karlheinz Böhm, Erika Remberg, Gustav Knuth, Maria Andergast, Richard RomanovskyLaufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Radványi:

Montag, 5. August 2013

Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961) Ákos Ráthonyi



Inhalt: Nachdem schon die dritte Frauenleiche in London aufgefunden worden war, der gelbe Narzissen auf den toten Körper gelegt wurden, glaubt Chefinspector Witheside (Walter Gotell) von Scotland Yard an einen psychopathischen Serienmörder. Doch der für eine internationale Fluggesellschaft arbeitende Agent Jack Tarling (Joachim Fuchsberger) denkt in eine ganz andere Richtung, nachdem Drogen entdeckt wurden, die in präparierten gelben Narzissen versteckt worden waren. Zudem kann es kein Zufall sein, dass die ermordeten jungen Frauen alle im Dunstkreis eines Nachtclubs beschäftigt waren, der dem reichen Geschäftsmann Raymond Lyne (Albert Lieven) gehört.

Lyne zeigt sich selbstverständlich unschuldig und kooperativ in der Zusammenarbeit mit der Polizei, abgesehen von einem verräterischen Telegramm, das auf eine Lieferung mit gelben Narzissen hinwies, aber plötzlich verschwunden ist. Selbst Lynes Sekretärin Anne Ryder (Sabine Sesselmann), die gegenüber Tarling das Telegramm zuvor noch erwähnt hatte, kann sich nicht mehr daran erinnern. Tarling und sein Mitarbeiter aus Hongkong, Ling Chu (Christopher Lee), verlegen ihre Nachforschungen deshalb immer mehr in das Umfeld des Nachtclubs, scheinen damit aber weitere Morde zu provozieren…


"Das Geheimnis der gelben Narzissen" war Mitte des Jahres schon die dritte Verfilmung eines Edgar-Wallace-Romans des Jahrgangs 1961und brach erneut den Besucherrekord, den erst wenige Monate zuvor der fünfte Edgar-Wallace-Film "Die toten Augen von London" aufgestellt hatte. Die Rialto Film, die in immer kürzeren Abständen neue Wallace-Filme produzierte, hatte sich wieder etwas Neues einfallen lassen, nachdem der ursprüngliche Plan, Harald Reinl und Jürgen Roland abwechselnd als Regisseure einzusetzen, mit Rolands Verzicht fallen gelassen werden musste. Bevor Reinl bei der siebten Rialto-Produktion "Der Fälscher von London" wieder auf dem Regiestuhl Platz nehmen sollte, entstand "Das Geheimnis der gelben Narzissen" als erster Edgar-Wallace-Film in Großbritannien, was dem Film nicht nur ein internationales Ambiente verlieh, sondern die ausschließlich an Originalschauplätzen entstandenen Außenaufnahmen ungewöhnlich authentisch erscheinen ließ.

Der international tätige, ungarische Regisseur Ákos Ráthonyi übernahm die Aufgabe, den englisch-deutsch co-produzierten Film in zwei verschiedenen Fassungen herzustellen, die für den jeweiligen Markt mit drei national bekannten Darstellern in den Hauptrollen besetzt wurden - für Deutschland waren neben Newcomerin Sabine Sesselmann, mit Joachim Fuchsberger und Klaus Kinski zwei wichtige Wallace-Identifikationsfiguren am Start. Der restliche Cast, der an beiden Versionen mitwirkte, setzte sich etwa gleichberechtigt aus englischen und deutschen Darstellern zusammen, darunter mit Christopher Lee der bekannte englische Mime aus den Hammer-Film-Produktionen, sowie die im deutschen Film viel beschäftigten Albert Lieven und Ingrid van Bergen, die ihr verruchtes Lied "Bei mir ist alles Natur" auch in einer englischen Version sang. Während es für Ingrid van Bergen bei diesem einmaligen Engagement in einem Wallace-Krimi blieb, spielte Albert Lieven neben einem späten Auftritt in "Der Gorilla von Soho" (1968) noch die Hauptrolle in "Das Verrätertor" (1964).

Die außergewöhnlichen Umstände bei der Entstehung des Films, an dessen Drehbuch neben Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen - auch jeweils zwei deutsche und englische Autoren beteiligt waren, verliehen diesem eine hohe Werbewirksamkeit, die einen Teil des Erfolgs ausmachten. Besonders Christopher Lee konnte in seiner Rolle des geheimnisvollen chinesischen Ermittlers überzeugen, weshalb er in "Das Rätsel der roten Orchidee" (1962) ein Jahr und drei Wallace-Filme später sogar in der Hauptrolle besetzt wurde. "Das Geheimnis der gelben Narzissen"  wurde entsprechend zum Beginn einer experimentellen Phase in den deutschen Wallace-Verfilmungen, denn auch die zwischen den beiden Christopher Lee-Filmen entstandenen "Der Fälscher von London" (1961) und  "Die seltsame Gräfin" (1961) unterscheiden sich deutlich vom gewohnten Wallace-Film-Klischee.

Während die Idee einer englisch-deutschen Co-Produktion damals die Möglichkeit einer stimmigen Umsetzung des 1920 erschienenen frühen Wallace-Romans "The daffodil mystery" versprach, kehrte sich die allgemein positive Stimmung später ins Gegenteil. Das konsequent ernsthafte, die Originalstory geschickt modernisierende Drehbuch verzichtete nicht nur auf Eddie Arent als komischen Side-Kick - das einzige Mal in der frühen "Schwarz-Weiß"-Phase -  sondern auch auf eine übertrieben verwirrend gestaltete Handlung. Zwar geraten auch hier wieder  - wie bei Edgar Wallace gewohnt - unterschiedliche Interessen aneinander und ergeben ein tödliches Gemisch, aber die Nachforschungen von Joachim Fuchsberger als Agenten einer Fluggesellschaft, dessen Mitarbeiter aus Hongkong Ling Chu (Christopher Lee) und dem zuerst an einen psychopathischen Mörder glaubenden Chefinspector Witheside (Walter Gotell) verlieren nie den Zug zu einer Auflösung, die nicht an den Haaren herbeigezogen wirkt. Auch Klaus Kinskis frühe Darstellung eines psychisch gestörten Menschen - eine Steigerung seiner Rolle in "Die toten Augen von London" - verfügt hier noch über einen nachvollziehbaren Hintergrund.

Auch optisch kann der Film - neben den körnigen Bildern eines nächtlichen London - mit den jeweils von Narzissen drapierten Leichen, schönen Frauen und einem erotischen Auftritt von Ingrid van Bergen überzeugen, verzichtete aber auf die gewohnt Nebel verhangenen, mit starkem hell-dunkel Kontrast versehenen Gruselszenen. Die Drogenthematik, besonders die Sucht der jungen Katya (Dawn Beret), wird nur oberflächlich als Hintergrund für die Kriminalstory genutzt, wie auch die Folterung durch Ling Chu verharmlost wird, aber sie sind Teil eines stimmigen Gesamtbilds, das ohne die typischen Relationen vieler Wallace-Krimis auskommt, die zwar mit gruseligen Schwerverbrechen schocken wollten, gleichzeitig aber moralischen Anstand predigten. Selbst Joachim Fuchsberger hält sich als Macho vom Dienst auffallend zurück, während Sabine Sesselmann nicht nur das beschützenswerte Opfer gibt.

Belohnt wurde diese gelungene zeitgenössische Umsetzung eines Wallace-Romans nicht, denn für die ab den 70er Jahren entstehende Fangemeinde wurde die Veröffentlichungspraxis im TV prägend, die sich nicht an der chronologischen Erscheinung der Filme orientierte, sondern an dem von Harald Reinl und Alfred Vohrer entwickelten typischen Wallace-Stil. Dagegen fällt "Das Geheimnis der gelben Narzissen" aus dem Rahmen, der auch nicht über die beliebten "trashigen" Elemente der späten Filme verfügt, sondern über eine seltene individuelle Qualität innerhalb des Wallace-Kosmos.

"Das Geheimnis der gelben Narzissen" Deutschland 1961, Regie: Ákos Ráthonyi, Drehbuch: Egon Eis, Gerhard F.Hummel, Horst Wendlandt, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Sabine Sesselmann, Albert Lieven, Ingrid van Bergen, Klaus Kinski, Christopher LeeLaufzeit : 91 Minuten