Mittwoch, 18. September 2013

Bildnis einer Unbekannten (1954) Helmut Käutner

Inhalt: Bei einer Ballett-Aufführung im Pariser Opernhaus sieht der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) das Gesicht einer jungen Frau (Ruth Leuwerik), dass ihn sofort fasziniert, weshalb er es spontan auf sein Programmheft skizziert. Da sie schon in der Pause geht, gelingt es ihm nicht, sie kennenzulernen, aber noch am selben Abend beschließt er, ihren Kopf auf den nackten Körper von Jacqueline (Ingrid van Bergen) zu malen, die ihm Modell sitzt.

Er ahnt nicht, dass es sich bei der Unbekannten um Nicole, die Ehefrau des Diplomaten Walter (Erich Schellow) handelt, weshalb sie wieder zu ihm nach Madrid fuhr, wo er in der Botschaft arbeitet. Glücklich wieder bei ihm zu sein, sieht sie sich noch am selben Abend mit einem Pflichttermin konfrontiert, den sie aber Beide übermütig abkürzen. Wenige Tage später kommen sie nicht so glimpflich davon, denn der Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) veranstaltet eine Gemälde-Versteigerung zugunsten kranker Kinder, an der Walter teilnehmen muss, obwohl er dessen Methoden nicht mag. Kurz bevor das nächste Gemälde aufgerufen wird, zeigt ihm Hernandez unter vier Augen das von Keller gemalte Nacktbild seiner Frau, um ihn zu erpressen, aber Walter gibt nicht nach und es kommt zu einem Skandal...


Helmut Käutners Film "Bildnis einer Unbekannten" beginnt mit der großen Liebe. Nach ein paar Tagen in ihrer Heimatstadt Paris kehrt Nicole (Ruth Leuwerik) wieder zurück zu ihrem Mann Walter (Erich Schellow) nach Madrid, wo dieser als Diplomat tätig ist. Zwar kommen sie um eine abendliche Einladung beim Botschafter (Albrecht Scheonhals) nicht herum, aber diese verbringen sie gemeinsam auf der Tanzfläche, um sich früh in ihre Wohnung zurückzuziehen. Den Kommentar zu dieser Konstellation gibt die Gattin des Botschafters (Irene von Meyendorff) ab, die angesichts des liebenden Paars die Haltbarkeit eines solchen Glücksgefühls ohne Neidgefühle realistisch einzuschätzen weiß.

An dieser Figur lässt sich die Haltung des Regisseurs und seines Drehbuchautors Hans Jacoby, der nach seiner Rückkehr aus der Emigration erstmals wieder in Deutschland arbeitete, genau ablesen, denn aus ihr spricht der Fatalismus einer mit den Realitäten des Lebens vertrauten Frau. Als ein Gemälde von Nicole, auf dem sie nackt die Perlenkette trägt, die sie nach der Hochzeit von ihrem Mann geschenkt bekam, bei einer Kunst-Versteigerung zugunsten kranker Kinder im Haus des windigen spanischen Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) auftaucht, ist ihr die moralische Entrüstung gleichgültig. Ob Nicole mit einem anderen Mann geschlafen hat oder nicht, spielt für sie keine Rolle - aus ihren Worten lässt sich leicht heraushören, dass sie diese Option auch für sich selbst in Betracht zieht - sie kritisiert nur, dass das Bild in die Öffentlichkeit gekommen ist. Der verwerfliche Versuch von Hernandez, Walter mit dem Bild seiner Frau zu erpressen - eine Verklausulierung der Franco-Diktatur, die auf diese Weise einen Gegner ausschalten will - spielt für sie und den Botschafter keine Rolle.  Einzig die öffentliche Meinung ist von Belang, weshalb dieser von Walter verlangt, sich scheiden zu lassen oder seine Karriere beim diplomatischen Dienst zu quittieren.

Aus der Diskrepanz zwischen Realität und den in der Gesellschaft verankerten moralischen Standards entstand in vielen Filmen Käutners erst das notwendige Spannungsverhältnis für seine Geschichten. Hier kehrt er die Thematik um. Der Bruch zwischen den Liebenden wird einzig durch die von dem Gemälde hervorgerufenen Stimmungen erzeugt, ohne dass es dafür einen gerechtfertigten Anlass gibt - der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) war von Nicoles Gesicht so fasziniert, dass er es noch in der Pariser Oper skizzierte und als Kopf für den Körper seines Nacktmodells (Ingrid van Bergen) verwendete - wird aber zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Diese Abläufe als Kritik an der internationalen Diplomatie zu begreifen - wie es in manchen zeitgenössischen Kritiken geäußert wurde -, ist oberflächlich, denn Käutner nutzte diesen Hintergrund vor allem wegen der darin verankerten Zuspitzung einer generellen gesellschaftlichen Haltung.

Zudem hat Nicoles Ehemann Walter nichts mit den typischen Männerrollen aktueller romantischer Komödien gemeinsam, die ihre künstliche Dramatik aus konstruierten Missverständnissen erzeugen. Er glaubt Nicole, dass sie ihn nicht betrogen hat, aber er gerät in die Mühlen zwischen beruflicher Karriere und romantischen Liebesfantasien. Dass er den Maler in Paris persönlich aufsuchen will, ist Zeichen seiner Unsicherheit, weshalb er seine Frau, wider seines Empfindens, sofort beim Wort nimmt, als sie plötzlich doch ihre Affäre gesteht – sie liefert ihm damit einen willkommenen Entscheidungsgrund. Aus heutiger Sicht wirkt die Rollenverteilung der beiden konkurrierenden Männer eindeutig – hier der korrekte, etwas langweilige Diplomat, dort der lässige, unterhaltsame Künstler – aber es bedurfte schon eines Mimen wie O.W. Fischer, um diese Figur sympathisch wirken zu lassen, die den Anforderungen an einen zuverlässigen Ehemann deutlich widersprach.

Bis heute werden Bohemiens dieser Art am Filmende zivilisiert – meist wird ihnen ein gesichertes Einkommen angedichtet und die bisherigen Frauengeschichten als nebensächlich relativiert - um die Entscheidung der weiblichen Hauptfigur für diesen Typus rechtfertigen zu können. Nicht bei Käutner, dem es weniger um die gefestigte Figur des Malers ging als um Nicole. Sein Film erzählt die Geschichte ihrer Emanzipation, eines wachsenden Selbstbewusstseins bis zu einer Unabhängigkeit, die sie in der Lage versetzt, nicht nur ihrer eigenen Entscheidungen zu treffen, sondern sie auch selbst umzusetzen. Ruth Leuwerik spielte noch mehrfach unter der Regie von Helmut Käutner, darunter knapp 10 Jahre später in „Die Rote“ (1962), in der sie eine Frau verkörperte, die ohne finanziell abgesicherten Hintergrund ihren Ehemann verlässt. Beide Filme lassen sich als Indiz für die Entwicklung der Emanzipation der Frau in den 50er Jahren verstehen, die Käutner Anfang der 60er Jahre deutlich pessimistischer analysierte als in „Das Bildnis einer Unbekannten“. Ruth Leuwerik, die hier selbst die von Käutner zur Musik Franz Grothes geschriebenen Liedtexte sang, glänzt in der Rolle einer liebenswerten, emotionalen jungen Frau, die ihren eigenen Weg findet – eine Möglichkeit, die ihr in „Die Rote“ nicht mehr offen stand.

Im Zusammenspiel mit O.W. Fischer entwickelte sich ein äußerst Stil sicherer und optimistisch gehaltener Unterhaltungsfilm, der in der Glaubwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen und der Modernität seiner Anlage nur noch selten erreicht wurde.

"Bildnis einer Unbekannten" Deutschland 1954, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Hans Jacoby, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Erich Schellow, Irene von Meyendorff, Ingrid van Bergen, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner:

Montag, 16. September 2013

Das schwarze Schaf (1960) Helmut Ashley

Inhalt: Nach dem Ende der sonntäglichen Messe wird direkt neben dem Kirchengebäude ein Toter entdeckt, der offensichtlich mit einem Hammer erschlagen wurde. Nachdem Inspector Graven (Herbert Tiede) erfahren hatte, dass nur ein sehr großer Mann einen solchen Schlag hätte ausführen können, steht sein Urteil fest und er schreitet zur Verhaftung. Doch Pater Brown (Heinz Rühmann) durchschaut im Gegensatz zu ihm den tatsächlichen Tatvorgang und kann den Täter überführen.

Damit schützt er den zu unrecht Verdächtigten vor einer Verurteilung, was ihm entsprechende Zeitungsberichte einbringt, nicht aber die Anerkennung des Bischofs (Friedrich Domin), der zwar die positiven Aspekte seines detektivischen Spürsinns sieht, diese aber im Sinne der Kirche nicht dulden kann. Um weitere Nebentätigkeiten zu unterbinden, versetzt er Pater Brown zu einer neuen Gemeinde, in der es schon viele Jahre keine Verbrechen mehr gegeben hat…


Dass Heinz Rühmann in "Das schwarze Schaf", der Ende 1960 in die Kinos kam, erstmals die Romanfigur "Father Brown" des englischen Kriminalbuchautors G.K. Chesterton verkörperte, hatte mehrere Ursachen. Zwei Jahre zuvor hatte er einen Polizeioffizier in "Es geschah am hellichten Tag" (1958) gespielt, an dessen Drehbuch neben Friedrich Dürrenmatt auch Hans Jacoby beteiligt war, der seit "Vater sein dagegen sehr" (1957) an den meisten Rühmann-Filmen dieser erfolgreichen Phase mitgearbeitet hatte. Gemeinsam mit István Békeffy schrieb er Heinz Rühmann die Rolle des "Pater Brown", wie die Figur in der deutschen Version heißt, auf den Leib - ein gottesfürchtiger, moralisch integrer Mann, dem Obrigkeitsdenken, Vorurteile und blinder Gehorsam fremd sind.

Diese Konstellation hatte neben der altersgerechten Rolle für den knapp 60jährigen Rühmann den Vorteil, dass sie keine Relativierungen benötigte, wie sie in seinen Filmen mit Familienanhang in der Regel vorgesehen wurden. Der katholische Priester Pater Brown (Heinz Rühmann) ist nur seiner Haushälterin Mrs. Smith (Lina Carstens) verpflichtet, die gezwungen ist, seine ständigen Umzüge mitzumachen. Und natürlich Gott, dessen Güte er für die Entstehungszeit des Films erstaunlich liberal auslegte. Nicht nur der ehemalige Einbrecher Flambeau (Siegfried Lowitz) gehört zu seinen Freunden, auch sonst erweist sich Pater Brown als tolerant. Souverän bewältigt er den ersten, zur Einführung des Protagonisten nur kurz geschilderten Kriminalfall des Films damit, dass er eine junge Prostituierte zu Hilfe holt, um ihren als Mörder überführten Vater dazu zu überreden, sich der Polizei zu stellen. Die sachliche Schilderung dieser Situation kommt ohne moralische Fingerzeige aus, womit sich der Film deutlich von seinen in dieser Zeit entstandenen Filmen wie "Ein Mann geht durch die Wand" (1959) oder "Max, der Taschendieb" (1962) unterschied, in denen Rühmanns Verstöße gegen die bürgerliche Ordnung jeweils in gesellschaftlicher Anpassung endeten.

Hier dagegen nicht. Auch wenn die Kirchenführung in Person des Bischofs (Friedrich Domin) gelassen auftritt und Browns Verdienste durchaus zu schätzen weiß, hinterlässt sie einen ungerechtfertigt strengen Eindruck. Aus heutiger Sicht einer säkular geprägten Gesellschaft wirkt diese Kritik an der katholischen Kirche zwar sehr dezent, bewies 1960 aber Mut, auch wenn Chesterton seine "Father Brown"-Romane freier auslegte. Sein "Father" war als "Weltgeistlicher" kein an einen festen Ort gebundener Priester, so dass er auch in einem Gefängnis in Chicago arbeiten konnte. Die meisten Fälle fanden aber in England statt, dessen Bewohner größtenteils der "Church of England" angehören, weshalb das Umfeld keineswegs so homogen wie im Film ausfiel. Um das in Deutschland gewohnte christliche Ambiente mit dem britisch geprägten Hintergrund verbinden zu können, wurde die Handlung ins streng katholische Irland verlegt. Angesichts dieser Bemühungen wird deutlich, dass Heinz Rühmanns Interpretation eines unvoreingenommenen Geistlichen, der konsequent seinen Überzeugungen folgt, auch wenn diese gegen die Anordnungen seiner Vorgesetzten verstoßen, im Zeitkontext modern angelegt war.

Zu Hilfe kam ihm dabei die allgemeine Begeisterung für Kriminalfilme im deutschen Kino, die seit der Edgar-Wallace-Verfilmung "Der Frosch mit der Maske" (1959) große Erfolge feierten - ein weiterer Anlass für die Entstehung der Pater Brown-Filme. Mit Fritz Rasp und Siegfried Lowitz gehörten zudem zwei prägende Edgar-Wallace-Darsteller der ersten Stunde zur Besetzung, aber die Einflussnahme erfolgte gegenseitig. Komponist Martin Böttcher wurde mit der Pater Brown-Erkennungsmelodie bekannt, bevor er im Jahr darauf begann („Der Fälscher von London“, 1961), auch die Musik zu Edgar-Wallace-Filmen zu schreiben. 1962 landete er mit der Musik zum Karl May-Film "Ein Schatz im Silbersee" seinen größten Erfolg. Auch Helmut Ashley, der nach vielen Jahren als Kameramann erstmals Regie führte, sollte zwei Jahre später die Leitung eines Edgar-Wallace-Films ("Das Rätsel der roten Orchidee" (1962)) übernehmen. Beim zweiten Pater-Brown Film "Er kann's nicht lassen" (1962) war zudem Egon Eis, unter dem Pseudonym Trygve Larsen einer der Initiatoren der Wallace-Reihe, für das Drehbuch verantwortlich und die "Omnia Deutsche Film Export", maßgeblich an der "Mabuse" - Filmreihe ("Die 1000 Augen des Doktor Mabuse" (1960)) beteiligt, übernahm den Vertrieb.

Entsprechend wenig fiel „Das schwarze Schaf“ stilistisch aus dem Rahmen. Etwas weniger reißerisch als die Wallace-Filme oder das „Mabuse“ – Franchise angelegt, ist den klar strukturierten Schwarz-Weiß-Bildern ihr Bemühen um die Darstellung einer anrüchigen „Halbwelt“ deutlich anzumerken. Auch die klischeehaften Charaktere können ihre deutsche Herkunft nicht verleugnen, vermitteln weder irisches Lokalkolorit, noch Internationalität und könnten eins zu eins in einem Edgar-Wallace-Film mitspielen. Ähnliches ließe sich zu dem wie gewohnt konstruierten Kriminalfall feststellen, dessen Aufklärung nicht nur das „Kaninchen aus dem Hut“, sondern den vollkommen unnötig geäußerten Hinweis eines Beteiligten benötigt - gäbe es nicht Heinz Rühmann als Pater Brown. Seine differenziert gespielte Figur besitzt deutlich mehr Profil als die üblichen Polizeioffiziere in den Wallace-Krimis, weshalb seine Eigensinnigkeit, gepaart mit Humor dem „Schwarzen Schaf“ bis heute einen vergnüglichen, altmodischen Charme verleihen kann.

"Das schwarze Schaf" Deutschland 1960, Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Hans Jacoby, István Bekéffy, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Siegfried Lowitz, Fritz Rasp, Karl Schönböck, Friedrich Domin, Maria SebaldtLaufzeit : 89 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Ashley:

Donnerstag, 12. September 2013

Dr. Fummel und seine Gespielinnen (1970) Atze Glanert

Inhalt: Bevor Herr Blümlein (Robert Fackler) zu seiner Kur aufbricht, die er wegen seiner Bandscheiben dringend benötigt, greift er noch schnell tief in die Kasse des Fleischerladens, den er mit seiner Frau Rosa Blümlein (Annemarie Wendl) betreibt, von der er sonst immer sehr knapp gehalten wird. Schon im Zug kann er den Blick nicht von den Beinen der ihm gegenüber sitzenden Dame lassen, der er nur unter größten Schwierigkeiten den Koffer in die Ablage hieven konnte. Spontan entscheidet er deshalb, sich einer Massage zu unterziehen, weshalb er schon in München aussteigt.

Dank einschlägiger Informationen gelangt er in ein entsprechendes Etablissement, wo er sich als Kassenpatient vorstellt - ein geeigneter Fall für die von Dr. Fummel angeleiteten Mädchen, die unter der Leitung des Grafen (Michael Cromer) fröhlich ihrem Tagwerk nachgehen. Auf Blümlein wird die attraktive Lisa angesetzt, die weiß, wie sie einen Klienten abhängig werden lässt…


Obwohl "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" Anfang 1970 noch vor Ernst Hofbauers "Schulmädchen-Report: was Eltern nicht für möglichhalten"  (1970) in die Kinos kam, der dem jungen deutschen Sexfilm zu ungeahnter Popularität verhelfen sollte, war es schon der vierte Film des Produzenten, Drehbuchautors und Teilzeit-Nebendarstellers Alois Brummer, der ab seinem nächsten Film "Graf Porno bläst zum Zapfenstreich" (1970) auch zum Regisseur wurde - eine Position, die hier ausnahmsweise Atze Glanert übernahm, der bei Brummers früheren Filmen "Eros Center Hamburg" (1969) und "Graf Porno und die liebesdürstigen Schwestern" (1969) als Kameramann agierte. Nur beim ersten Film "Graf Porno und seine Mädchen"(1969) war er noch nicht dabei, im Gegensatz zu Rinaldo Talamonti, der in Brummers frühen Filmen fest als Darsteller gesetzt war und bis in die späten 70er Jahre ein Hauptakteur des Genres blieb.

Mit Doris Arden, die in "Dr.Fummel und seine Gespielinnen" zum dritten Mal von Brummer besetzt wurde, war eine Aktrice mit  dabei, die schon Erfahrungen unter Ernst Hofbauer in "Heisses Pflaster Köln" (1967) gesammelt hatte und in "Carmen Baby" (1967) mitspielte - von dem us-amerikanischen Regisseur Radley Metzger in Szene gesetzt, der als ein Wegbereiter des Erotikfilms gilt. Auch Alois Brummer suchte einen eigenständigen Weg, der stilbildend für das Genre werden sollte. Im Gegensatz zu den Ende der 60er Jahre noch unter dem Deckmantel des Aufklärungsfilms verbreiteten Sexfilmen in Deutschland - eine Idee, die Hofbauer in seinen "Report"-Filmen weiter entwickelte - erzählten seine Filme eigenständige Geschichten, die auf einen derben Humor setzten, woraus sich eine bayrisch folkloristisch geprägte Sexfilm-Komödienvariante entwickelte, die Brummer später - parallel zu Franz Marischkas "Liebesgrüße aus der Lederhose"(1973) - mit "Unterm Dirndl wird gejodelt" (1973) oder "Beim Jodeln juckt die Lederhose" (1974) weiter konkretisierte.

Zwar gelten Hans Billians parallel entstandene "Pudelnackt in Oberbayern" (1969) und "Die Jungfrauen von Bumshausen" (1970) als erste Sexfilme im alpenländlichen Heimatgewand, aber auch "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" versetzte den Handlungsort von München schon zeitweise auf einen Bauernhof, wo Franz Muxeneder - später Dauergast in den "Lederhosen"-Filmen - erstmals als krachlederner Möchtegern-Liebhaber auftrat, der hier aber noch nicht zum Zuge kommt. Zudem gilt die Rahmenhandlung den Erlebnissen des Kleinstadt-Bürgers und unterdrückten Pantoffelhelden Herr Blümlein (Robert Fackler), der - endlich von seinem Hausdrachen Rosa Blümlein (Annemarie Wendl) befreit - statt zur Kur zu fahren in der Großstadt München aussteigt, wo er erwartungsgemäß nach Strich und Faden von den Prostituierten ausgenommen wird.

Brummer scheute sich nicht, bekannte Strickmuster und Klischees deutscher Komödien-Klamotten wieder zu verwenden, um mit thematisch grob aneinander gereihten Spielszenen Humor vorzutäuschen. Das misslang völlig, da die Darsteller schlicht überfordert waren, einen Sketch gekonnt auszuspielen. Schon in einer frühen Szene, in der Talamonti als Müllmann auf den gerade in München angekommenen Blümlein trifft, wird deutlich, mit welchen Qualitäten der Film aufwarten wird - fehlendes Timing, gekünstelte Sprache und viel unfreiwilliger Humor, unterstützt noch von einem Schnitt, der abrupt von einer Szene zur nächsten überblendet. Eine Ausnahme bildete der Gelegenheitsschauspieler und Gründer des Koffer-Imperiums MCM, Michael Cromer, der hier als "der Graf" souverän auftritt und in seinem eigenen grünen Porsche (mit Autotelefon) unterwegs ist. Seine Position als Chef des Bordells und Frauenliebling ist überzeugend, während der titelgebende Dr. Fummel (Alexander Kessler) als sächselnde Witzfigur nur eine Nebenrolle innehat.

Diese filmtechnischen Feinheiten ließen sich allesamt vernachlässigen, da sie nur als Basis für die tatsächliche Intention, möglichst viel nackte Haut zu zeigen, dienten, wovon der Film auch ausreichend Gebrauch machte. Eine große Zahl ausgesprochen hübscher Frauen bevölkert entsprechend die Leinwand, aber erotische Situationen wollen sich trotzdem nicht einstellen. Im Gegensatz zu den italienischen oder französischen Erotikfilmen dieser Phase, die sich auch als Provokation gegen moralische Standards verstanden, blieb der deutsche Sexfilm ganz auf dem Boden der Bürgerlichkeit. Zwar wuseln in "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" Männlein und Weiblein wild durcheinander, zupfen neckisch am Busen oder reiten ausgelassen aufeinander, aber sexuelle Begierde oder ein angedeuteter Geschlechtsakt existieren hier nicht - nicht einmal ein intensiver Kuss wird gezeigt.

Einzig in einer lesbischen Szene kurz vor dem Ende des Films kehrt einen Moment Ruhe ein und beschäftigen sich die beiden sonst selbstverständlich heterosexuellen Frauen intensiv miteinander - ein deutliches Anzeichen für die unveränderten Geschlechterrollen. Dass in den Sexfilmen generell dem Voyeurismus des Mannes gefrönt wurde, ist dessen ureigene Aufgabe, auffällig ist aber der beinahe völlige Verzicht auf eine intensive Mann-Frau-Beziehung. Der Geschlechterumgang behält in "Dr. Fummel" einen "Knuddel" - Charakter, um der Kamera zwar genügend Gelegenheit zu geben, entblößte Körper einzufangen, aber auch keine Neidgefühle auf eine reizvolle, den bürgerlichen Regeln widersprechende Lebensweise entstehen zu lassen. Die Rollen beschränkten sich zudem auf promiskuitive, zur Prostitution bereite Frauen, die auf junge Selbstdarsteller oder lächerliche alte Männer treffen - mit weiblicher Emanzipation hatte das nichts zu tun.

Mit "Dr. Fummel und seinen Gespielinnen" bediente Vieldreher Alois Brummer Ende der 60er Jahre geschickt den steigenden Bedarf an sexuellen Darstellungen - der Sexfilm wurde in dieser Zeit zu einem wesentlichen Bestandteil der deutschen Filmproduktion - ohne die Grundfesten der Moral in Frage zu stellen, denn dank des derben Humors, wurde jede ernsthafte Attitüde einer gesellschaftlichen Liberalisierung sofort im Keim erstickt. Erst aus heutiger Sicht wird deutlich, dass Brummers spielerische Filme auch Mut in ihrem unbeschwerten Dilettantismus bewiesen und trotz der Konzessionen an ein konservatives Publikum eine Aufbruchstimmung vermittelten, die nicht mehr aufzuhalten war, was den spezifischen Reiz dieser Filme ausmacht.

"Dr. Fummel und seine Gespielinnen" Deutschland 1970, Regie: Atze Glanert, Drehbuch: Alois Brummer, Pierre O. Pistek, Darsteller : Doris Arden, Michael Cromer, Rinaldo Talamonti, Alois Brummer, Veronika Faber, Franz MuxenederLaufzeit : 76 Minuten 

Montag, 9. September 2013

Der Mann, der Sherlock Holmes war (1937) Karl Hartl

Inhalt: Mitten in der Nacht stehen zwei Männer auf den Gleisen und halten den Express-Zug nach Paris an, um auf offener Strecke einzusteigen. Dieser ungeheure Vorgang wäre normalerweise unverzeihlich, aber das selbstbewusste Auftreten des Mannes mit Pfeife und im Karo-Mantel, der sich in Begleitung eines Mannes befindet, bei dem es sich offensichtlich um einen Doktor handelt, kann nur der berühmte Sherlock Holmes sein – eine Meinung, die auch zwei verdächtige Gestalten teilen, um bei der ersten Gelegenheit das Weite zu suchen.

Eine ideale Ausgangssituation für die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die ihr letztes Geld für das Sherlock-Holmes-Outfit ausgegeben hatten, denn so können sie gleich deren Abteil und Gepäck übernehmen, und lernen zudem die Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck) kennen, die mit den beiden verschwundenen Herren verabredet waren. Sie befinden sich auf dem Weg zum Haus ihres verstorbenen Onkels, dessen Vermögen sie geerbt haben. Flint und McPherson haben anderes im Sinn und begeben sich in Paris sofort ins beste Hotel am Platze, denn nur wer groß einsteigt, wird von möglichen Auftraggebern auch ernst genommen – so zumindest die Theorie…


Angesichts der vielen Filme, in denen Heinz Rühmann und Hans Albers ab den 30er Jahren bis zu Albers' Tod 1960 mitwirkten, überrascht es vordergründig, dass sie in dieser Zeit nur dreimal gemeinsam auftraten - früh in "Bomben auf Monte Carlo" (1931) und noch einmal 1954 in "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins". Von diesen drei Filmen verfügt nur "Der Mann, der Sherlock Holmes war" über einen spannungsreichen Hintergrund, der sich sowohl auf die Qualität des Films positiv auswirkte, als auch begründete, warum es zu kaum einer weiteren Zusammenarbeit kam. Zum Entstehungszeitpunkt von "Bomben auf Monte Carlo" war die Rollenverteilung noch eindeutig - Hans Albers war schon ein großer Filmstar, während Heinz Rühmann noch am Beginn seiner Karriere stand - und der Dreh zu "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" basierte Mitte der 50er Jahre auf dem Konsens beider Mimen, wieder an alte Erfolge anknüpfen zu wollen, womit ein Patt zwischen ihren Rollen entstand.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" wurde dagegen zu beider Hochphase als große Filmstars gedreht, weshalb die nachvollziehbare Besetzung - Hans Albers als selbstbewusst auftretender, jede Situation beherrschender Sherlock Holmes, Heinz Rühmann als vorsichtiger, den Meister loyal unterstützender Dr. Watson - automatisch Konfliktpotential beinhaltete. Ein ähnliches Gleichgewicht bestand auch hinter der Kamera, denn Regisseur und Autor Karl Hartl war ein Spezialist für dramatische und fantastische Filme, in denen Hans Albers schon zweimal die Hauptrolle gespielt hatte ("F.P.1 antwortet nicht" (1932) und "Gold" (1934)), während Co-Autor Robert A. Stemmle komödiantische Stoffe bevorzugte und unter anderen für die Rühmann-Filme "So ein Flegel" (1934) und "Heinz im Mond" (1936) verantwortlich war. Im Nachhinein lässt sich diese Konstellation - so schwierig sie in der Praxis gewesen sein mag - nur als Glücksfall betrachten, denn sie verband nicht nur geschickt Kriminalfilm mit Komödie, sondern nahm den jeweiligen Charakter-Typen der beiden Stars, dank deren gegensätzlichen Spiels, ihre sonst übliche Einseitigkeit.

Zudem entzogen sich Hartl und Stemmle vollständig dem nationalsozialistischen Gedankengut, indem sie schon bei der ersten Einblendung deutlich werden ließen, welche Vorbilder sie für ihren Film nahmen - die fantasievollen, reich bebilderten Romanhefte über die Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Zwar ist die Handlung zur Zeit der Weltausstellung in Paris 1937 angesiedelt, aber darüber hinaus hält sich der Film nicht lange mit Realitäten auf. Munter mischt er die Nationalitäten, ohne auf Sprachbarrieren oder Stereotypen zu achten. Im Gegenteil agieren Albers und Rühmann auch als britische Bürger wie gewohnt und die Pariser Behörde wirkt in ihrer Unfähigkeit und ihrem Hierarchiedenken wie eine Parodie auf das deutsche Beamtentum. Besonders mit der einzig eindeutig deutschen Figur Erwin Wutzke (Lothar Geist), ein naseweiser Junge aus Berlin, der zu Fuß zur Pariser Weltausstellung gegangen ist und natürlich sofort als Einziger sieht, dass es sich bei den seltenen Mauritius-Marken um Fälschungen handelt - schließlich besitzt er eine eigene Briefmarkensammlung - gelang eine äußerst witzige Persiflage auf nervige Besserwisser.

Entsprechend ungebremst entfaltet sich ein Geschehen, dass quasi ohne Vorgeschichte auskommt. Gleich zu Beginn stoppen Albers und Rühmann auf den Gleisen stehend den Zug Richtung Paris, um als Sherlock Holmes und Dr. Watson die Verbrecher in Angst und Schrecken zu versetzen. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die sich nur rollengerecht verkleidet haben, aber das Spiel mit der doppelten Identität besitzt hier noch mehr Ebenen. Einerseits agieren Albers und Rühmann als Hochstapler in gewohnter Form - der Eine ohne Rücksicht auf Verluste, der Andere schüchtern und schuldbewusst, was sich wunderbar in dem stimmig integrierten Badezimmer-Duett "Jawoll, meine Herr'n!" verbindet - andererseits nehmen sie ihre Rollen als Holmes und Watson ernst, woraus sich ein klassischer Kriminalfall entwickelt, um am Ende in einer absurden Gerichtsszene zu enden, in der auch Sherlock Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle (Paul Bildt) eine wichtige Rolle spielt.


Bei "Der Mann, der Sherlock Holmes war" gelang das seltene Kunststück, die Qualitäten zweier unterschiedlicher Darsteller kongenial zu einem Geschehen zu verbinden, dass dank seines Tempos, seiner Einfälle und witzigen Dialoge, sowie der lässigen filmischen Umsetzung bis heute nichts von seinem unterhaltenden Charakter verloren hat. Selbst die beiden braven Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck), die als gleichwertig besetztes Love-Interest für die beiden Protagonisten eher blass blieben - im Gegensatz zur mondänen Madame Ganymare (Hilde Weissner), die als selbstbewusst auftretende Frau nur zur Verbrecherbande gehören konnte - können den guten Gesamteindruck eines Films nicht schwächen, der für seine Entstehungszeit, aber auch im Gesamtwerk der beiden Filmstars Heinz Rühmann und Hans Albers einen hohen Stellenwert einnimmt.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" Deutschland 1937, Regie: Karl Hartl, Drehbuch: Karl Hartl, Robert A.Stemmle, Darsteller : Heinz Rühmann, Hans Albers, Marieluise Claudius, Hansi Knoteck, Hilde WeissnerLaufzeit : 106 Minuten 

Donnerstag, 5. September 2013

Wenn abends die Heide träumt (1952) Paul Martin

Inhalt: Seit ihrer gemeinsamen Zeit als Kampfflieger im 2.Weltkrieg sind Peter (Rudolf Prack) und Karl (Victor Staal) unzertrennliche Freunde. Da sie nichts anderes gelernt haben, als mit Fliegerbomben umzugehen, arbeiten sie als Sprengmeister und entschärfen die vielen nicht explodierten Bomben, die täglich bei Bau- und Aufräumarbeiten gefunden werden. Ein so gefährlicher, wie gut bezahlter Job, weshalb Peter meist Ablenkung bei Glücksspiel und Alkohol sucht und davon träumt, dass sie irgendwann wieder fliegen dürfen.

Sein Freund Karl möchte dagegen endlich seine langjährige Verlobte Helga (Margot Trooger) heiraten, die in seinem in der Lüneburger Heide gelegenen Heimatort lebt. Gemeinsam haben sie sich ein paar Tage frei genommen, um Karls Mutter (Margarete Haagen) zu besuchen, aber auch damit Peter endlich die Verlobte seines Freundes kennenlernt – eine Begegnung, die Alles verändern wird…


Paul Martin war ein aus Österreich-Ungarn stammender Regisseur, der gleich zu Beginn seiner Film-Karriere an zwei Klassikern des frühen deutschen Tonfilms mitwirkte - bei "Bomben auf Monte Carlo" (1931) mit Hans Albers und Heinz Rühmann, sowie "Der Kongress tanzt" (1931) mit Willy Fritsch und Lilian Harvey. Mit der damals sehr populären Harvey verbanden Martin bald mehr als nur kollegiale Gefühle, weshalb es nicht überrascht, dass er in einem ihrer nächsten Filme  "Ein blonder Traum" (1932) erstmals für die Regie verantwortlich war. Bis zu ihrer Trennung 1938 arbeitete er fast ausschließlich mit Lilian Harvey zusammen, mit der er 1936 mit "Glückskinder" einen weiteren großen Erfolg feierte. Paul Martin inszenierte vor allem leichte Komödien und Musikfilme (unter anderen mit Zarah Leander "Das Lied der Wüste" (1939)), eine Vorliebe, die er auch nach dem Krieg mit Filmen wie "Du bist Musik"(1956) mit Catarina Valente oder "Graf Bobby, der Schrecken des Wilden Westens" (1966) mit Peter Alexander fortsetzte.

Obwohl er bei 63 Produktionen Regie führte, ist Paul Martin inzwischen in Vergessenheit geraten, was folgerichtig noch mehr für einen seiner wenigen dramatischen Filme gilt, den er in der Nachkriegszeit drehte. Zudem kam der Schwarz-Weiß-Film mit dem klingenden Namen "Wenn abends die Heide träumt" in die Kinos, der sich damit namentlich an den erfolgreichen Heimatfilm "Grün ist die Heide" (1951) anhängte, womit er ein Stigma erhielt, dass er nicht mehr ablegen konnte. Selbst die bisher einzige Video-Veröffentlichung des Films in den 80er Jahren weist ihn als reinen "Heimatfilm" aus, obwohl er nur wenige der Genre-Kriterien erfüllte. Schon das der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, widerspricht dem Versprechen einer "träumenden Heide", die nur als schemenhafter Hintergrund erkennbar wird. Zwar gibt es mit dem Bürgermeister-Ehepaar Knauer (Albert Florath und Fita Benkhoff) auch zwei komische Figuren, aber auf die üblichen folkloristischen Einlagen verzichtete der Film fast vollständig. Sogar Beppo Brem ist hier in einer seiner wenigen ernsten Rolle zu sehen, auch wenn sein bayrisches Gemüt ständig mit ihm durchgeht.

Neben dem Hintergrund der Lüneburger Heide weist "Wenn abends die Heide träumt" noch eine weitere wichtige Parallele zu "Grün ist die Heide" auf, denn Rudolf Prack, einer der großen Stars des deutschen Nachkriegskinos, spielte auch hier die männliche Hauptrolle. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, denn Prack verkörperte keinen Förster ("Grün ist die Heide") oder Künstler ("Schwarzwaldmädel" (1950)), sondern den Sprengmeister Peter Gelius, der sein Geld mit dem Entschärfen von so genannten "Blindgängern" - nicht explodierten Fliegerbomben - verdient. Zudem stand ihm mit Victor Staal als seinem besten Freund und Kollegen Karl Odewig ein populärer männlicher Darsteller zur Seite, der ein emotionales Gleichgewicht zu Prack herstellte, womit die üblichen eindeutigen Identifikationen vermieden wurden und Martin, der auch für das Drehbuch verantwortlich war, Mut zur Komplexität bewies.

Allein die ausführliche Schilderung der Bombenentschärfungen inmitten der Ruinen, begleitet von Polizeiabsperrungen, Evakuierungen und Sirenen-Alarm, widersprachen in ihrer an den Krieg erinnernden Realität den Heimatfilm-Regeln und verfügen heute noch über einen erstaunlich authentischen Charakter, wie er im deutschen Nachkriegsfilm selten zu sehen war. Die damit verbundenen Gefahren wirken zwar herunter gespielt, wenn Karl Odewig (Victor Staal) und Peter Gelius (Rudolf Prack), lässig mit Zigarette im Mundwinkel an den Zündern hantieren, aber die Todesgefahr bleibt trotz des vorherrschenden Galgenhumors gegenwärtig. Besonders Prack kann hier einmal gegen sein sonstiges Saubermann-Image anspielen, hat immer einen Flachmann dabei und vertreibt sich seine Zeit am liebsten beim Glücksspiel. Er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er die gefährliche Arbeit wegen der guten Bezahlung nur ungern aufgeben möchte.

Genau darum bittet ihn Karls Mutter (Margarete Haagen), die finanziell dazu beitragen möchte, dass sich die beiden Männer mit einer Tankstelle und KFZ-Werkstatt selbstständig machen können, um nicht weiter ihr Leben riskieren zu müssen. Für Karl wäre das eine wichtige Entscheidung, da er bald heiraten möchte, aber seiner Mutter ist bewusst, dass er diese nur gemeinsam mit seinem Freund treffen wird. Doch da ist noch Helga (Margot Trooger), Karls Verlobte, der Peter Gelius das erste Mal begegnet, wodurch sich die bisherigen Beziehungsebenen verschieben. Margot Trooger hatte zwar in ihrem ersten Film "Lockende Sterne" (1952) schon einmal an der Seite Pracks gespielt, aber nach "Wenn abends die Heide träumt" wurde sie in keinem der typischen Unterhaltungsfilme der 50er Jahre mehr besetzt. An Schönheit konnte sie es problemlos mit Sonja Ziemann und Co. aufnehmen, aber ihr Typus war zu individuell - nicht ohne Grund ist sie heute vor allem durch ihre Rolle als Fräulein Prysselius in "Pippi Langstrumpf" (1969) bekannt - was dem Film sehr zu Gute kam.

Es ist zudem nur schwer vorstellbar, dass Sonja Ziemann, die mit Prack das damalige Filmtraumpaar verkörperte, die Rolle der Helga gespielt hätte, die gegen die damaligen moralischen Anstandsregeln verstieß. Nicht nur, dass sie sich als Verlobte von Karl in dessen besten Freund verliebt, sie verbringt auch eine Nacht mit ihm. Die daraus folgenden Konsequenzen beschreiten nie den verlogenen Weg, wie er im deutschen Film dieser Zeit üblich war. Als Helga die Verlobung mit Karl konsequenterweise lösen will, relativieren sowohl ihre Mutter, als auch ihre zukünftige Schwiegermutter ihr Verhalten als normal und undramatisch - Moralpredigten gibt es hier keine. Selbst Karl, dem sie beichtet, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war, reagiert zwar traurig, aber keineswegs vorwurfsvoll. Allerdings ahnt noch Niemand, dass es sich bei ihrem Geliebten um Peter handelt, der für alle unerklärlich plötzlich nach Argentinien auswandern will. Nur Helga hatte er zuvor deutlich gemacht, dass er seinem Freund auf keinen Fall die Frau wegnehmen will.

Das Lexikon des internationalen Films schrieb:  „Ein seichter Unterhaltungsfilm um Liebe, Freundschaft und Berufsethos, der eine Vertiefung seiner Problematik erfolgreich vermeidet“ - ein Kritikpunkt, der auch auf die meisten heutigen Filme zuträfe, hier aber - im Zeitkontext betrachtet - nicht gerechtfertigt ist. Der von Paul Martin geschickt aufgebaute Konflikt ließe sich auch durch eine tiefer gehende Betrachtung nicht lösen, denn der frühere Zustand kann nicht wieder hergestellt werden - ein Bruch zwischen den alten Freunden wäre unvermeidbar. In oberflächlichen Dramen oder Komödien wird meist eine neue Partnerin für den zuvor Geschmähten aus dem Hut gezaubert, als ob das den Vertrauensverlust ungeschehen macht, aber Martin konzentriert sich hier ganz auf die Männerbeziehung, die er am Ende publikumswirksam idealisiert, um die Konsequenz einer harten Entscheidung zu vermeiden.

Diese Konzession an das Publikum lässt nicht übersehen, dass "Wenn abends die Heide träumt" der Realität sehr viel näher kam, als es im deutschen Unterhaltungsfilm der 50er Jahre üblich war. Auch wenn über die Diktatur kein Wort verloren wird, ist der Krieg hier noch gegenwärtig. Die Bombenentschärfer bei ihrer Arbeit und die Bilder grauer Städte, die von der Polizei evakuiert werden, um die Bomben vorsichtig über menschenleere Straßen transportieren zu können, prägen sich ebenso ein, wie Menschen, die nicht nach den Anstandsregeln leben, die gerade im Heimatfilm der 50er Jahre propagiert wurden. "Wenn abends die Heide träumt" erzählte eine Geschichte aus Deutschland und verstand sich als Unterhaltungsfilm, aber er vermittelte auch eine Ahnung vom wirklichen Leben in dieser Zeit. Nicht erstaunlich, dass er heute nahezu unbekannt ist - im Gegensatz zu dem deutlich schwächeren, aber viel erfolgreicheren "echten" Heimatfilm "Am Brunnen vor dem Tore" , der im selben Jahr herauskam.

"Wenn abends die Heide träumt" Deutschland 1952, Regie: Paul Martin, Drehbuch: Paul Martin, Juliane Kay, Tibor Yost, Darsteller : Rudolf Prack, Victor Staal, Margot Trooger, Margarete Haagen, Fita Benkhoff, Beppo Brem, Albert FlorathLaufzeit : 98 Minuten