Montag, 9. September 2013

Der Mann, der Sherlock Holmes war (1937) Karl Hartl

Inhalt: Mitten in der Nacht stehen zwei Männer auf den Gleisen und halten den Express-Zug nach Paris an, um auf offener Strecke einzusteigen. Dieser ungeheure Vorgang wäre normalerweise unverzeihlich, aber das selbstbewusste Auftreten des Mannes mit Pfeife und im Karo-Mantel, der sich in Begleitung eines Mannes befindet, bei dem es sich offensichtlich um einen Doktor handelt, kann nur der berühmte Sherlock Holmes sein – eine Meinung, die auch zwei verdächtige Gestalten teilen, um bei der ersten Gelegenheit das Weite zu suchen.

Eine ideale Ausgangssituation für die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die ihr letztes Geld für das Sherlock-Holmes-Outfit ausgegeben hatten, denn so können sie gleich deren Abteil und Gepäck übernehmen, und lernen zudem die Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck) kennen, die mit den beiden verschwundenen Herren verabredet waren. Sie befinden sich auf dem Weg zum Haus ihres verstorbenen Onkels, dessen Vermögen sie geerbt haben. Flint und McPherson haben anderes im Sinn und begeben sich in Paris sofort ins beste Hotel am Platze, denn nur wer groß einsteigt, wird von möglichen Auftraggebern auch ernst genommen – so zumindest die Theorie…


Angesichts der vielen Filme, in denen Heinz Rühmann und Hans Albers ab den 30er Jahren bis zu Albers' Tod 1960 mitwirkten, überrascht es vordergründig, dass sie in dieser Zeit nur dreimal gemeinsam auftraten - früh in "Bomben auf Monte Carlo" (1931) und noch einmal 1954 in "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins". Von diesen drei Filmen verfügt nur "Der Mann, der Sherlock Holmes war" über einen spannungsreichen Hintergrund, der sich sowohl auf die Qualität des Films positiv auswirkte, als auch begründete, warum es zu kaum einer weiteren Zusammenarbeit kam. Zum Entstehungszeitpunkt von "Bomben auf Monte Carlo" war die Rollenverteilung noch eindeutig - Hans Albers war schon ein großer Filmstar, während Heinz Rühmann noch am Beginn seiner Karriere stand - und der Dreh zu "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" basierte Mitte der 50er Jahre auf dem Konsens beider Mimen, wieder an alte Erfolge anknüpfen zu wollen, womit ein Patt zwischen ihren Rollen entstand.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" wurde dagegen zu beider Hochphase als große Filmstars gedreht, weshalb die nachvollziehbare Besetzung - Hans Albers als selbstbewusst auftretender, jede Situation beherrschender Sherlock Holmes, Heinz Rühmann als vorsichtiger, den Meister loyal unterstützender Dr. Watson - automatisch Konfliktpotential beinhaltete. Ein ähnliches Gleichgewicht bestand auch hinter der Kamera, denn Regisseur und Autor Karl Hartl war ein Spezialist für dramatische und fantastische Filme, in denen Hans Albers schon zweimal die Hauptrolle gespielt hatte ("F.P.1 antwortet nicht" (1932) und "Gold" (1934)), während Co-Autor Robert A. Stemmle komödiantische Stoffe bevorzugte und unter anderen für die Rühmann-Filme "So ein Flegel" (1934) und "Heinz im Mond" (1936) verantwortlich war. Im Nachhinein lässt sich diese Konstellation - so schwierig sie in der Praxis gewesen sein mag - nur als Glücksfall betrachten, denn sie verband nicht nur geschickt Kriminalfilm mit Komödie, sondern nahm den jeweiligen Charakter-Typen der beiden Stars, dank deren gegensätzlichen Spiels, ihre sonst übliche Einseitigkeit.

Zudem entzogen sich Hartl und Stemmle vollständig dem nationalsozialistischen Gedankengut, indem sie schon bei der ersten Einblendung deutlich werden ließen, welche Vorbilder sie für ihren Film nahmen - die fantasievollen, reich bebilderten Romanhefte über die Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Zwar ist die Handlung zur Zeit der Weltausstellung in Paris 1937 angesiedelt, aber darüber hinaus hält sich der Film nicht lange mit Realitäten auf. Munter mischt er die Nationalitäten, ohne auf Sprachbarrieren oder Stereotypen zu achten. Im Gegenteil agieren Albers und Rühmann auch als britische Bürger wie gewohnt und die Pariser Behörde wirkt in ihrer Unfähigkeit und ihrem Hierarchiedenken wie eine Parodie auf das deutsche Beamtentum. Besonders mit der einzig eindeutig deutschen Figur Erwin Wutzke (Lothar Geist), ein naseweiser Junge aus Berlin, der zu Fuß zur Pariser Weltausstellung gegangen ist und natürlich sofort als Einziger sieht, dass es sich bei den seltenen Mauritius-Marken um Fälschungen handelt - schließlich besitzt er eine eigene Briefmarkensammlung - gelang eine äußerst witzige Persiflage auf nervige Besserwisser.

Entsprechend ungebremst entfaltet sich ein Geschehen, dass quasi ohne Vorgeschichte auskommt. Gleich zu Beginn stoppen Albers und Rühmann auf den Gleisen stehend den Zug Richtung Paris, um als Sherlock Holmes und Dr. Watson die Verbrecher in Angst und Schrecken zu versetzen. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die sich nur rollengerecht verkleidet haben, aber das Spiel mit der doppelten Identität besitzt hier noch mehr Ebenen. Einerseits agieren Albers und Rühmann als Hochstapler in gewohnter Form - der Eine ohne Rücksicht auf Verluste, der Andere schüchtern und schuldbewusst, was sich wunderbar in dem stimmig integrierten Badezimmer-Duett "Jawoll, meine Herr'n!" verbindet - andererseits nehmen sie ihre Rollen als Holmes und Watson ernst, woraus sich ein klassischer Kriminalfall entwickelt, um am Ende in einer absurden Gerichtsszene zu enden, in der auch Sherlock Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle (Paul Bildt) eine wichtige Rolle spielt.


Bei "Der Mann, der Sherlock Holmes war" gelang das seltene Kunststück, die Qualitäten zweier unterschiedlicher Darsteller kongenial zu einem Geschehen zu verbinden, dass dank seines Tempos, seiner Einfälle und witzigen Dialoge, sowie der lässigen filmischen Umsetzung bis heute nichts von seinem unterhaltenden Charakter verloren hat. Selbst die beiden braven Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck), die als gleichwertig besetztes Love-Interest für die beiden Protagonisten eher blass blieben - im Gegensatz zur mondänen Madame Ganymare (Hilde Weissner), die als selbstbewusst auftretende Frau nur zur Verbrecherbande gehören konnte - können den guten Gesamteindruck eines Films nicht schwächen, der für seine Entstehungszeit, aber auch im Gesamtwerk der beiden Filmstars Heinz Rühmann und Hans Albers einen hohen Stellenwert einnimmt.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" Deutschland 1937, Regie: Karl Hartl, Drehbuch: Karl Hartl, Robert A.Stemmle, Darsteller : Heinz Rühmann, Hans Albers, Marieluise Claudius, Hansi Knoteck, Hilde WeissnerLaufzeit : 106 Minuten 

Donnerstag, 5. September 2013

Wenn abends die Heide träumt (1952) Paul Martin

Inhalt: Seit ihrer gemeinsamen Zeit als Kampfflieger im 2.Weltkrieg sind Peter (Rudolf Prack) und Karl (Victor Staal) unzertrennliche Freunde. Da sie nichts anderes gelernt haben, als mit Fliegerbomben umzugehen, arbeiten sie als Sprengmeister und entschärfen die vielen nicht explodierten Bomben, die täglich bei Bau- und Aufräumarbeiten gefunden werden. Ein so gefährlicher, wie gut bezahlter Job, weshalb Peter meist Ablenkung bei Glücksspiel und Alkohol sucht und davon träumt, dass sie irgendwann wieder fliegen dürfen.

Sein Freund Karl möchte dagegen endlich seine langjährige Verlobte Helga (Margot Trooger) heiraten, die in seinem in der Lüneburger Heide gelegenen Heimatort lebt. Gemeinsam haben sie sich ein paar Tage frei genommen, um Karls Mutter (Margarete Haagen) zu besuchen, aber auch damit Peter endlich die Verlobte seines Freundes kennenlernt – eine Begegnung, die Alles verändern wird…


Paul Martin war ein aus Österreich-Ungarn stammender Regisseur, der gleich zu Beginn seiner Film-Karriere an zwei Klassikern des frühen deutschen Tonfilms mitwirkte - bei "Bomben auf Monte Carlo" (1931) mit Hans Albers und Heinz Rühmann, sowie "Der Kongress tanzt" (1931) mit Willy Fritsch und Lilian Harvey. Mit der damals sehr populären Harvey verbanden Martin bald mehr als nur kollegiale Gefühle, weshalb es nicht überrascht, dass er in einem ihrer nächsten Filme  "Ein blonder Traum" (1932) erstmals für die Regie verantwortlich war. Bis zu ihrer Trennung 1938 arbeitete er fast ausschließlich mit Lilian Harvey zusammen, mit der er 1936 mit "Glückskinder" einen weiteren großen Erfolg feierte. Paul Martin inszenierte vor allem leichte Komödien und Musikfilme (unter anderen mit Zarah Leander "Das Lied der Wüste" (1939)), eine Vorliebe, die er auch nach dem Krieg mit Filmen wie "Du bist Musik"(1956) mit Catarina Valente oder "Graf Bobby, der Schrecken des Wilden Westens" (1966) mit Peter Alexander fortsetzte.

Obwohl er bei 63 Produktionen Regie führte, ist Paul Martin inzwischen in Vergessenheit geraten, was folgerichtig noch mehr für einen seiner wenigen dramatischen Filme gilt, den er in der Nachkriegszeit drehte. Zudem kam der Schwarz-Weiß-Film mit dem klingenden Namen "Wenn abends die Heide träumt" in die Kinos, der sich damit namentlich an den erfolgreichen Heimatfilm "Grün ist die Heide" (1951) anhängte, womit er ein Stigma erhielt, dass er nicht mehr ablegen konnte. Selbst die bisher einzige Video-Veröffentlichung des Films in den 80er Jahren weist ihn als reinen "Heimatfilm" aus, obwohl er nur wenige der Genre-Kriterien erfüllte. Schon das der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, widerspricht dem Versprechen einer "träumenden Heide", die nur als schemenhafter Hintergrund erkennbar wird. Zwar gibt es mit dem Bürgermeister-Ehepaar Knauer (Albert Florath und Fita Benkhoff) auch zwei komische Figuren, aber auf die üblichen folkloristischen Einlagen verzichtete der Film fast vollständig. Sogar Beppo Brem ist hier in einer seiner wenigen ernsten Rolle zu sehen, auch wenn sein bayrisches Gemüt ständig mit ihm durchgeht.

Neben dem Hintergrund der Lüneburger Heide weist "Wenn abends die Heide träumt" noch eine weitere wichtige Parallele zu "Grün ist die Heide" auf, denn Rudolf Prack, einer der großen Stars des deutschen Nachkriegskinos, spielte auch hier die männliche Hauptrolle. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, denn Prack verkörperte keinen Förster ("Grün ist die Heide") oder Künstler ("Schwarzwaldmädel" (1950)), sondern den Sprengmeister Peter Gelius, der sein Geld mit dem Entschärfen von so genannten "Blindgängern" - nicht explodierten Fliegerbomben - verdient. Zudem stand ihm mit Victor Staal als seinem besten Freund und Kollegen Karl Odewig ein populärer männlicher Darsteller zur Seite, der ein emotionales Gleichgewicht zu Prack herstellte, womit die üblichen eindeutigen Identifikationen vermieden wurden und Martin, der auch für das Drehbuch verantwortlich war, Mut zur Komplexität bewies.

Allein die ausführliche Schilderung der Bombenentschärfungen inmitten der Ruinen, begleitet von Polizeiabsperrungen, Evakuierungen und Sirenen-Alarm, widersprachen in ihrer an den Krieg erinnernden Realität den Heimatfilm-Regeln und verfügen heute noch über einen erstaunlich authentischen Charakter, wie er im deutschen Nachkriegsfilm selten zu sehen war. Die damit verbundenen Gefahren wirken zwar herunter gespielt, wenn Karl Odewig (Victor Staal) und Peter Gelius (Rudolf Prack), lässig mit Zigarette im Mundwinkel an den Zündern hantieren, aber die Todesgefahr bleibt trotz des vorherrschenden Galgenhumors gegenwärtig. Besonders Prack kann hier einmal gegen sein sonstiges Saubermann-Image anspielen, hat immer einen Flachmann dabei und vertreibt sich seine Zeit am liebsten beim Glücksspiel. Er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er die gefährliche Arbeit wegen der guten Bezahlung nur ungern aufgeben möchte.

Genau darum bittet ihn Karls Mutter (Margarete Haagen), die finanziell dazu beitragen möchte, dass sich die beiden Männer mit einer Tankstelle und KFZ-Werkstatt selbstständig machen können, um nicht weiter ihr Leben riskieren zu müssen. Für Karl wäre das eine wichtige Entscheidung, da er bald heiraten möchte, aber seiner Mutter ist bewusst, dass er diese nur gemeinsam mit seinem Freund treffen wird. Doch da ist noch Helga (Margot Trooger), Karls Verlobte, der Peter Gelius das erste Mal begegnet, wodurch sich die bisherigen Beziehungsebenen verschieben. Margot Trooger hatte zwar in ihrem ersten Film "Lockende Sterne" (1952) schon einmal an der Seite Pracks gespielt, aber nach "Wenn abends die Heide träumt" wurde sie in keinem der typischen Unterhaltungsfilme der 50er Jahre mehr besetzt. An Schönheit konnte sie es problemlos mit Sonja Ziemann und Co. aufnehmen, aber ihr Typus war zu individuell - nicht ohne Grund ist sie heute vor allem durch ihre Rolle als Fräulein Prysselius in "Pippi Langstrumpf" (1969) bekannt - was dem Film sehr zu Gute kam.

Es ist zudem nur schwer vorstellbar, dass Sonja Ziemann, die mit Prack das damalige Filmtraumpaar verkörperte, die Rolle der Helga gespielt hätte, die gegen die damaligen moralischen Anstandsregeln verstieß. Nicht nur, dass sie sich als Verlobte von Karl in dessen besten Freund verliebt, sie verbringt auch eine Nacht mit ihm. Die daraus folgenden Konsequenzen beschreiten nie den verlogenen Weg, wie er im deutschen Film dieser Zeit üblich war. Als Helga die Verlobung mit Karl konsequenterweise lösen will, relativieren sowohl ihre Mutter, als auch ihre zukünftige Schwiegermutter ihr Verhalten als normal und undramatisch - Moralpredigten gibt es hier keine. Selbst Karl, dem sie beichtet, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war, reagiert zwar traurig, aber keineswegs vorwurfsvoll. Allerdings ahnt noch Niemand, dass es sich bei ihrem Geliebten um Peter handelt, der für alle unerklärlich plötzlich nach Argentinien auswandern will. Nur Helga hatte er zuvor deutlich gemacht, dass er seinem Freund auf keinen Fall die Frau wegnehmen will.

Das Lexikon des internationalen Films schrieb:  „Ein seichter Unterhaltungsfilm um Liebe, Freundschaft und Berufsethos, der eine Vertiefung seiner Problematik erfolgreich vermeidet“ - ein Kritikpunkt, der auch auf die meisten heutigen Filme zuträfe, hier aber - im Zeitkontext betrachtet - nicht gerechtfertigt ist. Der von Paul Martin geschickt aufgebaute Konflikt ließe sich auch durch eine tiefer gehende Betrachtung nicht lösen, denn der frühere Zustand kann nicht wieder hergestellt werden - ein Bruch zwischen den alten Freunden wäre unvermeidbar. In oberflächlichen Dramen oder Komödien wird meist eine neue Partnerin für den zuvor Geschmähten aus dem Hut gezaubert, als ob das den Vertrauensverlust ungeschehen macht, aber Martin konzentriert sich hier ganz auf die Männerbeziehung, die er am Ende publikumswirksam idealisiert, um die Konsequenz einer harten Entscheidung zu vermeiden.

Diese Konzession an das Publikum lässt nicht übersehen, dass "Wenn abends die Heide träumt" der Realität sehr viel näher kam, als es im deutschen Unterhaltungsfilm der 50er Jahre üblich war. Auch wenn über die Diktatur kein Wort verloren wird, ist der Krieg hier noch gegenwärtig. Die Bombenentschärfer bei ihrer Arbeit und die Bilder grauer Städte, die von der Polizei evakuiert werden, um die Bomben vorsichtig über menschenleere Straßen transportieren zu können, prägen sich ebenso ein, wie Menschen, die nicht nach den Anstandsregeln leben, die gerade im Heimatfilm der 50er Jahre propagiert wurden. "Wenn abends die Heide träumt" erzählte eine Geschichte aus Deutschland und verstand sich als Unterhaltungsfilm, aber er vermittelte auch eine Ahnung vom wirklichen Leben in dieser Zeit. Nicht erstaunlich, dass er heute nahezu unbekannt ist - im Gegensatz zu dem deutlich schwächeren, aber viel erfolgreicheren "echten" Heimatfilm "Am Brunnen vor dem Tore" , der im selben Jahr herauskam.

"Wenn abends die Heide träumt" Deutschland 1952, Regie: Paul Martin, Drehbuch: Paul Martin, Juliane Kay, Tibor Yost, Darsteller : Rudolf Prack, Victor Staal, Margot Trooger, Margarete Haagen, Fita Benkhoff, Beppo Brem, Albert FlorathLaufzeit : 98 Minuten 

Freitag, 30. August 2013

Sissi (1955) Ernst Marischka

Inhalt: Die 16jährige bayerische Prinzessin Elisabeth, genannt „Sissi“ (Romy Schneider), führt ein freies Leben im Haus ihres Vaters, des Herzogs Max (Gustav Knuth), mit dem sie am liebsten viel Zeit in der Natur verbringt. Für eine Rolle am Hof wurde ihre ältere Schwester Helene (Uta Franz) erzogen, die sich ganz ihrer strengen Mutter Ludovika (Magda Schneider) unterordnete. Als diese die Nachricht vom Wiener Hof erreicht, dass ihre Schwester Erzherzogin Sophie (Vilma Degischer) die Vermählung ihres Sohnes, Kaisers Franz Joseph (Karlheinz Böhm), mit ihrer Tochter Helene wünscht, sieht sie sich am Ziel ihrer Wünsche.

Kurzfristig planen sie ein Treffen in Bad Ischl, um die Verlobung von Franz Joseph mit Helene bekannt zu geben. Um es wie einen normalen Ausflug aussehen zu lassen, nehmen sie Sissi mit, die sich zuerst darüber freut, dann aber feststellen muss, dass sie in ihrem Hotelzimmer bleiben muss. Doch sie lässt sich nicht einsperren, klettert aus dem Fenster und besorgt sich eine Angel, mit der sie sich zu dem nahe gelegenen Fluss begibt. Statt eines Fisches verfängt sich die Kutsche des Kaisers in der Angelschnur, die sich kurz vor der Ankunft in Bad Ischl befand. Gegen den Rat des Majors (Josef Meinrad) seiner Wache steigt Franz Joseph zu der hübschen junger Frau aus und bittet sie um ein gemeinsames Treffen bei der Jagd, wohin er sich ohne seinen Hofstaat begeben kann…


"Sissi" ist seit Jahrzehnten ein Phänomen im deutschsprachigen Kino. Einerseits gibt es nur wenige Filme dieser Zeit, die heute noch ähnlich bekannt sind, andererseits spaltet er die Haltung des Publikums in klare Pro- und Contra-Lager, als behandele "Sissi" Themen von gesellschaftlicher Brisanz. Nicht einmal eine eindeutige Genre-Zuordnung lässt sich feststellen, da sich Ernst Marischkas Film zwar an historischen Ereignissen orientierte, gleichzeitig aber auf die Mitte der 50er Jahre populären Insignien des Heimatfilms setzte mit einer romantischen Liebesgeschichte inmitten einer idyllischen Landschaft. Stoffe, die innerhalb einer adeligen Gesellschaft spielten, waren generell populär im Unterhaltungsfilm – Regisseur Marischka selbst hatte ein Jahr zuvor Romy Schneider in „Mädchenjahre einer Königin“ als junge Königin Victoria von England besetzt - aber die Geschichte der schönen bayerischen Prinzessin Elisabeth, die zur österreichischen Kaiserin aufstieg, ging weit darüber hinaus und hatte die Gemüter seit der damaligen Inthronisierung von "Sissi" ununterbrochen bewegt.

Schon 1932 hatte Regisseur und Drehbuchautor Ernst Marischka das Theaterstück "Sissis Brautfahrt" - von Fritz Kreisler vertont - in Wien auf die Bühne gebracht, eine Hollywood-Verfilmung unter dem Titel "The King steps out" (1936) folgte nur wenig später. Deshalb war Marischka gezwungen die Rechte für einen "Sissi" - Film neu zu erwerben, weshalb er auf den Roman von Marie Blank-Eimann über die Jugendjahre der späteren Kaiserin zurückgriff, der 1933 erstmals als Fortsetzungsroman erschienen war, auf dessen Basis er sein Drehbuch umschrieb. Jede der Publikationen über das Leben von "Sissi" war von Erfolg gekrönt, aber der "Sissi"- Hype, den Marischka Mitte der 50er Jahre auslöste, stellte alle bisherigen Ergebnisse in den Schatten. Nicht nur die zwei Fortsetzungen, die an der Kinokasse für Rekorde sorgten, sind beredte Zeugen der hohen Nachfrage nach weiteren "Sissi"-Geschichten, sondern auch der maßgebliche Einfluss auf das Leben der Hauptdarstellerin Romy Schneider in der Titelrolle - nicht zuletzt der Grund für die bis heute anhaltende Popularität des Films.

Auf Grund dieser äußeren Umstände, existieren nur wenige objektive Auseinandersetzungen mit dem Film, der je nach persönlicher Vorliebe als klischeehafte, kitschige Unterhaltung im Heimatfilm-Stil oder als romantischer Liebesfilm, getragen von einer berührenden Romy Schneider, betrachtet wird. Tatsächlich stimmen beide Betrachtungsweisen gleichzeitig, was den Erfolg des Films ausmachte. Die erste Hälfte von "Sissi" ist reinstes Heimatfilmkino mit zwei Protagonisten, die in Liebe füreinander entflammen, obwohl die Gesellschaft gegen diese Verbindung ist - eines der klassischen Motive des Genres. Obwohl Franz Joseph (Karlheinz Böhm) schon als Kaiser die KuK - Monarchie regiert, ist es seine Mutter, Erzherzogin Sophie (Vilma Degischer), die über sein Liebesleben bestimmt und ihn mit Prinzessin Helene (Uta Franz), der Tochter ihrer Schwester Herzogin Ludovika (Magda Schneider), verheiraten will.

Dass dieser Plan durchkreuzt wird, entspringt einer ebenso für das Genre typischen Story-Konstruktion. Anstatt die 16jährige Prinzessin Elisabeth (Romy Schneider) bei ihrem sympathischen Vater Max zu lassen - eine Paraderolle für Gustav Knuth als wenig elitär auftretender Kumpeltyp, der als Gegenentwurf zu den gestrengen Frauen seiner Generation die tradierten Geschlechterrollen bestätigte - wird sie von ihrer Mutter zwar nach Bad Ischl zum Treffpunkt mit der Kaiserfamilie mitgenommen, dort aber unter Verschluss gehalten, da sie als Repräsentantin nicht ernst genommen wird. Ergänzt wird diese Haltung noch von der komödiantischen Rolle eines übertrieben lächerlich agierenden Wachoffiziers (Josef Meinrad), der für die Sicherheit des Kaisers zuständig ist, letztlich aber nur den Grad der Fehleinschätzung von Sissi erhöhen soll, die selbstverständlich ausreißt und zufällig auf den jungen Franz-Joseph trifft. Diese ideale Fügung einer unvoreingenommenen ersten Begegnung führt Genre gerecht zu sofortiger inniger Liebe, die sich in einer weiteren heimlichen Verabredung manifestiert.

Konstellationen dieser Art sind häufig im Heimatfilm anzutreffen, aber selten verfügten sie über ähnlich überzeugende Protagonisten. Es ist weniger ihre Attraktivität und ihr natürliches Spiel, als die Authentizität ihrer kurzen Auflehnung gegen das Establishment, die eine bleibende Wirkung hinterlässt. Paare, die entgegen den Vorstellungen ihrer Umgebung zusammen kamen, waren im Heimatfilm keine Seltenheit, aber sie stellten die traditionelle Ordnung damit selten in Frage - die Gegengründe für ihre Verbindung lagen meist in ungerechtfertigten Vorurteilen oder lang anhaltenden Fehden ihrer Familien. Romy Schneider und Karlheinz Böhm waren zudem keine typischen Genre-Darsteller, von denen viele nach dem Ende der Heimatfilm-Ära wieder aus dem Kino verschwanden, sondern ihr weiterer Lebensweg bewies eine Individualität, die ihnen schon in "Sissi" anzumerken ist.

Ihrer Liebesgeschichte kommt es entgegen, dass sich der Film in seiner zweiten Hälfte Richtung Historiendrama neigt. Ihre Verbindung ist zwar ein Affront für die beiden Mütter, sowie eine Zurückweisung von Helene, aber der junge Kaiser kann sich damit als Autorität profilieren, der seine Haltung durchzusetzen in der Lage ist. Auch Sissi wird zunehmend gezwungen, ihren jugendlichen Überschwang zurückzunehmen und sich mit ihrer zukünftigen Rolle der höchsten Frau im Staat auseinanderzusetzen. Der Vorteil dieser Konstellation liegt darin, dass Marischka auf die typische, häufig sehr konstruiert wirkende Dramatisierung am Ende eines Heimatfilms verzichten konnte, da allein schon die gestrengen Regeln am Wiener Hof, denen sich Sissi unterordnen muss, genug Dramatik vermittelten. Die letzten Minuten des Films sind entsprechend eine Konzession an das Publikum, denn die Pracht der Inszenierung der Hochzeit von Franz und Sissi täuscht über die schwere Last hinweg, die in Zukunft auf sie wartet.

Kritikpunkte zu "Sissi" lassen sich genügend finden - der historische Hintergrund kam über die Funktion eines äußeren Rahmens nicht hinaus, vor dem Marischka eine typische Heimatfilmstory entwickelte, die alle vertrauten Klischees bediente, weshalb sich auch Romy Schneider und Karlheinz Böhm später von dem Film distanzierten. Genre immanent betrachtet, lässt sich eine überdurchschnittliche Umsetzung konstatieren, weshalb der anhaltende Erfolg des Films kein Zufall ist. Getragen von einer sehr guten Besetzung, entwickelte „Sissi“ eine abwechslungsreiche, stimmige Story, die erst in den letzten Minuten ihren ausgewogenen Rhythmus verliert, als sich der Film nur noch den Massenszenen der Hochzeit unterordnet.

"Sissi" Österreich 1955, Regie: Ernst Marischka, Drehbuch: Ernst Marischka, Darsteller : Romy Schneider, Karlheinz Böhm, Magda Schneider, Gustav Knuth, Josef Meinrad, Vilma Degischer, Uta FranzLaufzeit : 98 Minuten 

Montag, 26. August 2013

Der Stern von Afrika (1957) Alfred Weidenmann

Inhalt: Nachdem sich Hans-Joachim Marseille (Joachim Hansen) 1938 freiwillig bei der Luftwaffe gemeldet hatte, wurde zwar sein fliegerisches Talent offensichtlich, hatte ihn aber nur das Eingreifen seines besten Freundes Robert Franke (Hansjörg Felmy) vor dem Rauswurf bewahrt, da er zu eigensinnig und unmilitärisch agierte. Die Fliegerei ist für Marseille ein großer Spaß, weshalb ihn die Nachricht vom Kriegsbeginn genauso überrascht wie seine Kameraden, darunter neben Robert noch Albin Droste (Horst Frank) und Answald Sommer (Peer Schmidt).

Bei einem der ersten Einsätze am Atlantik wird Robert abgeschossen, der nur mit Glück überlebt, nachdem er eine Nacht auf dem Meer verbracht hatte. Erstmals spürt Marseille die Gefahr, die ihre Flüge begleitet, aber nachdem sie nach Afrika versetzt wurden, beginnt sein unaufhaltsamer Aufstieg als Kampfflieger. Gegen die zahlenmäßig überlegenen britischen Flugzeugstaffeln schert er aus dem Flieger-Pulk aus und greift sie individuell an. Das widerspricht militärischen Gepflogenheiten, aber seine Abschusszahlen geben ihm Recht, die ständig neue Rekordhöhen erklimmen…


Einen Film über den von der NS-Propaganda in den ersten Kriegsjahren hochgejubelten Kampfflieger Hans-Joachim - genannt "Jochen" - Marseille in die Hände des Regisseurs Alfred Weidenmann und des Drehbuchautors Herbert Reinecker zu legen, scheint jedes Klischee an einen 50er Jahre Kriegsfilm zu erfüllen, der keine kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur suchte, sondern die Heroisierung des tapferen Wehrmachtssoldaten beabsichtigte, der nur seine Pflicht tat. Weidenmann, Jahrgang 1918, drehte schon als junger Mann Reportage-Filme für die Hitlerjugend, nachdem er als Presse- und Propaganda-Referent der HJ mehrere Bücher verfasst und herausgegeben hatte. 1944 erschien sein Propaganda-Film "Junge Adler", zu dem Reinecker ebenfalls das Drehbuch schrieb und in dem mit Dietmar Schönherr, Hardy Krüger und Gunnar Möller drei später renommierte Darsteller ihr Debut gaben - eine weitere Parallele zu "Der Stern für Afrika", der für Joachim Hansen, Hansjörg Felmy und Horst Frank zum Beginn ihrer erfolgreichen Karrieren wurde.

Auch in "Canaris" (1954) hatte sich Alfred Weidenmann schon mit einer realen Figur der jüngeren Geschichte befasst, aber "Der Stern von Afrika" bedeutete eine Zäsur im deutschen Kriegsfilm-Genre, denn erstmals wurden wieder ausführliche Kampfhandlungen gezeigt. Nachdem es 1956 zu einem Jahr ohne Kriegsfilme im deutschen Kino gekommen war, bereitete die Wiedereinführung einer deutschen Armee - die ersten Wehrpflichtigen wurden Anfang 1957 eingezogen - den Weg zu einer konkreteren Darstellung des deutschen Soldatentums. Dazu bot sich Hans-Joachim Marseille als ideale Identifikationsfigur an, denn Abschusszahlen von allein kämpfenden Piloten ließen sich leichter vermarkten und darstellen als Ergebnisse komplexer militärischer Aktionen, weshalb sich auch die Nationalsozialisten seiner Popularität bedient hatten. Entsprechend wird in „Der Stern von Afrika“ nur so mit Zahlen um sich geschmissen, wenn gut aussehende junge Offiziere ihren „Jochen“ angesichts ständiger neuer Rekorde hochleben lassen, als ging es um eine 100m-Bestzeit und nicht um den Tod von Menschen.

Zudem entwickelte der Film um die Kameraden „Jochen“ Marseille (Joachim Hansen), dessen besten Freund Robert Franke (Hansjörg Felmy), den etwas widerborstigen Albin Droste (Horst Frank) und den Witzbold Answald Sommer (Peer Schmidt) eine lockere, meist gut gelaunt agierende Männertruppe, die sich weder besonders militärisch gibt, noch Berührungspunkte mit den Nationalsozialisten und deren Ideologie zu haben scheint. Wie in dem kurz darauf entstandenen Kriegsfilm „Haie und kleine Fische“ (1957) vermitteln auch hier Aufnahmen von sich bei einem Segeltörn vergnügenden jungen Menschen zuerst das Bild eines friedlichen Lebens, über das plötzlich ein schrecklicher Krieg hereinbricht, der die Jugend Deutschlands zerstören sollte – eine Botschaft, die Weidenmanns Film noch mehrfach wiederholt, auch aus den Worten eines alten Franzosen (Erich Ponto), nachdem er mit Marseille in Paris eine Partie Billard spielte. Dass die jungen Offiziere Paris besuchen konnten, weil Frankreich von Deutschland besetzt wurde, das als Aggressor für den Ausbruch des Krieges erst verantwortlich war, wird ebenso wenig erwähnt, wie Zusammenhänge zu den Aktionen des Afrika-Corps hergestellt werden, zu dem die jungen Flieger nach ihrem ersten Einsatz am Atlantik versetzt werden.

Ihr Zelt-Lager im afrikanischen Wüstensand erinnert mehr an eine Abenteuer-Expedition, bei der ausführlich gefeiert (mit Roberto Blanco in seiner ersten Rolle als Stimmungskanone, selbstverständlich frei von rassistischen Ressentiments) und viel geflogen wird, was Weidenmann die Gelegenheit gab, schicke Bilder von schnell startenden und landenden Messerschmidt-Jagdflugzeugen, sowie erfolgreiche Luftkämpfe aus der Ego-Shooter-Perspektive zu zeigen. Weidenmann gelang es sogar, Marseilles Besuch in seiner Heimatstadt Berlin, wo ihm nach seinem 100. Abschuss höchste militärische Ehren zuteil wurden - ein von der NSDAP propagandistisch genutzter Vorgang - ohne die geringsten Verweise auf die herrschende Diktatur darzustellen. Weder Hitlergruß, noch SS-Uniformen sind in „Der Stern von Afrika“ zu sehen, nicht einmal die typischen patriotischen und selbst beweihräuchernden Redewendungen sind zu hören. Im Gegenteil lässt Marseille erkennen, dass ihm die gesamten Ehrenbekundungen eher unangenehm sind, und der Film zeigt ihn einzig bei einer Rede in seiner ehemaligen Schule, in der er nicht von seinen Taten, sondern von seinen Kameraden erzählt. Dabei erwähnt er vor den aufmerksam zuhörenden Schülern auch den fröhlichen Answald Sommer, um sich kurz darauf selbst zu berichtigen, dass dieser jetzt tot wäre – viel unrealistischer und beschönigender hätten Weidenmann und Reinecker diese Situation nicht inszenieren können.

Mit dieser idealisierten, die eigene Verantwortung verharmlosenden Charakterisierung, entsprach Weidenmann der Haltung eines Großteils der ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich Mitte der 50er Jahre als Opfer betrachteten. Mehrfach thematisierte er in „Der Stern von Afrika“ auch die Frage nach dem Sinn ihres Handelns. Als Marseille, Selbstzweifel äußernd, seinem Vorgesetzten diese Frage stellt, deutet dieser an, dass der persönliche Einsatz für eine Sache über dem System steht – eine Aussage, die Vielen aus dem Herzen gesprochen haben dürfte, weshalb der Film an der Kinokasse sehr erfolgreich war, obwohl die zeitgenössische Kritik nicht nur die wenig realistische Darstellung des Kampffliegers bemängelte, sondern auch einen Propagandacharakter erkannte, der an die hintergründig beeinflussenden Filme der NS-Zeit erinnerte. Einerseits zurecht, denn mit einer Aufarbeitung historischer Fakten hat „Der Stern von Afrika“ nichts gemeinsam - die tatsächliche Rolle der Wehrmacht wurde bekanntlich erst Jahrzehnte später dokumentiert - andererseits verwendete Weidenmann die selben filmischen Mittel, um die Tragik des Geschehens nicht weniger deutlich herauszuarbeiten.

Der zuerst locker abenteuerliche Charakter des Films wandelt sich zunehmend in Richtung eines Melodramas. Mit dem Auftreten von Brigitte (Marianne Koch), die als Lehrerein Marseilles Rede vor den Schülern mit anhörte, beginnt eine tragische Liebesgeschichte, die die militärischen Aktionen in den Hintergrund drängt. Sowohl Brigittes Bitte an ihren Geliebten, zu desertieren, der Marseille keineswegs vehement widerspricht, als auch ihre körperliche Liebe in Italien als unverheiratetes junges Paar, sind reine Fantasie, aber diese Szenen verfehlen ihre Wirkung nicht. Es mag eine unrealistische Idealisierung des echten Hans-Joachim Marseille sein, aber der Protagonist in Weidenmanns Film will weder weiter kämpfen, noch irgendwelche Orden erringen, sondern mit seiner Brigitte ein glückliches Leben führen. Dass er doch wieder zu seiner Einheit zurückkehrt, ist dem plötzlichen Auftreten seines besten Freundes Robert zu verdanken, der ihn mit gemessenen Worten an seine Verantwortung erinnert, eine erneute Rechtfertigung der Wehrmachtssoldaten.

Der Vorwurf einer verharmlosend bis verlogenen Darstellung der historischen Ereignisse ist gerechtfertigt, sollte aber im Zusammenhang mit dem Zeitgeist Mitte der 50er Jahre betrachtet werden. Die inszenatorischen Mittel, die den Film weniger als Biographie, denn als reinen Unterhaltungsfilm ausweisen, wendete Weidenmann gleichwertig an, So attraktiv „Der Stern von Afrika“ vom Kameradschaftsleben im afrikanischen Wüstensand erzählt – dabei historische Fakten auf ein Minimum reduzierend – so bewegend gelingt die Liebesgeschichte zwischen Brigitte und Hans-Joachim, deren Ende weder Hurra-Patriotismus, noch Soldatenherrlichkeit vermittelt. Der Tod des 23jährigen Mannes wird von Weidenmann als sinnloses Opfer inszeniert und das letzte eindrucksvolle Bild gilt der jungen Frau, wie sie weinend auf ihrem Pult zusammenbricht, während der Knabenchor verstummt.

"Der Stern von Afrika" Deutschland 1957, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Udo Wolter, Darsteller : Joachim Hansen, Marianne Koch, Hansjörg Felmy, Horst Frank, Peer Schmidt, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 99 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944)
"Weg in die Freiheit" (1952)

Sonntag, 18. August 2013

Herrliche Zeiten im Spessart (1967) Kurt Hoffmann

Inhalt: Nachdem die fünf zum Mond geschossenen Gespenster und früheren Räuber Onkel Max (Rudolf Rhomberg), Hugo (Joachim Teege), Toni (Hans Richter), Roland (Klaus Schwarzkopf) und Kathrin (Kathrin Ackermann) nach jahrelangem Aufenthalt im All endlich den technischen Defekt an ihrer Rakete beseitigen konnten, landen sie ausgerechnet auf dem Dach des Hotels von Annelieses Vater Konsul Mümmelmann (Willi Millowitsch). Anneliese (Liselotte Pulver) erinnert sie an die Comtesse Franziska, der sie schon mehrfach in der Vergangenheit geholfen hatten, weshalb sie ihr sofort ihre Unterstützung anbieten.

Ihr ist ihr us-amerikanischer Bräutigam Frank Green (Harald Leipnitz) am Tag der Hochzeit abhanden gekommen, weshalb diese zu platzen droht. Obwohl er aus dem Militärdienst austreten wollte, wurde er von General Teckel (Hubert von Meyerinck) dazu verpflichtet, an einer Abhöraktion teilzunehmen. Die fünf ehemaligen Räuber schlagen vor, ihn mit ihrer Rakete noch rechtzeitig zu holen, weshalb sie gemeinsam mit Anneliese starten. Doch sie beherrschen die Technik nach wie vor nicht richtig, weshalb sie anstatt an dem Militärbunker im tiefen Mittelalter landen…


Regisseur Kurt Hoffmann drehte 1971, obwohl selbst erst 60 Jahre alt, mit "Der Kapitän" seinen letzten Kinofilm - nur noch einmal sollte er 1976 eine Arbeit für das Fernsehen abliefern, einem Medium, an dem er sich nicht weiter interessiert zeigte. Sein Ruf als innovativer Spezialist für gehobene Unterhaltungsfilme hatte in den 60er Jahren zunehmend gelitten, obwohl seine Filme an der Kinokasse nach wie vor erfolgreich liefen. Die Verfilmungen der Tucholsky-Romane "Schloss Gripsholm" (1963) und "Rheinsberg" (1967) waren sehr populär, dazu brachte er mit "Dr.Hiob Prätorius" (1965) und "Hokuspokus" (1966) zwei Curt-Götz-Stücke erneut auf die Leinwand - jeweils mit seinen zwei bevorzugten Darstellern Heinz Rühmann und Liselotte Pulver in den Hauptrollen - , die beide für ihre hohen Zuschauerzahlen ausgezeichnet wurden. Einen Erfolg, den er auch bei der Umsetzung des damals aktuellen und erfolgreichen Romans "Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung" (1968) von Eric Malpass wiederholte.

Trotzdem galt Hoffmann bei der Filmkritik als altmodisch, da sich sein gediegener Unterhaltungs-Stil seit den 50er Jahren nur wenig verändert hatte. Eine Ausnahme in seinem Oevre bildeten neben "Wir Wunderkinder" (1958) die Spessart-Filme "Das Wirtshaus im Spessart" (1958) und "Das Spukschloss im Spessart" (1960), die als musikalisch-kabarettistische Nummern-Revuen ein wenig über die Stränge schlagen durften und Seitenhiebe auf die gesellschaftlich-politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik austeilten. Dass Kurt Hoffmann gemeinsam mit Drehbuchautor Günter Neumann erneut zu der Spessart-Thematik griff, um mit "Herrliche Zeiten im Spessart" sieben Jahre nach dem zweiten Teil wieder die Räuber auf die Gegenwart loszulassen, kann nur als Versuch gewertet werden, sich inhaltlich und inszenatorisch den späten 60er Jahren zu nähern. Der Unterschied zum Vorgängerfilm "Das Spukschloss im Spessart" fiel entsprechend groß aus, nicht nur weil der Gesangsanteil auf ein Minimum reduziert wurde. Atmete die bundesrepublikanische Gegenwart damals noch den Zeitgeist der 50er Jahre, herrschte in "Herrliche Zeiten im Spessart" die Modernität der kommenden 70er Jahre - eklatant zeigt sich daran der gesellschaftliche Umbruch in den 60er Jahren.

Kein altes Wirtshaus oder ein verwunschenes Schloss bildeten mehr den Hintergrund, sondern ein moderner Hotelbau, der von Konsul Mümmelmann (Willy Millowitsch), Annelieses (Lieselotte Pulver) Vater, geleitet wird. Auch Liselotte Pulver, die hier mit Ende 30 einen ihrer letzten Kinoauftritte (und den letzten von zehn Filmen unter Kurt Hoffmann) absolvierte, bevor sie begann, hauptsächlich für das Fernsehen zu arbeiten, wirkte weniger mädchenhaft als in den Vorgängerfilmen, auch wenn ihre geplante Hochzeit mit dem US-Amerikaner Frank Green (Harald Leipnitz) den Rahmen für die episodenhafte Story abgibt. Dieser war auf Wunsch von Anneliese aus dem Militärdienst ausgeschieden, hatte aber die Rechnung ohne General Teckel (Hubert von Meyerinck) gemacht, womit die neben Liselotte Pulver zweite wesentliche Konstante der Spessart-Trilogie benannt ist. Während von Meyerinck, nach seiner Beamtenrolle in „Das Spukschloss im Spessart“, wieder in seine angestammte Rolle als fanatischer Militär schlüpfte, der Green zu sich beordert, womit er die Hochzeit gefährdet, konnte Liselotte Pulver nicht mehr die Rolle der Comtesse aus den zwei ersten Filmen annehmen, da sie diese in der Gegenwart von 1960 schon verkörpert hatte.

Trotzdem kommt es schnell zu der Widerbegegnung mit den fünf Räubern, die am Ende von „Das Spukschloss im Spessart“ als Gespenster zum Mond geschossen wurden. Auf Grund eines technischen Defekts mussten sie jahrelang im All verweilen, bis sie nach der Reparatur der Rakete ausgerechnet auf dem Hoteldach landen. Nur Hans Richter spielte erneut einen der fünf Räuber aus dem Vorgängerfilm, die ihr Gespensterdasein inzwischen wieder aufgegeben hatten. Aber um Logik musste sich das Drehbuch auch nicht kümmern, das die Rahmenhandlung nur dazu nutzte, die Protagonisten per Rakete durch die Zeit reisen zu lassen, um sie von der Vergangenheit bis in die Zukunft unterschiedliche Abenteuer erleben zu lassen, wo sie jedes Mal Hubert von Meyerinck als Militär und Harald Leipnitz als verhindertem Liebhaber begegnen sollten. Im Gegensatz zu „Das Spukschloss im Spessart“, das auch nur über einen rudimentären Handlungsfaden verfügte, ist diese filmische Anlage konsequenter, da der Episodencharakter klar herausgearbeitet wird.

Zudem gaben die von klamaukhaft bis komisch qualitativ sehr unterschiedlich angelegten Einzelstorys Kurt Hoffmann die Gelegenheit eine Vielzahl junger Schönheiten in erotischen Rollen auftreten zu lassen - Hannelore Elsner, Vivi Bach oder Gila von Weitershausen zeigten sich zwar leicht geschürzt, aber für barbusige Momente wurde trotzdem schon gesorgt, womit Hoffmann auf der Höhe der damals beginnenden „Nackt-Welle“ im Film angekommen war. Das galt allerdings weniger für die Satire, die sich ähnlich wie in den beiden ersten „Spessart“- Filmen von der harmlosen Seite zeigte. Galten die Anspielungen dort hauptsächlich damaligen bundesdeutschen Eigenheiten, ist die Thematik in „Herrliche Zeiten im Spessart“ zeitloser. Wie ein roter Faden spinnt sich die Kritik an militärischem Gehabe und dem menschlichen Drang, Konflikte auf dem Schlachtfeld auszutragen, durch die Rahmenhandlung und die jeweiligen Episoden – dabei auch geschickt die verbreitete Eigenart ironisierend, kriegerische Absichten in eine friedvolle Sprache zu kleiden – kommt dabei aber über einen konservativ geprägten Konsens nicht hinaus, der angesichts der heftigen Auseinandersetzungen um den sich parallel zuspitzenden Vietnam-Krieg nichts riskierte.

Sieht man von dieser sanft geäußerten Kritik am Militarismus einmal ab, bleibt eine Komödie zurück, die nur wenig aus dem deutschen Komödienallerlei der späten 60er/frühen 70er Jahre heraustrat, die mehr den deftigen als den filigranen Humor pflegten, wie er viele Filme Kurt Hoffmanns zuvor auszeichnete. Von dessen eleganten Stil ist hier nur noch wenig geblieben, weshalb es konsequent war, unter den geforderten Produktionsbedingungen nicht mehr weiter als Regisseur zu arbeiten. „Herrliche Zeiten im Spessart“ wurde kein schlechter Film, ist aber weder von eigenständigem, modernen Zuschnitt, noch verfügte er über die damals als altmodisch bezeichneten Qualitäten Hoffmanns, denen einige sehr gute Filme der Nachkriegszeit zu verdanken sind.

"Herrliche Zeiten im Spessart" Deutschland 1967, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Günter Neumann, Darsteller : Liselotte Pulver, Harald Leipnitz, Hannelore Elsner, Vivi Bach, Rudolf Rhomberg, Hubert von Meyerinck, Hans Richter, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)