Montag, 19. Dezember 2016

Auf Wiedersehen am blauen Meer (1962) Helmut Weiss

Andreas Pucher (Toni Sailer) poussiert erst mit Vroni (Monika Jobst)...
Inhalt: Andreas Pucher (Toni Sailer) kommt auf seinem Weg durch sein Jagdrevier zu einem hoch in den Bergen gelegenen Hof, wo er freundlich von Vroni (Monika Jobst) begrüßt wird. Der fesche junge Mann flirtet mit der blonden Bauerntochter, was deren Vater nicht gefällt, denn Andreas besitzt einen schlechten Ruf als Casanova. Im letzten Jahr hatte er noch mit Christa (Eva Astor), der Nichte des Dorfwirts, angebändelt. Doch davon lässt sich der Jäger nicht beirren, denn er hat noch keine Lust sich festzulegen, weshalb er auch die nächste Gelegenheit nicht auslässt, die sich ihm im nahe gelegenen Wald überraschend bietet. 

...dann lässt er bei Manuela Grassi (Hannelore Cremer) nicht mehr locker
Ein weißes Mercedes-Cabriolet mit einer hübschen und sehr gut angezogenen Dame hinter dem Steuer war im Waldboden stecken geblieben. Andreas hilft ihr und erfährt, dass die Italienerin Manuela Grassi (Hannelore Cremer) in der Nähe ein altes Schloss geerbt hat, in dem sie während ihrer Kindheit einige Jahre verbracht hatte. Um ihr den Weg zu zeigen, steigt er zu ihr und besichtigt gemeinsam mit ihr das verlassene, aber gut erhaltene Gebäude. Ihm gefällt nicht nur die junge Frau, auch das sie aus Italien kommt weckt sein Interesse. Er träumte schon lange davon, endlich mehr von der Welt zu sehen und lässt seinen ganzen Charme spielen. Die selbstbewusste Manuela weist ihn in die Schranken, aber als er nachts plötzlich in ihrem Hotelzimmer steht, ergibt sie sich seinem Drängen… 


"Das blaue Meer" - Sehnsuchtsbegriff des Tourismusfilms 

Jugoslawisches Filmplakat mit Hannelore Cremer und Toni Sailer
"Das blaue Meer" symbolisierte in den 50er Jahren das Fernweh der Deutschen nach südlichen Gestaden. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Arbeitsmarkts in den 50er Jahren und einem damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand wuchs auch der Wunsch zu verreisen. Zuerst beschränkte man sich auf den Urlaub im eigenen Land - eine Entwicklung, auf die der "Heimatfilm" ab Mitte der 50er Jahre vermehrt mit der Betonung von Sehenswürdigkeiten und folkloristischen Elementen reagierte ("Die Fischerin vom Bodensee" (1956)) - aber schon wenige Jahre später strebten die Deutschen auch nach weiter entfernten Zielen. Über die Alpen nach Italien oder Jugoslawien, an das Mittelmeer.

Zwar spielte "Auf Wiedersehen am blauen Meer" größtenteils in Italien, ist aber als Tourismusfilm eine Mogelpackung. Das "blaue Meer" ist hier ein Versprechen, das sich als Illusion herausstellt. Trotz der Schlagermusik und touristischen Landschaftsaufnahmen, ist der Film dem Heimatfilm näher. Das erste Drittel zitierte klassische Motive des Genres als Hort der Vertrautheit und Sicherheit, um den Kontrast zur Dekadenz und sexuellen Unmoral am Zielort in Italien stärker hervorzuheben. "Auf Wiedersehen am blauen Meer" ist ein Sammelsurium verschiedener Einflüsse und war hierzulande offensichtlich kein Erfolg, wie auch am jugoslawischen Filmplakat deutlich wird, denn auf Deutsch ist keines im Netz zu finden. Aus heutiger Sicht fasziniert der Film in der Spiegelung einer sich im Wandel befindlichen Sozialisation. Am Beispiel der fünf Filme, die zwischen 1957 und 1966 das "blaue Meer" (einmal die "blaue Adria") in ihrem Titel führten, zeichnet der Blog diese Entwicklung nach:

                 - "Unter Palmen am blauen Meer" (1957)
                 - "Das blaue Meer und Du" (1959)
                 - "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" (1959)
                 - "Auf Wiedersehen am blauen Meer (1962)
                 - "Komm mit zur blauen Adria" (1966) 


Heimatidyll: Jäger mit Hund in den Schweizer Alpen
Nach drei Jahren tauchte erstmals wieder das "Blaue Meer" in einem Filmtitel auf. Nicht nur im Filmgewerbe eine lange Zeit, auch die seit Mitte der 50er Jahre stark anwachsende Zahl deutscher Urlauber mit Ziel Südeuropa hatte inzwischen zu einer Gewöhnung geführt. Schon Ende der 50er Jahre ("Mein Schatz komm mit ans blaue Meer", 1959) hatte es im Schlager- und Tourismusfilm nicht mehr genügt, allein die Schönheit der Mittelmeerlandschaft ins Bild zu rücken, es bedurfte zusätzlich einer möglichst abwechslungsreichen Story. Das "blaue Meer" wurde zwar noch besungen, war aber als Kulisse in den Hintergrund gerückt. Warum die Macher um Regisseur Helmut Weiss den Begriff hier wieder hervorholten, blieb vorerst ihr Geheimnis?! – Erst nach einer guten halben Stunde wechselt der Handlungsort nach Italien ans Mittelmeer, genauer nach Neapel und auf die Insel Ischia, aber die Landschaft selbst blieb austauschbar. Die Story um den Jäger Andreas Pucher hätte auch vor einem anderen Hintergrund erzählt werden können – irgendwo in der Fremde.

Die Ferne: Jäger im Cabriolet in Neapel
Seine Entstehungszeit in den frühen 60er Jahren ist dem Film in den ersten Minuten nicht anzusehen, so traditionell bediente „Auf Wiedersehen am blauen Meer“ klassische Heimatfilm-Mythen. Der Jäger Andreas Pucher (Toni Sailer) kommt beim Weg durch sein Revier an einem hoch gelegenen Bergbauernhof vorbei, wo die junge Magd Vroni (Monika Jobst) ihre schwere Arbeit an der Seite ihres alten Vaters verrichtet. Vor der Kulisse eines beeindruckenden Bergpanoramas drückt sie sehr vorsichtig ihre Gefühle für den feschen jungen Mann aus. Doch erste Schatten stören das Idyll. Der Vater hält nichts von dem jungen Burschen, der im Ruf eines Casanova steht. Im Jahr zuvor hatte er mit Christa (Eva Astor), der Nichte des Dorfwirts, angebändelt, jetzt poussiert er mit seiner Tochter. Wenig später dringen weitere Störungen in das Idyll. Ein Mercedes-190er Cabriolet – die Anspielung auf „Rosemarie Nitribitt“ konnte kein Zufall sein - steht mitten im Wald und steckt fest. Am Steuer sitzt Manuela Grassi (Hannelore Cremer), eine schöne mondäne Erscheinung aus Italien, die in der Umgebung ein altes Schloss geerbt hat. Vor allem aber ist sie für die Menschen hier „die Ausländische“.

Eva Astor singt "Casanova bye bye" im Berghotel ihrer Heimat...
Immer deutlicher zieht die Gegenwart in die Schweizer Berge. Manuela Grassis Hotelzimmer erfüllt gehobene Ansprüche, im Restaurant wird eine moderne Küche gepflegt und die damals 18jährige Sängerin Eva Astor in ihrer ersten Filmrolle singt ihren Hit von 1961 „Casanova bye bye“. Gemeint ist hier Andreas Pucher, der sich alle Mühe gibt, diesem Ruf gegenüber Manuela Grassi gerecht zu werden. Zu ihr wird Christa später in Italien sagen, dass Andreas sie nie leicht bekleidet gesehen hätte, obwohl sie mit ihm im letzten Sommer zusammen war. Ein unglaubwürdiges Hervorheben altmodischer Anstandsregeln, angesichts der Skrupellosigkeit, mit der Andreas gen Manuelas Bett strebt. Diese hatte zuvor in den Augen des Jägers „Fernweh“ erkannt – und damit dessen Lust, mehr als nur die heimischen Berge kennenzulernen. Aber sie hatte ihn weder darin bestärkt, seine Heimat zu verlassen, noch wollte sie sich auf ihn einlassen. Allein ihre Anwesenheit genügte schon als Verheißung.

„buntes Routinestück, in dem nichts zusammenpassen will“

...und in Manuala Grassis Nachtclub...
schrieb der „film-dienst“ und traf damit ins Schwarze, denn die Anlage des Drehbuchs hätte die Phase im deutschen Unterhaltungsfilm, Anfang der 60er Jahre, nicht genauer reflektieren können. Der Heimatfilm befand sich seit Jahren in einer Abwärtsspirale (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969"). Auch die Kombination mit dem Schlagerfilm, der zunehmend die Fernseh-Konkurrenz zu spüren begann, hatte daran nichts ändern können und dessen 50er Jahre Ableger „Tourismusfilm“ hatte den Reiz des Exotischen schon lange verloren. Gleichzeitig ließen sich die soziokulturellen Veränderungen nicht mehr verdrängen. Die sexuelle Liberalisierung schritt ebenso unaufhaltsam voran, wie sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft veränderte – eine Entwicklung, die Ängste auslöste, und in Folge von "Die Halbstarken" (1956) eine Welle an Filmen hervorbrachte, die vor dem moralischen Verfall warnten, gleichzeitig diesen aber publikumswirksam bebilderten. Ein Trend, der sich in den 60er Jahren zunehmend in Richtung gewalttätiger Kriminalfilme und einer freizügigeren Optik fortsetzte, die die Grundlage für den Sexfilm schuf.

...vor den Augen der reichen Sommergäste
„Auf Wiedersehen am blauen Meer“ vereinte alle diese Einflüsse. Erfüllen die anfänglichen Lieder von Eva Astor und das fröhliche Duett von Hannelore Cremer und Toni Sailer auf ihrer Fahrt nach Italien noch die Erwartungen an einen Schlagerfilm, ändern die musikalischen Beiträge mit dem Standortwechsel gen Süden ihren Charakter. Exotische Tänze mit leicht geschürzten Protagonisten treten in den Vordergrund und die Solo-Beiträge von Hannelore Cremer und Eva Astor (erneut „Casanova bye bye“) verbreiten Nachtclub-Feeling. Noch mehr entfernt von seiner ursprünglichen Intention, Reiselust bei den Betrachtern zu erzeugen, hatte sich der südländische Hintergrund der Handlung. Bei den Gästen, die auf Ischia in der Residenz von Manuela Grassi den Sommer verbringen, handelt es sich um keine Pauschalurlauber, sondern um eine internationale Ansammlung schwerreicher Männer und Frauen. Dekadenz und sexuelle Gier sind gegenwärtig, weshalb die Ankunft des jungen Liebhabers an der Seite der Hausherrin bei den Männern eine abschätzige Haltung erzeugt, bei den meist älteren Frauen dagegen großes Interesse.

Das „blaue Meer“ als Menetekel

Anulfi (Rolf Wanka) und Bob (Regisseur Helmut Weiss) planen Böses
Gegenteilig ist die Reaktion der Sommerfrischler, als Christa wenige Tage später ebenfalls auf Ischia ankommt und besonders bei dem arabischen Waffenhändler Anulfi (Rolf Wanka) Begehrlichkeiten weckt. Unabhängig von Andreas hatte die Begegnung mit der italienischen Erbin in den Schweizer Bergen auch bei der jungen Frau den Wunsch bestärkt, nach Italien zu gehen. Statt im Hotel ihres Onkels zu arbeiten, möchte sie eine Karriere als Sängerin beginnen. Manuela Grassi hatte ihr ein Engagement in einem ihrer Clubs in Aussicht gestellt und so kommt es für Andreas und Christa zu einem überraschenden „Wiedersehen am blauen Meer“. Das „blaue Meer“, stellvertretend für Schönheit und Fernweh, wurde hier zu einem Ort des Schreckens und moralischen Niedergangs. Bewusst sollte der positiv klingende Filmtitel über die Intention der drei am Drehbuch beteiligten Autoren hinwegtäuschen. Der Sehnsuchtsort erweist sich als Illusion. Christa und Andreas müssen erfahren, dass in der Fremde nichts Gutes auf sie wartet.

Andreas will mit Christa weg vom "blauen Meer" zurück in die Heimat
Wolf Neumeister, schon während der Zeit des Nationalsozialismus sehr erfolgreich („Kampfgeschwader Lützow“ (1941)), blieb in den 50er Jahren einer der aktivsten Film-Autoren. Allein in den vier Jahren vor 1962 wirkte er an den Drehbüchern zu zwölf Filmen mit, größtenteils Komödien („Immer die Radfahrer“, 1958), aber auch zeitgenössische Dramen wie „Der Mann, der sich verkaufte“ von 1959. 1962 kamen noch „Wilde Wasser“ und „Der Pastor mit der Jazz-Trompete“ nach seinen Vorlagen hinzu, die ähnlich im Spannungsfeld von Tradition und Moderne angelegt wurden. Auch sein Co-Autor Richard Billinger machte Karriere während der Zeit des Nationalsozialismus, zog sich nach dem Ende des Kriegs aber größtenteils aus dem Filmgeschäft zurück. Gemeinsam mit Veit Harlan, mit dem er zuvor „Die goldene Stadt“ (1942) herausgebracht hatte, schrieb er „Hanna Amon“ (1951), bevor 1952 der Heimatfilm „Einmal am Rhein“ nach seinem Drehbuch in die Kinos kam. Entstanden unter der Regie von Helmut Weiss, zu dem er für „Auf Wiedersehen am blauen Meer“ einmalig ans Film-Set zurückkehrte.

Der Arzt Eric (Bob Franco) meint es ernst mit Manuela
Entscheidende Ideengeberin war aber Margarete Reinhardt, die erstmals an einem Film direkt mitwirkte und ihn auch produzierte. In den 60er Jahren sollten noch zwei weitere Filme nach ihren Vorstellungen herauskommen – „St.Pauli Herbertstraße“ (1965) und "Sünde mit Rabatt" (1968), jeweils besetzt mit Eva Astor - die ihre Warnung vor den Folgen einer zunehmend von Unmoral und Dekadenz bestimmten Sozialisation mit größerer Vehemenz fortsetzten. In „Auf Wiedersehen am blauen Meer“ blieb diese Attitüde noch vergleichsweise zurückhaltend. Die Ursache lag außerhalb des vertrauten Terrains und eine Rückbesinnung auf die eigene Heimat versprach Erlösung. Insgesamt endete der Film, der noch die Wende in Richtung einer Kriminalhandlung nahm, versöhnlich. Auch Manuela Grassi, als Geschäftsfrau, die ihre Männer selbstbewusst wählt und offen ihre Sexualität lebt, die provokativste Figur des Films, wurde ein Happy-End gegönnt. Ihr einen adäquaten Mann an die Seite zu stellen, bedeutete, sie auch ihrer eigentlichen Bestimmung als Frau wieder näher zu bringen. Eine Lösung ganz nach dem Geschmack von Margarete Reinhardt.
 
"Auf Wiedersehen am blauen MeerDeutschland 1962Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Margarete Reinhardt, Richard Billinger, Wolf NeumeisterDarsteller : Toni Sailer, Eva Astor, Hannelore Cremer, Joachim Brennecke, Rolf Wanka, Bob Franco, Helmut WeissLaufzeit : 87 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Weiss:

 "Die Feuerzangenbowle" (1944)
 "Schloss Hubertus" (1954)
 "Drei Mann in einem Boot" (1961)

Sonntag, 11. Dezember 2016

Mein Schatz komm mit ans blaue Meer (1959) Rudolf Schündler


Lilo (Renate Ewert) und Hansi (Monika Dahlberg) mit Camillo Felgen von RTL
Inhalt: Camillo Felgen von Radio Tele Luxemburg stellt vor einem großen Publikum die Gewinnerinnen des „Bravo“- Preisausschreibens vor:  Lilo (Renate Ewert), von Beruf Maniküre, und Hansi (Monika Dahlberg), die ihrer Mutter im Haushalt hilft. Von ihr ist der auf den Rängen wild klatschende Bubi Hannemann (Harald Juhnke) so begeistert, dass er sie gegenüber seinem Freund schon als seine zukünftige Frau vorstellt. Der hält ihn für verrückt, aber Bubi hat einen konkreten Plan. Als LKW-Fahrer fährt er demnächst eine Tour nach Italien - genau dorthin, wohin auch die beiden jungen Frauen reisen sollen, um 10000 Mark zu gewinnen. 

Der Wohnwagen wurde von der "Bravo" übergeben - es kann los gehen...
Für diese fängt der eigentliche Wettbewerb jetzt erst an. Mit dem Wohnwagen, der ihnen von der „Bravo“ zur Verfügung gestellt wurde, sollen sie ans Mittelmeer und wieder zurückreisen. Innerhalb von drei Wochen und ohne eigenes Auto. Das Zugfahrzeug sollen sie sich per Anhalter organisieren. Zudem müssen sie unterwegs noch ein paar Aufgaben lösen, kontrolliert von Dr.Karin Beer (Christine Görner), die sie als Journalistin der „Bravo“ begleitet und für die Jugendzeitschrift berichtet. Doch bevor Bubi mit seinem LKW vor Ort sein kann, hat Lilo schon den ersten "Kavalier der Straße“ organisiert. 


"Das blaue Meer" - Sehnsuchtsbegriff des Tourismusfilms

"Das blaue Meer" symbolisierte in den 50er Jahren das Fernweh der Deutschen nach südlichen Gestaden. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Arbeitsmarkts in den 50er Jahren und einem damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand wuchs auch der Wunsch zu verreisen. Zuerst beschränkte man sich auf den Urlaub im eigenen Land - eine Entwicklung, auf die der "Heimatfilm" ab Mitte der 50er Jahre vermehrt mit der Betonung von Sehenswürdigkeiten und folkloristischen Elementen reagierte ("Die Fischerin vom Bodensee" (1956)) - aber schon wenige Jahre später strebten die Deutschen auch nach weiter entfernten Zielen. Über die Alpen nach Italien oder Jugoslawien, an das Mittelmeer.

Als Genre tritt der "Tourismusfilm" heute kaum in Erscheinung, da er sich vom Schlagerfilm nur wenig abgrenzte und sich stark an einem Zeitgeist orientierte, der sich vehement wandelte. "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" spiegelte den wachsenden Trend zu mehr Aktionismus und einer freizügigeren Optik wider, auch dank der Zusammenarbeit mit der aufstrebenden Jugendzeitschrift "Bravo", die ein besonders junges Publikum ansprechen wollte. Für ruhige Momente an beschaulichen Orten blieb da keine Zeit mehr. Am Beispiel der fünf Filme, die zwischen 1957 und 1966 das "blaue Meer" (einmal die "blaue Adria") in ihrem Titel führten, zeichnet der Blog diese Entwicklung nach:

                 - "Unter Palmen am blauen Meer" (1957)
                 - "Das blaue Meer und Du" (1959)
                 - "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" (1959)
                 - "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)
                 - "Komm mit zur blauen Adria" (1966) 


Lilo organisert den ersten "Kavalier" (Werner Finck)
Gemessen an den nackten Zahlen, gehörte die Urlaubsreise in den europäischen Süden Ende der 50er Jahre noch zu den exklusiven Vergnügungen in Deutschland - 1960 reiste etwa jeder Zehnte über die Alpen - im schnelllebigen Kino galt sie schon als alter Hut. Wie in den artverwandten Genres Heimat- und Schlagerfilm ging der Trend auch im Tourismusfilm zunehmend in Richtung Aktionismus. Es genügte nicht mehr, malerische Küstenorte vor der untergehenden Mittelmeer-Sonne ins Bild zu rücken, sondern es bedurfte einer abwechslungsreichen und zeitgemäßen Story. Das galt doppelt für eine aufstrebende Jugendzeitschrift wie die "Bravo", deren Auflage seit ihrer Premiere 1956 ständig gestiegen war und die in "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" nicht einfaches "Product Placement" betrieb, sondern eng mit der Franz Seitz Filmproduktion zusammenarbeitete.

Dany Mann singt "Weil ich noch jung bin, gefährlich jung bin"
Offensichtlich zu beiderseitigem Vorteil, denn die Besetzung sowohl vor als auch hinter der Kamera sollte ein möglichst breit gefächertes Publikum erreichen. Der Schauspieler Rudolf Schündler, seit 1950 („Der Geigenmacher aus Mittenwald“) auch im Regie-Fach tätig, und die Autorin Ilse Lotz-Dupont („Wetterleuchten um Maria“, 1957) gehörten in den 50er Jahren zu den Aktivposten im Heimatfilm-Genre (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1958") und hatten schon mehrfach ihre Anpassungsfähigkeit an den Zeitgeist bewiesen. Anders als in "Das blaue Meer und Du", der im letzten Drittel zu einem bebilderten Reise-Prospekt mit Musik wurde, legten sie gemeinsam mit Co-Autor Franz Marischka ("Liebe, Sommer und Musik", 1956) das Gewicht auf eine turbulente Story mit einer großen Anzahl bekannter Film-Stars wie Renate Ewert, Joachim Fuchsberger, Harald Juhnke und Hans von Bosordy sowie den noch frischen Gesichtern von Christine Görner und Monika Dahlberg. Dazu gesellten sich diverse Show-Acts um die mitspielende Sängerin Dany Mann:

„Weil ich noch jung bin, gefährlich jung bin,
möcht‘ ich küssen, alles wissen, von der Liebe und vom Glück“ 

Lilo gefällt Mercedes-Fahrer Martin (Hans von Bosordy)...
singt sie gleich zu Beginn und gab damit das Motto eines Films vor, in dessen Mittelpunkt verschiedene Varianten der Beziehungsanbahnung stehen. Auch Dany Mann bekam mit dem Sänger Günther Frank einen Partner an die Seite gestellt, aber ihre Rollen als Annabelle und Tommy blieben im Schatten der drei „Haupt-Paare“. Tommy war seiner angebeteten Lilo (Renate Ewert) per Goggomobil an den Comer See gefolgt und Annabelle befand sich als Cousine des reichen Hoteliers Paul Marzez (Joachim Fuchsberger) auf Grund des Bootrennens dort. Dass sie im Handumdrehen ein Paar werden, täuscht nicht darüber hinweg, dass sie wie ihre Musiker-Kollegen Ted Herold, Gus Backus oder das Orchester unter der Leitung von Max Greger ausschließlich für die Untermalung im Film zuständig waren.

...ahnt aber nicht, dass der Wagen seinem Chef Paul Marzez (Joachim Fuchsberger) gehört
Das galt auch für die geographischen Schönheiten im Hintergrund, auf die sich der Film entgegen der Betonung des „blauen Meers“ im Filmtitel nur selten konzentrierte. Stattdessen trieben die Macher das im Tourismusfilm beliebte Motiv des „Reisens per Anhalter“ auf die Spitze. Die zwei Gewinnerinnen eines „Bravo“- Preisausschreibens Lilo und Hansi (Monika Dahlberg) sollen mit einem von der Zeitschrift zur Verfügung gestellten Wohnwagen innerhalb von drei Wochen ans Mittelmeer und wieder zurück nach München reisen – ohne eigenes Zugfahrzeug. Das müssen sie sich per Anhalter organisieren. Damit noch nicht genug. Als Reise-Reporterin wird ihnen Dr. Karin Beer (Christine Görner) an die Seite gestellt, die nicht nur an einer Kolumne für die „Bravo“ arbeitet, sondern noch einige Überraschungs-Aufgaben parat hat, die die beiden jungen Frauen erfüllen müssen, wollen sie am Ende 10000 Mark gewinnen - darunter innerhalb eines Tages 10 Mark verdienen und eine Nacht im Gefängnis verbringen.

Spielchen auf dem Markus-Platz
Mit einer typischen Urlaubsreise hatte das nichts mehr zu tun. Entsprechend schnell wurden auch die touristischen Höhepunkte abgehandelt. Vor dem Anblick der Salzburg gibt Ted Herold einen Rock’n Roll auf einem Camping-Platz zum Besten, der Comer See dient als Ort für ein rasantes Schnellbootrennen und der Campanile am Markus-Platz bildet die pittoreske Kulisse für die abschließende Aufgabe mit „verbundenen Augen über einen verkehrsreichen Platz zu laufen“. Einmal sitzen Lilo und Hansi beim Rotwein auf einer Terrasse einer Osteria am Mittelmeer und betrinken sich aus Liebeskummer. Ein beschaulicher Ort, an dem sich auch viele Italiener aufhalten. Nur die Musik passt nicht dazu. Es erklingt der Schlager „So lange du einen Freund hast“ des österreichischen Vokal-Quartetts „Die blauen Jungs“, schunkelnde Gäste inclusive. Das „Blaue Meer“, Venedig und typische Italien-Vorurteile, wie der rasende Klein-LKW-Fahrer, der sich in den Bergen des Wohnwagens annimmt, bildeten nur den Rahmen, Authentizität war nicht gefragt.

Bubi (Hans Juhnke) macht die Sache mit Hansi klar...
„Mein Schatz komm mit ans blaue Meer“ hätte sich als Potpourri aus Schlager, Urlaubskulisse und einer Handlung ohne Anspruch auf Logik bis heute seinen Unterhaltungswert bewahrt, steckten die erstaunlich vielen weiblichen Hauptrollen nicht so tief in der Klischeekiste. Hansi ist der hausfrauliche Typ und erhält vom selbstbewussten LKW-Fahrer Bubi Hannemann (Harald Juhnke) schon bei der ersten Verabredung einen Heiratsantrag. Allein das sie „Eisbein mit Sauerkraut“ wie seine Mutter kochen kann, beflügelt seine Liebe. Einen Moment reagiert Hansi ob dieser wenig romantischen Argumentation beleidigt, worauf Bubi schnell einen Strauß Rosen ordern will. Doch sie stoppt ihn und begnügt sich mit einer Rose – sie müssten schließlich sparen. Die Kombination aus rustikalem Kraftfahrer und genügsamer, fleißiger Hausfrau ließe sich heute als ironische Überhöhung verstehen, war damals aber als Sympathieträger ernst gemeint.

...und Paul nimmt Dr. Karin Beer (Christine Görner) die Brille ab
Entgegengesetzt steht die flatterhafte Figur der Lilo, deren wichtigstes Kriterium für die Männer-Wahl in deren finanzieller Potenz zu finden ist. Selbstbewusst weiß sie ihre körperlichen Vorzüge ins Licht zu setzen und glaubt, jeden Mann um den Finger wickeln zu können. Natürlich einzig und allein, um den richtigen Ehemann für die zukünftige Vollversorgung sicherzustellen. Ein Anstand, um den sich die Kamera wenig scherte, die die schöne Renate Ewert meist stöckelnd und leicht geschürzt ins rechte Bild rückte. Selbstverständlich durfte Lilos berechnende Strategie nicht aufgehen. In Salzburg lernt sie den feschen Martin (Hans von Bosordy) kennen, der ihr mit seinem Mercedes-Cabriolet imponiert. Dass er nur der Mechaniker seines Chefs Marzez ist, verrät er ihr (noch) nicht. Der reiche Hotelier interessiert sich dagegen für die studierte Dr.Karin Beer, die hier für den berufstätigen, früh-emanzipierten Frauentyp steht, der seine weibliche Seite freudlos unterdrückt. Ein Fall für „Blacky“ Fuchsberger, der erst einmal dafür sorgt, dass sie ihre Brille abnimmt und ihre schönen Augen hervorkommen. Der Rest läuft dann von allein.

Nimmt man noch die ständig plappernde Annabelle hinzu, die gar nicht versteht, warum sie ihr Cousin stoppen will, ist das Frauenquartett an Vorurteilen komplett, ohne dass der Film diese Charakteristika besonders schwer nahm. Typischer Komödienstoff der späten 50er Jahre, der die beliebten Klischees ungeniert bediente. Am Ende kommen alle vier Damen unter die Haube und feiern den Gewinn von 10tsd Mark mit ihren zukünftigen Männern gemeinsam auf der „Bravo“-Bühne. Mit der „gefährlichen Jugend“ war es damit natürlich vorbei. 


"Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" Deutschland 1959, Regie: Rudolf SchündlerDrehbuch: Ilse Lotz-Dupont, Franz MarischkaDarsteller : Joachim Fuchsberger, Christine Görner, Harald Juhnke, Monika Dahlberg, Hans von Bosordy, Renate Ewert, Dany Mann, Werner Finck, Gus Backus, Ted Herold, Ady Berber, Laufzeit : 93 Minuten

Sonntag, 27. November 2016

Verdammt die jungen Sünder nicht (Morgen beginnt das Leben, 1961) Hermann Leitner

Dr. Behrmann (Josef Kastrel) bemüht sich um die junge Mutter (Cordula Trantow)
Inhalt: Die Schreie ihres neugeborenen Babys können Silvia (Cordula Trantow) kein Lächeln ins Gesicht zaubern, denn die 17jährige hatte es nicht gewollt. Aus einem ärmlichen Elternhaus stammend, der Vater schon lange abgehauen, hatte sie versucht mit einer guten Ausbildung diesem Teufelskreis zu entkommen. Doch dann wurde sie schwanger und der Kindsvater verließ sie. Jetzt befindet sie sich in einer Abteilung für junge unverheiratete Mütter, die von Dr. Behrmann (Josef Kastrel) geleitet wird, der sich für seine Patientinnen einsetzt. Er möchte Silvia die Freude am eigenen Kind vermitteln, aber sie tut sich schwer. 

Ruth (Corny Collins) findet Freds (Michael Heltau) Cabrio cool
Ganz anders verläuft dagegen das Leben der Gymnasiastin Ruth (Corny Collins), die wohlbehütet aufwächst. Ihre Eltern Oskar (Werner Hinz) und Vera (Magda Schneider) sehen es zwar nicht gern, wie freizügig sich ihre Tochter anzieht und mehr Party als Schule im Kopf hat, aber sie wollen ihr auch Freiheiten lassen. Nachdem Ruth betrunken und ohne Führerschein einen Autounfall mit dem Wagen eines Freundes verursacht hatte, ändert sich ihre Strategie. Besonders ihr Vater hält es für notwendig, die Zügel anzuspannen, was Ruth aber nur noch tiefer in einen Kreis von Gaunern hineintreibt, die ihr Geld mit Autodiebstählen und Sex-Fotos verdienen… 


Pitt (Rainer Brandt) und Fred haben neue Objekte im Blick:
Regisseur Hermann Leitner, Jahrgang 1927, war Mitte 30 als er nach 1962 begann, nur noch für das Fernsehen zu arbeiten - nicht nur gemessen am Durchschnittsalter von Regisseuren noch ein junger Mann. Trotzdem hatte er zu diesem Zeitpunkt schon mehr als zehn Kinofilm in einer Art Querschnitt des populären Kinos in der BRD der späten 50er Jahre abgedreht: Heimatfilm ("Pulverschnee nach Übersee", 1956), Kriminalkomödie ("Lilli - ein Mädchen aus der Großstadt", 1958) und Musik-/Tourismusfilm ("Glück und Liebe in Monaco", 1959). Sogar ins exotisch, abenteuerliche Fach hatte er sich mit der Fortsetzung von "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" (1956) gewagt. "Liane: die weiße Sklavin" (1957) wurde ebenso ein Erfolg an der Kinokasse wie seine anderen, meist kunterbunten Unterhaltungsfilme. 

Gymnasiastinnen - Ruth und ihre Klassenkameradin Eva (Getraud Jesserer)
Umso mehr fallen die drei Film-Dramen aus dem Rahmen, mit denen Hermann Leitner Anfang der 60er Jahre seine Kino-Karriere beendete, sieht man von dem Heimatfilm „Heimweh nach dir, mein grünes Tal“ (1961) einmal ab (bei der Veröffentlichung von „Liane, die Tochter des Dschungels“ im selben Jahr handelte es sich um einen Zusammenschnitt der beiden 50er Jahre Filme). Wartete der erste dieser drei Filme "Wegen Verführung Minderjähriger" (1960) noch mit einem veritablen Kino-Star auf - Hans Söhnker - und integrierte Elemente des damals populären Schlagerfilms, nahm dessen Nachfolger den trockenen Charakter eines Schul-Lehrfilms an. „Verdammt die jungen Sünder nicht“, der in Leitners Heimatland Österreich gleichzeitig unter dem Titel „Morgen fängt das Leben an“ herauskam, erzählt die Geschichte zweier 17jähriger Mädchen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, begleitet von den analytischen Betrachtungen eines allgegenwärtig scheinenden Arztes.

Dr. Behrmanns Ratschläge beginnen zu fruchten...
Neben diesem existieren einige weitere Berührungspunkte im Leben der beiden jungen Frauen. Gegen Ende des Films landen sie sogar in derselben Schlafunterkunft im städtischen Fürsorgeheim, ohne sich näher kennenzulernen. Das war auch nicht beabsichtigt, denn ihr jeweiliger Entwicklungsprozess sollte exakt entgegengesetzt verlaufen und sowohl Gefahren wie Chancen vermitteln – ganz gemäß dem deutschen Verleihtitel „Verdammt die jungen Sünder nicht“. Als „Sünderin“ taucht gleich in der ersten Einstellung Silvia Reimers (Cordula Trantow) auf, die gerade ihr Kind zur Welt bringt. Unehelich natürlich, vom Vater keine Spur. Ein Fall für das Jugendamt, das sich der jungen Frau verständnisvoll annimmt. Dr. Behrmann (Josef Kastrel) weiß zwar von Silvias schwieriger Herkunft - ihre arbeitslose Mutter (Gaby Banschenbach) hatte gerade selbst erst ein Kind von ihrem Liebhaber bekommen - aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass aus dem grundanständigen Mädchen noch etwas werden kann.

...und Silvia nimmt sich zunehmend ihres Kindes an
Schon die Besetzung dieser Rolle mit der damals 18jährigen Cordula Trantow gab die Richtung vor, denn sie hatte in "Wegen Verführung Minderjähriger" die brave Teenager-Tochter eines Lehrer-Ehepaars gespielt, die noch ohne die frühreife Attitüde ihrer von Marisa Mell verkörperten Klassenkameradin auftrat. Fast ist man geneigt, zu hinterfragen, wie sie schwanger werden konnte, so bescheiden und sexuell zurückhaltend sie hier erneut spielte. Nicht überraschend beginnt sich Silvia langsam an ihren kleinen Sohn zu gewöhnen, den sie zu Beginn noch zur Adoption freigeben wollte, und macht sich auch auf die Suche nach dem Kindsvater, der sie verlassen hatte. Es ist Hermann Leitner, der diesmal auch am Drehbuch mitwirkte, zugute zu halten, dass er auch die Schwierigkeiten dieses Prozesses einbezog, aber das lässt nicht die Idealisierung eines „gefallenen Mädchens“ übersehen, dass hier als unrealistisches Beispiel für eine gelungene Resozialisierung herhalten musste.

Ihre Tochter bereitet ihnen Sorgen (Werner Hinz und Magda Schneider)
Das verlieh dem Film einen verständnisvollen Habitus, der die gewünschte pädagogische Wirkung unterstützen sollte. Eine übliche Strategie im „Moral-Film“ der späten 50er/frühen 60er Jahre, der der vom Absturz bedrohten Figur immer ein positives Beispiel gegenüberstellte. Als „gefährdet“ gilt hier Ruth Jüttner, gespielt von der inzwischen schon 27jährigen Corny Collins, seit Jahren eine feste Größe im so genannten „Halbstarken-Film“ ("Schmutziger Engel" (1958)). Leitners Intention wird an der Gestaltung des sozialen Umfelds deutlich, in dem die Gymnasiastin Ruth aufwächst. Eine Art Vorzeigefamilie in der BRD, Anfang der 60er Jahre: Vater (Werner Hinz), gut verdienender Angestellter, streng und gerecht, Mutter (Magda Schneider, hier in ihrer letzten Kinorolle zu sehen), Hausfrau, ausgleichend und nachsichtig, gepflegte Wohnung, geordnete Verhältnisse.

Ruth landet auf der Polizeiwache
Und selbstverständlich kümmern sie sich um ihre kecke Tochter und versuchen ihr die Flausen auszutreiben. Als Ruth eifersüchtig, weil sich der von ihr bevorzugte Kerl um eine Andere kümmert, mit dessen VW Käfer losfährt - betrunken und ohne Führerschein - landet sie schnell am nächsten Laternenpfahl. Für die teure Reparatur will Vater Oskar sie in die Pflicht nehmen, damit sie die Folgen ihres Fehlverhaltens spürt. Eine nachvollziehbare pädagogische Maßnahme, die bei Ruth aber nicht fruchtet. Anstatt ihren Stubenarrest abzusitzen, haut sie heimlich ab, um in einer stadtbekannten Bar selbst Geld für die Reparatur zu verdienen. Ganz harmlos natürlich, wie ihr Fred (Michael Heltau) versichert. Ein Typ mit Sportwagen, der bei Ruth sehr gut ankommt, und gemeinsam mit seinem Freund Pitt (Rainer Brandt) in Leitners Film als Sündenbock herhalten muss. Für Heltau ("Schloss Hubertus", 1954) ein eher untypisches Rollenfach, aber Rainer Brandt war früh auf den verschlagenen Mädchenverführer festgelegt. Hier betätigte er sich mit Autoschiebereien und als Fotograf von Nackt-Aufnahmen. Einen Job, den er in seiner Rolle in "Straßenbekanntschaften auf St.Pauli" (1968) wiederholte.

Vater Oskar Jüttner erweist sich als beratungsresistent und setzt auf Härte
Die Botschaft dahinter war klar. Da konnte das Elternhaus noch so seriös sein – gegen die Versuchungen von Sex und Materialismus half bei schweren Fällen wie Ruth nur professionelle Hilfe. Doch anstatt auf die pädagogischen Ratschläge des Doktors einzugehen, der der unverheirateten Mutter Silvia den Weg in Richtung eines geordneten Lebens weisen konnte, setzt Vater Oskar nur auf mehr Strenge und bringt seine Tochter damit auf direkten Weg ins staatliche Fürsorgeheim, aus dem sie bei erster Gelegenheit wieder ausbricht. Der tiefe Fall der Ruth wurde in „Verdammt die jungen Sünder nicht“ genauso zugespitzt wie die Resozialisierung Silvias. Ein Hinterfragen ihrer Situation, basierend auf ihrer bürgerlichen Erziehung, findet bei Ruth nicht einmal ansatzweise statt. Selbst als ihre Klassenkameradin Eva (Gertraud Jesserer) davor zurückscheut, mit ihr zu Pitt und Fred in ein Haus zu gehen, wo diese angeblich Modefotos von ihnen machen wollen, weckt das kein Misstrauen bei ihr.

Ruth lässt sich von Pitt und Fred zu gewagten Aufnahmen überreden
Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, wieso ein junger Regisseur wie Hermann Leitner, nur wenig älter als die handelnden Personen in seinem Film, einen solch konservativen Standpunkt einnehmen konnte? – Ein täuschender Eindruck, denn Leitner nahm den Titel seines Films ernst. Zwar stellte er die vorherrschenden pädagogischen Ansichten nicht in Frage und gab – wie im „Moral-Film“ üblich – der sich verändernden Sozialisation nach dem Krieg die Schuld an der Verführung der Jugend, aber er ließ seine Protagonistinnen nicht fallen. Ein Mann wie Dr. Behrmann, so professoral und altbacken sich sein Verständnis für die Situation der Mädchen heute anhören mag, dachte für die damalige Zeit tolerant. Leitners im Stil einer technischen Versuchsanordnung angelegtes Drehbuch war entsprechend notwendig. Nur mit einer klaren Ausrichtung – hier das gefallene, aber grundanständige Mädchen, dort die in Versuchung geratene junge Frau aus gutem Elternhaus – ließ sich Verständnis beim Publikum aufbauen.

Bei Gerda (Chris van Loosen) ist das nicht mehr notwendig
Ob der Film die angestrebte Wirkung erzielte, ist fraglich, denn Leitner, der mit "Liane: die weiße Sklavin" (1957) schon früh ein einschlägiges Werk mit erotischem Subtext abgeliefert hatte, nutzte den angeprangerten gesellschaftlichen Verfall gleichzeitig als Attraktion. Ein im moralisch konnotierten Problemfilm dieser Phase gewohntes Bild, das den Weg in Richtung Sex-Film in der BRD bereitete, der in seinen Anfängen noch vielfach den pädagogischen Zeigefinger einsetzte ("Sünde mit Rabatt", 1968). Allein die Gewichtung in Richtung optischer Freizügigkeit änderte sich. Doch auch in „Verdammt die jungen Sünder nicht“ besitzen die Szenen um Fred und Pitt schon den höchsten Unterhaltungswert. Zuerst gehört noch Walter (Walter Wilz) dazu, der ihnen die geklauten Autos neu lackiert, aber bei ihm handelt es sich um Silvias Ex-Freund und Vater ihres Kindes, wie sich später herausstellt, weshalb ihm die Läuterung zugestanden wird. Gerda (Chris van Loosen), blonder Mittelpunkt der erotischen Aufnahmen und sexuell aktiv, wurde dieser Prozess dagegen nicht mehr zugetraut, obwohl sie sich eine ernsthafte Beziehung mit Walter wünscht. Soweit ging das Verständnis nun doch nicht. 

"Verdammt die jungen Sünder nicht" Österreich 1961, Regie: Hermann Leitner, Drehbuch: Hermann Leitner, August Rieger, Wolfgang Schnitzler, Darsteller : Corny Collins, Cordula Trantow, Werner Hinz, Magda Schneider, Josef Krastel, Chris van Loosen, Rainer Brandt, Michael Heltau, Gertraud Jesserer, Walter WilzLaufzeit : 81 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Hermann Leitner:

 "Wegen Verführung Minderjähriger" (1961)