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Donnerstag, 1. Oktober 2015

Geständnis einer Sechzehnjährigen (1961) Georg Tressler

Inhalt: Für die 16jährige Jutta (Barbara Frey) bricht eine Welt zusammen, als sie von dem Verhältnis ihrer Mutter (Nina Sandt) zu dem Diplomaten George Romanescu (Ivan Desny) erfährt. Auch ihr Vater (Wolfgang Preiss) weiß davon, glaubt aber, dass die Affäre beendet sei. Als Jutta ihre Mutter daraufhin anspricht, bestätigt diese das vorläufige Ende ihrer Beziehung. Bis sie feststellte, dass ihr Mann weiter seinen außerehelichen Liebschaften nachging. Eine Begründung, die Jutta nicht glauben kann, da sie überzeugt davon ist, dass ihr geliebter Vater treu war.

Nach der Schule wartet zum wiederholten Male Hans (Michael Hinz) auf sie, der sie unbedingt näher kennenlernen will. Jutta ist sein Drängen zu viel, aber seine Hartnäckigkeit bricht langsam ihren Widerstand und sie verbringt den Nachmittag mit ihm. Hans ist der Sohn getrennter Eltern, die ihn bei seinem Onkel in Deutschland wohnen lassen. Als Jutta ihm von den Eheproblemen ihrer Eltern erzählt, an denen aus ihrer Sicht allein der Liebhaber ihrer Mutter die Schuld trägt, rät er ihr, einen anonymen Brief an ihren Vater zu schreiben, um ihn über die wieder aufgenommene Affäre zu informieren…

Mit "Geständnis einer Sechzehnjährigen" kam Regisseur Georg Tressler scheinbar noch einmal auf seine "Halbstarken" - Vergangenheit zurück, mit dem er, gemeinsam mit Will Tremper, den "Moral-Film" der späten 50er Jahre initiierte. Der gleichnamige Roman des Schweizer Schriftstellers Robert Pilchowski (kein Pseudonym von Hans Habe, wie in einigen Quellen fälschlich angegeben wurde) von 1956, atmete noch den Geist der damaligen Furcht vor dem moralischen Verfall.

Doch dieser Eindruck täuscht, denn schon bei den "Halbstarken" ließ Tressler sich nicht vor den Zug des pädagogischen Zeigefingers spannen und machte aus "Geständnis einer Sechzehnjährigen" ein düsteres Abbild der noch jungen BRD, dass wie andere leider wenig bekannte Filme dieser Zeit schon lange auf DVD vorliegt.







"Ich schrieb es nicht, um zu moralisieren, sondern um darzulegen, wie ernst Kinder zu nehmen sind. Es ist besser, ihnen harte Wahrheiten zuzumuten, als sie mit sanften Lügen zu betrügen."

Die Mutter (Nina Sandt)
sagte der Schweizer Autor Robert Pilchowski über sein Buch "Geständnis einer Sechzehnjährigen", das 1956 in der BRD erschienen war. Fälschlicherweise wird der Roman in unterschiedlichen Quellen (darunter auch die Imdb) dem Schriftsteller und Journalisten Hans Habe untergeschoben - als ob der sechsmal verheiratete Intellektuelle sich den Problemen von Ehescheidungen angenommen hätte, die auf Grund der soziokulturellen Veränderungen in den 50er Jahren langsam zunahmen. Dagegen war die Thematik für Pilchowski von besonderer Bedeutung, wie schon sein 1951 erschienener Roman "Daddy und Do" (verfilmt unter dem Titel "Ein Leben für Do" (1953)) zeigte, der sich ebenfalls mit einer Scheidung aus der Sicht eines Kindes auseinandersetzte. Der Text des herausgebenden Verlags brachte es entsprechend auf den Punkt:

„So wird das Tagebuch (der Sechzehnjährigen) zu einem schonungslosen Spiegel, den der Kommissar den Eltern vorhält. Waren sie noch vor wenigen Stunden bereit, die Verantwortung für das tragische Geschehen dem anderen zuzuschieben, müssen sie jetzt erkennen, wie schwer die eigene Schuld wiegt.“

Der Vater (Wolfgang Preuss)
Bei dem „tragischen Geschehen“ handelt es sich um den Mord an dem Geliebten der Mutter der Sechzehnjährigen, den das Mädchen gleich zu Beginn des Buchs einem Kommissar gesteht. Dieser kann sich angesichts des „kindlich reinen Geschöpfs“ (Verlagstext) die Tat nicht vorstellen. Dank des Tagebuchs der Sechzehnjährigen stellt es sich heraus, dass es sich um ein Unglück „durch eine Verkettung tragischer Umstände“ handelte, für das moralisch die Eltern mit ihrem „Betrug und ihren Lügen“ verantwortlich gemacht werden.

Die Tochter (Barbara Frey)
Idealer Stoff für den Typus „Moralfilm“ mit seiner klaren Warnung vor dem moralischen Verfall, wie er Ende der 50er Jahre Hochkonjunktur hatte, als sich die sozialen Veränderungen auf Grund des Wirtschaftswunders und der sich wandelnden Geschlechterrollen zunehmend bemerkbar machten. Dass hier das Verhalten der Erwachsenen-Generation in der Kritik stand, war kein Widerspruch, da auch die Inhalte der Jugendfilme immer als Reaktion auf ihre Eltern zu verstehen waren. Autor Pilchowski hatte zuvor schon mit seiner Vorlage für den Veit Harlan-Film „Anders als du und ich (§175)“ (1957) seine Eignung für moralische Aufklärung bewiesen, weshalb „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ mit einschlägig erfahrenen Darstellern wie Wolfgang Preiss („Ich war ihm hörig“, 1958) und Ivan Desny („Alle Sünden dieser Erde“, 1958) ganz der angestrebten Richtung entsprach.

Szenen einer Ehe
Das galt auch für die Besetzung von Michael Hinz („Und sowas nennt sich Leben“, 1961) und Barbara Frey in den Rollen der jugendlichen Protagonisten. Frey hatte im Jahr zuvor in „Und keiner schämte sich“ (1960) schon ein Scheidungskind gespielt und erlebte ihr Debut in „Endstation Liebe“ (1958) unter der Regie Georg Tresslers, der mit „Die Halbstarken“ (1956) den Auslöser für die Moralfilme abgeliefert und 1957 in der Otto-Dürer-Produktion „Unter 18“ ein weiteres Mal sein Einfühlungsvermögen für die Belange der Jugend in der Nachkriegszeit bewiesen hatte. Vielleicht der Grund für Otto Dürer, ihn erneut als Regisseur zu verpflichten, dabei übersehend, dass sich Tressler in seinen Filmen nie den warnenden Gestus typischer Moral-Filme aneignete. Im Gegenteil hatten er und Will Tremper in ihren zwei gemeinsamen Filmen „Die Halbstarken“ und „Endstation Liebe“ die ambivalente Situation der Jugendlichen zwischen konservativer Moral und einer sich unaufhaltsam verändernden deutschen Nachkriegsgesellschaft realistisch und ohne erhobenen Zeigefinger beschrieben.

Auch Tresslers Film „Das Totenschiff“ (1959) zeichnete sich vor allem durch seinen pessimistischen Blick auf die menschliche Sozialisation aus. Positiv stimulierende Zukunftsaussichten waren von ihm kaum zu erwarten, wie sie der herausgebende Verlag angesichts der Buchvorlage noch für möglich hielt:

„Dass es sich nicht um einen Mord, sondern um einen Unglücksfall handelt, entlastet die Eltern nicht, lässt ihnen aber die Hoffnung, das verloren gegangene Vertrauen ihres Kindes wieder zurückzugewinnen.“

Der Liebhaber (Ivan Desny)
So eindeutig die Botschaft des Buches, so indifferent zwischen konservativer Warnung und desillusionierter Zustandsbeschreibung wurde das filmische Ergebnis. Im Moral-Film war die geografische und soziale Verortung von besonderer Bedeutung, da er oft an Brennpunkten wie Berlin (West) oder im Ruhrgebiet spielte. Obwohl die Außenaufnahmen der österreichischen Produktion in Wien stattfanden, verzichtete Tressler auf  diesen Bezug und siedelte die Handlung in Deutschland an. Diesen generelleren Ansatz nutzte der Regisseur für die Konzentration auf eine kleine Gruppe, deren inneren Zustand er gleich zu Beginn bei der Dinner-Party im Haus von Juttas wohlhabenden Eltern offenbarte: der Vater (Wolfgang Preiss), angesehener Geschäftsmann, die Mutter (Nina Sandt), attraktive Ehefrau und Gastgeberin, ihr Liebhaber (Ivan Desny) und die offensichtlich am Vater interessierte Frau (Senta Wengraf) eines Kollegen – einzig Jutta (Barbara Frey) glaubt noch an das Funktionieren der Ehe ihrer Eltern.

Die zukünftige Frau (Senta Wengraf)
Nur kann man diesen daraus keinen Vorwurf machen, da sie ihr angespanntes Verhältnis offen gegenüber ihrer Tochter kommunizieren, sogar über die rechtlichen Konsequenzen einer Scheidung mit ihr sprechen. Trotz ihrer Entfremdung bewahren sie einen disziplinierten Umgang – nur einmal brechen die inneren Gefühle aus ihnen heraus, als sie ihm zu verstehen gibt, dass ihr Geliebter gewusst hätte, wie man mit Frauen umgeht, und er sie daraufhin ohrfeigt. Doch Jutta, die die Schuld an dem Zerwürfnis allein ihrer Mutter und deren Geliebten gibt, will nicht wahrhaben, dass auch ihr abgöttisch geliebter Vater untreu war. Selbst als ihre Mutter eine Puderdose zugeschickt bekommt, die ihr nicht gehört, die sie aber in einem Hotel vergessen haben soll, glaubt die Tochter noch an eine Verwechslung. Ihr zuliebe arrangieren sich die Eltern noch einmal, aber von Lügen oder äußerlich behaupteter Harmonie, wie es in der Romanvorlage betont wird, ist hier wenig zu spüren.

 Hans (Michael Hinz) und Jutta
Auch Jutta ist nicht das „kindlich reine Geschöpf“ aus dem Buch. Sie lässt sich auf Hans (Michael Hinz) ein, obwohl ihr sein Drängen zuerst missfällt. Hans steht hier stellvertretend für die Opfer moralischer Verwahrlosung. Seine Eltern verbringen ihre Zeit mit wechselnden Partnern und haben den jungen Mann deshalb zu seinem Onkel nach Deutschland ausquartiert, wo er inmitten von moderner Musik und aufreizender Literatur in seiner Fantasie-Welt lebt. Der Staatsanwalt wird später von seinem schlechten Einfluss reden, den er wegen seiner negativen Weltsicht auf Jutta ausübte. Von ihm hat sie auch die Pistole. Sollte Hans als abschreckende Figur dienen – ein im Moral-Film üblicher Charakter – misslang diese Absicht. Der junge Mann wirkt in seiner stilisierten Bindungslosigkeit zu Familie und jeder gesellschaftlichen Institution verloren und um äußerliche Sicherheit bemüht, aber als Einziger auch zu Emotionen fähig. Es ist die stärkere Jutta, die ohne sein Wissen seine Waffe an sich nimmt.

Barbara Frey ist in ihrem Spiel keine kindliche Angst vor dem Verlust von Sicherheit und Vertrautheit anzumerken, im Gegenteil verliert Jutta trotz ihrer Jugend nie die Kontrolle über sich. Ihr Weg zu dem Liebhaber ihrer Mutter wird nicht von Unsicherheit begleitet, sondern zeigt eine junge Frau, die mit der Waffe in der Hand bewusst vorgeht. Ob sie ihn töten wollte, bleibt offen, aber ihr Schuss fällt aus Entfernung und ist weder die Folge tragischer Umstände, noch eines Gerangels. Hier handelte kein verzweifeltes Opfer, sondern eine Täterin, um sich ihre Illusionen zu bewahren. Mit ihrem Geständnis bei der Polizei will sie nicht, wie im Roman, den Verdacht von den Eltern fern halten, sondern reagiert damit auf ihren Vater, den sie auf einem Rock’n Roll-Konzert mit einer Frau antrifft, die er zu heiraten gedenkt. Es ist der einzige Moment im Film, in dem er heiter wirkt. Juttas Gesichtszüge bleiben dagegen stoisch, fast regungslos erträgt sie die polizeilichen Untersuchungen, nicht mehr zu Emotionen fähig.

Am Beispiel einer gutsituierten Bürgerfamilie entlarvte „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ den äußerlichen Glanz der Wirtschaftswunderjahre als hohle Fassade und spiegelte mit seiner kaum Lebensfreude ausstrahlenden Inszenierung die innere Entfremdung seiner Protagonisten wider. Aber der Film musste auch dem moralischen Auftrag der Romanvorlage gerecht werden, sollte vor den Folgen einer Ehescheidung für die Trennungskinder warnen. Entsprechend betroffene Gesichter machen die Eltern angesichts ihrer inhaftierten Tochter, predigt der Staatsanwalt von schlechtem Einfluss und Schuld der Erwachsenen und beschränkt sich der Richter deshalb auf zwei Jahre Jugendhaft – mit der Aussicht, diese vielleicht noch auf Bewährung aussprechen zu können. Doch Tressler hatte zuvor eindeutige Schuldzuweisungen vermieden, hatte kein kindliches Opfer hochstilisiert, um mit dem Mitgefühl des Publikums rechnen zu können, sondern ließ es in das desillusionierte Gesicht einer jungen Frau blicken. 

"Geständnis einer Sechzehnjährigen" Österreich 1961, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Eberhard Kleindorff, Johanna Sibelius, Robert Pilchowski (Roman)Darsteller : Barbara Frey, Michael Hinz, Nina Sandt, Wolfgang Preiss, Ivan Desny, Rose Renee RothLaufzeit : 83 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Georg Tressler:

Sonntag, 17. Mai 2015

Endstation Liebe (1958) Georg Tressler

Inhalt: Kurz vor Feierabend fällt die Maschine aus, an der Mecki (Horst Buchholz) und seine Kollegen im Osram-Werk arbeiten, aber ihr Denken wird sowieso schon vom Samstagabend bestimmt und dem morgigen freien Sonntag. Zudem hat es ihnen die Neue angetan, ein hübsches Mädchen, das ihnen aber nur die kalte Schulter zeigt. Ein Fall für Mecki, dessen Ehrgeiz durch so viel Widerstandskraft erst geweckt wird. Er wettet mit seinen Kollegen, dass er Christa (Barbara Frey) bis Montagfrüh rumkriegt.

Doch sein Vorhaben erweist sich schwerer als gedacht. Weder auf charmante, noch provokante Weise kommt er an sie heran. Im Gegenteil gibt sie ihm auf dem Heimweg deutlich zu verstehen, dass sie kein Interesse an ihm hat. Doch Mecki gibt nicht so schnell auf. Zuhause wirft er sich in einen Anzug, besorgt Blumen, und spricht offiziell bei Christas Mutter (Karin Hardt) vor, die ihn freundlich in die Wohnung an den gedeckten Tisch bittet. Angetan von dem wohlerzogenen jungen Mann, fordert sie ihre Tochter regelrecht auf, mit ihm auszugehen…


"Können Sie uns auch einen Halbstarken-Film machen - mit der gleichen Mannschaft natürlich! - aber etwas romantischer, wenn's geht: Buchholz verliebt sich in das Mädchen und so weiter..." (Will Tremper, Meine wilden Jahre)

Der große Erfolg von "Die Halbstarken" (1956) weckte Begehrlichkeiten. Das Team um Regisseur Georg Tressler, Autor Will Tremper, Co-Produzent Wenzel Lüdecke, Komponist Martin Böttcher und Hauptdarsteller Horst Buchholz sollte erneut zusammen kommen, denn ihr erster gemeinsamer Film hatte einen regelrechten Boom ausgelöst. Tressler selbst drehte 1957 in Österreich "Noch minderjährig" und Josef von Baky "Die Frühreifen" (1957) mit "Halbstarken" Co-Star Christian Doermer, Heidi Brühl und Christian Wolff in den Hauptrollen, der im selben Jahr noch unter Veit Harlan "Anders als du und ich (§175)" folgen ließ. "Schmutziger Engel" (1958) von Alfred Vohrer befand sich schon in der Vorbereitung. Alle diese Filme einte ein kritischer Blick auf eine Jugend, die sich in den Wirtschaftswunderjahren von den tradierten Geschlechterrollen und Moralvorstellungen zu lösen schien. Ungehemmte Sexualität, Vergnügungssucht und Kriminalität wurden in den Filmen als Gefahren gebrandmarkt, vor deren Folgen die Heranwachsenden gewarnt werden sollten.

Zwar trieb erst die Sensationslust das Publikum in die Kinos, aber Tremper und Tressler hatten in der Kritik gestanden, die Faszination an einer aufbegehrenden Jugend zu sehr bedient und die sozialkritischen Aspekte vernachlässigt zu haben. Ihr zweiter Film sollte deshalb authentischer und weniger polarisierend ausfallen. Keineswegs als Antwort auf die reißerischen „Jugend“-Filme, wie die damalige Film-Kritik annahm, sondern weil Tremper, dem von Lüdecke der Dramaturg Axel von Hahn an die Seite gestellt worden war, keine plumpe Fortsetzung schaffen wollte:

„Wir fanden das eine schöne Geschichte, die mit den Halbstarken nichts zu tun hatte, sich aber lebensecht las.“ (Will Tremper, Meine wilden Jahre)

Trotzdem sind gewisse Parallelen zwischen beiden Filmen nicht zu übersehen. Neben dem gewohnt charmant und selbstbewusst agierenden Horst Buchholz als Mecki, umgeben von einer schnoddrig auftretenden männlichen Jugend, ist es besonders Berlin, das diesmal von Helmuth Ashley als unprätentiöser Ort der Nachkriegsjahre in Szene gesetzt wurde. Wie in „Die Halbstarken“ fehlen sowohl die Anzeichen der politischen Teilung, als auch bekannte touristische Orte. Leere, staubige Straßen am Sonntagmorgen, hohe Brandwände und einfache Altbauwohnungen bestimmen eine Szenerie, der jeder Glamour fehlt und die den Alltag zwischen 6-Tage-Woche und sonntäglicher Ruhe widerspiegelt.

Doch anders als in „Die Halbstarken“ oder dem in dieser Hinsicht ähnlich angelegten „Die Frühreifen“ bricht in „Endstation Liebe“ kein Wirtschaftswunder-Reichtum in den Arbeiter-Bezirk. Das größte Freizeitvergnügen am Samstagabend ist ein Catcher-Schaukampf, der in einer Massenprügelei endet. Weder gibt es dicke Autos und luxuriöse Villen, noch Zigarre rauchende Geschäftsmänner mit gestylten jungen Frauen an ihrer Seite – gern zitierte Anzeichen wirtschaftlicher Erfolge, die die Gefahr der Kriminalisierung einer verführten Jugend heraufbeschwören sollten. Will Tremper verzichtete hier ebenso auf den Arm/Reich-Kontrast, wie auf weitere soziale Konflikte. Anders als in den sonstigen Jugenddramen üblich wollte der Autor nicht generalisieren, sondern eine einfache Geschichte aus dem Blickwinkel von jungen Männern erzählen, deren Denken sich allein um ihre Arbeit, Fußball am Sonntagmorgen und Mädchen dreht. Die Homogenität der hier beschriebenen Lebensumstände war keiner Verdrängung der Realität geschuldet, sondern der Konzentration auf die kurze Phase zwischen samstäglichem Feierabend und dem Arbeitsbeginn Montagfrüh.

Entsprechend sollte der Film „Zeit bis Montagfrüh“ heißen, doch damit konnte Tremper sich beim Produzenten nicht durchsetzen, dem das zu neutral klang – genau die von ihm beabsichtigte Wirkung. In Unkenntnis, dass sowohl „Endstation Liebe“ als auch „Endstation Sehnsucht“ (deutscher Verleihtitel von „A streetcar named desire“, USA 1951) unter dem Dach der „Warner Bros.“ entstanden, hatte Tremper dem aus seiner Sicht kitschigen Titel zuerst zugestimmt, im Glauben ihn aus rechtlichen Gründen noch verhindern zu können. Ein Irrtum, der ihn die Freude an dem Film verlieren ließ:

„…es half alles nichts, die Hochstimmung war dahin. Jürgl (Georg Tressler) fand in einer Konfektionsfirma am Fehrbelliner Platz ein liebes, mir allzu harmlos vorkommendes Mädchen von vielleicht 17 Jahren, das Barbara Freyte hieß – mein einziger Beitrag zu seiner Entdeckung bestand in einem Radiergummi, mit dem ich ihm sofort die letzten beiden Buchstaben seines Namens ausradierte.“ (Will Tremper, Meine wilden Jahre)

Barbara Frey erwies sich als die ideale Besetzung, auch wenn ihre Stimme von Johanna von Koczian synchronisiert werden musste, denn die von ihr gespielte Christa war „die Neue im Betriebsbüro, ein scheues Reh“, dass erst den Ehrgeiz von Mecki (Horst Buchholz) weckt, sie über das Wochenende rumzukriegen. Ein schwerer Fall, wie seine Fabrik-Kollegen finden, weshalb Jeder von ihnen 5 Mark verwettet, dass Mecki es nicht schafft, obwohl dieser sich einen guten Ruf als Verführer erarbeitet hat. Aus diesem Grund muss er erst der Blondine aus dem Weg gehen, die am Fabriktor schon auf ihn wartet, um sich um Christa kümmern zu können.

Trotz des Verzichts auf reißerische Elemente, lässt sich auch in „Endstation Liebe“ der pädagogische Gestus nicht übersehen. Die Warnung besonders an junge Frauen vor dem zu offenen Umgang mit der Sexualität gehörte zum Standard-Repertoire der „Moral“-Filme der 50er und frühen 60er Jahre, aber Will Tremper beabsichtigte keinen erhobenen Zeigefinger, er bildete die vorherrschende Doppelmoral nur ab. Die jungen Männer werden zwar als oberflächlich in ihrem Umgang mit Frauen beschrieben, aber das wird ihrer Jugend zugestanden, die jungen Frauen werden dagegen gnadenlos in anständig und leichtfertig unterteilt. Als Meckis Vater (Franz Nicklisch) zufällig Christa vor seiner Wohnung antrifft, erwähnt er, sie wäre richtig nett, er hätte gar nicht gewusst, dass sein Sohn solche Mädchen kennt. Und wenn am Ende die leicht geschürzte Blondine, die sich nach Christas Zurückweisung um den frustrierten Mecki gekümmert hatte, einen Schnaps auf den Spiegel spritzt und ihr Abbild verzerrt, dann ist die Botschaft mehr als deutlich – als Partnerin kommt sie nicht in Frage.

Wie zuvor in „Die Halbstarken“ entwickelte Tremper Sympathien für seine Protagonisten und verurteilte ihr Verhalten nicht. Christa erweist sich keineswegs als so sperrig, wie sie sich nach außen hin geben musste, und Mecki begreift die Qualität ihrer Zuwendung. Der Titel "Endstation Liebe“ erzeugte dagegen eine falsche Erwartungshaltung, denn Tresslers Film behauptete keinen Absolutheitsanspruch, sondern beleuchtete einen kurzen Lebensausschnitt, einen Moment des Ausbruchs aus dem Alltag – für den Erfolg beim damaligen Publikum und den heutigen Bekanntheitsgrad des Films erwies sich dieser sensible Blick in die Befindlichkeiten junger Menschen, Ende der 50er Jahre, leider als hinderlich.

"Endstation Liebe" Deutschland 1958, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Will Tremper, Axel von HahnDarsteller : Horst Buchholz, Barbara Frey, Karin Hardt, Benno Hoffmann, Franz NicklischLaufzeit : 83 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Georg Tressler: