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Freitag, 24. Februar 2017

Heimatlos (1958) Herbert B. Fredersdorf


Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) interessiert sich für Barbara (Marianne Hold)...
Inhalt: Dass Barbara (Marianne Hold) Franz (Rudolf Lenz) liebt und ihre Hochzeit bevor steht, heißt nicht, dass sie sich allein auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken will. Gegen den Willen ihres Vaters (Willy Rösner) und ihres Verlobten plant sie, ihre Freundin in München für ein paar Tage zu besuchen, und lässt sich auch von einem Fremden beim Volksfest ihres Heimatdorfs ansprechen. Barbara weiß selbstbewusst Grenzen zu ziehen, was den Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) erst richtig reizt. Als Barbara am nächsten Tag im Bus nach München fährt, setzt er sich überraschend zu ihr und weicht ihr auch am Ziel nicht von der Seite. 

...was den einheimischen Herren (Joe Stöckel, Willy Rösner und Rudolf Lenz) missfällt
Im Glauben, ihn spätestens bei ihrer Freundin loszuwerden, fährt sie noch gemeinsam mit ihm im Taxi zu deren Elternhaus, muss dort aber erfahren, dass die Herrschaften überraschend abgereist sind, ohne sie noch rechtzeitig informieren zu können. Für Conny Fürst die Gelegenheit, seine Beziehungen und Ortskenntnisse zu nutzen. Da kein Bus mehr zurückfährt, bringt er sie erst in einer hochanständigen Pension bei einer strengen Oberst-Witwe unter, um mit ihr Abends schick auszugehen. Doch obwohl er seinen Charme zu Höchstform auflaufen lässt, wehrt Barbara seine Annäherungen ab und verbringt die Nacht allein. Nur glaubt das ihr eifersüchtiger Verlobter nicht, der ihr nachgefahren war, nachdem er erfahren hatte, dass sie nicht bei ihrer Freundin untergekommen war. Als Conny Fürst noch mit einem Blumenstrauß auftaucht, eskaliert die Situation… 

"Heimatlos" konnte mit einigen Stars aufwarten. Die Heimatfilm-Größen Marianne Hold und Rudolf Lenz standen an der Spitze eines Casts, der mit Joe Stöckel, Peter Weck, Willy Rösner, Werner Fuetterer und Helen Vita bis in die Nebenrollen prominent besetzt war. Dazu kam der schauspielerische Newcomer, aber aktuelle Schlager-Star Freddy Quinn in seiner zweiten Filmrolle und Sängerin Dany Mann mit einem kurzen Auftritt. Diese angesagte Darsteller-Riege täuscht darüber hinweg, dass sich die Popularität des Heimatfilms im Niedergang befand (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969"). Für Regisseur Fredersdorf wurde "Heimatlos" sein letzter Heimatfilm, ebenso für Joe Stöckel, der ein Jahr später mit 64 Jahren starb.

Mehr als die äußerlichen Anzeichen steht das Drehbuch für diesen schleichenden Prozess, denn der nicht weiter in Erscheinung getretene Autor E.A. Wildenburg kombinierte Heimatfilm-Klischees mit dem Ende der 50er Jahre angesagten "Moral"- oder "Halbstarken-Film" und stellte dem gestandenen Helden Rudolf Lenz einen großstädtischen Gauner und Verführer gegenüber. Dazu mit Freddy Quinn auch einen Sänger, dessen Filmkarriere noch bevor stand, die beispielhaft für den Wandel im Heimatfilm steht. Zwar konservativ und heimatverbunden bleibend, verlieh Quinn dem Heimatfilm ab "Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) ein internationales und mordernes Image. 


Anfangsszenario: Franz (Rudolf Lenz) und Barbara als Liebespaar...
Rudolf Lenz befand sich 1958 auf dem Höhepunkt seiner Helden-Karriere. Berühmt geworden mit dem österreichischen Film "Echo der Berge" (1954), der den Heimatfilm-Boom unter dem Titel "Der Förster vom Silberwald" erst richtig anfachte (siehe Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"), entstanden in den folgenden Jahren eine Vielzahl an Genre-Vertretern mit ihm in der Hauptrolle - darunter die Ganghofer-Verfilmungen "Das Schweigen im Wald" (1955), "Der Jäger von Fall" (1956) und "Der Edelweißkönig" (1957). Ebenfalls 1957 war auch eine Art Fortsetzung seiner Förster-Rolle in "Der Wilderer vom Silberwald" an der Seite seiner Dauerpartnerin Anita Gutwell herausgekommen, mit der er im Jahr darauf "Einmal noch die Heimat seh'n" drehte. Zwischen diesen beiden Filmen kam im Sommer 1958 „Heimatlos“ in die Kinos, bei dem Rudolf Lenz erstmals an der Seite von Marianne Hold spielte, der neben Gutwell populärsten Darstellerin dieser Phase im Heimatfilm. Doch obwohl er sie schon in der ersten Einstellung küsst, spielte er im Film nur die dritte Geige.

...aber der smarte Conny Fürst lässt nicht locker
Geplant war das nicht, denn selbstverständlich stand Lenz in den Credits neben Marianne Hold an erster Stelle und war als tüchtiger und heimatverbundener Besitzer eines Sägewerks in Tirol für die Rolle des anständigen Kerls vorgesehen, der die begehrte Maid erobert. Nur setzte die Handlung in "Heimatlos" mit diesem sonst am Ende stehenden Szenario ein, was erwarten ließ, dass es sich nicht wie üblich fortsetzen sollte. Eine Auto-Hupe, die rücksichtslos ein Blasorchester unterbricht, das gerade gen Festplatz marschierte, gibt das Signal für die Störung der Heimat-Idylle. Conny Fürst (Peter Weck) hatte sein Cabriolet mitten in die Menschenmenge gesteuert, um kurz daraus Barbara (Marianne Hold) bei dem jährlichen Volksfest ihres Heimatorts anzusprechen - ein Umstand, der bei ihrem Vater (Willy Rösner), dem Pfarrer (Joe Stöckel) und besonders bei ihrem Verlobten Franz (Rudolf Lenz) für Missstimmung sorgt. Und die schöne Barbara verärgert, die sich dieses Misstrauen der versammelten Männer verbittet.

Im Nachtclub lässt er Champagner springen...
Deutlich wird schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass mit der selbstbewusst auftretenden Barbara etwas nicht stimmen kann – so zumindest die übereinstimmende Meinung der Altvorderen. Während ihr Vater den Einfluss der Großstadt München beklagt, glaubt der Pfarrer, dass sie schnell wissen wird, wo ihr Platz ist, sobald sich Nachwuchs ankündigt. Doch weder sie, noch ihr zukünftiger Ehemann können Barbara davon abbringen, dass sie für ein paar Tage eine Freundin in München besuchen möchte. Eine junge Frau, die ihr Heimatdorf zurückgelassen hätte, um ihren Fuß in einen Großstadt-Moloch zu setzen, wäre wenige Jahre zuvor noch diskreditiert gewesen, aber auch im Heimatfilm war die Zeit nicht stehen geblieben. Der wachsende Wohlstand in den 50er Jahren hatte das Freizeitverhalten und die Mobilität verändert, die Entfernung zwischen den Tiroler Bergen und München war geschrumpft. Geradezu mit den Händen zu greifen ist deshalb das Bemühen der Macher um Regisseur Herbert B. Fredersdorf, Barbaras Reputation als anständige junge Frau nicht zu beschädigen – das Unheil musste von außen kommen.

...und im Hinterzimmer macht er krumme Geschäfte mit Hanuschke (Werner Fuetterer)
In Person des Großstädters, Bonvivants und - wie sich bald herausstellt - Ganoven Conny Fürst, weshalb die Leistung Peter Wecks in dieser Rolle nicht hoch genug einzuschätzen ist. Weck gelang der Spagat zwischen Charmeur und Hallodri so gut, dass Barbaras zunehmend schwächer werdender Widerstand gegenüber seinem hartnäckigen Werben verständlich wird, gleichzeitig seine Funktion als unlauterer Verführer junger Mädchen nicht in Frage gestellt wurde. Zwar bemühte das Drehbuch noch den Zufall – Barbaras Freundin war überraschend verreist und ihr eifersüchtiger Verlobter bezichtigt sie zu Unrecht der Unmoral und treibt sie damit erst in Connys Arme – aber das ändert nichts an Wecks Darstellung eines unterhaltsamen und im Kern sympathischen Typen. Der es auch ernst mit Barbara meint und sie heiraten will, aber nicht das einträgliche Geschäft des Autoschmuggels lassen kann, weshalb er vom Drehbuch schnöde fallen gelassen wird. Bei der Flucht erschossen, was Ende der 50er Jahre offensichtlich kein Problem war, obwohl Conny Fürst nie eine Waffe bei sich trug. Zurück blieb die schwangere, unverheiratete Barbara – und Auftritt Freddy Quinn!

Freddy (Freddy Quinn) und Gertie (Helen Vita) kümmern sich um Barbara
Zwar war Quinn schon zu den Anfangs-Credits mit seinem Hit „Heimatlos“ zu hören und spielte eine Nummer in Conny Fürsts Lieblings-Nachtclub, aber erst nach dessen Tod bekam seine Rolle Gewicht. Zuständig für die Liedtexte war erneut Aldo von Pinelli, auf dessen Drehbuchidee Quinns erste kleine Filmrolle in „Die große Chance“ (1957) zurückging und der später gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Schleif und Co-Autor Gustav Kampendonk für dessen Aufstieg zum Filmstar („Freddy, die Gitarre und das Meer“ (1959)) verantwortlich werden sollte. Sein Einfluss auf die Figur des Freddy in „Heimatlos“ blieb aber gering, denn diese folgte allein der inneren Logik der Drehbuch-Konstruktion um Barbara. Schwanger und ohne Geld in der Großstadt zurückgelassen, droht ihr der endgültige Niedergang, als ausgerechnet der schmierige Nachtclub-Besitzer Hanuschke (Werner Fuetterer), der mit Fürst zuvor gemeinsame Sache gemacht hatte, ihr eine Anstellung anbietet. Doch mit dem Musiker Freddy und Helen Vita als resoluter Bardame mit Herz existieren auch positive Charaktere an diesem finsteren Ort, die die junge Frau unter ihre Fittiche nehmen.

Der Pfarrer (Joe Stöckel) begibt sich in die menschlichen Niederungen, um zu vermitteln
Leider vertiefte „Heimatlos“ diese spannende Situation nicht, sondern leitete mit einem großen Zeitsprung weiter in Richtung zu erwartender Entwicklung. Barbara verdient ihr Geld inzwischen mit einem eigenen Schneiderladen und geht in ihrer verantwortlichen Rolle als Mutter einer fünfjährigen Tochter auf. Freddy, wagt es endlich, ihr einen Heiratsantrag zu machen, nachdem er seinen ersten Plattenvertrag erhalten hatte, aber inzwischen ist Franz wieder aufgetaucht, der sein damaliges Benehmen bereut und sich wieder um seine frühere Verlobte bemüht. Barbara erwidert seine Gefühle, aber sie zögert, Franz von ihrer Tochter zu erzählen, auch weil sich dieser wiederholt über deren verstorbenen Erzeuger echauffiert. „Heimatlos“ ließe sich als Plädoyer für Toleranz begreifen, denn eine unverheiratete Mutter besaß Ende der 50er Jahre nur wenig Ansehen, aber dafür ist der Film zu bemüht, jeden Eindruck von Unmoral von Barbara fernzuhalten. Ihr Schicksal sollte hier beispielhaft für den Gegensatz Stadt/Land stehen - und daraus folgernd für Gefahr/Sicherheit bzw. Fremde/Heimat.

Mit seinem Holzhund kann Freddy nicht punkten...
Damit verband der Film ein klassisches Heimatfilm-Thema mit dem in dieser Phase populären „Moral-Film“, der die als negativ betrachteten Auswirkungen einer sich verändernden Sozialisation auf Moral und Geschlechterrollen anprangerte. Entsprechend rückt Franz die landschaftliche Schönheit der heimatlichen Bergwelt gegenüber den städtischen Mietskasernen ins rechte Licht und durfte Joe Stöckel in einer seiner letzten Rollen als warmherziger Pfarrer die heimatliche Toleranz betonen, mit der auch eine verlorene Tochter wieder aufgenommen wird. Nahezu perfide ist die abschließende Szene in der Großstadt, in der Franz der Tochter einen echten Hund schenkt und von ihr sofort als „Papa“ akzeptiert wird, während der abgewiesene Freddy mit einem Spielzeughund bei der Kleinen abstinkt. Nicht nur, dass dieser wie ein Depp dasteht, der Film ließ außen vor, dass Freddy seit Jahren Barbara als Freund zur Seite stand und deren Tochter von klein auf kannte.

...und das Happy-End nicht verhindern
Am Ende kehrt Barbara wieder in ihre Heimat zurück, nur spielte diese im Film - von schönen Bildern abgesehen - nur eine Nebenrolle. „Heimatlos“ erging es wie vielen Moral-Filmen in der Tradition von "Die Halbstarken" (1956) – die Welt, vor der sie warnen wollten, wirkte auf der Leinwand faszinierender als das fiktive Ideal. Dagegen konnte auch der Heimatfilm-Held Rudolf Lenz nicht anspielen, dessen Franz gegenüber dem charmanten Conny und dem Musiker Freddy wie ein altbackener Langweiler wirkt. Dass Barbara - von Marianne Hold mit sanftem emanzipatorischen Gestus verkörpert - wieder zu Franz zurückkehrte, entsprach zwar der Erwartungshaltung, überzeugte aber nicht. Der Zwiespalt des Films, die bisherige Ordnung bewahren zu wollen, gleichzeitig aber modische Stile zu bedienen, manifestierte sich in Freddy Quinns melancholischen Schlagern. Seine Texte betonten zwar den Wert von Heimat und Verlässlichkeit, aber seine Musik und sein auch an internationalen Vorbildern orientiertes Auftreten entsprachen dem Zeitgeist – Quinns Nummer 1-Hit „Heimatlos“ ist auch ein Abgesang auf den traditionellen Heimatfilm. 

"HeimatlosDeutschland 1958, Regie: Herbert B. FredersdorfDrehbuch: E.A.Wildenburg, Darsteller : Marianne Hold, Rudolf Lenz, Peter Weck, Freddy Quinn, Helen Vita, Joe Stöckel, Willy Rösner, Werner Fuetterer, Dany Mann, Laufzeit : 95 Minuten

Freitag, 26. September 2014

...und noch nicht sechzehn (1968) Peter Baumgartner

Inhalt: Während Helen Sheira (Helen Vita) ihr Lied „Sexy und noch nicht 16“ in einem Nachtclub zum Besten gibt, benimmt sich ein Gast daneben. Kein Problem für Johnny (Peter Capra), der persönlich den Störenfried hinauswirft und sich auch sonst um alle Belange der eigenwilligen Diva kümmert. Die 15jährige Rosy (Rosemarie Heinikel) ist aus dem Fürsorgeheim abgehauen und irrt durch die nächtlichen Straßen bis sie zufällig auf Helen und ihre Begleiter trifft, als diese den Abend noch ausklingen lassen wollen. Rolf, ein Bewunderer Helens, nimmt sich des jungen Mädchens gleich an und sorgt für ihre Unterkunft in seiner Studentenwohnung.

Doch es gibt nicht nur liebevolle Interessenten an dem hübschen Mädchen. Besonders Johnny, der sich als künstlerischer Direktor nicht genügend anerkannt fühlt, plant ein großes Ding mit ihr. Er gibt sich Rosy gegenüber großzügig und nett, so dass sie ihn ganz begeistert zum 6-Tage-Rennen begleitet, nicht ahnend, dass er sie an einen der Radrennfahrer als Prostituierte verschachern will…



Mit "...und noch nicht 16" setzte die PIDAX am 23.09.2014 ein Ausrufezeichen. Der zwischen "Unruhige Töchter" und "Die Nichten der Frau Oberst" von Erwin C.Dietrich produzierte Film fällt in seiner ungewöhnlichen Kombination aus Kabarett-Gesang, Dokumentation und Thriller aus dem Rahmen üblicher Erotik-Filme und wirkt wie eine Zusammenfassung der zuvor in Dietrich-Produktionen verwendeten Stile von der Komödie bis zum Bénazéraf-Einfluss aus "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen".  Zudem waren mit Helen Vita und Rosy-Rosy (bürgerlich Rosemarie Heinikel) zwei ungewöhnliche weibliche Stars mit an Bord, die dem Film ein unverwechselbares Zeitkolorit verliehen. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).











In einem Interview erläuterte Peter Baumgartner, wie es zu den Pünktchen kam, obwohl der zu Beginn eingeblendete Filmtitel "Sex und noch nicht sechzehn" lautet. Produzent Erwin C.Dietrich durfte den Film nur mit diesen Pünktchen vermarkten, so die deutschen Tugendwächter - eine Entscheidung, die direkt ins Filmgeschehen überleitet. Helen Vita, die sich hier selbst als Nachtclub-Sängerin Helen Sheira spielte und insgesamt drei wunderbar frivole Lieder zum Besten gab - der Film startet mit ihrem Lied "Sexy und noch nicht 16" - hatte in den Jahren zuvor reichlich Erfahrung mit der deutschen Justiz gesammelt, die ihre insgesamt vier Schallplatten mit "Frechen Chansons aus dem alten Frankreich" aus dem Verkehr gezogen hatte, so dass diese nur noch unter dem Ladentisch gehandelt werden durften. Erst 1969 wurden ihre Interpretationen per Gerichtsbescheid als "künstlerisch wertvoll" wieder freigegeben, deutlich nach dem Entstehungszeitpunkt des Films, der Helen Vita offensichtlich eine Bühne für ihre Songs geben sollte.

Ein naheliegender Gedanke, denn Helen Vita war die Ehefrau des Komponisten Walter Baumgartner, dessen Neffe Peter Baumgartner, sonst bei Dietrichs Filmen ausschließlich hinter der Kamera anzutreffen, hier einmalig auf den Regie-Stuhl wechselte, um die Inszenierung Vitas persönlich zu übernehmen. Walter Baumgartner komponierte dazu nicht nur wie gewohnt die Filmmusik, sondern schrieb seiner Frau die Lieder auf den Leib - eine künstlerisch kongeniale Familienzusammenführung. Doch damit nicht genug. Mit der damals 20jährigen Rosemarie Heinikel, hier unter ihrem Künstlernamen Rosy-Rosy, besetzte Dietrich erstmals eine junge Schauspielerin in der Rolle der titelgebenden „unter 16jährigen“, die wenig später neben Uschi Obermaier zu den bekanntesten weiblichen „Kommunarden“ der 68er Generation gehören sollte. Obwohl das aus einem Heim geflüchtete Mädchen im Film mehrfach Opfer von Vergewaltigern wird, strahlte Rosemarie Heinikel jederzeit Coolness und Stärke aus und spielte auch ihre Nacktszenen mit größter Natürlichkeit. Entsprechend absurd wirkt die Betonung ihrer Oberweite aus Marketing-Gründen, so sehr fehlt diesen Szenen die künstliche Perfektion heutiger Inszenierungen.

Im Vergleich zu Helen Vita und Rosemarie Heinikel hinterlassen die männlichen Protagonisten im Film einen jämmerlichen Eindruck, abgesehen von Rolf, dem fleißigen Studenten, der sich zum Ritter für die kleine Rosy aufschwingt – sehr schön die Szene im Schnee vor einer Burg, wo er mit einem Ast als Schwert gegen sich selbst um das begehrte Fräulein kämpft. Wieder in der Realität angekommen, ist er ganz der vernünftige junge Mann, der sich intensiv um sein Studium kümmern muss, weshalb er Rosy hin und wieder aus den Augen verliert, um ihr mehrfach in letzter Minute zu Hilfe zu kommen. Sein dabei geäußerter Vorwurf an diverse Herren, sie wäre noch keine Sechzehn, hindert ihn aber nicht daran, selbst mit ihr zu schlafen – natürlich im gegenseitigen Einvernehmen.

Peter Baumgartner, der auch das Drehbuch schrieb, kümmerte sich um keine Konstante im Film. Mal liegt der Schwerpunkt auf Helen Vitas Präsenz, mal auf Rosis Erlebnissen als Herumtreiberin, um beide Story-Lines nach Gelegenheit spielerisch zu verzahnen. Straighter wurde die Handlung erst in der zweiten Hälfte, als sich zunehmend der Bènazeraf-Einfluss aus „St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1967) durchsetzte, der aus dem Nachtleben-Lokalkolorit, samt künstlerischer Erotik-Einlage, eine Crime-Story um Prostitution und Erpressung werden ließ. Peter Capra, der in „Unruhige Töchter“ (1968) schon als fieser Mitschüler und Vergewaltiger auftrat, gibt hier erneut den schmierigen Bösewicht, der erst Rosy an Freier vermittelt, um diese dann wegen ihrer Minderjährigkeit zu erpressen.

Dass er in der ersten Hälfte des Films noch den künstlerischen Direktor des Nacht-Clubs gab und mit Helen Vita deren Abendprogramm einstudierte, passt zu einem Film, der die unterschiedlichsten Sujets – kabarettistischer Gesang, dokumentarische Aufnahmen des Zürcher Nachtlebens mit dem 6-Tage-Rennen, komödiantische Elemente, Erotikszenen und eine brutale Kriminalgeschichte – zu einem knapp 70minütigen Konglomerat zusammenfasste, dass nicht nur jeden Moment unterhalten kann, sondern aus seiner stilistischen Vielfalt von spontan wirkenden Aufnahmen bis zu ästhetisch komponierten Schwarz-Weiß-Bildern eine nächtlich-flirrende Einheit entwickelte.

"...und noch nicht sechzehn" Deutschland / Frankreich 1968, Regie: Peter Baumgartner, Drehbuch: Peter Baumgartner, Darsteller : Helen Vita, Rosemarie Heinikel, Peter Capra, Andy Burton, Alfred FreiLaufzeit : 70 Minuten 



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