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Freitag, 24. Februar 2017

Heimatlos (1958) Herbert B. Fredersdorf


Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) interessiert sich für Barbara (Marianne Hold)...
Inhalt: Dass Barbara (Marianne Hold) Franz (Rudolf Lenz) liebt und ihre Hochzeit bevor steht, heißt nicht, dass sie sich allein auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken will. Gegen den Willen ihres Vaters (Willy Rösner) und ihres Verlobten plant sie, ihre Freundin in München für ein paar Tage zu besuchen, und lässt sich auch von einem Fremden beim Volksfest ihres Heimatdorfs ansprechen. Barbara weiß selbstbewusst Grenzen zu ziehen, was den Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) erst richtig reizt. Als Barbara am nächsten Tag im Bus nach München fährt, setzt er sich überraschend zu ihr und weicht ihr auch am Ziel nicht von der Seite. 

...was den einheimischen Herren (Joe Stöckel, Willy Rösner und Rudolf Lenz) missfällt
Im Glauben, ihn spätestens bei ihrer Freundin loszuwerden, fährt sie noch gemeinsam mit ihm im Taxi zu deren Elternhaus, muss dort aber erfahren, dass die Herrschaften überraschend abgereist sind, ohne sie noch rechtzeitig informieren zu können. Für Conny Fürst die Gelegenheit, seine Beziehungen und Ortskenntnisse zu nutzen. Da kein Bus mehr zurückfährt, bringt er sie erst in einer hochanständigen Pension bei einer strengen Oberst-Witwe unter, um mit ihr Abends schick auszugehen. Doch obwohl er seinen Charme zu Höchstform auflaufen lässt, wehrt Barbara seine Annäherungen ab und verbringt die Nacht allein. Nur glaubt das ihr eifersüchtiger Verlobter nicht, der ihr nachgefahren war, nachdem er erfahren hatte, dass sie nicht bei ihrer Freundin untergekommen war. Als Conny Fürst noch mit einem Blumenstrauß auftaucht, eskaliert die Situation… 

"Heimatlos" konnte mit einigen Stars aufwarten. Die Heimatfilm-Größen Marianne Hold und Rudolf Lenz standen an der Spitze eines Casts, der mit Joe Stöckel, Peter Weck, Willy Rösner, Werner Fuetterer und Helen Vita bis in die Nebenrollen prominent besetzt war. Dazu kam der schauspielerische Newcomer, aber aktuelle Schlager-Star Freddy Quinn in seiner zweiten Filmrolle und Sängerin Dany Mann mit einem kurzen Auftritt. Diese angesagte Darsteller-Riege täuscht darüber hinweg, dass sich die Popularität des Heimatfilms im Niedergang befand (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969"). Für Regisseur Fredersdorf wurde "Heimatlos" sein letzter Heimatfilm, ebenso für Joe Stöckel, der ein Jahr später mit 64 Jahren starb.

Mehr als die äußerlichen Anzeichen steht das Drehbuch für diesen schleichenden Prozess, denn der nicht weiter in Erscheinung getretene Autor E.A. Wildenburg kombinierte Heimatfilm-Klischees mit dem Ende der 50er Jahre angesagten "Moral"- oder "Halbstarken-Film" und stellte dem gestandenen Helden Rudolf Lenz einen großstädtischen Gauner und Verführer gegenüber. Dazu mit Freddy Quinn auch einen Sänger, dessen Filmkarriere noch bevor stand, die beispielhaft für den Wandel im Heimatfilm steht. Zwar konservativ und heimatverbunden bleibend, verlieh Quinn dem Heimatfilm ab "Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) ein internationales und mordernes Image. 


Anfangsszenario: Franz (Rudolf Lenz) und Barbara als Liebespaar...
Rudolf Lenz befand sich 1958 auf dem Höhepunkt seiner Helden-Karriere. Berühmt geworden mit dem österreichischen Film "Echo der Berge" (1954), der den Heimatfilm-Boom unter dem Titel "Der Förster vom Silberwald" erst richtig anfachte (siehe Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"), entstanden in den folgenden Jahren eine Vielzahl an Genre-Vertretern mit ihm in der Hauptrolle - darunter die Ganghofer-Verfilmungen "Das Schweigen im Wald" (1955), "Der Jäger von Fall" (1956) und "Der Edelweißkönig" (1957). Ebenfalls 1957 war auch eine Art Fortsetzung seiner Förster-Rolle in "Der Wilderer vom Silberwald" an der Seite seiner Dauerpartnerin Anita Gutwell herausgekommen, mit der er im Jahr darauf "Einmal noch die Heimat seh'n" drehte. Zwischen diesen beiden Filmen kam im Sommer 1958 „Heimatlos“ in die Kinos, bei dem Rudolf Lenz erstmals an der Seite von Marianne Hold spielte, der neben Gutwell populärsten Darstellerin dieser Phase im Heimatfilm. Doch obwohl er sie schon in der ersten Einstellung küsst, spielte er im Film nur die dritte Geige.

...aber der smarte Conny Fürst lässt nicht locker
Geplant war das nicht, denn selbstverständlich stand Lenz in den Credits neben Marianne Hold an erster Stelle und war als tüchtiger und heimatverbundener Besitzer eines Sägewerks in Tirol für die Rolle des anständigen Kerls vorgesehen, der die begehrte Maid erobert. Nur setzte die Handlung in "Heimatlos" mit diesem sonst am Ende stehenden Szenario ein, was erwarten ließ, dass es sich nicht wie üblich fortsetzen sollte. Eine Auto-Hupe, die rücksichtslos ein Blasorchester unterbricht, das gerade gen Festplatz marschierte, gibt das Signal für die Störung der Heimat-Idylle. Conny Fürst (Peter Weck) hatte sein Cabriolet mitten in die Menschenmenge gesteuert, um kurz daraus Barbara (Marianne Hold) bei dem jährlichen Volksfest ihres Heimatorts anzusprechen - ein Umstand, der bei ihrem Vater (Willy Rösner), dem Pfarrer (Joe Stöckel) und besonders bei ihrem Verlobten Franz (Rudolf Lenz) für Missstimmung sorgt. Und die schöne Barbara verärgert, die sich dieses Misstrauen der versammelten Männer verbittet.

Im Nachtclub lässt er Champagner springen...
Deutlich wird schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass mit der selbstbewusst auftretenden Barbara etwas nicht stimmen kann – so zumindest die übereinstimmende Meinung der Altvorderen. Während ihr Vater den Einfluss der Großstadt München beklagt, glaubt der Pfarrer, dass sie schnell wissen wird, wo ihr Platz ist, sobald sich Nachwuchs ankündigt. Doch weder sie, noch ihr zukünftiger Ehemann können Barbara davon abbringen, dass sie für ein paar Tage eine Freundin in München besuchen möchte. Eine junge Frau, die ihr Heimatdorf zurückgelassen hätte, um ihren Fuß in einen Großstadt-Moloch zu setzen, wäre wenige Jahre zuvor noch diskreditiert gewesen, aber auch im Heimatfilm war die Zeit nicht stehen geblieben. Der wachsende Wohlstand in den 50er Jahren hatte das Freizeitverhalten und die Mobilität verändert, die Entfernung zwischen den Tiroler Bergen und München war geschrumpft. Geradezu mit den Händen zu greifen ist deshalb das Bemühen der Macher um Regisseur Herbert B. Fredersdorf, Barbaras Reputation als anständige junge Frau nicht zu beschädigen – das Unheil musste von außen kommen.

...und im Hinterzimmer macht er krumme Geschäfte mit Hanuschke (Werner Fuetterer)
In Person des Großstädters, Bonvivants und - wie sich bald herausstellt - Ganoven Conny Fürst, weshalb die Leistung Peter Wecks in dieser Rolle nicht hoch genug einzuschätzen ist. Weck gelang der Spagat zwischen Charmeur und Hallodri so gut, dass Barbaras zunehmend schwächer werdender Widerstand gegenüber seinem hartnäckigen Werben verständlich wird, gleichzeitig seine Funktion als unlauterer Verführer junger Mädchen nicht in Frage gestellt wurde. Zwar bemühte das Drehbuch noch den Zufall – Barbaras Freundin war überraschend verreist und ihr eifersüchtiger Verlobter bezichtigt sie zu Unrecht der Unmoral und treibt sie damit erst in Connys Arme – aber das ändert nichts an Wecks Darstellung eines unterhaltsamen und im Kern sympathischen Typen. Der es auch ernst mit Barbara meint und sie heiraten will, aber nicht das einträgliche Geschäft des Autoschmuggels lassen kann, weshalb er vom Drehbuch schnöde fallen gelassen wird. Bei der Flucht erschossen, was Ende der 50er Jahre offensichtlich kein Problem war, obwohl Conny Fürst nie eine Waffe bei sich trug. Zurück blieb die schwangere, unverheiratete Barbara – und Auftritt Freddy Quinn!

Freddy (Freddy Quinn) und Gertie (Helen Vita) kümmern sich um Barbara
Zwar war Quinn schon zu den Anfangs-Credits mit seinem Hit „Heimatlos“ zu hören und spielte eine Nummer in Conny Fürsts Lieblings-Nachtclub, aber erst nach dessen Tod bekam seine Rolle Gewicht. Zuständig für die Liedtexte war erneut Aldo von Pinelli, auf dessen Drehbuchidee Quinns erste kleine Filmrolle in „Die große Chance“ (1957) zurückging und der später gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Schleif und Co-Autor Gustav Kampendonk für dessen Aufstieg zum Filmstar („Freddy, die Gitarre und das Meer“ (1959)) verantwortlich werden sollte. Sein Einfluss auf die Figur des Freddy in „Heimatlos“ blieb aber gering, denn diese folgte allein der inneren Logik der Drehbuch-Konstruktion um Barbara. Schwanger und ohne Geld in der Großstadt zurückgelassen, droht ihr der endgültige Niedergang, als ausgerechnet der schmierige Nachtclub-Besitzer Hanuschke (Werner Fuetterer), der mit Fürst zuvor gemeinsame Sache gemacht hatte, ihr eine Anstellung anbietet. Doch mit dem Musiker Freddy und Helen Vita als resoluter Bardame mit Herz existieren auch positive Charaktere an diesem finsteren Ort, die die junge Frau unter ihre Fittiche nehmen.

Der Pfarrer (Joe Stöckel) begibt sich in die menschlichen Niederungen, um zu vermitteln
Leider vertiefte „Heimatlos“ diese spannende Situation nicht, sondern leitete mit einem großen Zeitsprung weiter in Richtung zu erwartender Entwicklung. Barbara verdient ihr Geld inzwischen mit einem eigenen Schneiderladen und geht in ihrer verantwortlichen Rolle als Mutter einer fünfjährigen Tochter auf. Freddy, wagt es endlich, ihr einen Heiratsantrag zu machen, nachdem er seinen ersten Plattenvertrag erhalten hatte, aber inzwischen ist Franz wieder aufgetaucht, der sein damaliges Benehmen bereut und sich wieder um seine frühere Verlobte bemüht. Barbara erwidert seine Gefühle, aber sie zögert, Franz von ihrer Tochter zu erzählen, auch weil sich dieser wiederholt über deren verstorbenen Erzeuger echauffiert. „Heimatlos“ ließe sich als Plädoyer für Toleranz begreifen, denn eine unverheiratete Mutter besaß Ende der 50er Jahre nur wenig Ansehen, aber dafür ist der Film zu bemüht, jeden Eindruck von Unmoral von Barbara fernzuhalten. Ihr Schicksal sollte hier beispielhaft für den Gegensatz Stadt/Land stehen - und daraus folgernd für Gefahr/Sicherheit bzw. Fremde/Heimat.

Mit seinem Holzhund kann Freddy nicht punkten...
Damit verband der Film ein klassisches Heimatfilm-Thema mit dem in dieser Phase populären „Moral-Film“, der die als negativ betrachteten Auswirkungen einer sich verändernden Sozialisation auf Moral und Geschlechterrollen anprangerte. Entsprechend rückt Franz die landschaftliche Schönheit der heimatlichen Bergwelt gegenüber den städtischen Mietskasernen ins rechte Licht und durfte Joe Stöckel in einer seiner letzten Rollen als warmherziger Pfarrer die heimatliche Toleranz betonen, mit der auch eine verlorene Tochter wieder aufgenommen wird. Nahezu perfide ist die abschließende Szene in der Großstadt, in der Franz der Tochter einen echten Hund schenkt und von ihr sofort als „Papa“ akzeptiert wird, während der abgewiesene Freddy mit einem Spielzeughund bei der Kleinen abstinkt. Nicht nur, dass dieser wie ein Depp dasteht, der Film ließ außen vor, dass Freddy seit Jahren Barbara als Freund zur Seite stand und deren Tochter von klein auf kannte.

...und das Happy-End nicht verhindern
Am Ende kehrt Barbara wieder in ihre Heimat zurück, nur spielte diese im Film - von schönen Bildern abgesehen - nur eine Nebenrolle. „Heimatlos“ erging es wie vielen Moral-Filmen in der Tradition von "Die Halbstarken" (1956) – die Welt, vor der sie warnen wollten, wirkte auf der Leinwand faszinierender als das fiktive Ideal. Dagegen konnte auch der Heimatfilm-Held Rudolf Lenz nicht anspielen, dessen Franz gegenüber dem charmanten Conny und dem Musiker Freddy wie ein altbackener Langweiler wirkt. Dass Barbara - von Marianne Hold mit sanftem emanzipatorischen Gestus verkörpert - wieder zu Franz zurückkehrte, entsprach zwar der Erwartungshaltung, überzeugte aber nicht. Der Zwiespalt des Films, die bisherige Ordnung bewahren zu wollen, gleichzeitig aber modische Stile zu bedienen, manifestierte sich in Freddy Quinns melancholischen Schlagern. Seine Texte betonten zwar den Wert von Heimat und Verlässlichkeit, aber seine Musik und sein auch an internationalen Vorbildern orientiertes Auftreten entsprachen dem Zeitgeist – Quinns Nummer 1-Hit „Heimatlos“ ist auch ein Abgesang auf den traditionellen Heimatfilm. 

"HeimatlosDeutschland 1958, Regie: Herbert B. FredersdorfDrehbuch: E.A.Wildenburg, Darsteller : Marianne Hold, Rudolf Lenz, Peter Weck, Freddy Quinn, Helen Vita, Joe Stöckel, Willy Rösner, Werner Fuetterer, Dany Mann, Laufzeit : 95 Minuten

Sonntag, 28. Februar 2016

Die spanische Fliege (1955) Carl Boese

Sommer (Rudolf Platte) und Klinke (Joe Stöckel) vor der "spanischen Fliege"
Inhalt: Daxburg soll ein eigenes Amtsgericht bekommen. Für den Stadtrat und Unternehmer Heinrich Klinke (Joe Stöckel) prinzipiell eine gute Nachricht, wäre da nicht die alte Geschichte, die irgendwo in den Gerichtsakten vergraben ist. Zwar wurde die „Spanische Fliege“, wie die verführerische Varieté-Sängerin von ihm und seinen Freunden genannt wurde, vor 18 Jahren von den Moralwächtern des Staates ausgewiesen, aber Klinke sah sich wenige Monate später mit den Folgen seines Techtelmechtels konfrontiert. Und zahlte seitdem brav Alimente für seinen unehelichen Sohn. Sollte das Amtsgericht nach Daxburg kommen, könnte dieser Vorgang bekannt werden.

Dr. Gerlach (Hans Richter) erfährt Interessantes von Ambrosius (Paul Henckels)
Als er diese Sorge seinem Freund Hugo Sommer (Rudolf Platte) anvertraut, reagiert dieser überraschend. Den Sohn beansprucht der Vater dreier Töchter für sich selbst, schließlich zahle auch er seit 18 Jahren Alimente. Bald stellt sich heraus, dass die beiden Stadträte Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) ebenfalls für den damaligen Fehltritt zahlen, aber damit erschöpft sich das Thema noch nicht. Der junge Anwalt Dr. Gerlach (Hans Richter) tritt die Nachfolge des alten Dr. Ambrosius (Paul Henckels) an, der damals die Alimente-Zahlungen mit den vier Männern aushandelte, und gerät dadurch in den Besitz der Akten…


Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

Schön war's. Aber es hat gedauert. Nachrufe auf Ruth Leuwerik und Ettore Scola, zwei sehr von mir geschätzte Filmkünstler, kamen mir im Januar dazwischen, der Alltag sowieso. Aber der Beginn des Jahres ist nicht vergessen, der wie bisher bei jedem Hofbauer-Kongress für mich von bewusstseinserweiternder Qualität war, womit ich schon bei der "spanischen Fliege" bin, der den zweiten Kongresstag in Nürnberg am 08.01. einleitete. 

Fast könnten Erinnerungen an sonntägliche Nachmittage in den 70er Jahren aufkommen, an denen sich die Familie vor dem Bildschirm versammelte, um eine "alte Schwarz-Weiß"-Komödie zu sehen - Joe Stöckel, Rudolf Platte und Hans Richter erwiesen sich in solchen Situation als Garanten für beste Unterhaltung. So auch hier, nur dass "Die spanische Fliege" kein familientauglicher Dauergast im TV wurde und es auch auf kein anderes Medium schaffte. Ein Fall für das Hofbauer-Kommando, dass hier eine niederländische Version in 35mm zeigte. Dank deren Abneigung gegenüber Synchronisationen in OV mit holländischen Untertiteln.


Was führt der Bildhauer (Stanislav Ledinek) im Schilde? 
Dass es sich bei der "spanischen Fliege" um ein Potenzmittel handelt, gehörte Mitte der 50er Jahre noch zum Allgemeinwissen. Obwohl es in der Story nicht vorkommt – „die spanische Fliege“ ist der Kosename für eine verführerische Varieté-Tänzerin -  hatte Franz Arnold seinen 1913 herausgebrachten Bühnenschwank danach benannt, damit gezielt die Assoziationen eines Publikums anregend, dass von Sex nur hinter vorgehaltener Hand sprach. Der Erfolg seines ersten Theaterstücks gab ihm Recht, das eine Vielzahl weiterer Lustspiele aus Arnolds und Ernst Bachs Feder, seinem Compagnon, nach sich zog, in denen sie die bürgerliche Doppelmoral humorvoll sezierten. Komödien-Spezialist und Vielfilmer Carl Boese hatte schon 1931 mit „Die schwebende Jungfrau“ erstmals einen ihrer Texte verfilmt. Im selben Jahr folgten noch „Die spanische Fliege“ unter der Regie von Ernst Jacoby und drei weitere Kino-Adaptionen ihrer populären Bühnenwerke. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war der Boom schlagartig vorbei und Arnold musste aus Deutschland emigrieren. Erst Anfang der 50er Jahre erlebten ihre Werke eine erneute Konjunktur im Kino.

Joe Stöckel - drei Jahrzehnte Dauergast auf der Komödien-Leinwand
Angesichts der Prüderie, die in den 50er Jahre in Deutschland vorherrschte, überrascht die Wiederentdeckung der in den moralischen Niederungen spielenden Stücke. Zumal sich ausgesprochene Prominenz darum kümmerte. Parallel zu seinen Heimatfilm-Erfolgen „Schwarzwaldmädel“ (1950) und „Grün ist die Heide“ (1951) drehte Hans Deppe „Die Nacht im Separee“ (1950) und „Der Fürst von Pappenheim“ (1952), unter Mitwirkung von Sonja Ziemann, Olga Tschechowa, Paul Hörbiger, Grethe Weiser, Viktor De Kowa und zweimal Georg Thomalla, nur um die Bekanntesten zu nennen. Auch Carl Boese griff 1952 wieder auf eine Vorlage des Duos Arnold/Bach zurück und verfilmte „Der keusche Lebemann“ - erneut mit Georg Thomalla und Grethe Weiser in tragenden Rollen. Dazu gesellten sich der aufgehende Stern am Heimatfilm-Himmel Marianne Koch und das Komödien-Urgestein Joe Stöckel. Umso bemerkenswerter ist es, dass diese Filme anders als viele Heimatfilme und Liebeskomödien dieser Zeit inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Auch im Fernsehen gehörten sie nicht zum Standard-Repertoire.

Hans Richter einmal als Schwerenöter (mit Jester Naefe)...
Das gilt auch für „Die spanische Fliege“, Boeses Remake der 31er Verfilmung, der neben Joe Stöckel noch mit Rudolf Platte, Paul Henckels, Hubert von Meyerinck, Ruth Stephan und Hans Richter aufwarten konnte. Letzterer in einer für ihn ungewohnten Rolle als trickreicher Rechtsanwalt, denn seit „Die Feuerzangenbowle“(1944) war Richter auf das „Enfant terrible“ festgelegt, gab in „Grün ist die Heide“ den Lautsprecher eines Landstreicher-Trios oder spielte in den „Knall und Fall“ – Filmen den Knall, ein wörtlich zu nehmender Name. Doch trotz seines seriösen Auftretens und seiner ernsten Absichten bei Hannelore Klinke (Jester Naefe), der Tochter des im Örtchen Daxburg einflussreichen Stadtrats und Unternehmers Heinrich Klinke (Joe Stöckel), spielte Richter auch hier den Störenfried, der ein seit 18 Jahren gehütetes Geheimnis aufzudecken droht.

...und als Anwalt der Damen vom Wohltätigkeitsverein
Damals hatten vier honorige Herren – neben Klinke, noch Hugo Sommer (Rudolf Platte) und die ebenfalls im Stadtrat sitzenden Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) – eine Affäre mit einer schönen Tänzerin, bis diese von der Sittenpolizei des Landes verwiesen wurde. Eine wenig verklausulierte Anspielung auf die Nationalsozialisten, die über den moralischen Anstand der Bürger wachten, selbst aber gerne hinsahen. Bei den vier verheirateten Männern kam ihr Einsatz offensichtlich zu spät, denn ihnen wird von dem Rechtsanwalt Dr. Ambrosius (Paul Henckels) die Rechnung in Form von Alimentezahlungen aufgemacht – für den Sohn der „spanischen Fliege“, den sie ein paar Monate später im Ausland gebar. Vier Männer zahlen für einen Sohn. Das an dieser Konstellation etwas nicht stimmen konnte, ist von Beginn an klar, aber weitere Ungereimtheiten kommen hinzu bis es in Daxburg kaum noch Jemanden gibt, der Interesse an der Aufdeckung der vollständigen Wahrheit hat, die alle zu überrollen scheint.

"Es ist mein Sohn" beharrt Hugo Sommer
Oberflächlich betrachtet gehört „Die spanische Fliege“ zum Typus der Moral-Komödien, in der ein einmaliger, zeitlich weit zurückliegender Fehltritt zur Lawine wird, weil sich der „Sünder“ beim Versuch, das Geheimnis zu wahren, immer tiefer in sein Lügengebäude verstrickt.  In der Regel enden diese Stücke mit einem geläuterten Protagonisten, dessen Ehre nach kurzer Abbitte wieder hergestellt ist – Happy-End und Wiederherstellung der Moral  inbegriffen. Das „Stillhalteabkommen“, mit dem Arnolds Bühnenstück endet, hat mit dieser Art „Happy End“ nichts gemein. Geläutert ist hier Niemand. Im Gegenteil schlägt die Angst vor der Aufdeckung des Seitensprungs regelmäßig um in den Stolz über den gezeugten „Sohn“ bis zur Anbetung der damaligen Geliebten in Form eines Fetischs. Obwohl es nicht auszuschließen ist, dass der körperliche Kontakt mit der Tänzerin bei einem Teil der Männer eher der Fantasie als der Realität entsprungen sein könnte, leugnet Niemand den lang zurückliegenden Fehltritt – besonders Platte und Stöckel gefallen sich gut im Selbstbild des feurigen Liebhabers.

Heiles Familienleben (Stöckel mit Erika von Thellmann)
Mit hohem Tempo und subversivem Witz entfaltete „Die spanische Fliege“ eine Situation, die sich nicht mehr in Wohlgefallen auflösen konnte. Wer deshalb hofft, die Beteiligten werden mit der Härte der Konsequenzen konfrontiert, wird enttäuscht werden. Daran ist nicht einmal den Ehefrauen gelegen. Selbst die gewohnt autoritär auftretende Elisabeth Flickenschildt als Frau Sommer, deren Ehemann Hugo vor ihr zittert, macht sich keine Illusionen hinsichtlich der Qualität ihrer Beziehung. Wichtig ist ihr nur, dass er weiterhin kuscht. Die bürgerliche Oberfläche blieb zwar gewahrt, überdeckte hier aber nur schwach die Bedürfnisse des Einzelnen und ließ die moralischen Anstandsregeln zur Makulatur werden.

"Die spanische Fliege" Deutschland 1955Regie: Carl Boese, Drehbuch: Edgar Kahn, Franz Arnold (Theaterstück), Darsteller : Joe Stöckel, Rudolf Platte, Hans Richter, Paul Henckels, Elisabeth Flickenschildt, Hubert von Meyerinck, Erika von Thellmann, Jester Naefe, Ruth Stephan, Albert FlorathLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carl Boese:

"Fünf Millionen suchen einen Erben" (1938)

Montag, 1. Juli 2013

Die Fischerin vom Bodensee (1956) Harald Reinl

Inhalt: Wie jeden Tag ist Maria Gassl (Marianne Hold), begleitet von dem Nachbarjungen Loisl, auf dem Bodensee, um für ihren Lebensunterhalt zu fischen. Ihr Fang ist sowieso schon spärlich, aber als die Zwillingsschwestern Schweizer (Isa und Jutta Günther) absichtlich mit ihrem Motorboot in ihr Netz fahren, bleibt nicht mehr viel übrig. Gemeinsam mit Loisl versucht Maria die wenigen Fische auf dem Markt zu verkaufen, aber sie hat keine Chance gegen die Fischereifirma Bruckberger, die ihre gezüchtete Ware deutlich günstiger anbieten kann. Zufällig trifft sie auch auf Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann), der erst seit kurzem wieder in seiner Heimat zurück ist, und der nicht wenig erstaunt auf die inzwischen erwachsen gewordene schöne junge Frau reagiert.

Sie macht ihm Vorwürfe, dass seine Firma ihrem Großvater die Fangrechte unter Preis abkaufen will und sie bewusst beim Fischen gestört wurde. Hans versteht zuerst nicht, wovon sie spricht, aber schnell bekommt er heraus, dass seine Eltern die wirtschaftliche Notsituation der alteingesessenen Fischer-Familie Gassl ausnutzen und die beiden Zwillingsmädchen die aus ihrer Sicht arrogante Maria bestrafen wollten. Er schreitet ein und bringt die Sache in Ordnung, aber Maria bleibt weiterhin abweisend ihm gegenüber, was ihn nur noch weiter antreibt…


Ein Jahr nach "Der Fischer vom Heiligensee" kam auch "Die Fischerin vom Bodensee" in die deutschen Kinos, unter der Regie von Harald Reinl, der zuerst Heimatfilme drehte, bevor er sich im Action- und Krimi-Genre („Der Frosch mit der Maske“ (1959)) einen Namen machte. Außer dem Fischer bzw. der Fischerin und dem dazugehörigen See vor einem atemberaubendem Berg-Panorama haben beide Filme nur wenig gemeinsam, denn während Heinz H.König ein ernsthaftes Melodrama entwarf, drehte Reinl ein Sammelsurium aus den beliebtesten Ingredienzien des Heimatfilm-Genres in der Tradition von "Grün ist die Heide" (1951). Die dramatische Liebesgeschichte um die schöne, aber arme und vaterlose Fischerin Maria Gassl (Marianne Hold) und den Sohn aus wohlhabendem Hause Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann), wird umrankt von viel Bodensee-Folklore, alkoholgetränktem Überschwang („Im Himmel gibt’s kein Bier“), Gesang („Die Fischerin vom Bodensee“) und Bauernschwank - eine Mischung, die damals hervorragend ankam.

Die Konsequenz, mit der der Film die Klischees und Geschlechterrollen in einer abwechslungsreichen Inszenierung bediente, ist bemerkenswert und lässt "Die Fischerin vom Bodensee" zu einem exemplarischen Beispiel für das Heimatfilm-Genre werden. Männer und Frauenrollen werden hier eindeutig definiert, was sich schon am selbstbewussten Auftreten des naseweisen Fischerjungen Loisl beweist, der Maria Gassl bei ihrer Arbeit begleitet. Als gleich zu Beginn die Zwillingsschwestern Anny und Fanny Schweizer (in dieser Zeit notorisch mit Isa und Jutta Günther besetzt) mit ihrem Motorboot absichtlich das Fischernetz kaputt fahren, hat Loisl für die verwöhnten Fratzen aus reichem Hause nur Verachtung übrig. Tatsächlich kann ihnen ihr Vater Anton Schweizer (Rudolf Bernhard), ein erfolgreicher Holzhändler, nichts abstreiten, weshalb sie als ernsthafte Ehe-Kandidatinnen für den begehrten Junggesellen Hans Bruckberger nicht in Frage kommen. Trotz der nach außen hin behaupteten Freundschaft zwischen Bruckberger und den Zwillingsmädchen, behandelt er sie meist wie verzogene Gören, weshalb er sie auch dazu vergattert, nachts Marias Netz mit Fischen zu füllen, nachdem er von ihrem Anschlag erfahren hatte.

An der Verbindung zwischen ihm und einer der Schweizer-Töchter hat vor allem seine Mutter Stefanie Bruckmeier (Annie Rosar) Interesse, die den wirtschaftlichen Vorteil ihrer Familie im Auge hat. Annie Rosar gibt in der Nebenhandlung den Part der herrschsüchtigen Alten, die ihren Ehemann Karl (Joe Stöckel) so knapp hält, dass der eine uneheliche Tochter erfindet, um 100 Mark Alimente monatlich kassieren zu können, die er immer persönlich über die Grenze bringt. Gemeinsam mit seinem Freund Anton Schweizer nutzt er die Gelegenheit, um einmal im Monat am Stammtisch seinem Vergnügen nachgehen zu können. Reinl gestaltet diese Szenen im Stil eines Bauernschwanks, dessen Realitätsanspruch gegen Null geht, aber er nutzt die Konstellation für typische Seitenhiebe auf die Geschlechter, wobei die Männer deutlich besser wegkommen.

Während die Alte immer streng und diszipliniert den Laden führt, fragt man sich, wofür ihr Mann in dem Fischerei-Betrieb zuständig ist. Weniger hübsche Mägde beleidigt er ganz selbstverständlich wegen ihres Aussehens, während er seine Frau ständig zu besänftigen versucht. Darüber hinaus gibt er als gut gelaunter Dampfplauderer den Sympathieträger. Doch zunehmend gerät er gegenüber seiner Frau in Erklärungsnot, was ihn am Ende zu einer Notlüge zwingt, die dramatische Folgen hat – doch in diesem Moment begreift er, dass er ein Mann ist und setzt sich gegenüber seiner Frau durch, was sie sofort mit freudiger Unterwürfigkeit belohnt. Eine solche Situation wäre für seinen Sohn Hans unvorstellbar, den Gerhard Riedmann mit kernig, selbstbewusster Männlichkeit spielt. Im Gegensatz zu seinem Vater packt er - kaum wieder an den Bodensee zurück gekommen – in der Firma seiner Eltern an und begegnet auf dem Markt Maria, als sie versucht, ihre wenigen Fische zu verkaufen, die gerade so zum Überleben für sie und ihren Großvater (Joseph Egger) reichen, bei dem sie aufgewachsen ist. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben und nahm das Geheimnis mit ins Grab, wer Marias Vater ist.

Marianne Hold hatte zwar seit „Duell in den Bergen“ (1950) unter der Regie von Luis Trenker schon mehrere Hauptrollen gespielt, aber „Die Fischerin vom Bodensee“ ließ sie zum großen Star in den späten 50er Jahren werden, ein Ruhm, der nur bis zum Ende der Heimatfilm-Ära anhielt – schon 1964 spielte sie in dem Karl-May-Film „Der Schut“ ihre letzte Rolle. Als Maria verkörperte sie das Idealbild einer unnahbaren, jungfräulichen Schönheit, die für einen echten Kerl zur Herausforderung werden muss. Der Wettkampf beim Maifest ist geradezu prototypisch zugespitzt, als sie - in der historischen Tracht einer unverheirateten jungen Frau gekleidet – zuerst kaum hinsehen kann, als Hans versucht, als Erster den Maibaum zu erklettern, um seinen dabei gewonnenen Tanz nach kurzer Zeit wieder abzubrechen. Ihre ständigen Zurückweisungen wirken angesichts der Tatsache, dass an ihren gegenseitigen Gefühlen von Beginn an kein Zweifel besteht, etwas übertrieben, erfüllen aber die Erwartungen an das Klischee, dass nur der stärkste und beste Mann die begehrenswerteste Frau erhält. Hans, der nicht daran zweifelt, sie zu erobern und zwischendurch auch schon mal anmerkt, man müsste sie wegen ihres Trotzes übers Knie legen, gewinnt sie letztlich, indem er sie gegen ihren Willen küsst – ein richtiger Mann nimmt sich seine Frau, die ihm danach hoffnungslos verfällt.

Dank der Lüge seines Vaters kommt es noch einmal zu einer kurzen Irritation zwischen ihnen, aber in „Die Fischerin vom Bodensee“ gibt es keine wirklichen Gefahren wie etwa in „Der Fischer vom Heiligensee“, sondern nur eine dramatische Liebesgeschichte inmitten eines fröhlichen und unbeschwerten Treibens in schönster landschaftlicher und historischer Umgebung, die sich als Urlaubsort geradezu anbietet. Dass sich am Ende auch die Vaterfrage klärt und Marias Armut damit Geschichte ist, setzt dem Ganzen noch die Krone auf, so dass letztlich nur zwei Fragen offen bleiben – soll man den Film wegen seiner vorhersehbaren Story und seines klischeehaften Weltbilds kritisieren oder eine Machart bewundern, die die damalige Erwartungshaltung des Publikums in Perfektion umsetzte und die damit verbundene Faszination bis heute transportieren kann?

"Die Fischerin vom Bodensee" Deutschland 1956, Regie: Harald Reinl, Drehbuch: Ernst Neubach, Karl-Heinz Busse, Harald Reinl, Darsteller : Marianne Hold, Gerhard Riedmann, Annie Rosar, Joe Stöckel, Josef Egger, Isa und Jutta GüntherLaufzeit : 88 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Harald Reinl: