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Sonntag, 5. März 2017

Freddy, die Gitarre und das Meer (1959) Wolfgang Schleif

Freddy (Freddy Quinn) und Stefan (Christian Machalet) mussten von Bord gehen
Inhalt: Ein 10jähriger Junge (Christian Machalet) treibt sich im Hamburger Hafengebiet herum und nutzt einen unbeobachteten Moment, um an Bord eines Frachters zu gelangen. Er ahnt nicht, dass ihm Freddy (Freddy Quinn), der es sich unter der Plane eines Rettungsboots eingerichtet hatte, dabei zusieht. Doch als ein Kran seine Ladung in den Frachtraum absetzen will, kommt diese dem Jungen gefährlich nah, so dass Freddy ihm zur Seite springt und ihn wegzieht. Mit dem Ergebnis, dass Beide erwischt werden und von Bord verwiesen werden. Statt als blinder Passagier nach Kanada zu schippern, muss Freddy in einem Schuppen übernachten, in dem sich Stefan, der aus dem Waisenhaus abgehauen war, versteckt hält. 

Freddy gefällt Susi (Corny Collins)
Freddy ist dem Jungen deshalb nicht böse und will ihn nicht im Stich lassen. Als sie am kommenden Tag ein wenig Geld für etwas Essbares auftreiben wollen, hält Stefan einer Dame (Sabine Sesselmann) die Tür ihres Cabriolets auf, wofür er 50 Pfennig erhält. Dabei fällt dieser unbemerkt ein 50 Markschein aus dem Portmonee, den Stefan sofort an sich reißt. Aber Freddy ermahnt ihn und gibt ihn ihr wieder zurück. Eine Begegnung, an die sich die junge Journalistin sofort erinnert, als sie einige Stunden später erneut auf Freddy trifft, der im Lokal "Bei Onkel Max" einige Lieder singt, um ein wenig Geld zu verdienen. Susi (Corny Collins), die dort kellnert, hatte ihm und Stefan eine Bulette zukommen lassen und sich ein wenig mit Freddy angefreundet. Doch die angenehme Situation ändert sich, als Polizisten das Lokal betreten. Freddy ergreift die Flucht. 


In "Heimatlos" wurde Freddy Quinn noch von der weiblichen Protagonistin zugunsten eines anderen Mannes zurückgewiesen, ab "Freddy, die Gitarre und das Meer" stieg er endgültig zum Hauptdarsteller und Star auf, dem die Frauenherzen nur so zuflogen. Das betonten die diversen Filmplakate, die ihn wahlweise mit Sabine Sesselmann oder Corny Collins zeigten, und passte zu Freddys neuem Image als cooler Seemann, der den Widrigkeiten des Lebens mit der Gitarre in der Hand trotzt - eine Kreation, die auf die Autoren Aldo von Pinelli und Gustav Kampendonk zurückging, die gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Schleif die ersten drei Freddy-Filme innerhalb eines Jahres herausbrachten, deren großer Erfolg Quinns Image bis heute verfestigte.

Tatsächlich spielten die Macher nur mit der Aura eines Frauenhelden, denn Quinn blieb immer ein Muster an Anstand, der die Gelegenheiten selbstverständlich nicht ausnutzte. Mit Sabine Sesselmann, deren Porträt im Hintergrund des Filmplakats eine bedeutungsvolle Schwere vermitteln sollte, existiert im Film nicht einmal ein kleiner Flirt. Stattdessen erlebt Freddy seine Abenteuer mit einem 10jährigen Jungen, den er am Ende aus einem Waisenhaus befreit und als blinden Passagier mit nach Kanada nimmt. Bei solch menschlich nachvollziehbaren Umständen durft auch ein wenig über die Strenge geschlagen werden. 


"Freddy, die Gitarre und das Meer" wurde der "kassenstärkste Film deutsch" (goldener Bambi 1960) im Jahr 1959 und stand am Beginn einer Reihe von insgesamt zehn Freddy Quinn-Filmen innerhalb der kommenden fünf Jahre. Doch so selbstverständlich wie dieser Erfolg rückwirkend erscheint, war er nicht. Als Sänger seit seinem ersten Nummer 1-Hit "Heimweh" (1956) in Deutschland ein Star, war Quinn bis dahin im Kino nur in zwei Nebenrollen zu sehen. Zuletzt in dem Heimatfilm "Heimatlos" (1958), dessen gleichnamiger Titelsong für Quinn zu einem weiteren Nummer-1-Hit avancierte. Der Text stammte von Aldo von Pinelli, dem Impresario hinter einer Figur, die er gemeinsam mit Co-Autor Gustav Kampendonk und Regisseur Wolfgang Schleif zu einer Reife brachte, dass sie zum "Alter Ego" des aus Österreich stammenden Sängers wurde: der bodenständige, großherzige und weitgereiste Seemann, der seine Gitarre und die Einsamkeit des Meers jederzeit einer aufgeregten, materiell orientierten Gesellschaft vorzog.

Freddy bei Katja (Sabine Sesselmann) zu Hause - natürlich ganz züchtig
Den Machern musste das Risiko dieser Kreation bewusst gewesen sein, denn die Produktionskosten blieben verglichen mit seinem unmittelbaren Nachfolger "Freddy unter fremden Sternen" (1959) bescheiden - gedreht in Schwarz/Weiß, ohne große Co-Stars und mit einer auf das Hafengebiet von Hamburg beschränkten Location. Dabei bewiesen sie ein gutes Gespür sowohl für den damaligen Zeitgeist, als auch den Menschen Quinn. Dieser hatte, als er 1954 als 23jähriger von Jürgen Roland auf der Reeperbahn entdeckt worden war, schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit seinem irischen Vater war er als Kleinkind in die USA gezogen, später zu seiner Mutter nach Wien zurückgekehrt, bevor er schon als Minderjähriger jahrelang singend durch Südeuropa und Nordafrika gereist war. Quinn nahm man den Typus des selbstbewussten, jeder Situation gewachsenen Kerls ab, dessen zwischen Abenteuerlust und Biederkeit austarierter Charakter exakt den Nerv des Publikums traf.

Jan (Peter Carsten) hat Freddy wieder erkannt
Entsprechend angelegt ist auch die Handlung. Der von der Polizei wegen Totschlags in Genua gesuchte Freddy schlägt sich als blinder Passagier bis Hamburg durch, um von dort weiter nach Kanada zu gelangen, wo ihm sein Onkel ein großes Stück Land vererbt hat. Weil er Stefan (Christian Machalet), einem aus dem Waisenhaus geflohenen etwa 10jährigen hilft, wird er entdeckt und muss von Bord des Schiffes gehen, das ihn nach Nordamerika bringen sollte. Gemeinsam mit dem Jungen schlägt er sich in St.Pauli durch, übernachtet in einem heruntergekommenen Schuppen und versucht in einem Lokal mit seinem Gesang etwas zu verdienen. Dabei lernt er die Kellnerin Susi (Corny Collins) kennen, aber auch eine hübsche Journalistin (Sabine Sesselman) aus besten Hamburger Kreisen wird auf ihn aufmerksam. Sie will sein Talent als Sänger fördern und nimmt ihn mit zu sich nach Hause, was ihrem arroganten Verlobten gar nicht gefällt. Auch Susi reagiert eifersüchtig, aber Freddy hat noch ganz andere Probleme. Ein ehemaliger Kamerad (Peter Carsten) hat ihn wieder erkannt und droht ihn an die Polizei zu verraten.

"Mutter" Ossenkamp (Camilla Spira) steckt Fietjes (Ralf Wolter) Lohntüte ein
St.Pauli, Kriminalität, Frauen. Von Pinelli und Kampendonk entwarfen eine Story, die nach Sex und Gewalt klang, sich aber als familientauglicher Musikfilm entpuppte. Keiner der hier behaupteten Konflikte wird auch nur annähernd ausgespielt, mögliche Missverständnisse oder Animositäten lösen sich umgehend in Wohlwollen auf. Eine Inszenierung, die um Freddy die Aura eines Vagabunden und Abenteurers schuf, diesen aber am heimischen Küchenherd verortete. Hamburg-Reeperbahn, die Hafengegend, die schmalen Gassen, selbst das Tanzlokal, in dem Vicky Henderson die einzige nicht von Quinn gesungene Nummer zum Besten gab, wirken sauber und aufgeräumt. Dagegen war selbst Rühmanns "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" (1954) ein Ort finsterer Verruchtheit. Das Traumziel Kanada und der Blick über das Meer sollten Fernweh demonstrieren, aber das Lokal "Bei Onkel Max" des Ehepaars Ossenkamp, obwohl kinderlos von allen nur „Mutter“ (Camilla Spira) und „Vater“ (Walter Scherau) genannt, wird zum Rückzugort für Freddy und Stefan.

"Vater" Ossenkamp (Walter Scherau) lässt sich schnell von Susi und Stefan erweichen
Allein das Aldo von Pinelli seinem Hauptdarsteller mit Christian Machalet ein Kind an die Seite stellte, das dem Film altklug und redselig den Stempel aufdrückte, nahm der Handlung jede Chance auf eine dramatische Entwicklung. Freddy rückte sofort in die Rolle des großen Bruders, der den Kleinen nicht im Stich lassen konnte, weshalb es die beiden Frauen an seiner Seite schwer hatten. Das ist umso erstaunlicher, da Corny Collins ("Schmutziger Engel", 1958) und Sabine Sesselmann („Liebe kann wie Gift sein“, 1958) zuvor sexuell aktive Frauen gespielt hatten, hier an Hochgeschlossenheit aber kaum zu übertreffen sind. Collins als Kellnerin Susi ist ganz das einfache Mädchen, dass sich ein anständiger Kerl wie Freddy an seiner Seite wünscht – fleißig, zurückhaltend und dezent hübsch. Klar, dass er sie will, aber mehr als ein Kuss am Kai, als er sich von ihr gen Kanada verabschiedet, springt nicht für sie heraus. Trauer ist ihm wegen der Trennung nicht anzumerken, dagegen große Freude, als in seiner Schiffskajüte zu seiner Überraschung Stefan aus dem See-Sack springt.

Sein Verhältnis zu den Frauen ist signifikant für die Kunstfigur „Freddy“. Einerseits gehörte es zum Klischee des Abenteurers, dass ihm die Herzen der Frauen zufliegen, andererseits hätte eine intensive Beziehung, gar eine dramatische „Amour fou“, nicht nur dem Saubermann-Image widersprochen, sondern auch seinen Status als cooler Einzelgänger in Frage gestellt. Ein kleiner Junge an seiner Seite wurde akzeptiert, denn gehören sollte „Freddy“ allein dem Publikum.

Katja kann ihren Verlobten Lothar (Harry Meyen) beruhigen
Die Rolle der Journalistin Katja besaß darüber hinaus noch eine andere Funktion. Obwohl das Filmplakat eine emotionale Beziehung zwischen ihr und Freddy andeutete, durfte ihre Aufmerksamkeit allein seinem Gesangstalent gelten. Selbst als sie ihn mit zu sich nach Hause nimmt, wird jede größere Nähe ausgeschlossen. Betont wird dagegen ihr mondäner Hintergrund mit Villa, Sportwagen und Hausmädchen, der in keinem größeren Kontrast zur kleinbürgerlichen Welt der Ossenkamps stehen könnte, der hier selbstverständlich die Sympathien gehörten. Zwar agierte Sabine Sesselmann in ihrer Rolle freundlich – sonst hätte Freddy nichts mit ihr zu tun haben wollen - aber Harry Meyen als ihr Verlobter durfte die gesamte Palette von Arrogant bis Hochnäsig abdecken. Wenn Katja ihm am Ende zu verstehen gibt, dass Jemand wie Freddy bei ihr keine Chance hatte und sie auch dessen Gesangsaufnahmen wieder löscht, unterscheidet sie nichts mehr von ihm.

Wahre Freude - Stefan kommt mit nach Kanada
Diese Trennung zwischen den sozialen Schichten war ein weiterer Grund für den Erfolg der „Freddy“-Filme, die den Heimatfilm modern interpretierten (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969"). Hier die klar umrissene, vertraute Scholle, bevölkert mit Menschen, die trotz kleinerer Schwächen das Herz auf dem rechten Fleck haben, dort eine gebildete und auf Etikette wert legende Oberschicht. Auch dieser Kontrast wurde nicht übertrieben zugespitzt, denn das hätte den harmonischen Gesamteindruck gestört – selbst die Polizei ging hier ganz in ihrer Funktion als „Freund und Helfer“ auf - aber er machte deutlich, auf welcher Seite Freddy stand. Dass er in die weite Welt hinausfahren wollte, war kein Widerspruch. Ein Verbleiben zu Hause, wie es die frühen Heimatfilme propagierten, war nicht mehr zeitgemäß. Der Blick in die Fremde sollte das Hochhalten der eigenen Heimat legitimieren – eine Rolle, die Freddy stellvertretend für das Publikum einnahm. Am Ende von „Freddy, die Gitarre und das Meer“ begibt er sich auf die große Reise, aber das war noch nicht das Ende seiner Geschichte. 

"Freddy, die Gitarre und das MeerDeutschland 1959, Regie: Wolfgang Schleif, Drehbuch: Aldo von Pinelli, Gustav Kampendonk, Darsteller : Freddy Quinn, Corny Collins, Sabine Sesselmann, Christian Machalet, Peter Carsten, Walter Scherau, Camilla Spira, Harry Meyen, Ralf Wolter, Laufzeit : 89 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Schleif: 

"Freddy unter fremden Sternen" (1959) 
"Freddy und die Melodie der Nacht" (1960)

Montag, 30. Januar 2017

Heubodengeflüster (1967) Rolf Olsen


Maderer (Peter Carsten), Blasius (Gunter Phillip) und Genoveva (Elfie Pertramer)
Inhalt: Eine von ihm angezettelte Schlägerei bei einem Volksfest hat für den Landwirt und Lokalpolitiker Florian Maderer (Peter Carsten) erhebliche Folgen. Er wird zu einer Haftstrafe verurteilt, die er in Kürze in der Kreisstadt antreten muss. Damit wären seine Chancen, bei der nächsten Wahl den amtierenden Bürgermeister Limbusch (Rolf Olsen) abzulösen, auf ein Minimum gefallen. Gemeinsam mit seiner Frau Genoveva (Elfie Pertramer) kommt Maderer die Idee, dass sein einfältiger Vetter Blasius Schantl (Gunter Phillip) für ihn ins Gefängnis gehen könnte, da ihn in der Kreisstadt Niemand kennt. Doch es bedarf viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Geld, um den Vetter, der nur ungern seine Legehennen allein lässt, dazu zu überreden. 

Auch Dr. Dorn (Ralf Wolter) und Gruber (Willy Millowitsch) äußern ihre Erwartungen
Empfangen wird Blasius bei Haftantritt von dem Oberaufseher Gruber (Willy Millowitsch), der ihn hart rannehmen will, schnell aber umschwenkt, als der Abgeordnete Dr. Dorn (Ralf Wolter) erscheint, um zum Geburtstag des Bundespräsidenten einen Insassen zu amnestieren. Seine Wahl war auf Maderer gefallen, von dessen lokalpolitischem Einfluss er sich Vorteile verspricht. Zudem gedenkt er, demnächst einen Kurzurlaub auf Maderers Hof zu verbringen - ein Wunsch, dem sich der beflissene Oberaufseher schnell anschließt. Blasius, der falsche Maderer, willigt in alles ein und kehrt zur Überraschung des Echten schon nach wenigen Tagen zurück. Noch mehr staunt dieser aber, als kurz darauf auch Dr.Dorn mit der blonden Dodo (Ann Smyrner) auftaucht, denn jetzt fangen seine Schwierigkeiten erst an… 


Rückblick auf den 16.Hofbauer Kongress vom 06.01. bis 08.01.2017

"Heubodengeflüster" lief am ersten Tag des 16. Hofbauer-Kongresses als "Stählerner Überraschungsfilm". Angesichts von Kritiken wie „Ein öder Klamaukfilm mit plattesten Gags aus der Klamottenkiste; insgesamt eine Attacke gegen den gesunden Menschenverstand.“ (Lexikon des internationalen Films) offensichtlich eine gute Wahl, reduziert man das "stählern" auf die Beschaffenheit der Nerven, die der Betrachter beim Anblick des Films mitbringen muss.

Das einseitig vernichtende Urteil über das "...besonders beklagenswerte deutsche Lustspiel" (Evangelischer Filmbeobachter) ließ zwei Aspekte aus: der Zeitpunkt des Erscheinens in der Hochphase des soziokulturellen Wandels und das sich Olsen und seine Mitstreiter schlicht nicht ernst nahmen. "Heubodengeflüster" ist gleichzeitig Heimatfilm, Polit-Satire, Erotik-Komödie und platter Klamauk. Und liefert ein maßloses Vergnügen.






Idyllischer Beginn im Heimatfilm-Gewand
Ausseerland im Salzkammergut. Vor sonnenbeschienenen Alpen-Gipfeln und der dunklen Oberfläche des Altaussees findet ein zünftiges Volksfest statt. Paare drehen sich im Kreis zur Musik der Blaskapelle, während die Bedienung kaum mit dem Servieren der gefüllten Bierkrüge hinterher kommt. Zwei Mannsbilder geraten in Streit und wenige Augenblicke später ist die schönste Schlägerei im Gang, bis ein Großteil der Hitzköpfe Abkühlung im See findet. Rolf Olsens Film "Heubodengeflüster" ist nicht einfach ein Heimatfilm, sondern ein Heimatfilm in Potenz. Besetzt mit Peter Carsten ("Das fröhliche Dorf" (1955)), Elfie Permoser ("Der Herrgottschnitzer von Ammergau" (1952)), dem seit den frühen 50er Jahren im Kino omnipräsenten Gunter Philipp ("Ja, ja, die Liebe in Tirol" (1955)) und dem Autor und Volksschauspieler in Personalunion Paul Löwinger ("Der keusche Adam" (1950)) in den Hauptrollen, die zum Urgestein des Genres gehörten. Mehr Heimatfilm ging nicht.

Vinzenz (Paul Löwinger) glaubt vergeblich an seine Chancen bei Resi (Christiane Rücker)
Nur das "Heubodengeflüster" nicht in den 50er Jahren herauskam, als das Genre seine Boom-Phase erlebte (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"), sondern 1967, als der Heimatfilm schon lange aus der Mode gekommen war. Die Erotikwelle rollte in großen Schritten heran (siehe "Bis die Schulmädchen kamen") und einer ihrer auffälligsten Wegbereiter war Rolf Olsen. Vor „Heubodengeflüster“ hatte er sich im Frankfurter Großstadt-Dschungel herumgetrieben („In Frankfurt sind die Nächte heiß“, 1966) und mit „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“ (1967) seine St. Pauli-Phase eingeleitet, die er noch bis Anfang der 70er Jahre pflegen sollte („Käpt’n Rauhbein aus St. Pauli“ (1971)).Auch „Das Rasthaus der grausamen Puppen“ (1967) bediente mit einer Mischung aus „Sex“ und „Crime“ einen Publikumsgeschmack, der die rasanten soziokulturellen Veränderungen in den 60er Jahren widerspiegelte. Was sollte da noch der Heimatfilm?

Rolf Olsen als schmieriger Bürgermeister mit Machtanspruch
Ganz aus den Augen verloren hatte Rolf Olsen das „Genre“ nie. Gemeinsam mit Franz Antel hatte er das Drehbuch zu „Im singenden Rössl am Königssee“ (1963) geschrieben, eine Mischung aus Schlager- und Heimatfilm, die er auch als Regisseur und Autor in Personalunion mit „Hochzeit am Neusiedler See“ (1963) bediente. Der seit den frühen 50er Jahren in vielen kleinen Nebenrollen aktive Olsen trat auch in Franz Antels „Ruf der Wälder“ (1965) und „Happy End am Wolfgang-See“ (1966) auf, dessen späterer Vertriebs-Titel „00 sex am Wolfgang-See“ die eigentliche Richtung vorgab, die der Heimatfilm eingeschlagen hatte (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969 "). Dass auch in „Heubodengeflüster“ nicht mehr das hohe Lied auf die moralisch integre Landbevölkerung gesungen wurde, lassen schon die Credits zu Beginn erkennen, die die weiblichen Darsteller vor Kühen, die männlichen Mitwirkenden vor Hausschweinen oder einem Gockel auflisten. Rolf Olsen selbst sieht sich als kleines Ferkel.

Der Abgeordnete kommt mit Dodo (Ann Smyrner) und Blasius spielt den Hausherrn
Die Story, die größtenteils auf dem Hof des Landwirts und Lokalpolitikers Florian Maderer (Peter Carsten) spielt, watet in den Tiefen lokalpolitischer Interessen. Vetternwirtschaft, Erpressung und Vorteilsnahme sind an der Tagesordnung. Weil Maderer auf Grund der anfangs gezeigten Schlägerei ein paar Wochen Knast drohen, sieht er seine Chancen bei den kommenden Bürgermeister-Wahlen schwinden und schickt stattdessen seinen verschrobenen Vetter Blasius Schantl (Gunter Phillip) gegen entsprechende Bezahlung zum Haftantritt in die entfernt gelegene Kreisstadt. Doch dieser kehrt überraschend schon nach wenigen Tagen wieder zurück, weil er in den Genuss einer Amnestie kam. Diese wurde von dem Abgeordneten Dr. Dorn (Ralf Wolter) ausgesprochen, der sich von dem Kommunalpolitiker Maderer mehr Einfluss verspricht und auf ein Liebes-Wochenende in den Alpen spekuliert. Natürlich mit der blonden Dodo (Ann Smyrner) an seiner Seite statt Ehefrau Trude (Trude Herr), die ihm im Gegenzug den Privatdetektiv Hugo Zehe (Herbert Hisel) auf die Spur setzt.

Paar 1: Hannerl (Renate von Holt) und Andreas (Bernd Ander)
Zur Polit-Satire hat es bei „Heubodengeflüster“ nicht gereicht, obwohl die hier gezeigte Respektlosigkeit, die auch vor Anspielungen an die Nazi-Zeit nicht zurückschreckte, Mitte der 60er Jahre keineswegs selbstverständlich war. Zu sehr vereinte Olsen hier ein Figuren-Ensemble, das kein Komödien-Klischee ausließ und geradezu in Klamauk badete. Ausgehend vom stotternden Stallburschen, über den selbstverliebten Knecht Vinzenz (Paul Löwinger) und die doofe Blondine erreichte der Film seinen Höhepunkt mit Hisels Darstellung eines dämlichen Privatdetektivs, dessen schräge Verkleidungen erwartungsgemäß in Frauenkleidern münden. Das Paar Vinzenz / Hugo war entsprechend vorprogrammiert. Inmitten dieses Chaos-Haufens wirkt das gestandene Bauern-Ehepaar Maderer wie ein Ruhepol, obwohl Peter Carsten ständig knapp unterhalb der Wutanfall-Grenze agiert, weil er seinen Vetter als Hausherrn ausgeben muss, als kurz nach dessen Rückkehr der Großstadt-Politiker mit seiner Geliebten auftaucht. Schließlich darf nicht herauskommen, dass er nicht selbst ins Gefängnis gegangen war.

Paar 2: Privatdetektiv Hugo (Herbert Hisel) und Vinzenz
Obwohl mit dem Liebespaar Hannerl (Renate von Holt) und Andreas (Bernd Ander), dessen Glück Vater Maderer entgegen steht, noch ein typisches Heimatfilm-Relikt vorhanden war, wurde „Heubodengeflüster“ zum Anti-Genre-Stück. Alles was in den 50er Jahren noch heilig war, wurde von Olsen deftig durch den Kakao gezogen -  verbunden mit Frivolitäten, die über Franz Antels „Liebe durch die Hintertür“ (1969) und Hans Albins „Pudelnackt in Oberbayern“ (1969) die Linie in Richtung der Lederhosen-Sex-Filme von Franz Marischka in den 70er Jahren vorgab. Mit „Paradies der flotten Sünder“ (1968) legte Olsen selbst noch einen Film im gleichen Gestus nach, der aber nicht an den kompakten Charakter von „Heubodengeflüster“ heranreichte, sondern mehr den Eindruck einer Resteverwertung hinterlässt. In einzelnen thematisch unabhängigen Episoden, von denen nur die vierte und letzte das Heimatfilm-Genre streifte, durften Herbert Hisel, Ralf Wolter und Gunther Philipp noch einmal zeigen, welches Potential in ihnen steckte. 

Als verbindendes Element der einzelnen Stories dient ein Reisebüro, in dem ein nervender Kunde den Inhaber mit seiner permanenten Rechthaberei quält. Paul Löwinger schloss mit dieser Charakterisierung unmittelbar an seine Rolle als Knecht Vinzenz an, aber mehr noch steht Willy Millowitsch, der den armen Reise-Verkäufer gab, für den Wandel im Heimatfilm. Der ewige Kölner Millowitsch spielte in “Heubodengeflüster“ den Gefängniswärter, der sich um den falschen Maderer im Kreis-Gefängnis kümmerte und dem Abgeordneten sehr hilfreich zur Seite stand. Natürlich auch gegen eine Einladung. Als er samt Gattin in der Schlussszene auch noch auf dem Maderer-Hof eintrifft, nehmen die Einheimischen schreiend Reißaus. Vor Städtern flüchten? – Das wäre im klassischen Heimatfilm Niemand eingefallen. 

HeubodengeflüsterDeutschland 1967Regie: Rolf Olsen, Drehbuch: Rolf Olsen, Darsteller : Peter Carsten, Elfie Pertramer, Gunther Philipp, Ralf Wolter, Ann Smyrner, Trude Herr, Paul Löwinger, Herbert Hisel, Christiane Rücker, Renate von Holt, Bernd Ander, Willy MillowitschLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Olsen 

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" (1964) 
"Das Spukschloss im Salzkammergut" (1966) 
"Der Arzt von St.Pauli" (1968) 
"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" (1969)