Mittwoch, 7. August 2013

Das Schloss in Tirol (1957) Géza von Radványi



Inhalt: Comtesse Resi (Erika Remberg) lebt mitten in den Bergen Tirols im malerischen Schloss ihrer Vorväter, aber ihr Glück ist getrübt. Die Gerichtsvollzieher bereiten unter der Aufsicht des Rechtsanwalts Dr.Altbauer (Richard Romanovsky) die Versteigerung des Inventars vor, da sie die laufenden Kosten nicht mehr bezahlen kann. Die Comtesse hatte versucht, dass Schloss zu vermieten, aber bisher hatte sich kein Interessent gemeldet. Bis plötzlich laut knatternd ein kleiner Hubschrauber neben dem Schloss landet, diesem der junge Ingenieur Thomas Stegmann (Karlheinz Böhm) entsteigt und gegenüber Resi, die gerade die Kuh melkt, um ein Gespräch mit der Hausherrin bittet. Er möchte das Schloss, samt Personal und Inventar, für ein paar Tage mieten, um einen reichen amerikanischen Geschäftsmann (Gustav Knuth) zu beeindrucken, mit dem er ein großes Geschäft plant. Als Comtesse will er diesem seine Verlobte Gloria (Christiane Nielsen) vorstellen, die er am nächsten Tag erwartet. 

Resi, die ihn in dem Glauben belässt, sie wäre nur das Hausmädchen, rügt ihn wegen dieser Mogelei, lässt aber auch deutlich werden, dass ein paar Tage Miete zu wenig sind. In seinem Überschwang verspricht Thomas Stegmann, dass Schloss ein ganzes Jahr zu mieten, sollte das Geschäft erfolgreich verlaufen, da er es sich dann leisten kann. Mit dieser Aussicht lassen sich auch die Gläubiger überreden, nicht nur die Frist etwas zu verlängern, sondern auch das Personal für den US-Amerikaner zu spielen…


Der Heimatfilm "Das Schloss in Tirol" entstand mit Karlheinz Böhm in der Hauptrolle zwischen dem zweiten und dritten Teil der "Sissi" -Trilogie, die ihn zu einem großen Kinostar werden ließ. Anders als sein ebenfalls 1957 gedrehter Abenteuerfilm "Blaue Jungs", setzte "Das Schloss in Tirol", der zwei Monate vor "Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin" (1957) in die deutschen Kinos kam, auf eine verwandte Thematik um Adel, Liebe und ein wenig Dramatik, ist aber trotzdem fast vollständig in Vergessenheit geraten, obwohl die äußerlichen Zutaten stimmten. An der Seite von Karlheinz Böhm spielte Erika Remberg - die zuvor neben Adrian Hoven in "Kaiserjäger" (1956) und gemeinsam mit Böhm in "Ich war ein häßliches Mädchen" (1955) zu sehen war - die hübsche, junge Comtesse Resi, und bereicherten die erfahrenen und beliebten Darsteller Maria Andergast, Richard Romanovsky und Gustav Knuth - ebenfalls ein wichtiger Protagonist in der "Sissi"-Trilogie - die Besetzung.

Der später in der Fernsehserie "Hallo - Hotel Sacher...Portier" (1973 - 1976) und ab 1971 als Wiener Tatort Kommissar erfolgreiche Fritz Ekhardt schrieb das Drehbuch gemeinsam mit dem ungarischen Regisseur Géza von Radványi, der vor und nach dem 2.Weltkrieg schon mehrere Produktionen geleitet hatte, aber erst mit "Der Arzt von Stalingrad" (1958) und "Mädchen in Uniform" (1958) bekannt werden sollte. Interessant ist die Beteiligung der Wiener Schriftstellerin Gina Kaus am Drehbuch, die nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten 1938 in Hollywood arbeitete, dabei unter anderen am Drehbuch zu "All I desire" (All meine Sehnsucht, 1953) von Douglas Sirk mitwirkte, und deren 1940 geschriebener Roman "Teufel nebenan" 1956 unter dem Titel "Teufel in Seide" in Deutschland verfilmt wurde. Mit Kurt Nachmann war zudem noch ein weiterer Autor am Drehbuch beteiligt, der für einige der in den 50er Jahren üblichen Adaptionen beliebter Vorkriegsfilme verantwortlich war - wie "Heimatland" (1955), "Der Kongress tanzt" (1955) oder "Wenn wir alle Engel wären" (1956).

Die Autoren versuchten das Kunststück, die populäre Adels-Thematik und typische Elemente des Heimatfilms - beeindruckende Bergpanoramen und traditionelles Brauchtum - mit der Wirtschaftswundergegenwart und moderner Technologie zu kombinieren. Einerseits leugneten sie mit der Figur der Comtesse Resi (Erika Remberg), die nach dem Tod ihres Vaters allein für das herrschaftliche Schloss verantwortlich ist, die Tatsache, dass in Österreich seit 1919 das Führen eines Adelstitels untersagt war, andererseits schickten sie mit dem Ingenieur Thomas Stegmann (Karlheinz Böhm) einen Konstrukteur in die friedlichen Berge, der mit seinem eigenen Hubschrauber herbei geflogen kommt. Doch statt die Gegensätze aufeinander prallen zu lassen, schwelgt der Film abwechselnd in Landschaftsbildern und Hubschrauber-Kunststückchen. Vielleicht sollten damit unterschiedliche optische Bedürfnisse befriedigt werden, stattdessen entstand der uneinheitliche Charakter einer Handlung, die modernes Business und gefühlige Romantik so verband, dass sie letztlich beiden Seiten nicht gerecht wurde.

Die ersten Minuten des Films sind noch viel versprechend, wenn der Ingenieur Stegmann auf eine junge Frau trifft, die sich nicht als Comtesse und damit als Schlossherrin offenbart, sondern ihn im Glauben belässt, sie wäre nur das Hausmädchen. Ihr lockerer Umgangston wirkt modern, sein Anliegen das Schloss ein paar Tage mieten zu wollen, um ein Geschäft abzuwickeln, ebenso nachvollziehbar, wie ihre finanziellen Probleme, weshalb der Gerichtsvollzieher schon vor der Tür steht - kein seltener Vorgang im Heimatfilm, wie die „Immenhof“ (1955) – Filme mit Heidi Brühl schon zeigten. Dass die weitere Handlung jede Schlüssigkeit verliert, liegt nicht an der gewohnt konstruierten Verwechslungsgeschichte, sondern an der unnötigen Kombination mit angeblich modernen Geschäftspraktiken. Schon dass Stegmann anbietet, dass Schloss gleich für ein Jahr anzumieten, wenn das Geschäft mit dem US-Amerikaner erfolgreich verläuft, widerspricht jeder seriösen Kostenkalkulation und soll nur das Schauspiel der Gläubiger in Gang setzen, die in der Hoffnung, doch noch an ihr Geld zu kommen, sich bereit erklären, das Schlosspersonal zu mimen.

Die gesamte Hintergrundstory um den Hubschrauber – welcher junge Ingenieur, der einen Finanzier sucht, kann sich schon ein solches, wenn auch abgespecktes Gerät leisten? – wirkt zunehmend lächerlich. Nicht nur, dass Karlheinz Böhm im gut sitzenden Anzug und mit akkuratem Scheitel in den Hubschrauber steigt als wäre es eine bequeme Luxuslimousine, und das es gegenüber den zufällig am Schloss vorbei gekommenen Herren der „Vereinigten Motorwerke“ am Ende genügt, wenn er kurz sein futuristisches Verkehrskonzept vorträgt, dass diese nach etwa zehn Minuten ihre Unterschrift unter einen Millionenvertrag setzen, auch der angeblich so knallharte US-Kapitalist Jack Hover (Gustav Knuth), für den der ganz Zirkus erst veranstaltet wird, erweist sich als deutschstämmiger Heimatliebender, der sich in Sophie (Maria Andersgast) verguckt und den es nicht stört, dass er gerade sein in Jahrzehnten verdientes Vermögen am Aktienmarkt verloren hat („so etwas kommt ja ständig vor“) – hauptsache er kann sich von seiner Lebensversicherung noch ein kleines Häuschen in den Tiroler Bergen leisten.

Der Kritik an dieser dümmlichen und vereinfachenden Darstellung von Business und Technik ließe sich entgegnen, dass auch die diversen Dramen im deutschen Heimatfilm kaum glaubwürdiger gestaltet wurden, aber das hieße das Publikum zu unterschätzen. Dass sich Gloria (Christiane Nielsen), die Verlobte von Klaus Stegmann, als eitles und ehrgeiziges Fotomodell erweist, damit sie ohne großes Federlesen entsorgt werden kann, um dem Traumpaar nicht im Wege zu stehen, gehörte zum guten Ton im Heimatfilm – auch wenn die Frage, warum der männliche Held eine solche Frau zuvor noch heiraten wollte, nie beantwortet wird – aber die knatternde Nebenstory um den Hubschrauber und angebliche Deals mit der Wirtschaft störten die zarte Liebesgeschichte innerhalb der schönen Tiroler Berglandschaft athmosphärisch und ließen keine romantischen Emotionen zu. Der gedankliche Ansatz, einen Heimatfilm mit einer Technikstory zu verbinden, in der ein Hubschrauber nicht nur die Pferdekutsche ersetzt, sondern auch den ersten Tanz absolviert (Stegmann fliegt mit Resi Kreisel zu Walzermusik), ist zwar originell, aber zu schwach und inkonsequent umgesetzt, um dem Film einen kompakten Gestus zu verleihen.

"Das Schloss in Tirol" Österreich 1957, Regie: Géza von Radványi, Drehbuch: Fritz Eckhardt, Gina Kaus, Kurt Nachmann, Géza von Radványi, Darsteller : Karlheinz Böhm, Erika Remberg, Gustav Knuth, Maria Andergast, Richard RomanovskyLaufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Radványi:

Montag, 5. August 2013

Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961) Ákos Ráthonyi



Inhalt: Nachdem schon die dritte Frauenleiche in London aufgefunden worden war, der gelbe Narzissen auf den toten Körper gelegt wurden, glaubt Chefinspector Witheside (Walter Gotell) von Scotland Yard an einen psychopathischen Serienmörder. Doch der für eine internationale Fluggesellschaft arbeitende Agent Jack Tarling (Joachim Fuchsberger) denkt in eine ganz andere Richtung, nachdem Drogen entdeckt wurden, die in präparierten gelben Narzissen versteckt worden waren. Zudem kann es kein Zufall sein, dass die ermordeten jungen Frauen alle im Dunstkreis eines Nachtclubs beschäftigt waren, der dem reichen Geschäftsmann Raymond Lyne (Albert Lieven) gehört.

Lyne zeigt sich selbstverständlich unschuldig und kooperativ in der Zusammenarbeit mit der Polizei, abgesehen von einem verräterischen Telegramm, das auf eine Lieferung mit gelben Narzissen hinwies, aber plötzlich verschwunden ist. Selbst Lynes Sekretärin Anne Ryder (Sabine Sesselmann), die gegenüber Tarling das Telegramm zuvor noch erwähnt hatte, kann sich nicht mehr daran erinnern. Tarling und sein Mitarbeiter aus Hongkong, Ling Chu (Christopher Lee), verlegen ihre Nachforschungen deshalb immer mehr in das Umfeld des Nachtclubs, scheinen damit aber weitere Morde zu provozieren…


"Das Geheimnis der gelben Narzissen" war Mitte des Jahres schon die dritte Verfilmung eines Edgar-Wallace-Romans des Jahrgangs 1961und brach erneut den Besucherrekord, den erst wenige Monate zuvor der fünfte Edgar-Wallace-Film "Die toten Augen von London" aufgestellt hatte. Die Rialto Film, die in immer kürzeren Abständen neue Wallace-Filme produzierte, hatte sich wieder etwas Neues einfallen lassen, nachdem der ursprüngliche Plan, Harald Reinl und Jürgen Roland abwechselnd als Regisseure einzusetzen, mit Rolands Verzicht fallen gelassen werden musste. Bevor Reinl bei der siebten Rialto-Produktion "Der Fälscher von London" wieder auf dem Regiestuhl Platz nehmen sollte, entstand "Das Geheimnis der gelben Narzissen" als erster Edgar-Wallace-Film in Großbritannien, was dem Film nicht nur ein internationales Ambiente verlieh, sondern die ausschließlich an Originalschauplätzen entstandenen Außenaufnahmen ungewöhnlich authentisch erscheinen ließ.

Der international tätige, ungarische Regisseur Ákos Ráthonyi übernahm die Aufgabe, den englisch-deutsch co-produzierten Film in zwei verschiedenen Fassungen herzustellen, die für den jeweiligen Markt mit drei national bekannten Darstellern in den Hauptrollen besetzt wurden - für Deutschland waren neben Newcomerin Sabine Sesselmann, mit Joachim Fuchsberger und Klaus Kinski zwei wichtige Wallace-Identifikationsfiguren am Start. Der restliche Cast, der an beiden Versionen mitwirkte, setzte sich etwa gleichberechtigt aus englischen und deutschen Darstellern zusammen, darunter mit Christopher Lee der bekannte englische Mime aus den Hammer-Film-Produktionen, sowie die im deutschen Film viel beschäftigten Albert Lieven und Ingrid van Bergen, die ihr verruchtes Lied "Bei mir ist alles Natur" auch in einer englischen Version sang. Während es für Ingrid van Bergen bei diesem einmaligen Engagement in einem Wallace-Krimi blieb, spielte Albert Lieven neben einem späten Auftritt in "Der Gorilla von Soho" (1968) noch die Hauptrolle in "Das Verrätertor" (1964).

Die außergewöhnlichen Umstände bei der Entstehung des Films, an dessen Drehbuch neben Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen - auch jeweils zwei deutsche und englische Autoren beteiligt waren, verliehen diesem eine hohe Werbewirksamkeit, die einen Teil des Erfolgs ausmachten. Besonders Christopher Lee konnte in seiner Rolle des geheimnisvollen chinesischen Ermittlers überzeugen, weshalb er in "Das Rätsel der roten Orchidee" (1962) ein Jahr und drei Wallace-Filme später sogar in der Hauptrolle besetzt wurde. "Das Geheimnis der gelben Narzissen"  wurde entsprechend zum Beginn einer experimentellen Phase in den deutschen Wallace-Verfilmungen, denn auch die zwischen den beiden Christopher Lee-Filmen entstandenen "Der Fälscher von London" (1961) und  "Die seltsame Gräfin" (1961) unterscheiden sich deutlich vom gewohnten Wallace-Film-Klischee.

Während die Idee einer englisch-deutschen Co-Produktion damals die Möglichkeit einer stimmigen Umsetzung des 1920 erschienenen frühen Wallace-Romans "The daffodil mystery" versprach, kehrte sich die allgemein positive Stimmung später ins Gegenteil. Das konsequent ernsthafte, die Originalstory geschickt modernisierende Drehbuch verzichtete nicht nur auf Eddie Arent als komischen Side-Kick - das einzige Mal in der frühen "Schwarz-Weiß"-Phase -  sondern auch auf eine übertrieben verwirrend gestaltete Handlung. Zwar geraten auch hier wieder  - wie bei Edgar Wallace gewohnt - unterschiedliche Interessen aneinander und ergeben ein tödliches Gemisch, aber die Nachforschungen von Joachim Fuchsberger als Agenten einer Fluggesellschaft, dessen Mitarbeiter aus Hongkong Ling Chu (Christopher Lee) und dem zuerst an einen psychopathischen Mörder glaubenden Chefinspector Witheside (Walter Gotell) verlieren nie den Zug zu einer Auflösung, die nicht an den Haaren herbeigezogen wirkt. Auch Klaus Kinskis frühe Darstellung eines psychisch gestörten Menschen - eine Steigerung seiner Rolle in "Die toten Augen von London" - verfügt hier noch über einen nachvollziehbaren Hintergrund.

Auch optisch kann der Film - neben den körnigen Bildern eines nächtlichen London - mit den jeweils von Narzissen drapierten Leichen, schönen Frauen und einem erotischen Auftritt von Ingrid van Bergen überzeugen, verzichtete aber auf die gewohnt Nebel verhangenen, mit starkem hell-dunkel Kontrast versehenen Gruselszenen. Die Drogenthematik, besonders die Sucht der jungen Katya (Dawn Beret), wird nur oberflächlich als Hintergrund für die Kriminalstory genutzt, wie auch die Folterung durch Ling Chu verharmlost wird, aber sie sind Teil eines stimmigen Gesamtbilds, das ohne die typischen Relationen vieler Wallace-Krimis auskommt, die zwar mit gruseligen Schwerverbrechen schocken wollten, gleichzeitig aber moralischen Anstand predigten. Selbst Joachim Fuchsberger hält sich als Macho vom Dienst auffallend zurück, während Sabine Sesselmann nicht nur das beschützenswerte Opfer gibt.

Belohnt wurde diese gelungene zeitgenössische Umsetzung eines Wallace-Romans nicht, denn für die ab den 70er Jahren entstehende Fangemeinde wurde die Veröffentlichungspraxis im TV prägend, die sich nicht an der chronologischen Erscheinung der Filme orientierte, sondern an dem von Harald Reinl und Alfred Vohrer entwickelten typischen Wallace-Stil. Dagegen fällt "Das Geheimnis der gelben Narzissen" aus dem Rahmen, der auch nicht über die beliebten "trashigen" Elemente der späten Filme verfügt, sondern über eine seltene individuelle Qualität innerhalb des Wallace-Kosmos.

"Das Geheimnis der gelben Narzissen" Deutschland 1961, Regie: Ákos Ráthonyi, Drehbuch: Egon Eis, Gerhard F.Hummel, Horst Wendlandt, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Sabine Sesselmann, Albert Lieven, Ingrid van Bergen, Klaus Kinski, Christopher LeeLaufzeit : 91 Minuten

Mittwoch, 31. Juli 2013

Liebe - Kälter als der Tod (1969) Rainer Werner Fassbinder



Inhalt: Franz (Rainer Werner Fassbinder), ein mehrfach vorbestrafter Krimineller, soll für das Syndikat arbeiten, weigert sich aber, obwohl er deshalb zusammen geschlagen wird. Ähnlich ergeht es Bruno (Ulrich Lommel), der ebenfalls von den Männern des Syndikats bewusstlos geschlagen wird, weshalb ihm Franz anbietet, zu ihm nach München zu kommen, wo er mit seiner Freundin Johanna (Hanna Schygulla) zusammen lebt, die für ihn als Prostituierte auf den Strich geht. 

Als Bruno an die Adresse kommt, die ihm Franz gegeben hatte, erfährt er, dass dieser längst mit Johanna weggezogen ist. Ihn zu finden ist sehr schwierig, denn Franz befindet sich auf der Flucht. Er fürchtet die Rache für einen Mord an einem Türken, dem man ihm in die Schuhe geschoben hat. Trotzdem gelingt es Bruno, dessen neue Wohnung ausfindig zu machen und zieht zu Franz und Johanna, was zu neuen Konflikten führt...


Dass sich Rainer Werner Fassbinder bei der Entwicklung seines ersten Langfilms "Liebe - Kälter als der Tod" an vielen Vorbildern orientierte, bedarf keiner Interpretation. Schon im Vorspann werden die Namen von Claude Chabrol, Jean Marie Straub und Eric Rohmer aufgeführt, dazu spielt er mit "Lino et Cuncho" auf "Quién sabe?" (Töte, Amigo!, 1967) von Damiano Damiani an, den er in einem Dialog auch leicht abgewandelt zitiert. Auch innerhalb der Handlung verklausulierte Fassbinder seine Vorbilder nicht, benennt konkret "Psycho" (1960) von Hitchcock und bekleidet Bruno (Ulli Lommel) exakt mit dem Outfit von Alain Delon in „Le samouraï" (Der eiskalte Engel, 1967) von Jean-Pierre Melville. Von diesem hat er auch die sparsame Ausstattung und die langen Kameraeinstellungen übernommen, die die Szenerie aus einer festen Perspektive betrachten, die den Agierenden nur in wenigen Momenten folgt.

Entsprechend entzündete sich die damalige Kritik auch an diesen offensichtlichen Vorbildern ("Und auch die Mittel, Melancholie zu bebildern, waren untauglich: sowohl das Zitieren von Figuren aus anderen Filmen (Lommel Alain Delon aus dem stark überschätzten „Eiskalten Engel“)..., Peter Handke in der Zeit, 1969) und werden in aktuellen Interpretationen gerne die Vielzahl an Anspielungen aufgezählt, als ob Fassbinder dafür schwere Hürden aufgestellt hätte. Was Handke und Co. zu erwähnen vergaßen, ist Fassbinders transparenter Umgang mit seinen Vorbildern, wie ihn kein anderer Regisseur jemals ähnlich direkt in seinem Erstlingswerk formulierte. Er wollte sich weder mit fremden Federn schmücken, noch ging es ihm allein um den souveränen Umgang mit vorhandenen Stilmitteln, sondern letztlich um seine individuelle, persönliche Umsetzung, die er mit dem bewussten Zitieren seiner Einflüsse erst verdeutlichen konnte.

Auch der Titel „Kälter als der Tod“ (das Wort „Liebe“ stellte er erst nach der Uraufführung davor) ließ keinen Zweifel an den Emotionen, die seinen Film bestimmen sollten. Die bewusst zu hell ausgeleuchteten Figuren (am Ende des Films verschwindet das Bild in völliger Helligkeit) lassen sie konturloser erscheinen – einen Eindruck, den das theaterartige Agieren der Darsteller (es handelte sich um die Mitglieder des von Fassbinder gegründeten „Antiteater“ in München) noch betont. Die Protagonisten Franz (Rainer Werner Fassbinder), Bruno (Ulli Lommel) und Johanna (Hanna Schygulla) sind Stereotypen des Genre-Films – der aufsässige Hitzkopf, der eiskalte Killer und die Hure. Ihre Interaktionen werden von typgerechten Verhaltensmustern bestimmt – Franz lässt sich nichts gefallen und rebelliert auch gegen das „Syndikat“ (Fassbinder begnügte sich mit diesem aussagekräftigen Begriff und verzichtete auf weitere Hintergründe), das ihn an sich binden will, hat aber kein Problem damit seine Freundin auf den Strich zu schicken. Bruno ist reserviert und beherrscht, tötet aber skrupellos und hintergeht seine Freunde. Johanna ist sexuell offensiv und selbstbewusst, akzeptiert aber Franz’ Position als Zuhälter und will ihn am Ende retten.

Fassbinder wollte, wie er selbst einmal anmerkte, Menschen in den Mittelpunkt stellen, die unbewusst gesellschaftlich vorgegebene Rollen einnehmen, obwohl sie ihnen nicht entsprechen. Emotionen haben darin keinen Platz, denn sie werden nur missbraucht, da ihr Verhalten zwanghaft ist. Damit kehrt der Regisseur seine an Genre-Konventionen orientierte Handlung ins Gegenteil, denn die Mörder, Gangster und Prostituierten agieren nicht selbst bestimmt oder gar cool berechnend. Obwohl Bruno dem Profikiller in „Der eiskalte Engel“ optisch und in seinem Verhalten ähnelt, ist er in „Liebe – Kälter als der Tod“ letztlich die Dekonstruktion dieser Figur. Beeindruckend verdeutlichte Fassbinder diese Intention mit sehr langen Kameraeinstellungen, in denen mehr geschieht als in den wenigen Action-Szenen. Es sind die kleinen Regungen, das Zucken eine Fußes, eine unmotivierte Handbewegung oder – wie in der frühen Szene im Zug, begleitet nur von den eintönigen Schienengeräuschen – das Beißen in einen Apfel, die ahnen lassen, was sich unter der nach außen gezeigten Fassade abspielt. Es lohnt sich, diese Bilder genau zu beobachten.

Zudem verzahnte er seine an der „Nouvelle vague“ und dem Gangsterfilm orientierte Handlung eng mit der Realität von Supermärkten, Häusern und Straßenräumen, die konträr zum im konventionellen Kino gepflegten Deutschlandbild stand. Trotzdem fand Fassbinders Film 1969 auch bei der studentischen Protestbewegung keine Gnade, zu sehr widersprach „Liebe - Kälter als der Tod“ allen Erwartungshaltungen – inhaltlich kritisch, aber von großem Stilbewusstsein bis zum exakten, sparsamen Einsatz einer musikalischen Untermalung, die den inneren Zustand der Protagonisten widerspiegelt. Fassbinders Film sieht man das geringe Budget zwar an, trotzdem erstaunt der souveräne Umgang mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Den Raum klar definierende Kameraeinstellungen und ruhige, exakte Schnitte erzeugten den stimmigen Rhythmus eines Films, der weniger ein Gangsterfilm ist, als ein Film über Deutschland.

"Liebe - Kälter als der Tod" Deutschland 1969, Regie: Rainer Werner Fassbinder, Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder, Darsteller : Rainer Werner Fassbinder, Hanna Schygulla, Ulli Lommel, Kurt Raab, Ingrid Caven, Katrin Schaake, Irm HermannLaufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rainer Werner Fassbinder:

Freitag, 26. Juli 2013

Max, der Taschendieb (1962) Imo Moszkowicz



Inhalt: Schon lange verdient Max Schilling (Heinz Rühmann) seinen Unterhalt als Taschendieb. Während er nach außen hin ein bürgerliches Leben führt, damit seine zwei Kinder, Freunde und Nachbarn nichts davon erfahren, weiß seine Frau Pauline (Elfie Pertramer), mit der er seit 15 Jahren verheiratet ist, natürlich Bescheid. Und ist entsprechend besorgt, da sie jedes Mal befürchtet, dass er von der Polizei erwischt wird. Doch Max hat seine eiserne Regel, nur Portemonnaies zu stehlen, bisher immer eingehalten, um keine längere Gefängnisstrafe zu riskieren. So reagiert er auch diesmal wieder ablehnend auf ein Angebot von Joe (Harald Maresch) bei einem größeren Coup mitzumachen, obwohl er das Geld gut gebrauchen könnte.

Denn die „Geschäfte“ laufen von Jahr zu Jahr schlechter, da der bargeldlose Zahlungsverkehr zunimmt und die Menschen weniger Geld in der Tasche haben. Auch ein gelungener Fischzug bei dem Auftritt eines Zauberers in einem Varieté stellt sich als Niete heraus, da es sich bei den vielen Dollars, die Max seinem Tischnachbarn geklaut hatte, um Falschgeld handelt. Doch die Polizei erfährt nichts von ihm, denn Max verpfeift Niemanden. Noch mehr Sorgen macht ihm Fred (Hans Clarin), sein Schwager und der jüngere Bruder seiner Frau, der keinem Beruf nachgeht und immer pleite ist, obwohl seine Freundin Desiree (Ruth Stephan) schon von ihm schwanger ist. Zudem will Fred es Max zeigen, über dessen Bescheidenheit er sich lustig macht, und dabei ganz groß absahnen…


"Max, der Taschendieb" gehört nicht zu den Filmen innerhalb des Rühmannschen Gesamtwerks, die besondere Erwähnung finden - zu häufig hatte er einen anständigen und sympathischen Kerl gespielt, dem das Publikum seine kleinen Fehltritte gerne verzieh. Hier verrät schon der Filmtitel, welche Abweichung von der Norm er sich leistet, denn Max Schilling (Heinz Rühmann) verdient seinen Unterhalt als Taschendieb. Doch darüber hinaus ist er ein Muster an Zuverlässigkeit und Bescheidenheit, ein liebevoller Ehemann und treusorgender Vater zweier halbwüchsiger Kinder. Kurz, eine Kunstfigur, der nur Heinz Rühmann Leben einhauchen konnte, dem man abnimmt, dass er sich zwar an die Regeln der "Unterwelt" hält, gleichzeitig aber nie in Versuchung gerät, jemals über seine Position als kleiner Dieb hinaus zu wollen. Zudem verbreitet der Film die Mär, dass Max nur wohlhabende Leute bestiehlt, was angesichts seiner eigenen Aussage, im letzten Jahr hätte er nur durchschnittlich acht DM in den Portemonnaies gefunden, kaum möglich sein kann.

Mit dieser Bemerkung wollte er gegenüber seinem alten Freund und ständigen Partner im Taschendiebstahl-Geschäft, Arthur (Hans Hessling), der auf Grund eines Gips-Fußes gerade pausieren muss, begründen, dass die Zeiten generell schlechter werden (ein historisch interessanter Aspekt, da die Wirtschaft nach 1960 nur langsamer wuchs als zuvor, was damals offensichtlich als Verschlechterung empfunden wurde - noch mehrmals redet Max von schwierigen Zeiten). Arme Leute zu bestehlen, macht keinen Spaß, erwähnt Max noch, womit die Verzeihlichkeit gegenüber seiner Profession zunimmt. Konsequenterweise wird Max nur bei Anlässen in Aktion gezeigt, zu denen gut situierte Menschen zusammen kommen, womit der Film weiter auf der Klaviatur der Verharmlosung spielt, als ob das Ausbaldowern viel versprechender Gelegenheiten nicht zum alltäglichen Handwerk eines Diebes gehört. Gepaart mit Rühmanns häufig schuldbewusster und sorgenvoller Miene, die ihn auf die Stufe jedes kleinen Malochers stellt, der nur möchte, dass seine Frau zum Friseur gehen kann und es seine Kinder einmal besser haben werden, verliert sein Job jeden kriminellen Gestus. Betont wird das noch durch die Figur des Kommissars, der Max sehr schätzt und seine "Verfehlungen" nur leicht vorwurfsvoll rügt.

Vielleicht liegt es an dieser vollständig konstruierten Figur, dass "Max, der Taschendieb" in sämtlichen Publikationen als Komödie eingeordnet wird, obwohl der Film keinerlei komödiantische Story-Elemente aufweist, sondern im Gegenteil von zwei brutalen Morden erzählt, darunter an einem unmittelbaren Familienmitglied. Schwarzer Humor, verbunden mit einem unrealistischen Umfeld, bildete schon häufig den Hintergrund für gelungene Gauner-Komödien, in denen der Protagonist augenzwinkernd nicht nur gegen das Gesetz, sondern auch gegen gängige moralische Standards verstoßen durfte, aber "Max, der Taschendieb" ist abgesehen von seinem "Unterwelt" - Sujet, dass sich auf die Kneipe von Lizzy (Lotte Ledl) beschränkt, in dem ihr Freund Joe (Harald Maresch) die lokale Ganoven-Größe gibt, zutiefst bürgerlich und konservativ. Der einzige wirkliche Schwerverbrecher im Film, der US-Amerikaner Charlie Gibbons (Benno Sterzenbach), ist Ausländer.

"Max, der Taschendieb" ist kein Film, der mit einer leicht individuellen Lebensweise sympathisiert, wie es der Titel vermuten lassen könnte, sondern der im Gegenteil die totale Anpassung an die gesellschaftliche Norm predigt. Die Figur des Fred (Hans Clarin) wird als warnendes Beispiel für den Fall präsentiert, dass ein Mensch seine Stellung innerhalb der Gesellschaft nicht akzeptiert, wofür er hart bestraft wird. Dass ihm zudem Egon (Friethjof Vierock), Max jugendlicher Sohn, mit Sätzen Jean-Paul Sartres den Kopf verdrehte, gab Rühmann in seiner Rolle die Gelegenheit, an Hand klischeehaft aus dem Zusammenhang gerissener Zitate, die damals unter Jugendlichen populären existentialistischen Thesen zu verunglimpfen - natürlich leicht ironisch. Auch das Fred seine Freundin Desiree (Ruth Stephan) schwängerte - von Max gegenüber seiner 12jährigen Tochter Brigitte (Helga Anders) als Ausnahme von der Regel bezeichnet - passt in das Gesamtbild eines jungen Menschen, der sich nicht an die Regeln hielt. Obwohl es sich bei Fred immerhin um den jüngeren Bruder von Max' Frau Pauline (Elfie Pertramer) handelt und er eine schwangere Frau hinterlässt, vermittelt der Mord an ihm keine wirkliche Tragik - ein solcher Typus war offensichtlich verzichtbar, weshalb sein Tod auch die generelle Einordnung des Films als "Komödie" nicht weiter störte.

Neben dieser Charakterisierung eines Außenseiters, fällt auch das sehr konservative Frauenbild des Films auf. Geradezu unangenehm ist die körperliche Auseinandersetzung zwischen der schwangeren Desiree, die sich Babywäsche strickend schon als zukünftige Ehefrau sieht, mit der Barfrau Lizzy, die sie als "Schlampe" bezeichnet, weil ihr Fred in den Ausschnitt gesehen hatte. Max muss die Furien wieder trennen, was die Rolle seiner Ehefrau Pauline als Hausfrau und Mutter noch zusätzlich idealisiert. Wenn sie - nachdem Max ihr mitteilte, dass er nicht mehr weiter stehlen will und deshalb nicht weiß, wie er Geld verdienen soll - ihm antwortet, ihr sei das egal, hauptsache sie bekäme wie immer pünktlich ihr Haushaltsgeld, dann wirkt das nicht nur aus heutiger Sicht unfreiwillig komisch, sondern auch für das Entstehungsjahr des Films nicht mehr zeitgemäß.

"Max, der Taschendieb" wirkt wie ein letzter Versuch, das Rad der Zeit nochmals zurück zu drehen. Auch die zuvor von István Békeffy und Hans Jacoby gemeinsam geschriebenen Drehbücher zu den Rühmann-Filmen "Ein Mann geht durch die Wand" (1959), "Der Jugendrichter" (1960), "Das schwarze Schaf" (1960) oder "Der Lügner" (1961) vermittelten noch den Zeitgeist der 50er Jahre in der Bundesrepublik und trafen damit den damaligen Publikumsgeschmack, aber der "kriminelle" Hintergrund des Protagonisten zwang sie offensichtlich dazu, die Anstandsschraube möglichst weit hochzudrehen. Trotz dieses inhaltlichen und zeitlichen Kontextes wäre der Film aus heutiger Sicht nur noch schwer erträglich, gelänge es Heinz Rühmann dank seines schwerelosen Spiels nicht, sowohl die in der Grundanlage ernsthafte Story, als auch den reaktionären Subtext zu verschleiern, weshalb der Film seinen unterhaltenden Charakter beibehalten konnte. Diesem hat "Max, der Taschendieb" auch seine "Komödien" - Klassifizierung zu verdanken, vielleicht die einzige Möglichkeit, den Film nicht allzu ernst zu nehmen. Heinz Rühmann spielte hier das letzte Mal den "einfachen Mann aus dem Volke", womit "Max, der Taschendieb" doch eine Sonderstellung in seinem Gesamtwerk zukommt - wenn auch nicht aus qualitativen Gründen.

"Max, der Taschendieb" Deutschland 1962, Regie: Imo Moszkowicz, Drehbuch: István Békeffy, Hans Jacoby, Darsteller : Heinz Rühmann, Elfie Pertramer, Hans Clarin, Benno Sterzenbach, Frithjof Fierock, Helga Anders, Laufzeit : 91 Minuten

Dienstag, 23. Juli 2013

Heinz Rühmann (1902 - 1994) Schauspieler / Regisseur

Unabhängig von der jeweiligen persönlichen Haltung gegenüber der Person Heinz Rühmann, bleibt dessen Ausnahmestatus für den deutschen Ton-Film ein Faktum. Kein anderer Darsteller kann auf eine ähnlich lang andauernde kontinuierliche Karriere verweisen, die schon während der Stummfilmzeit begann und 1930 in „Die Drei von der Tankstelle“, einem der ersten deutschen Tonfilme, ihren Durchbruch erlebte. Andere zu diesem Zeitpunkt populäre Mimen wie Willy Fritsch oder Hans Albers, mit denen Rühmann mehrfach gemeinsam auftrat, konnten nach 1945 nicht mehr an ihre bisherigen Erfolge anknüpfen (Willy Fritsch) oder starben frühzeitig wie der gut zehn Jahre ältere Hans Albers 1960, der in den 20er Jahren schon eine intensive Stummfilm-Ära erlebt hatte. Ähnlich erfolgreiche jüngere Stars wie Götz George, der seine Film-Karriere Mitte der 50er Jahre begann, arbeiteten ab den 70er Jahren vorwiegend für das Fernsehen.

Auch Heinz Rühmann musste nach dem 2.Weltkrieg eine beinahe 10jährige Durststrecke verkraften und ging mit seiner eigenen Produktionsgesellschaft Pleite, bevor er 1953 mit „Keine Angst vor großen Tieren“ wieder in die Erfolgsspur zurückfand, die ihn daraufhin nicht mehr verlassen sollte. Ab Mitte der 60er Jahre wurde das deutsche Fernsehen auch für ihn zunehmend zum wichtigsten Arbeitgeber, aber Heinz Rühmann konnte auf ein beinahe lückenloses Filmschaffen über die vier Jahrzehnte von 1930 bis 1970 zurücksehen. Ziel des Blogs kann kein ausführliches Porträt über einen Menschen sein, über den schon eine Vielzahl an Büchern und sonstigen Dokumentationen erschienen sind, aber die genaue Analyse seiner Film im Bezug zum Zeitkontext verrät nicht nur viel über seine Person, sondern auch die Menschen, die ihn für seine Rollen liebten. Fast alle Publikationen über Heinz Rühmann haben gemein, dass sie vor allem ihre Begeisterung für diesen einmaligen Charakterdarsteller weiter tragen, nur wenige hinterfragen seine Rolle während der nationalsozialistischen Diktatur, deren Bewertung letztlich zu keinem eindeutigen Ergebnis führen kann. Die Komplexität dieser Situation lässt sich nicht allein an Hand von Fakten klären.

Für den Blog „Grün ist die Heide“ sind die Filme mit Heinz Rühmann ein wichtiger Gradmesser, quasi die Richtschnur, an der sich der deutsche bzw. der westdeutsche Film Jahrzehnte entlang schlängelte. Denn obwohl seine Filme fast ausschließlich dem Komödienfach zugeordnet werden – nicht immer zu recht – weisen sie eine große Nähe zur Realität auf, da Heinz Rühmann ein Gespür für den Durchschnittsbürger hatte. Seine Paraderolle blieb über Jahrzehnte der „einfache Mann aus dem Volk“, der sich mit den Widrigkeiten des Alltags herumschlagen musste, was er besonders in den 50er und 60er Jahren zu Kommentaren zu den gesellschaftlichen Entwicklungen nutzte, denen er mit einer gewissen Skepsis begegnete. Seine Haltung war eindeutig konservativ, womit er den meisten Kinobesuchern aus dem Herzen gesprochen haben dürfte, gleichzeitig aber auch tolerant und um einen vermittelnden Gestus bemüht – Rühmann wollte nicht bestimmen, er wollte überzeugen.

Aus heutiger Sicht wirken seine späten Film, in denen er unmittelbar auf die Jugend einwirkte, wie in „Der Pauker“ (1958), „Der Jugendrichter“ (1960) oder in seiner letzten Rolle als „kleiner Mann“ „Max, der Taschendieb“ (1962) sehr altmodisch, da sie noch ganz dem konservativen Wertesystem verpflichtet waren. Die Rollen von Männern, Frauen und dem hoffnungsvollen Nachwuchs waren klar geregelt, Verstöße dagegen galten als vorübergehende modische Erscheinung - sicherlich damals ein wichtiger Grund für den Erfolg dieser Filme. Doch auch seine Rollen veränderten sich im Lauf der 60er Jahre. 1965 wirkte er in seiner einzigen Hollywood-Produktion „Das Narrenschiff“ (Ship of fools) von Stanley Kramer mit, in der er einen Juden spielte, den 1933 das Heimweh wieder nach Deutschland zurück treibt, und mit seinem letzten Kinofilm in den 60er Jahren „Die Ente kommt um halb 8“ (1968) war er endgültig in der Gegenwart angekommen, auch wenn Heinz Rühmann sich letztlich immer treu blieb.


Heinz Rühmann - seine Kinofilme 1930 bis 1970:

1. Die frühen Jahre des Tonfilms 1930 - 1935:

Nachdem Heinz Rühmann in den zwei gemeinsam mit Lilian Harvey und Willy Fritsch gedrehten Filmen "Die Drei von der Tankstelle" und "Einbrecher" der Durchbruch gelungen war, begannen für ihn fruchtbare Jahre als Filmschauspieler. Abgesehen von "Bomben auf Monte Carlo" (1931), in dem er an der Seite von Hans Albers spielte, war er in den folgenden vier Jahren in 21 Filmen als alleiniger Hauptdarsteller besetzt. Diese nur der Unterhaltung dienenden Komödien wurden fast alle nach ähnlichem Strickmuster abgedreht und sind heute größtenteils unbekannt. Selbst die erste Verfilmung des Heinrich Spoerl Romans "Die Feuerzangenbowle" unter dem Titel "So ein Flegel" (1934) fiel nicht weiter ins Gewicht, so stark war die Romanvorlage verändert worden. Die Machtergreifung der NSDAP, Anfang 1933, wirkte sich noch nicht auf die Filminhalte aus - thematisch wurden keine Veränderungen auffällig. 

"Die Drei von der Tankstelle" (1930)
"Einbrecher" (1930)
"Der Mann, der seinen Mörder sucht" (1931)
"Bomben auf Monte Carlo" (1931)
"Meine Frau, die Hochstaplerin" (1931)
"Der brave Sünder" (1931)
"Der Stolz der dritten Kompanie" (1932)
"Man braucht kein Geld" (1932)
"Es wird schon wieder besser" (1932)
"Strich durch die Rechnung" (1932)
"Ich und die Kaiserin" (1933)
"Lachende Erben" (1933)
"Heimkehr ins Glück" (1933)
"Es gibt nur eine Liebe" (1933)
"Drei blaue Jungs, ein blondes Mädel" (1933)
"Die Finanzen des Großherzogs" (1934)
"Pipin, der Kurze" (1934)
"Ein Walzer für dich" (1934)
"Heinz im Mond" (1934)
"Frasquita" (1934)
"Der Himmel auf Erden" (1935)
"Wer wagt - gewinnt!" (1935)


2. Nationalsozialismus und Kriegsjahre 1936 - 1945:

Die folgenden Jahre wurden zunächst noch vom regelmäßigen Output leichter Filmunterhaltung geprägt, aber zunehmend nahm die Frequenz der Neuerscheinungen ab, bedingt durch eine aufwändigere Inszenierung, individuellere Drehbücher und nicht zuletzt Heinz Rühmanns wachsendem Einfluss. Nicht nur, dass er 1938 in „Lauter Lügen“ erstmals Regie führte, auch intensivierte sich die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Heinrich Spoerl, der selbst das Drehbuch zu „Wenn wir alle Engel wären“ schrieb, während er an seiner Romanverfilmung „So ein Flegel“ noch kein Mitspracherecht hatte. „Der Gasmann“ (1941) wurde für Rühmann und Spoerl ein weiteres gemeinsames Projekt, bevor es 1944 zu der kongenialen Verfilmung „Die Feuerzangenbowle“ kam, die Heinz Rühmann zu einem Zeitpunkt, als der fortgeschrittene Krieg nur noch wenige Kinoproduktionen zuließ, mit einem gewachsenen Stamm an Mitarbeitern und Kollegen umsetzte. Auch Regisseur Kurt Hoffmann wurde von Rühmann 1939 erstmals in „Paradies der Junggesellen“ besetzt, der dann die Regie in „Quax, der Bruchpilot“ (1941), einer weiteren Herzensangelegenheit des passionierten Piloten Heinz Rühmann, übernehmen durfte. 

Trotz Rühmanns zunehmender Eigenständigkeit, die einige seiner bekanntesten und besten Filme ermöglichte, konnte er sich den Forderungen des Innen-Ministeriums nicht verweigern, auch wenn seine unmittelbare Beteiligung an Propaganda-Filmen auf eine Nebenrolle in "Wunschkonzert" (1940) und einen sehr kurzen Gastauftritt in „Fronttheater“ (1942) beschränkt blieb. Nicht nur in „Der Gasmann“ und „Quax, der Bruchpilot“, sogar in einem thematisch völlig unabhängigen Sujet wie „Die Feuerzangenbowle“  lassen sich die Einflüsse der nationalsozialistischen Propaganda feststellen.


"Ungeküsst soll man nicht schlafen geh'n" (1936)
"Allotria" (1936)
"Wenn wir alle Engel wären" (1936)
"Lumpacivagabundus" (1936)
"Der Mann, von dem man spricht" (1937)
"Der Mann, der Sherlock Holmes war" (1937)
"Der Mustergatte" (1937)
"Die Umwege des schönen Karl" (1937)
"Fünf Millionen suchen einen Erben" (1938)
"13 Stühle" (1938)
"Nanu, Sie kennen Korff noch nicht?" (1938)
"Der Florentiner Hut" (1939)
"Paradies der Junggesellen" (1939)
"Hurra, ich bin Papa!" (1939)
"Kleider machen Leute" (1940)
"Wunschkonzert" (1940 - Nebenrolle)
"Der Gasmann" (1940)
"Hauptsache glücklich!" (1941)
"Quax, der Bruchpilot" (1941)
"Fronttheater" (1942 - nur eine kurze Gastrolle)
"Ich vertrau dir meine Frau an" (1943)
"Die Feuerzangenbowle" (1944)
"Quax in Afrika" (1945 - erst nach dem Krieg aufgeführt)
"Sag die Wahrheit" (1945 - nicht fertiggestellt) 



3. Die Nachkriegsjahre 1946 - 1953:

Obwohl Heinz Rühmann sofort nach dem Krieg wieder als Schauspieler arbeiten durfte, erhielt er keine Möglichkeit dazu, da die Filmindustrie in den westlichen Besatzungszonen komplett zusammen gebrochen war. In Konsequenz daraus, gründete er seine eigene Produktionsgesellschaft, die zwischen 1948 und 1950 zehn Filme herausbrachte, in denen er einmal Regie führte („Die kupferne Hochzeit“,1948) und dreimal in der Hauptrolle auftrat. Auch einen der ersten Kriegsheimkehrer-Filme, „Berliner Ballade“ (1948) mit Gert Fröbe als „Otto Normalverbraucher“, produzierte seine Firma. Die teilweise satirisch angelegten Filme („Der Herr vom andern Stern“ 1948) hatten keinen Erfolg, weshalb Rühmanns Firma 1950 Pleite ging und er mehrere Jahre auf sein erstes Engagement als Schauspieler warten musste. Mit „Keine Angst vor großen Tieren“ kehrte 1953 der Erfolg zurück, den er mit „Briefträger Müller“, seiner letzten und zudem einzigen Regiearbeit, in der er selbst mitspielte, im selben Jahr festigte.


"Der Herr vom anderen Stern" (1948)
"Das Geheimnis der roten Katze" (1948)
"Ich mach dich glücklich" (1949)
"Das kann Jedem passieren" (1952)
"Schäm dich, Brigitte!" (1953)
"Keine Angst vor großen Tieren" (1953)
"Briefträger Müller" (1953)



4. Die zweite Hochphase 1954 - 1962:

In den 50er Jahren konnte Heinz Rühmann seine nach dem Krieg verloren gegangene Reputation als Schauspieler wieder zurückgewinnen, besonders mit seinen Rollen in der Verfilmung von Zuckmayers Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“ (1958), der ihm große Anerkennung als Charakterdarsteller einbrachte, und als Kommissar Matthäi in dem Drama „Es geschah am helllichten Tag“ (1958) nach dem Drehbuch von Friedrich Dürrenmatt. Auch die souveräne Verkörperung des Pater Brown in zwei Verfilmungen der Kriminalromane („Das schwarze Schaf“ (1960) und „Er kann’s nicht lassen“ (1962)) steigerte seine Popularität. Parallel spielte er einige Rollen, die ihm die Möglichkeit gaben, auf die gesellschaftspolitischen Veränderungen in der Bundesrepublik zu reagieren (unter anderen „Ein Mann geht durch die Wand“ 1959) und 1962 trat er in „Max, der Taschendieb“ ein letztes Mal als „kleiner Mann aus dem Volke“ auf, der weiß, wo er hin gehört. 

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" (1954)
"Zwischenlandung in Paris" (Escale à Orly, 1954 - Nebenrolle)
"Wenn der Vater mit dem Sohne" (1955)
"Charlies Tante" (1956)
"Der Hauptmannn von Köpenick" (1956)
"Das Sonntagskind" (1956)
"Vater sein dagegen sehr" (1957)
"Es geschah am hellichten Tage" (1958)
"Der Mann, der nicht nein sagen konnte" (1958)
"Der Pauker" (1958)
"Der eiserne Gustav" (1958)
"Menschen im Hotel" (1959)
"Ein Mann geht durch die Wand" (1959)
"Der Jugendrichter" (1960)
"Der Schulfreund" (1960)
"Der brave Soldat Schwejk" (1960)
"Das schwarze Schaf" (1960)
"Der Lügner" (1961)
"Er kann's nicht lassen" (1962)
"Max, der Taschendieb" (1962)

5. Die 60er Jahre 1963 - 1970:

Nach 1970 sollte Heinz Rühmann nur noch in fünf Kinofilmen mitwirken, weshalb die 60er Jahre schon als Übergangsphase zu seinem verstärkten Engagement beim deutschen Fernsehen anzusehen sind. Zudem verkörperte er keine typischen Rühmann-Rollen mehr, sondern übernahm in drei Remakes der Curt Goetz-Filme „Das Haus in Montevideo“ (1963), „Dr.med. Prätorius“ (1965) und „Hokuspokus“ (1966) die Rolle des inzwischen verstorbenen Curt Götz, und spielte in mehreren internationalen Produktionen mit. Sein letzter Film des Jahrzehnts „Die Ente kommt um halb 8“ reagierte mit seinem absurd, surrealen Charakter zwar auf die Gegenwart, aber Heinz Rühmann wurde nicht mehr Teil des aufkommenden „Neuen deutschen Films“. Erst 1993 drehte er seine letzte Rolle in Wim Wenders „In weiter Ferne so nah“.

"Meine Tochter und ich" (1963)
"Das Haus in Montevideo" (1963)
"Vorsicht, Mr.Dodd!" (1964)
"Dr. med. Hiob Prätorius" (1965)
"Das Liebeskarussell" (1965)
"Das Narrenschiff" (Ship of fools, USA1965 - Nebenrolle)
"Geld oder Leben" (Le bourse et la vie, 1966 - mit Fernandel)
"Grieche sucht Griechin" (1966)
"Hokuspokus" (1966)
"Maigret und sein größter Fall" (1966)
"Die Abenteuer des Kardinal Brown" (Operazione San Pietro, 1968)
"Die Ente kommt um halb 8" (1968)