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Samstag, 19. April 2014

Der Arzt von St. Pauli (1968) Rolf Olsen

Inhalt: Dr. Jan Diffring (Curd Jürgens) praktiziert als Arzt an der Reeperbahn und besitzt das volle Vertrauen der hier arbeitenden und lebenden Menschen. Niemals würde er der Polizei Informationen geben und wegsehen, wenn sich Jemand in Not befindet. Als er in den frühen Morgenstunden mit seiner Arzttasche auf der Reeperbahn unterwegs ist, kommt er einer jungen Frau zu Hilfe, die von ein paar Männern zusammen geschlagen wird.

Er ahnt nicht, dass dieser Überfall im Zusammenhang mit Sex-Partys steht, die für eine Klientel reicher Geschäftsmänner veranstaltet wird und an der sein Bruder Klaus (Horst Naumann) beteiligt ist. Obwohl dieser als Gynäkologe in einem wohl situierten Hamburger Stadtteil arbeitet, hat er hohe Schulden und ist gezwungen, reiche verheiratete Damen, die bei ihm eine ungewollte Schwangerschaft beseitigen lassen wollen, für diese Partys gefügig zu machen. Unfreiwilligen Kontakt zu diesen Vorkommnissen erhält Jan Diffring, als sich der Seemann Hein (Fritz Wepper) an ihn wendet, um Informationen über seine Verlobte Margot (Christiane Rücker) zu erhalten, die nach seiner Rückkehr verschwunden ist. Er weiß nicht, dass Margot kräftig bei den Partys mitmischt…


Die Faszination des am Hamburger Überseehafen gelegenen Stadtteils St. Pauli als modernem Sündenbabel entstand aus dessen extremen Kontrast zum konservativen, stark regulierten Bürgertum in Deutschland. St. Pauli, genauer die Reeperbahn, wurde zum Synonym für den ausschweifenden Umgang mit Sex, Alkohol, Drogen und Gewalt und symbolisierte gleichzeitig Abgrund, Freiheit und Widerstand. Dieser Hintergrund ermöglichte Helmut Käutner in die "Große Freiheit Nr.7" (1944) eine authentische Geschichte von Menschen zu erzählen, die nicht nach den Vorstellungen der damaligen Machthaber handelten. Selbst harmlose Unterhaltungsfilme wie das späte Heinz Rühmann / Hans Albers -Vehikel "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" (1954) erhielten dadurch noch ein wenig Tragik und Realitätsbezug.

Auch international besaß St. Pauli den Ruf eines Ortes der Extreme. In "La fille de Hambourg" (Das Mädchen aus Hamburg, 1958) - nach dem ersten Drehbuch des Erotik-Pioniers José Bénazéraf - arbeitet die Protagonistin auf der „sündigen Meile“ und für Francesco Rosi war diese so glitzernde, wie unberechenbare Welt der geeignete Ausgangspunkt für sein Gastarbeiter-Drama "I magliari" (Auf St. Pauli ist die Hölle los, 1959). Parallel schuf der gebürtige Hamburger Jürgen Roland mit seinen in einem dokumentarischen Stil gehaltenen Kriminalfilmen ein realistisches Bild des Lebens an den Landungsbrücken. Mit der nach einem Drehbuch Wolfgang Menges entstandenen Fernsehserie "Stahlnetz" (ab 1958), dem exemplarischen "Polizeirevier Davidswache" (1964) und "4 Schlüssel" (1965) bereitete er den Boden für einen Mitte der 60er Jahre eintretenden St.Pauli-Trend. Die dort vorhandene untrennbare Einheit aus "Sex and Crime" erwies sich im Film als ideal für Tabubrüche im aufkommenden Erotik- und Exploitation-Genre.

Entsprechend ließ José Bénazéraf seinen einzigen deutschen Film "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" (1967) vor der Hamburger Kulisse spielen und der österreichische Regisseur Rolf Olsen drehte nach "Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn" (1967) noch fünf weitere St. Pauli-Filme bis zu "Käpt'n Rauhbein aus St. Pauli" (1971), die jeweils auf Basis eines selbst verfassten Drehbuchs entstanden. "Der Arzt von St. Pauli" folgte 1968 zwar als zweiter Film, steht aber für den eigentlichen Beginn der "Serie", da Curd Jürgens ab diesem jeweils die Hauptrolle übernahm. Neben Jürgens gehörten Heinz Reincke (5mal) als einfacher Kerl aus dem Milieu mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, und Fritz Wepper (3mal) als junger, manchmal über die Strenge schlagender, aber grundanständiger Love-Interest für wechselnde hübsche Damen zum festen Bestandteil des Casts. Von den weiblichen Darstellern durfte einzig Christiane Rücker - seit "Die Liebesquelle" (1965) für ihre freizügigen Rollen bekannt – zweimal ihren Körper demonstrieren.

Diese Voraussetzungen lassen schon das Grundgerüst des Olsenschen „St. Pauli – Panoptikums“ erkennen, das vom Überleben an einem Ort erzählt, der ständige Versuchungen bereithält – und damit gleichzeitig locken und abschrecken wollte. „Der Arzt von St. Pauli“ funktioniert in dieser Hinsicht beispielhaft, denn er erzählt die Geschichte eines gegensätzlichen Brüderpaars, beide Mitte 50, die die jeweilige Seite repräsentieren. Während Dr. Jan Diffring (Curd Jürgens) direkt an der Reeperbahn praktiziert und sich auch unentgeltlich der Prostituierten und Alkoholkranken annimmt, residiert sein Bruder (Horst Naumann) als Gynäkologe in einem mondänen Hamburger Stadtteil. Olsen scheute keine gängigen Klischees in der Gegenüberstellung eines engagierten Arztes und eines reichen, hoch verschuldeten Schnösels, der gut aussehende Damen aus reichem Hause, die sich zwecks einer Abtreibung an ihn wenden, gegen Bezahlung für Partys unter Geschäftskollegen sexuell gefügig macht. Die moralische Dimension lag klar auf der Hand - hier die einfachen, trotz ihrer zwielichtigen Profession als Prostituierte, Boxer oder Bar-Keeper, grundanständigen Menschen, dort die nach außen moralischen Anstand verkörpernden Großbürger, die Andere für ihre Vergnügungssucht ausbeuten - eine explosive Mischung, die Olsen, begleitet von erotischen Einlagen, zu ordentlichen Gewaltexzessen nutzte.

Hinsichtlich der einzelnen Charakterisierungen blieben einige Fragen offen, so lange sich die Protagonisten wie Rädchen in das Geschehen fügten. Die von Christiane Rücker gespielte Margot arbeitet als Animier-Mädchen bei den Partys der besseren Herren, verfolgt aber eigene Ziele, in dem sie die unter Drogen gesetzten Damen mit Fotos erpresst. Für die Organisatoren ein Ärgernis, das sich als tödlich für Margot herausstellt. Als ihr Mörder gerät der gerade in seinem Heimathafen eingetroffene Seemann Hein (Fritz Wepper) in Verdacht, der seit zwei Jahren mit ihr verlobt war und wenig begeistert darauf reagiert, dass sie plötzlich mit einem anderen Mann zusammenlebt und keine Lust mehr auf bescheidene Lebensverhältnisse hat. Wie es zu ihrer rigorosen Veränderung kommen konnte, lässt der Film ebenso offen, wie die Vergangenheit der beiden so unterschiedlichen Ärzte-Brüder. Jan Diffring erwähnt, dass es schon einmal zehn Jahre gedauert hätte, bis der Staat begriffen hätte, dass er nur seine Pflicht getan hätte (wie jetzt seine Pflicht als Mensch und Arzt). Das weist zumindest auf einen Bruch in seinem Lebenslauf hin, ohne die Zusammenhänge näher zu erläutern.

Trotz des Molochs aus Sex und Gewalt, den Rolf Olsen abwechslungsreich und spektakulär vor seinem Publikum ausbreitete, wurden gewisse Konzessionen eingehalten. Dieter Borsche spielt einen verständnisvollen, tief im Milieu verwurzelten Pfarrer, der immer ein Auge auf seine schwarzen Schäfchen hat - eine Rolle die er in „Der Pfarrer von St. Pauli“ nochmals interpretierte – und sowohl Seemann Hein bekommt zum Schluss ein anständiges Mädchen (Marianne Hoffmann) als Verlobte an die Seite gestellt, als auch Boxer Willi (Heinz Reincke) darf in den Hafen der Ehe mit einer Prostituierten einfahren. Trotzdem blieb Olsen dem St. Pauli - Image treu und vermied weitere Annäherungen an bürgerliche Positionen, wobei er neben dem lokalen Hintergrund vor allem vom Spiel Curd Jürgens profitierte, dem es gelang, die Rolle des Arztes zwischen Fatalismus und bärbeißigem Samaritertum anzusiedeln.

"Der Arzt von St. Pauli" Deutschland 1968, Regie: Rolf Olsen, Drehbuch: Rolf Olsen, Darsteller : Curd Jürgens, Horst Naumann, Heinz Reincke, Fritz Wepper, Christiane Rücker, Dieter Borsche, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Olsen:

Donnerstag, 11. Juli 2013

Die toten Augen von London (1961) Alfred Vohrer

Inhalt: Erneut wird eine Leiche in der Themse gefunden, die keinerlei Gewaltspuren aufweist, weshalb die Polizei von „Tod durch Ertrinken“ ausgehen muss. Nur Inspector Holt (Joachim Fuchsberger) glaubt nicht an ein Unglück, da es sich jedes Mal um reiche ältere Herren aus Übersee handelte, die keine Verwandten mehr haben, dafür ihr Leben aber bei der selben Gesellschaft versichert hatten. Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), der Chef des Unternehmens, wirkt nicht nur seriös, sondern zeigt sich auch ehrlich betroffen. Inspector Holt ahnt nicht, dass Judd von „Flimmer-Fred“ (Harry Wüstenhagen) erpresst wird, wundert sich aber über dessen Umgang – auch sein Sekretär Edgar Strauss (Klaus Kinski) ist ein alter Bekannter der Polizei.

Um einen Zettel mit Blindenschrift entziffern zu können, die sie bei einer der Leichen gefunden haben, holt sich die Polizei Nora Ward (Karin Baal) zur Hilfe, die als ehemalige Blinden-Betreuerin dazu in der Lage ist. Inspector Long glaubt, dass die „Bande der blinden Hausierer“ unter der Leitung des „Blinden Jack“ (Ady Berber) wieder aktiv ist, den er im Blindenheim vermutet. Doch Reverend Dearborn (Dieter Borsche), der das Heim seit einiger Zeit leitet, hat Jack schon länger nicht mehr gesehen…


Der fünfte von der Rialto produzierte Edgar-Wallace-Film brachte einige Neuerungen, die zu einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen der inzwischen etablierten Reihe führen sollten. Erstmals unterbrach mit Alfred Vohrer ein neuer Regisseur die bisher alternierende Besetzung von Harald Reinl und Jürgen Roland. Roland hatte mit seiner ironischen Umsetzung des vierten Wallace-Streifens "Der grüne Bogenschütze" (1961) seinen Abschied genommen und Reinl, der normalerweise an der Reihe gewesen wäre, kam erst wieder beim siebten Wallace-Film "Der Fälscher von London" (1961) zum Zuge, da das Drehbuch zum geplanten "Das Geheimnis der gelben Narzissen" (1961) - der dann als sechster Film herauskam - noch überarbeitet werden musste.

Neben Alfred Vohrer traten weitere Akteure ins Rampenlicht, die prägend für die Wallace-Reihe werden sollten, allen voran Klaus Kinski, der hier in der Rolle des Sekretärs eines Versicherungsunternehmens noch einen für seine Verhältnisse gemäßigten Charakter spielte. Abgesehen von seinem Auftritt in der weniger bekannten Wallace-Verfilmung "Der Rächer" (1960), die nicht von der Rialto produziert wurde, steht  "Die toten Augen von London" für den Beginn eines nervösen, zum Irrsinn neigenden Verbrecher -Typus, auf den Klaus Kinski noch in vielen weiteren Genre-Filmen festgelegt sein sollte. Auch Dieter Borsche und Karin Baal als "Love-Interest" von Joachim Fuchsberger - immerhin schon zum dritten Mal in der männlichen Hauptrolle besetzt - traten erstmals in einem Wallace-Film auf, blieben aber seltene Gäste der Reihe. Dagegen begann hier der ehemalige österreichische Freistilringer Ady Berber seine Karriere als "Monster vom Dienst", die ihm bis zu seinem frühen Tod 1966 noch einige Rollen in diversen Kriminalfilmen, darunter zwei weiteren Wallace-Streifen („Das indische Halstuch“, 1963), einbringen sollte.

Das Drehbuch zu "Die toten Augen von London" übernahm ein alter Bekannter, denn mit Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen auftretend - setzte wieder der schon für die ersten beiden Wallace-Filme verantwortliche Autor die 1924 erschienene Romanvorlage "The dark eyes of London" in ein filmisches Konzept um. Entsprechend konservativ und deutlich ernsthafter als "Der grüne Bogenschütze" näherte sich Alfred Vohrer seinem ersten Wallace-Film und setzte dabei verstärkt auf die typischen Merkmale der Reihe. Nebelschwaden, starker Kontrast der Schwarz-Weiß Bilder (im Vorspann wurde erstmals Farbe eingesetzt) und beliebte Orte wie dunkle Hafengegenden, verwinkelte Gassen oder anrüchige Nacht-Clubs bildeten den Hintergrund für eine klassische Story, in der es an Leichen nicht mangeln durfte. Selbst der obligatorisch besetzte Eddie Arent als Sgt. „Sunny“ Harvey wurde entgegen seinen beiden letzten Auftritten wieder deutlich zurückgefahren und gibt einen ernsthaften Polizeibeamten mit kleinen Schrullen.

Opfer werden reiche, ältere Herren aus Übersee, die über keine weitere Verwandtschaft verfügen, aber hohe Versicherungen auf ihr Leben abgeschlossen haben  – zwar gelten sie offiziell als ertrunken, aber ihr doch sehr präzises Profil lässt auf eine perfide Planung schließen. Inspector Larry Holt (Joachim Fuchsberger) begreift schnell, dass die Männer ermordet wurden, kann seinen Verdacht aber nicht beweisen. Eine Spur führt zu der Greenwich-Versicherung, bei der alle Toten ihr Leben abgesichert hatten, aber Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), Rechtsanwalt und Chef des Unternehmens, dessen Bruder und Partner vor kurzem verstorben war, wirkt seriös und ist zudem Leidtragender der überraschenden Sterbefälle, da er gezwungen ist, die Versicherungssummen auszuzahlen. Bewegung kommt in die Angelegenheit als mit Gordon Stewart ein Mann in der Themse aufgefunden wird, der sein Erbe noch zuvor seiner Tochter vermacht hatte, die aber bei der Geburt gestorben sein soll, was nicht nur den Tätern zusätzliche Schwierigkeiten bereitet.

Trotz vieler undurchsichtiger Vorgänge und Nebenfiguren, gelang es Alfred Vohrer den Überblick zu bewahren, weshalb die Story nachvollziehbar bleibt, auch wenn die Zufälle sich wie gewohnt häufen. Selbst hinter Nora Ward (Karin Baal) - ursprünglich dem Inspector nur zur Seite gestellt, um die Zettel mit Blindenschrift zu entziffern, die den Leichen zugesteckt wurden und ihn auf die Spur des von Reverend Dearborn (Dieter Borsche) geleiteten Blindenheims bringen - verbirgt sich noch ein typisches Wallace-Geheimnis. Weniger geheimnisvoll entwickelte sich hingegen die Liebesgeschichte zwischen Nora und dem Inspector, der auf seine Macho-Allüren zwar größtenteils verzichtete, an Noras zukünftiger Rolle als Ehefrau und Mutter aber keinen Zweifel ließ – so viele Leichen auch die Themse herunter schwimmen, die moralische Ordnung blieb gewahrt.

Alfred Vohrer gelang mit „Die toten Augen von London“ ein großer Erfolg, der ihn zum wichtigsten und meist beschäftigten Regisseur der Reihe werden ließ. Er nahm die wesentlichen Standards der Reihe, die Harald Reinl schon in „Der Frosch mit der Maske“ (1959) etabliert hatte, wieder auf, und entwickelte sie konsequent weiter, dabei weniger auf Humor, als auf eine ernsthafte Handlung setzend. Kombiniert mit den „Toten Augen“, mit denen der „Blinde Jack“ (Ady Berber) und Reverend Dearborn in die Kamera starren, entstand eine gruselige Atmosphäre, die die konventionelle Story vergessen ließ.

"Die toten Augen von London" Deutschland 1961, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Egon Eis, Wolfgang Lukschy, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Ida Ehre, Klaus Kinski, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Harry Wüstenhagen, Eddie Arent, Joseph Offenbach, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Schmutziger Engel" (1958)