Samstag, 25. April 2015

Mädchen hinter Gittern (1965) Rudolf Zehetgruber

Inhalt: Während sie die Reizwäsche ihrer Mitinsassinnen der Erziehungsanstalt von der Trockenleine holt, erzählt Uschi (Elke Aberle) der Neuen, was deren Besitzerinnen so alles auf dem Kerbholz haben – Prostitution, Stripteasetänzerin oder die Verkuppelung von Klassenkameradinnen an alte Männer. Nur bei Karin (Heidelinde Weis) zögert sie, denn deren Schuld ist nicht nur ein großes Geheimnis, sondern sie gilt als besonders schwieriger Fall, weshalb sie von der Heimleitung in einem Einzelzimmer eingesperrt wurde.

Deshalb wird sie auch nicht Zeuge der Ankunft des neuen Pfarrers (Harald Leipnitz), der mit frischen, neuen Ideen der weiblichen Jugend den rechten Weg weisen will und sogleich eine überzeugende Vorstellung seines Könnens gibt. Er greift zur Gitarre und veranlasst die Mädchen mit schmissigen Rhythmen zum gemeinsamen Singen. Dass er diese Stellung antrat, hatte er Karin zu verdanken, die seinen Vorgänger vergrault hatte. Und sie lässt keinen Zweifel daran, auch ihn möglichst schnell wieder loswerden zu wollen…


Mit "Mädchen hinter Gittern"  setzte die PIDAX am 24.03.2015 die Reihe der moralisch-pädagogisch geprägten Filme der Nachkriegszeit weiter fort. Erstmals auf DVD veröffentlicht brach der Film des im Heimatfilm-Genre groß gewordenen Regisseurs Rudolf Zehetgruber, der später mit seiner Filmreihe über den Wunder-Käfer "Dudu" bekannt werden sollte, schon in die Phalanx der frühen Erotikfilme ein und spiegelte die Übergangs-Phase zwischen Moral-Drama und Sex-Film Mitte der 60er Jahre stimmig wider (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit, noch vor der Konstituierung der beiden deutschen Staaten, entstanden erste Filme, die konkret an die Moral der Jugendlichen appellierten. Offensichtlich galt es einer möglichen Kriminalisierung innerhalb dieser unsicheren und noch wenig regulierten Phase entgegenzuwirken, denn Filme wie "Wege im Zwielicht" (1948) oder "Mädchen hinter Gittern" (1948) zeigten die Konsequenzen für die jugendlichen Straftäter auf, auch wenn die des Mordes verdächtigte Hauptdarstellerin in "Mädchen hinter Gittern" am Ende rehabilitiert wird. Ab Mitte der 50er Jahre wurden diese pädagogisch motivierten "Moral-Filme" zu einem festen Bestandteil der Kinolandschaft ("Die Halbstarken" (1956)), mit der die Produzenten auf die sozialen Veränderungen in den 50er Jahren reagierten, gleichzeitig aber auch die Sensationslust der Zuschauer befriedigten. Getarnt als Warnung vor dem moralischen Verfall war es möglich, tabuisierte Themen wie unehelicher Geschlechtsverkehr, Prostitution oder Homosexualität zu behandeln, selbst einzelne Nacktdarstellungen konnten die sehr konservative FSK auf diese Weise passieren ("Anders als du und ich (§175)", 1957).

Die Reihe dieser die unaufhaltbare Modernisierung der Gesellschaft widerspiegelnden Dramen („…und sowas nennt sich Leben“, 1961) setzte sich bis zum Sex-Film der späten 60er Jahre konsequent fort. Missachtet von der seriösen Kritik, traf ihr verruchter, oft spekulativer Charakter zwar den Geschmack des Publikums, gerieten sie auf Grund ihrer Zeitgeist-Nähe aber schnell in Vergessenheit. Das galt auch für den 1965 entstandenen „Mädchen hinter Gittern“, der nicht zufällig den Titel des ebenfalls von Arthur Brauner produzierten 48er-Films zitierte. Regisseur Rudolf Zehetgruber schrieb zwar ein eigenes Drehbuch, orientierte sich in der Grundanlage einer wegen Mordverdachts inhaftierten Jugendlichen aber an dem Nachkriegsfilm und passte die Thematik an die wesentlich freizügigeren 60er Jahre an. Er schuf damit ein Werk, das genau zwischen Moral- und Sex-Film angesiedelt war und exemplarisch für diese Übergangsphase steht.

Betrachtet man den Werdegang des Regisseurs, überrascht vordergründig dessen Wahl eines solchen Filmstoffs - ein Eindruck, der täuscht. In den Anfängen seiner Karriere als Regie-Assistent stand der Wiener Zehetgruber dem Heimatfilm sehr nahe, dessen moralischer Auftrag nur ein volkstümliches Äußeres wählte. Besonders in der Spätphase des Genres, Ende der 50er Jahre, wurde die Trennlinie zwischen Heimat- und Moralfilm immer schmaler. In „Der Priester und das Mädchen“ (1958) unter der Regie Gustav Ucickys, dem Zehetgruber assistierte, spielten die schöne Landschaft und das dörfliche Umfeld nur noch eine Nebenrolle in einer Beziehungsgeschichte zwischen junger Frau, ihrem Verlobten und einem Priester. Das Drehbuch über die Fragilität des Zölibats verfasste Werner P. Zibaso, der später zu den aktivsten Autoren im Erotik-Film gehörte („Madame und ihre Nichte“, 1969). Selbst Regie führte Zehetgruber erstmals in einem Heimatfilm-Schwank mit dem vielsagenden Titel „Das Dorf ohne Moral“ (1960), bevor er sich intensiv dem Kriminalfilm widmete („Die schwarze Kobra“, 1963), der in Folge des Edgar-Wallace-Hypes exploitive Elemente auf der Kinoleinwand gesellschaftsfähig machte und ebenfalls zu einem Wegbereiter des Sex-Films wurde.

Ideale Voraussetzungen für „Mädchen hinter Gittern“, der kaum noch verklausuliert zwischen moralischem Zeigefinger und voyeuristischen Einblicken wechselte. Zwar spielt die Story in einer geschlossenen Besserungsanstalt für straffällig gewordene weibliche Jugendliche, aber trotz des manchmal strengen Blicks der Heimleiterin (Adelheid Seeck) erinnert der Charakter der Einrichtung mehr an eine Jugendherberge als eine staatliche Anstalt. Entsprechend klingt die Aufzählung der Straftaten durch die knuffige Uschi (Elke Aberle), für die die Mädchen „einsitzen“ müssen – Nymphomanie, Prostitution, Kuppelei - mehr nach Ritterschlag als Sozialdrama. Das gab Zehetgruber gleich zu Beginn die Möglichkeit, an Hand einer fröhlichen Duschszene wippende Brüste einzufangen. Auch der erste Auftritt von Harald Leipniz als neuem Fürsorge-Priester Johannes gerät zur Pop-Veranstaltung. Zuerst noch gelangweilt „Lang, lang ist’s her“ vor sich hin brummend, genügen ein paar Gitarren-Riffs durch den „modern denkenden“ Geistlichen, um bei den jungen Damen Tanzbuden-Feeling zu verbreiten. Widerstand, Frust, Perspektivlosigkeit? – Fehlanzeige.

Denn dafür ist allein Heidelinde Weis in ihrer Rolle als Karin zuständig. Ein besonders schwerer Fall, weshalb sie in einer Art Einzelzelle eingesperrt ist. Berührungspunkte zwischen ihrem dramatischen Schicksal und dem sonstigen Lagerleben gibt es fast nur über die allgegenwärtige Uschi, weshalb die damals schon bekannte Heidelinde Weis in keiner der Gemeinschafts-Nacktszenen mitwirkte. Auch Uschi-Darstellerin Elke Aberle wurde offensichtlich für keine der freizügigen Rollen gecastet, weshalb sie meist dann noch hochgeschlossen herumläuft, wenn ihre Mitinsassinnen längst ihre lästige Anstaltsuniform abgelegt haben. Begründet wird das mit ihrer komischen Art, kann aber nicht kaschieren, wie widersprüchlich Zehetgruber seine erzählerische Anlage entwickelte. Während er in der Rahmenhandlung die Erwartungen an einen Film über „leichte“ Mädchen erfüllte, sind es ausgerechnet erotische Aufnahmen, die Karin ins Unglück stürzten. Der gewissenlose Fotograf Frank Albin (Harry Riebauer) hatte zuerst ihre Mutter (Helga Marlo) erpresst und dadurch den Freitod ihres Vaters verursacht, bevor er auch Karin mit Marihuana süchtig machte und ebenfalls in kompromittierenden Posen fotografierte.

Dass Niemand durch ein paar Züge an einer Haschisch-Zigarette drogenabhängig und willenlos wird, hatte sich Mitte der 60er Jahre bestimmt auch bis zu Zehetgruber herumgesprochen. Offensichtlich sollte die Warnung vor Drogen möglichst eindrucksvoll erfolgen, weshalb Heidelinde Weis hier alle Register eines „kalten Entzugs“ zog, den ihr Pfarrer Johannes spontan verordnete, nachdem ihm klar wurde, weshalb die liebe Karin so renitent auftrat. Darüber ließe sich hinwegsehen, hätte es der Film gewagt, ihre Figur ein wenig zwiespältig zu belassen. Stattdessen erweist sie sich als reine Unschuld. Nicht nur, dass sie ohne ihr Wissen abhängig gemacht wurde, auch der angeblich von ihr erschlagene Fotograf erfreut sich bester Gesundheit, wodurch sie am Ende vollständig rehabilitiert wird. Bleibt nur die Frage offen, warum sie dann überhaupt in dem Heim bleiben musste? – Wussten weder das Jugendgericht, noch ihre sorgende Mutter davon? – Die Antworten gaben die Regeln des „Moral“-Films. Deren Botschaft galt nicht den „gefallenen“ Mädchen, sondern einer noch unschuldigen weiblichen Jugend, um diese vor den Gefahren freizügiger Sexualität und Drogen zu bewahren. Karins Odyssee sollte aufzeigen, in welche Situation auch ein anständiges Mädchen geraten konnte.

Dass diese Warnung beim Publikum ankam, ist anzuzweifeln. Zu offensichtlich bediente Zehetgruber mit den komödiantischen Szenen um die vielen hübschen Anstaltsinsassinnen den männlichen Voyeurismus. „Mädchen hinter Gittern“ wurde in seiner widersprüchlichen Inszenierung ein Abbild der Übergangsphase Mitte der 60er Jahre – teils Erotik-Film, teils Drama voll rückständiger Moralvorstellungen. Unter diesem Gesichtspunkt ein sehenswerter und jederzeit amüsanter Einblick in damalige Denkmuster.

"Mädchen hinter Gittern" Deutschland 1965, Regie: Rudolf Zehetgruber, Drehbuch: Rudolf Zehetgruber, Darsteller : Heidelinde Weis, Harald Leipnitz, Elke Aberle, Harry Riebauer, Sabine Bethmann, Adelheid Seeck, Ursula Herking, Uta LevkaLaufzeit : 90 Minuten

Sonntag, 8. März 2015

...und sowas nennt sich Leben (1961) Géza von Radványi

Inhalt: Irene (Karin Baal) verbringt ihre Zeit meistens in einem angesagten Musik-Club, wo sie nicht nur den Chef Mario (Claus Wilcke), sondern auch die Musiker der jeden Abend aufspielenden Kapelle bestens kennt. Es ist kein Geheimnis, dass sie mit fast allen schon im Bett war, nur der Klavier-Student Martin (Michael Hinz), der sie liebt, wird von ihr zurückgewiesen. Außer sie braucht ein schickes Auto. Als sie ihr Freundin Britta (Elke Sommer) am Busbahnhof abholen will, ist Martin gerade Recht, um mit dem Cabriolet seines reichen Vaters (Wolfgang Lukschy) den Chauffeur spielen zu dürfen.

Für Irene ist der junge Mann ein Schwächling, was sie ihm erneut beweist, als es nach einem Streit zu einem Boxkampf zwischen ihm und dem kräftigen Bob (Karl-Otto Alberty) kommt. Sie verspricht Bob, mit ihm zu schlafen, wenn er absichtlich gegen Martin verliert. Eine Gelegenheit, die sich dieser nicht entgehen lässt und die Irene später Martin gegenüber zum Besten gibt. Doch sie merkt nicht, dass sie immer mehr an Rückhalt in ihrer Umgebung verliert…


"...und sowas nennt sich Leben"  wurde von der PIDAX am 27.01.2015 erstmals auf DVD veröffentlicht und gilt als später Vertreter des 50er Jahre Jugend-Dramas in Folge der durch "Die Halbstarken" 1956 los getretenen Welle. "...und sowas nennt sich Leben" entstand an der Schnittstelle zwischen den noch an Anstand und Moral appellierenden Filmen der späten 50er Jahre und der sich abzeichnenden zunehmenden Liberalisierung der 60er Jahre, die in Richtung Erotik-Film führte. Das macht den Film außergewöhnlich, der nicht mehr auf positive Vorbilder setzte, sondern das Bild einer rein an materialistischen Werten orientierten Gesellschaft entwarf, dass der Abschreckung dienen sollte - sicherlich einseitig und klischeehaft überzeichnet, aber im Detail näher an der Realität. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 









Die genetische Linie von "Die Halbstarken" (1956), dem ersten Film, der sich konkret mit den Auswirkungen der sozialen Veränderungen auf die Heranwachsenden in der Nachkriegszeit auseinandersetzte, zu "...und sowas nennt sich Leben" lässt sich leicht herstellen. Beide Filme wurden von Arthur Brauner produziert, Komponist Martin Böttcher zitierte seine eigene Filmmusik und populäre Jung-Schauspieler gaben sich in der Besetzungsliste ein Stelldichein, von denen einige schon Einsätze im moralisch-pädagogisch motivierten Film der späten 50er Jahre vorzuweisen hatten. Darunter Claus Wilcke ("Verbrechen nach Schulschluss" (1958)), Elke Sommer ("Am Tag als der Regen kam" (1959)) und besonders Karin Baal, die seit ihrer Hauptrolle an der Seite von Horst Buchholz in "Die Halbstarken" auf die Rolle gefährdeter junger Frauen ("Der Jugendrichter", 1960) festgelegt schien. Doch die vergangenen fünf Jahre waren auch an den Jugend-Dramen nicht spurlos vorüber gegangen. Die Modernisierung der Gesellschaft schritt so schnell voran, dass die in "Die Halbstarken" ausgesprochenen Warnungen aus Sicht des Jahres 1961 altmodisch wirken mussten.

Ob diese rasche Entwicklung Autor Willy Clever nach 10 Jahren ("Heidelberger Romanze" (1951)) noch ein letztes Mal dazu motivierte, ein Drehbuch zu verfassen, bleibt Spekulation, aber offensichtlich wollte er die ganz große Keule schwingen. Schon in der ersten Szene, in der eine junge Frau (Hannelore Elsner) nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus gefahren wird - später stellt sich heraus, dass sie die Sache nur eingefädelt hatte, um ein Auto zu erpressen - erwähnt der Krankenpfleger, sie wäre schon der vierte Fall an diesem Tag. Ein ebenso gewöhnlicher Vorgang in der Großstadt (die Handlung spielt in Frankfurt/Main, gedreht wurde in Berlin) wie die ausschließlich materiell motivierten Taten fast aller Beteiligten.

Was zählt ist ein schicker Wagen und die dicke Kohle, andere Kriterien werden weder bei der Partnerwahl, noch bei der Freizeitgestaltung berücksichtigt. Geldsorgen wie noch in „Die Halbstarken“ scheinen dagegen passé. Das Thema Beruf bleibt entsprechend Nebensache, sieht man von Britta (Elke Sommer) ab, die als Mannequin jobbt. Nur die Elterngeneration sorgt für das notwendige Kleingeld, macht aber auch keine gute Figur. Der Witwer Dr. Bernhard Dirks (Alfred Balthoff), Vater von Irene (Karin Baal), ist weltfremd und merkt nicht, was seine Tochter treibt, und Martins Vater, Bauunternehmer Berger (Wolfgang Lukschy), toppt noch die jungen Leute in Sachen Rücksichtslosigkeit - besonders hinsichtlich seines Frauenverschleißes.

So vielfältig diese Verflechtungen klingen, in „…und sowas nennt sich Leben“ geht es vor allem um Sex. Genauer um die Warnung an die weibliche Jugend vor der Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren. Wolfgang Lukschy gab zwar gewohnt überzeugend einen egoistischen Chauvinisten, aber keineswegs eine gescheiterte Figur. Im Gegenteil wirkt der erfolgreiche Bauunternehmer mit sich im Reinen, nur etwas genervt von seiner Ehefrau (Heli Finkenzeller) und dem aus seiner Sicht zu weichen Sohn Martin (Michael Hinz). Als er ihm zu verstehen gibt, dass für ihn eine Frau wie Irene, die mit jedem Kerl ins Bett geht, nicht in Frage käme – er selbst ließ sich auch einmal von ihr verführen – dann zeigt sich darin nicht nur seine eigene Doppelmoral, sondern die vorherrschende Meinung in der Gesellschaft. Nicht er steht in der Kritik, sondern die Frauen, die so dumm sind, sich auf einen wie ihn einzulassen. Sie müssen sich nicht wundern, dann als Huren zu gelten.

Für Irene kommt diese Erkenntnis sowieso zu spät. Die junge Frau gilt als Wanderpokal und merkt nicht, dass sich ihre scheinbare Macht über die Männer als Trugschluss erweist. Als sie schwanger wird, will Niemand der Vater sein (schön abgeklärt Karl-Otto Alberty in seiner ersten Rolle), nur der naive Martin bietet sich als Ehemann noch an. Das ändert sich, als er von seinem Vater die Wahrheit erfährt, weshalb sie gezwungen ist, zum aus ihrer Sicht letzten Überzeugungs-Mittel zu greifen. Dank Karin Baals ambivalenten Spiels ist Irene keine rein negative Figur, wird ihr innerer Zwiespalt zwischen Auflehnung und Sehnsucht nach Liebe ebenso spürbar, wie Martins Gefühle für sie verständlich. Leider ließ sich der Film nicht auf diese Komplexität ein, sondern verfiel immer wieder in Extreme – Irenes unmittelbare Stimmungswechsel zwischen sanftmütigem Einlenken und zornigem Wutausbruch wirken unglaubwürdig und sollten die Vorurteile gegenüber der promiskuitiven Frau offensichtlich noch betonen.

Obwohl abwechslungsreich von  Géza von Radványi inszeniert, geriet „…und sowas nennt sich Leben“ als einer der letzten Vertreter der 50er Jahre-Moral-Filme schnell in Vergessenheit - vielleicht weil er keine positive Alternative mehr anbot, sondern das pessimistische Bild einer materialistischen Nachkriegsgesellschaft zeichnete. Etwas, das den Film aus heutiger Sicht sehr interessant macht. Während „Die Frühreifen“ (1957) der im Film angeprangerten jugendlichen Dekadenz eine fleißige, moralisch ehrbare Jugend gegenüberstellte, existieren solche Charaktere hier nicht mehr. Weder ein engagierter Lehrer („Der Pauker“ (1958)) oder verständnisvoller Pfarrer („Alle Sünden dieser Erde“ (1958)) verirrte sich noch in ein Geschehen, dass die wenigen „Anständigen“ zu Verlierern werden ließ. Martins Charakter eines musisch veranlagten Muttersöhnchens eignete sich nicht als Identifikationsfigur, auch seine verzweifelte Moralpredigt am Ende im Musik-Club verfehlt ihre Wirkung. Und Heli Finkenzeller in der Rolle seiner Mutter, die in "Wegen Verführung Minderjähriger" (1960) noch unerschütterlich an der Seite ihres beschuldigten Ehemanns stand, lebt ausschließlich für ihren Sohn - nicht mehr in der Lage, sich ihrem sie schamlos betrügenden Mann entgegen zu stellen. Als Vorbild taugt auch sie nicht.

Diese einseitig zugespitzte Situation sollte wahrscheinlich als abschreckendes Beispiel dienen, kam der Realität im Detail aber näher, als die noch Idealismus predigenden Jugend-Dramen, die den von ihnen angeprangerten moralischen Verfall nur wenigen Außenseitern zuschoben, gleichzeitig aber die Neugierde eines großen Publikums befriedigten. Dass sie zu einem der Wegbereiter für den in den 60er Jahre aufkommenden Erotik-Film wurden, ist eine ironische Fußnote der Filmgeschichte. Erst der Deckmantel der moralischen Empörung schuf den notwendigen Freiraum in noch sehr prüden Zeiten. An „…und sowas nennt sich Leben“ mit seinen dezenten Nacktaufnahmen, erotisch geschnürten jungen Frauen und der allgegenwärtigen Beischlaf-Thematik ist das sehr schön abzulesen. Das Ende des erhobenen Zeigefingers im Film bedeutete es aber nicht. Die Macher waren nur gezwungen, sich den Veränderungen anzupassen, was zu einer Kombination aus Erotik-Film und pädagogischem Auftrag führte („Sünde mit Rabatt“, 1968). Denn bekanntlich herrschte an Gefahrenpotential für die Jugend weiterhin kein Mangel.

"...und sowas nennt sich Leben" Deutschland 1961, Regie: Géza von Radványi, Drehbuch: Fritz Clever, Darsteller : Karin Baal, Michael Hinz, Wolfgang Lukschy, Heli Finkenzeller, Elke Sommer, Claus Wilcke, Hannelore Elsner, Ilse Pagé, Karl-Otto AlbertyLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Radványi:

Sonntag, 1. März 2015

Madame und ihre Nichte (1969) Eberhard Schröder

Inhalt: Als Michelle (Ruth-Maria Kubitschek) die Nacht mit ihrem älteren Liebhaber verbringt, stirbt dieser in ihren Armen an einem Herzinfarkt. Eine unangenehme Situation für sie – nicht nur wegen der Familie Von Hellberg, die wenig begeistert von der Liaison ihres Oberhaupts war, sondern weil ihr damit die finanzielle Grundlage für ihr luxuriöses Leben fehlt. Einzig der Sohn und Erbe Peter von Hellberg (Fred Williams) bietet sich als schneller Ersatz an, aber dieser denkt gar nicht daran, sich an irgendeine Frau zu binden. Der Enddreißigerin gelingt es zwar, ihn zu verführen, aber sie überschätzt ihren Einfluss auf ihn.

Zudem ahnt sie nicht, dass es ihre Tochter Yvette (Edwige Fenech), die sie nach außen als ihre Nichte ausgibt, ebenfalls auf Peter von Hellberg abgesehen hat. Yvette, die als Fotomodell arbeitet und in der Münchner Szene zu Hause ist, begreift, dass ihr schönes Äußeres nicht ausreicht, um den Frauenheld zu überzeugen. Ebenfalls in Liebesdingen erfahren, gibt sie sich ihm gegenüber mal verführerisch, dann zurückhaltend und provoziert damit dessen Instinkte. Eine vielversprechende Strategie, mit der sie aber ihrer Mutter in die Quere kommt…


"Ich bin nie ihr Liebhaber gewesen. Ich bin es nicht jetzt und werde es auch in Zukunft nicht sein. Ich gehe nur in ihr Haus, um ihre Tochter zu sehen"

Bei Guy de Maupassant ist die Ausgangslage von vornherein klar. Madame Oktavia Obardi bestreitet ihren Lebensunterhalt als Kourtisane im Paris des 19. Jahrhunderts. Die Männer verbringen gerne ihre Zeit mit ihr, aber das eigentliche Objekt der Begierde ist ihre schöne 18jährige Tochter Yvette. An Verehrern besteht kein Mangel, doch sie zu heiraten ist riskant, denn der Ruf ihrer Mutter färbt auf sie ab. De Maupassant wäre nicht De Maupassant, hätte er diese Konstellation nicht zum Anlass genommen, die Verlogenheit der bürgerlichen Moral ironisch zu kommentieren. Erst dank eines Selbstmordversuchs gelingt es Yvette, den begehrten reichen Junggesellen Jean Servigny von ihrer Jungfräulichkeit zu überzeugen, obwohl er ihre Absichten durchschaut. In gemessenen Worten bittet er ihre Mutter herein, die vor der Tür unruhig auf den Ausgang der Szene wartet. Während sie ihre Tochter in die Arme schließt, endet die Novelle mit seinen Worten:

"Eine Frau ändert ständig ihre Meinung, nur ein Narr vertraut dem weiblichen Geschlecht."

Diese negative Aussage relativiert sich ein wenig angesichts einer Handlung, die an der Abhängigkeit der Frauen von den Männern keinen Zweifel lässt. Es ist ein gegenseitiges Geschäft – hier die Schönheit der jungen Frau, dort die materielle Sicherheit.

In Wolfgang Liebeneiners Verfilmung „Yvette“ von 1938 wurde diese kritische Intention abgeschwächt, wird die von Ruth Hellberg gespielte Protagonistin zur reinen Unschuld, die am Ende ihren geliebten Jean heiraten darf. Eberhard Schröder griff dagegen in seinem ersten Kinofilm „Madame und ihre Nichte“ wieder auf De Maupassants demaskierende Sichtweise zurück und nutzte die zunehmende sexuelle Liberalisierung für eine Transformation des Stoffes in die Gegenwart der späten 60er Jahre, unterstützt von dem erfahrenen Autoren Werner P. Zibaso, dessen erste Drehbücher schon zu Zeiten der Liebeneiner-Verfilmung entstanden waren. Kennengelernt hatten sich Zibaso und Schröder, der als Regie-Assistent unter Kurt Hoffmann begonnen hatte („Das schöne Abenteuer“ (1959)), bei den Dreharbeiten zu „Weiße Fracht für Hongkong“ (1964), ebenfalls eine Wolf C. Hartwig Produktion.

Der seltsam anmutende Filmtitel „Madame und ihre Nichte“ wird damit erklärt, dass Michelle (Ruth-Maria Kubitschek) - wie die Rolle der Oktavia hier genannt wird - auf diese Weise ihr Alter als Mutter einer erwachsenen Tochter kaschieren wollte. Eine wenig glaubhafte Begründung, zumal ihr tatsächlicher Verwandtschaftsgrad zu Yvette (Edwige Fenech) schnell offenbart wird. Ein solch verfälschendes Detail hätte kaum in eine Filmüberschrift gefunden, wäre Erwin C.Dietrichs Erotik-Film „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968) im Jahr zuvor nicht so erfolgreich gewesen. Nicht das letzte Mal, dass die verführerische „Nichte“ zum Zug kam. Der ebenfalls 1969 erschienene „Frau Wirtin hat auch eine Tochter“ wurde flugs als „Frau Wirtin hat auch eine Nichte“ vermarktet, und Sigi Rothemunds „Der Liebesschüler“ (1974) mit Silvia Kristel in der Hauptrolle, wurde später die Ehre zuteil, als „Die Nichte der O.“ veröffentlicht zu werden.

Diese marktstrategischen Überlegungen werden zur Nebensächlichkeit angesichts der Interpretation eines klassischen Stoffs, der Ende der 60er Jahre keineswegs an Aktualität verloren hatte. Schröder bewies schon mit seinem ersten Kino-Film, dass er die tragische Figur unter den frühen Erotik-Film-Regisseuren war. Äußerlich erfüllte „Madame und ihre Nichte“ zwar die Erwartungshaltung dank der abwechslungsreichen, plüschiges 70er Jahre Feeling verbreitenden Sex- und Party-Szenen – beginnend beim Model-Foto-Shooting bis zur Haschisch-Session – aber die Handlung verkommt nie zum reinen Selbstzweck, sondern bleibt immer in der Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter verortet, die denselben Mann als Objekt auserkoren haben. Michelle war in eine Zwangslage geraten, als ihr reicher Liebhaber beim Sex verstarb, weshalb sie einen neuen Finanzier ihrer luxuriösen Ansprüche benötigt. Dafür kommt für sie nur dessen Sohn Peter von Hallstein (Fred Williams) in Frage. Ihre gesamten Verführungskünste in die Waagschale werfend, ahnt sie nicht, dass sie damit bei dem Frauenheld keine Chance haben wird.

Trotz des libertinösen Geschehens ließ Schröder keinen Zweifel an den nach wie vor vorhandenen Vorurteilen gegenüber sexuell freizügigen Frauen. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hat Yvette begriffen, worauf es ankommt. Hallstein gegenüber verwandelt sie sich in ein mal verführerisches, dann wieder unnahbares Wesen - eine Paraderolle für die schöne Edwige Fenech, die so zu einer Verheißung wird, der der scheinbar so hartgesottene Frauenheld nicht auf Dauer widerstehen kann. Die Notwendigkeit von Yvettes berechnender Vorgehensweise, die gemäß der literarischen Vorlage bis zum Selbstmordversuch reicht, verwies ebenso wie die Chancenlosigkeit ihrer Mutter auf die gleiche Verlogenheit, die schon De Maupassant ins Visier genommen hatte, nur betrachtete Schröder die Frauen mit mehr Sympathie – sein letztes Bild gehörte Edwige Fenech im Brautkleid, die dem Betrachter abschließend zuzwinkert. Eine Ausnahme im Erotik-Film, der, anstatt moralische Standards aufzuweichen, vor allem männliche Fantasien befriedigen sollte.

Genutzt hat es Eberhard Schröder wenig, dessen De Maupassant-Adaption von der Kritik verrissen wurde. Ähnlich wie mit dem ebenfalls gemeinsam mit Autor Werner P. Zebaso entwickelten „Die Klosterschülerinnen“ von 1972, der in seiner äußeren Form an den Schulmädchen-Report-Filmen angelehnt war, gelang es Schröder nicht, die Vorurteile gegenüber den „billigen Sexfilmchen“ zu durchbrechen, die seinen Ruf als Filmemacher bis heute prägen. Die Abgründe, die sich hinter den Sex-Szenen verbargen und ihnen die Belanglosigkeit nahmen, wurden übersehen – vielleicht ein Grund dafür, warum sich Schröder 1974 das Leben nahm.

"Madame und ihre Nichte" Deutschland 1969, Regie: Eberhard Schröder, Drehbuch: Werner P. Zibaso, Guy de Maupassant (Novelle), Darsteller : Ruth-Maria Kubitschek, Edwige Fenech, Fred Williams, Reiner Penkert, Karl Walter DiessLaufzeit : 80 Minuten

Lief am vierten Tag des 14. Hofbauer-Kongress' vom 02. bis 06.01.2015 in Nürnberg.

Dienstag, 17. Februar 2015

Am Tag als der Regen kam (1959) Gerd Oswald

Inhalt: Der Herr (Arno Paulsen), der in seiner Limousine auf der nächtlichen Avus unterwegs ist, kann der hübschen blonden Anhalterin nicht widerstehen, nicht ahnend, dass es sich bei ihr um ein Mitglied einer berüchtigten Bande handelt, die unter der Leitung von Werner Maurer (Mario Adorf) in Berlin ihr Unwesen treibt. Selbst als Ellen (Elke Sommer) noch eine Freundin mit einlädt, bei der es sich um einen verkleideten Mann handelt, erregt das noch keinen Verdacht bei dem Geschäftsmann, der ganz eigene Absichten mit der jungen Frau hat.

Doch dazu erhält er keine Chance. Zwei Motorradfahrer heften sich an seine Fersen und er wird von dem Mann im Fonds überwältigt, seines Geldes beraubt und ohne Fahrzeug zurückgelassen. Robert (Christian Wolff), der mit seinem Motorrad bei dem Raub beteiligt war, gerät auf der Flucht zum verabredeten Treffpunkt in eine Verkehrskontrolle wegen zu schnellen Fahrens. Die inzwischen alarmierte Polizei befragt ihn auch wegen des Überfalls, kann ihm aber nichts beweisen. Der ermittelnde Kriminalassistent Thiel (Horst Naumann), der sich in der Jugend-Szene gut auskennt, ahnt aber, dass Robert ihm eine Hilfe sein könnte und versucht, Vertrauen zu ihm aufzubauen…

"Am Tag als der Regen kam" , den die PIDAX am 23.12.2014 herausbrachte, gehört zu einer Filmgattung der späten 50er/frühen 60er Jahre, die eine eigene Genrebezeichung verdient gehabt hätte. Äußerlich zwar in Form eines Dramas oder Thrillers, selten als Komödie daher kommend, verbarg sich hinter den höchst unterhaltend inszenierten Stoffen eine Warnung an die Jugend vor den Versuchungen einer sich wandelnden Gesellschaft - Kriminalität, Drogen und nicht zuletzt der allgemeine moralische Verfall. Diese dank der PIDAX wieder dem Vergessen entrissenen Filme vermitteln ein stimmiges Bild dieser Phase in der BRD und lassen die Entwicklung in Richtung der 68er Generation früh erkennen. Bemerkenswert ist auch, dass viele dieser Filme trotz ihrer prominenten Besetzung nur selten im Fernsehen gezeigt wurden - als hätte man sie vergessen wollen (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 






"Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht..."

Allein 1959 brachte es der Song auf acht Cover-Versionen in Deutschland, aber in Erinnerung blieb nur das "Original" der französischen Sängerin Dalida, die die Gilbert Bècaud-Komposition "Le jour où la pluie viendra", begleitet vom Orchester Raymond Lefèvre, schon Ende 1957 in Frankreich herausgebracht hatte. Doch erst ihre deutschsprachige Version "Am Tag als der Regen kam" traf Mitte 1959 den Nerv eines Publikums, das sich von der Mischung aus melancholischer Musik, rauchiger Stimme und der erlösenden Funktion des Regens offensichtlich angesprochen fühlte, die kaum gegensätzlicher zur damals in Deutschland populären Schlagermusik hätte ausfallen können. Zwar besingt Dalida darin auch die Wonnen der Liebe, aber der tragische Unterton des Songs bleibt gegenwärtig und hält immer die Waage zwischen Glück und Trauer.

Diesen Eindruck hatte scheinbar auch Regisseur Gerd Oswald, der „Am Tag als der Regen kam“ nicht nur als Hintergrundmusik nutzte, sondern gleich seinen Film danach benannte. Bemerkenswerterweise seinen ersten deutschen Film, denn der 1938 in die USA als 19jähriger emigrierte Oswald war in Hollywood vom Darsteller zum Regisseur aufgestiegen und hatte in den Jahren zuvor Filme mit Anita Ekberg („Screaming Miami“ (Die blonde Venus, USA 1958)), Bob Hope („Paris Holiday“ (Falsches Geld und echte Kurven, USA 1958)) oder Barbara Stanwyck („Crime of passion“ (Das war Mord, Mr.Doyle, USA 1957)) gedreht. Im Gegensatz zu diesen Auftragsarbeiten leichter Unterhaltungsware schwebte ihm für seine erste Regie-Arbeit in seiner Heimatstadt Berlin offensichtlich etwas ernsteres, gesellschaftsrelevanteres vor - gut an den atmosphärischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu erkennen, mit der er die geteilte, von den Spuren des Krieges gezeichnete Stadt inszenierte.

Die aus heutiger Sicht geschichtsträchtigen Bilder des stark beschädigten Reichstagsgebäudes, dessen Kellergewölbe der Jugendbande im Film als Rückzugsort dienen, und des nur wenige Meter entfernt liegenden, noch offenen Grenzübergangs am Brandenburger Tor, symbolisierten eine unsichere Nachkriegs-Situation, die - verbunden mit den soziokulturellen Veränderungen der 50er Jahren – als Ursache für eine angeblich kriminalisierte und sexuell offensive deutsche Jugend angesehen wurde, wie sie in der zweiten Hälfte der 50er Jahre häufig im Film thematisiert wurde. Besonders die Orientierung an US-Vorbildern wurde kritisch in den Mittelpunkt gerückt. Motorradbanden, Nachtbars und die Regeln der Coolness, die die soziale Hackordnung innerhalb der Gruppe bestimmten, beherrschten auch die Szenerie in Oswalds Film.

Die Hinzuziehung von Heinz Oskar Wuttig, der zuvor mit seinem Drehbuch zu „Die Frühreifen“ (1957) Einfühlungsvermögen für die sexuellen Belange der Heranwachsenden bewiesen hatte, betonte noch Oswalds aufklärerische Intention, die an das Vorbild „Die Halbstarken“ erinnert, der 1956 erstmals die Situation der Jugendlichen in Deutschland nach dem Krieg beleuchtet hatte. Neben dem identischen Handlungsort Berlin, das als pulsierende, die Nachkriegszeit brennglasartig zuspitzende Großstadt den idealen Hintergrund für eine abenteuerliche Story um Bandenkriminalität und moralischen Niedergang abgab, liegt eine bemerkenswerte Parallele in der Auseinandersetzung mit der Väter-Generation. Wurde Horst Buchholz in seiner Rolle in „Die Halbstarken“ mit einem frustrierten Vater konfrontiert, der auf Grund einer Kredit-Bürgschaft gezwungen ist, am Existenzminimum zu leben, unterstützt Werner Maurer (Mario Adorf) in „Am Tag als der Regen kam“ seinen ständig alkoholisierten Vater Albert (Gerd Fröbe) nach dessen Verlust der ärztlichen Zulassung mit dem ergaunerten Geld.

Diese konstruierte Dramatik verklausulierte den Generations-Konflikt, der in den 50er Jahren zwischen den Kriegsheimkehrern und einer aufbegehrenden Jugend entstanden war. Trotz der Zerstörungen und der von Oswald thematisierten Teilung der Stadt mit ihren unterschiedlichen politischen Systemen, wurden der wenige Jahre zurückliegende Krieg und die Diktatur im Film tabuisiert und fanden keine Erwähnung. Fröbes überzeugende Darstellung eines Alkoholikers hätte enorm an Glaubwürdigkeit gewonnen, wären seine Depressionen als Folge der jüngsten Vergangenheit beschrieben worden, aber dieser Zusammenhang wurde nicht hergestellt. Stattdessen blieb der psychologische Hintergrund für sein Verhalten ebenso oberflächlich, wie die geschilderten Mechanismen innerhalb der Jugendbande. Der Brille tragende Außenseiter wird durch den sozialen Druck zum Mörder, um seine Zugehörigkeit zu beweisen, und der sonst so großmäulige Anführer erweist sich in einer schwierigen Situation als Feigling.

Ähnlich vieler ambitionierter Gesellschaftsdramen dieser Phase nutzte „Am Tag als der Regen kam“ seine unterhaltsame, sich tragisch zuspitzende Thriller-Handlung, um die Jugend vor den Versuchungen der Konsumgesellschaft und liberaleren moralischen Standards zu warnen. Äußerlich zeitgemäß inszeniert, verbarg sich im Sub-Text die pädagogische Intention. Dafür spricht auch die Besetzung von Christian Wolff als Bandenmitglied Robert, der damaligen Allzweckwaffe als „anständiger“ junger Mann im deutschen Film. Nachdem er in „Anders als du und ich“(1957) von der Homosexualität „geheilt“ worden war, verkörperte er in den folgenden Jahren mehrfach einen Jugendlichen, der erst auf die schiefe Bahn gerät, um schließlich seinen Fehler einzusehen und doch den „richtigen Weg“ einzuschlagen. Die von ihm gespielten jungen Männer durften nicht zu brav sein, um eine Identifikation beim Publikum zu ermöglichen. Erst dadurch erhielt seine spätere Einsicht die gewünschte Vorbildwirkung.

Gleiches galt für seine Partnerin Corny Collins, mit der Wolff damals real verheiratet war. In „Am Tag als der Regen kam“ spielte sie Inge aus Ostberlin, die mit Robert gemeinsam nach Westdeutschland gehen will, was Bandenboss Werner nicht gefällt. Collins stand für die moderne, aber wohl erzogene junge Frau – hübsch, aber mit ihren kurzgeschnittenen dunklen Haaren und hochgeschlossener Kleidung gegensätzlich zur sexuell aufreizenden blonden Ellen (Elke Sommer) auftretend, der attraktiven Geliebten des Anführers. Trotz dieser Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Paare bediente „Am Tag als der Regen kam“ kein typisches Gut-/Böse-Schema, vermied Oswald eine zu einseitige, rückwärtsgewandte Sichtweise. Inge und Robert verbringen unverheiratet eine Nacht miteinander und auch wenn an ihren hehren Zukunftsabsichten kein Zweifel bestehen konnte, bewiesen die Macher damit ihren Sinn für die Realitäten und verfolgten keine übertriebene Idealisierung ihres Vorzeige-Paars.

Ob ihre Botschaft beim damaligen Publikum ankam, lässt sich heute nur noch schwer feststellen, von langer Wirkung war sie nicht. „Am Tag als der Regen kam“ erging es wie den meisten Filmen dieser Phase, die vor den Gefahren der Moderne warnten, gleichzeitig aber deren Faszination bedienten. Statt Christian Wolff und Corny Collins wurden Elke Sommer, die hier in einer frühen Nebenrolle zu sehen war, und Mario Adorf zu internationalen Stars. Adorf gelang es seiner Rolle als Bandenboss mit blonder Freundin und Cabriolet sympathische Züge zu verleihen, ließ er neben konsequenter Härte auch soziale Kompetenz erkennen, nicht zuletzt im Umgang mit seinem Vater. Das nahm dieser Figur die abschreckende Wirkung, trotz der durch ihn ausgelösten tragischen Konsequenzen. Nicht der geläuterte Robert bleibt in Erinnerung, sondern der am Ende hilflos wirkende Werner und sein demoralisierter Vater – und die Stimme Dalidas: 

„…dann kamst du, dann kamst du!“

"Am Tag als der Regen kam" Deutschland 1959, Regie: Gerd Oswald, Drehbuch: Gerd Oswald, Heinz Oskar Wuttig, Will Berthold, Darsteller : Mario Adorf, Gert Fröbe, Christian Wolff, Corny Collins, Elke Sommer, Claus Wilcke, Arno PaulsenLaufzeit : 81 Minuten

Sonntag, 8. Februar 2015

Endstation 13 Sahara (1963) Seth Holt

Inhalt: In einem kleinen Ort am Rande der Sahara wird Martin (Hansjörg Felmy) abgeholt, um von dort zu einer kleinen Pump-Station in der Wüste gebracht zu werden, wo er für einen US-amerikanischen Öl-Konzern arbeiten soll. Er hat sich ebenso für fünf Jahre verpflichtet wie die anderen vier Männer, die unter der Leitung des deutschstämmigen US-Amerikaners Kramer (Peter van Eyck) ihrem eintönigen Job in der Einöde nachgehen.

Zwar stehen ihnen ein paar einheimische Arbeitskräfte als Dienstboten zur Verfügung, aber darüber hinaus bietet das Lager-Leben weder Komfort, noch Abwechslung, sieht man von den gemeinsamen Poker-Spielen ab, zu denen Kramer die Männer gegen ihren Willen nötigt. Einzig ein paar Prostituierte kommen in größeren Abständen zu Besuch, wie Martin bei seiner Ankunft feststellt, aber die Sehnsüchte der Männer können sie nur kurz vertreiben…


Mit "Endstation 13 Sahara" veröffentlicht PIDAX am 20.02.2015 nach "Ein Toter sucht seinen Mörder" (1962) auch den zweiten (und letzten) Versuch Arthur Brauners, mit einer deutsch-englischen Co-Produktion auf dem englischen Markt Fuß zu fassen. Gehörte "Ein Toter sucht seinen Mörder" zu dem - dank der Edgar-Wallace-Erfolge - damals sehr populären Mystery-Kriminal-Genre, fiel "Endstation 13 Sahara" als Verfilmung eines Theaterstücks scheinbar aus dem Rahmen. Tatsächlich setzte Brauner damit auf ein anderes erfolgversprechendes Sujet - den aufkommenden Erotik-Film. Mit der Besetzung Carroll Bakers, seit "Baby Doll" (1956) als verführerische Schönheit festgelegt, gelang Brauner ein vorausschauender Coup, auch wenn sein Film davon noch nicht angemessen profitierte. Ab den späten 60er Jahren sollte Carroll Baker im italienischen Film zu einer Ikone des erotischen Films werden - "Endstation 13 Sahara" liefert nicht nur dafür schon frühzeitige Argumente, sondern weist auf die Entwicklung des erotischen Films in Deutschland hin (siehe "Bis die Schulmädchen kamen - der erotische Film der 60er Jahre" (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 




Inmitten einer staubigen Wüstenlandschaft, abseits der Zivilisation, arbeiten sechs Männer an einem Außenposten eines US-amerikanischen Öl-Multis, die es aus England, Frankreich und Deutschland hierher verschlagen hat. Kramer (Peter van Eyck), ein US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln, leitet seit vielen Jahren die kleine Einheit, deren Mitglieder sich für mindestens fünf Jahre verpflichten mussten, die Ölleitung und technischen Anlagen im afrikanischen Niemandsland zu überwachen.

Eine Ausgangssituation, die an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst) erinnert, den Henri-Georges Clouzot 1953 nach einer Romanvorlage des französischen Autors George Arnaud verfilmt hatte. Wie dieser spielt auch „Endstation 13 Sahara“ vor dem Hintergrund eines zugespitzten männlichen Mikrokosmos aus enttäuschter Vergangenheit und fehlender Zukunftsperspektive, der nur wenig Anlass zur Eskalation benötigt. Dass in beiden Filmen die US-Ölindustrie sowohl als Verursacher, als auch als Hoffnungsträger fungierte, sollte zwar deren weltweite wirtschaftliche Macht veranschaulichen, Kritik daran lässt sich aber allein im Subtext finden – beide Filme eint viel mehr ihr Interesse an zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in Extremsituationen.

Darüber hinaus existieren noch weitere Gemeinsamkeiten. Auch „Endstation 13 Sahara“ basiert auf französischer Literatur, dem Theaterstück „Männer ohne Vergangenheit“ von Jean Martet, dessen Titel die psychische Situation der Protagonisten genauer hervorhebt als der neutralere Filmtitel. Erst die Verdrängung dieser Vergangenheit, die zum Auslöser dafür wurde, warum sich die Männer an diesem Ort verdingt haben, erklärt ihr gegenwärtiges Verhalten. Autor Martet ist inzwischen nahezu unbekannt - gut zu erkennen an der falschen Schreibweise seines Namens sowohl in den Film-Credits, als auch auf der DVD-Hülle der PIDAX. Dabei war sein Theaterstück früher entstanden als Arnauds Roman und wurde schon 1939 erstmals unter dem Titel „S.O.S. Sahara“ verfilmt – als deutsche Produktion mit einem ausschließlich französischen Cast. Darunter Charles Vanel in der Hauptrolle, der neben Peter van Eyck in „Lohn der Angst“ mitwirkte.

Eine erstaunliche, vielleicht zufällige Parallele zur Arthur Brauner-Produktion von 1962, die wie die 39er-Fassung von internationalem Zuschnitt war. Zwar verfügte der Cast neben Peter van Eyck mit Mario Adorf und Hansjörg Felmy über populäre deutsche Mimen, aber das Kreativ-Team stammte ausschließlich aus England. Regisseur Seth Holt und Autor Brian Clemens hatten zuvor bei der TV-Serie „Danger Man“ (Geheimauftrag für John Drake, 1960 – 1962) zusammen gearbeitet und mit Co-Autor Brian Forbes war ein auch als Schauspieler und Regisseur erfahrener Mann mit an Bord. Der größte Coup gelang Brauner aber mit der Verpflichtung von Carroll Baker in der weiblichen Hauptrolle. Die US-amerikanische Darstellerin, die später zum ständigen Gast im europäischen Film werden sollte, war seit „Baby Doll“ (1956) zum Filmstar aufgestiegen. Ein Ruhm, der sie auf ein Rollen-Klischee festlegte, das sie auch in „Sahara 13 Endstation“ trefflich bedienen sollte – als erotische Verführerin.

In dieser Konstellation zeigt sich auch der entscheidende Unterschied zu Clouzots „Lohn der Angst“ – nicht der lebensgefährliche Versuch, einem trostlosen Leben zu entkommen, erzeugte in „Sahara 13 Endstation“ die testosteron-geschwängerte Atmosphäre, sondern Sex. Die sprachlastige Handlung, der ihr theaterartiger Charakter anzumerken ist, spielt fast ausschließlich an der Pump-Station, konzentriert sich zuerst auf das Binnenverhältnis der sehr unterschiedlichen Männer, um dann durch die Hinzuziehung einer schönen Frau das mühsam aufrecht erhaltene Konstrukt zum Bersten zu bringen. Dabei ist Catherine (Carroll Baker) nicht allein, sondern wird von ihrem geschiedenen Mann Jimmy (Bigg McGuire) begleitet, der versucht hatte, sie umzubringen, indem er mit seinem Wagen in die Pump-Station raste – mit dem Ergebnis, dass er schwer verletzt im Bett liegt, während sie bei den Männern ihre Chancen auslotet.

Leider konnte der in den 30er Jahren entstandene Original-Text von mir nicht als Vergleich zur Drehbuch-Fassung hinzugezogen werden, aber die Charakterzeichnungen der Protagonisten wirken an die Erwartungshaltung eines 60er Jahre Publikums angepasst. Lassen die beiden britischen Mimen Ian Bennan und Denholm Elliott in ihrer Auseinandersetzung um einen Brief auf unterhaltsame Weise noch etwas von ihrer persönlichen Tragik durchschimmern, spielte Peter van Eyck erneut den desillusionierten, auf Grund schlechter Erfahrungen nach außen hin hart gewordenen Mann, wie er ihn seit „Lohn der Angst“ mehrfach variierte. Auch Mario Adorf verkörperte als grobschlächtiger Franzose einen eindimensionalen Rollen-Typus, spielte hier aber nur eine Nebenrolle, während besonders Hansjörg Felmys Auftreten nicht zu einem vielschichtigen Drama passt.

Der Eindruck, dass seine Rolle ein Gegengewicht zu der Gruppe gebrochener Charaktere bilden sollte, drängt sich auf. Zwar scheint auch er von negativen Erfahrungen getrieben an diesen einsamen Ort gekommen zu sein, aber seinem Selbstbewusstsein konnte das nichts anhaben. Ob in der Auseinandersetzung mit seinem autoritären Chef, beim ausführlich und spannend inszenierten Pokerspiel oder im Umgang mit der schönen Frau – Felmy blieb als Martin immer glattgesichtig und souverän und sollte dem Kino-Besucher offensichtlich als positive Identifikations-Figur dienen, während Carroll Baker die Schurkenrolle zukam. Der von ihr gespielten Catherine wurden weder Ängste, noch Selbstzweifel zugestanden – einzig egoistische Interessen scheinen sie anzutreiben, ohne das es ersichtlich wird, warum sie sich auf welche Männer einlässt.

„Sahara 13 Endstation“ kann als Gesellschaftsdrama entsprechend wenig überzeugen, auch wenn die nihilistische Grundstimmung des Stücks noch zu spüren ist. Viel mehr gehört Arthur Brauners Produktion zu den in den frühen 60er Jahren entstandenen erotischen Filmen, die ihre dezenten Nacktaufnahmen noch in eine komplexe Handlung integrierten, die nach außen hin die moralischen Standards wahrte. Die bei großer Hitze entstehende Extremsituation sollte das promiskuitive Verhalten der Männer entschuldigen, die Frau fungierte wie gewohnt als Verführerin und dafür bestraft, aber das konnte nur schwach kaschieren, dass es in „Sahara 13 Endstation“ vor allem um Sex geht – mit Carroll Baker als Idealbesetzung.

"Endstation 13 Sahara" Deutschland, England 1963, Regie: Seth Holt, Drehbuch: Brian Clemens, Bryan Forbes, Jean Martet (Theaterstück), Darsteller : Carroll Baker, Peter van Eyck, Hansjörg Felmy, Mario Adorf, Ian Bennan, Denholm Elliott, Bigg McGuire, Laufzeit : 91 Minuten