Samstag, 13. Juni 2015

Die Phase des Nationalsozialismus - der Heimatfilm der Jahre 1934 bis 1945



3.1. Der „innere Zirkel“ der Heimatfilm-Macher

Hansi Knoteck in "Das Mädchen vom Moorhof" (1935)
Gemessen an einer Gesamtproduktion von mehr als 1000 Kinofilmen in den Jahren
1934 bis zum Kriegsende 1945, stellen die in dieser Zeit entstandenen knapp 80 Heimatfilme nur einen Randaspekt dar. Die zu mehr als der Hälfte nach Literaturvorlagen entstandenen Werke hinterließen offensichtlich auch beim Propaganda-Ministerium Joseph Goebbels keinen besonderen Eindruck – mit Ausnahme des Heimkehrer-Dramas „Der verlorene Sohn“ (1934) von Luis Trenker, der als „besonders wertvoll“ ausgezeichnet wurde, erhielt kein weiterer Heimatfilm ein höheres Prädikat. Es geriet auch keiner der Filme auf eine Verbotsliste, aber angesichts der Tatsache, dass die „Blut und Boden“-Thematik der nationalsozialistischen Ideologie entgegen kam, stellt sich die Frage, warum das Genre nicht mehr zu Propaganda-Zwecken genutzt wurde? – Doch selbst Regisseur Hans Steinhoff, verantwortlich für einige wenig zimperliche Propaganda-Werke, hielt sich bei seiner Umsetzung von „Die Geierwally“ (1940) an die Romanvorlage und schuf das individuelle Bild einer starken weiblichen Persönlichkeit.

"Der Klosterjäger" (1935)
Steinhoffs Ausflug in das Genre wurde zu einer einmaligen Ausnahme, denn der Kreis der Filmemacher, die sich mehr als ein Jahrzehnt dem Heimatfilm widmeten, blieb begrenzt. Zu den Regisseuren und Drehbuchautoren Luis Trenker, Franz Seitz, Joe Stöckel, Bobby E. Lüthge und Joseph Dalman, die schon vor 1933 aktiv waren, gesellten sich Mitte der 30er Jahre Hans Deppe, Paul May (Sohn von Produzent und Autor Peter Ostermayr), Vielfilmer Carl Boese und Géza von Bolváry, später folgten noch Alois Johannes Lippl und der überwiegend als Kameramann arbeitende Günther Rittau. Zählt man noch die Schauspielerin Hansi Knoteck und ihre männlichen Kollegen Paul Klinger, Sepp Rist und später Rudolf Prack hinzu - Luis Trenker spielte nur unter eigener Regie – findet sich kaum ein Heimatfilm dieser Phase, an dem nicht mindestens Einer von Ihnen beteiligt war. Vielleicht lag es an dieser inneren Kontinuität, dass es nach den zwei NS-Propaganda-Filmen im Jahr 1933 (siehe Kapitel 2.1 „Pioniere des Heimatfilms“), an denen Seitz, Dalman, Stöckel und Lüthge verantwortlich mitwirkten, zu keiner weiteren Beteiligung an vergleichbar propagandistischen Werken kam?

1934 bis zum Ausbruch des 2.Weltkriegs :             

18.01.1934 Die weiße Majestät - August Kern
23.05.1934 Der Springer von Pontresina - Herbert Selpin (mit Sepp Rist)
27.05.1934 Grenzfeuer - Hanns Beck-Gaden
05.06.1934 Das verlorene Tal - Edmund Heuberger (nach dem 
                                                                                           Roman von Gustav Renker)
27.07.1934 Schloss Hubertus - Hans Deppe (nach dem Roman von Ludwig 
              Ganghofer, 1954 und 1973 erneut verfilmt, 1. Hauptrolle Hansi Knoteck)
31.07.1934 Schuss am Nebelhorn - Hanns Beck-Gaden (sein letzter Film)
16.08.1934 Der Schrecken vom Heidekrug - Carl Boese
30.08.1934 Die spork'schen Jäger - Rolf Randolf (Drehbuch Bobby E. Lüthge 
                              nach dem Roman von Richard Skowronnek, Remake von 1927)
06.09.1934 Der verlorene Sohn - Luis Trenker 
20.11.1934 Der ewige Traum - Arnold Fanck (mit Sepp Rist)
28.11.1934 Grüß mir die Lore noch einmal - Carl-Heinz Wolff
01.12.1934 Das unsterbliche Lied - Hans Marr
21.12.1934 Die Frauen vom Tannhof - Franz Seitz (Drehbuch Joseph Dalman)
08.01.1935 In einem kühlen Grunde - Josef Berger 
01.07.1935 Das Mädchen vom Moorhof - Detlev Sierck (nach dem Roman
                                   von Selma Lagerlöf, 1958 erneut verfilmt, mit Hansi Knoteck)
18.11.1935 Der Klosterjäger - Max Obal (nach dem Roman von Ludwig 
                                                   Ganghofer, Remake von 1920, 1953 erneut verfilmt)
01.01.1936 Fährmann Maria - Frank Wisbar (mit Sybille Schmitz)
24.01.1936 Junges Blut - Kurt Skalden
14.07.1936 Waldwinter - Fritz Peter Buch (nach dem Roman von Paul Keller,
                                                                                                mit Hansi Knoteck)
28.08.1936 Standschütze Bruggler - Werner Klingler (Drehbuch Joseph Dalman
                                         nach dem Roman von Anton Graf Bossi-Fredigotti)
30.10.1936 Wo die Lerche singt - Carl Lamac    (Drehbuch Géza von Cziffra)
17.11.1936 Der Jäger von Fall - Hans Deppe (nach dem Roman von Ludwig 
                                                                    Ganghofer, 1956 und 1974 erneut verfilmt)
20.11.1936 Die Jugendsünde - Franz Seitz (nach dem 
                                                                        Drama von Ludwig Anzengruber)
22.11.1936 Dahinten in der Heide - Carl Boese (auf Basis eines Romans 
                                                                                               von Hermann Löns)
01.12.1936 Ernte - Géza von Bolváry
02.02.1937 IA in Oberbayern - Franz Seitz (Drehbuch Joe Stöckel 
                                                 nach dem Roman von Hans Fitz, 1956 erneut verfilmt)
18.08.1937 Das Schweigen im Walde - Hans Deppe (Drehbuch Joseph Dalman 
                 nach dem Roman von Ludwig Ganghofer, 1955 und 1976 erneut verfilmt)
18.11.1937 Der Pfarrer von Kirchfeld - Jacob Fleck (nach dem Roman
                                                             von Ludwig Anzengruber, 1955 erneut verfilmt)
06.01.1938 Der Berg ruft! - Luis Trenker (Remake von 
                                                                       "Der Kampf ums Matterhorn" 1928)
31.03.1938 Gewitter im Mai - Hans Deppe (mit Hansi Knoteck,
                                                           nach dem Roman von Ludwig Ganghofer)
07.08.1938 Narren im Schnee - Hans Deppe (mit Paul Klinger, 
                                                                  nach dem Roman von Roland Betsch)
07.09.1938 Frau Sixta - Gustav Ucicky 
23.09.1938 Stärker als die Liebe - Joe Stöckel (nach dem 
                              Roman "Die beiden Wildtauben" von Richard Skowronnek)
03.10.1938 Konzert in Tirol - Karl Heinz Martin (mit Hans Holt)
05.12.1938 Liebesbriefe aus dem Engadin - Luis Trenker, Werner Klingler
01.01.1939 Rheinische Brautfahrt - Alois Johannes Lippl (nach dem Theaterstück 
                                                                                    "Im Rebeloch rumort's")
03.02.1939 Der Edelweisskönig - Paul May (mit Hansi Knoteck,
                  nach dem Roman von Ludwig Ganghofer, 1957 und 1975 erneut verfilmt)
09.05.1939 Die Pfingstorgel - Franz Seitz (Drehbuch Heinz Pauck, 
                                                       nach dem Drama von Alois Johannes Lippl)
26.05.1939 Grenzfeuer - Alois Johannes Lippl (mit Attila Hörbiger, 
                                                                           Drehbuch Alois Johannes Lippl)
25.08.1939 Heimatland - Ernst Martin (mit Hansi Knoteck)


3.2. Der Heimatfilm als Vehikel der NS-Ideologie?

"Der Ochsenkrieg" (1943)
Auf Basis dieser äußerlichen Fakten (ohne den einzelnen Film zu analysieren) ist zu hinterfragen, wie es zu dem negativen Urteil eines stark von der NS-Ideologie beeinflussten Genres kam, wie es auch Jürgen Trimborn in „Der deutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre“ (Köln, 1998) formulierte. Als Johanna „Hansi“ Knoteck im Jahr 2014 mit knapp 100 Jahren in Eggstätt, Bayern, starb, wurde sie als der noch letzte lebende UFA-Star verabschiedet. Doch wer kannte sie noch? - Die „Welt“ schrieb in ihrem Nachruf vom 19.08.2014:

„Wenn ihr Ruhm, anders als der einer Leander oder Söderbaum, trotzdem längst verblasst ist, liegt das an zwei Faktoren: Sie hat ihre Karriere schon Mitte der Fünfzigerjahre beendet – und sie war ein Star im "falschen" Genre: "Waldrausch", "Das Schweigen im Walde", "Der Edelweißkönig" hießen ihre Filme. Der Heimatfilm ist noch immer das verpönteste aller deutschen Kinogenres, und der vor dem Krieg doppelt und Ganghofer-Schinken erst recht.“

"Der laufende Berg" (1941)
Unabhängig davon, ob man diese Meinung teilt, entspricht sie der Veröffentlichungspraxis. Während die Filme Veit Harlans mit seiner Frau Christina Söderbaum in der Hauptrolle trotz ihrer offensichtlichen Nähe zur NS-Ideologie bis auf die „Vorbehaltsfilme“ schon seit den 80er Jahren auf Video und später DVD wieder verfügbar gemacht wurden, Zarah Leanders Filme ebenso umfassend neu aufgelegt wurden, sind die hier aufgeführten Heimat-Filme fast gänzlich unbekannt. Offensichtlich hält sich das negative Urteil seit Jahrzehnten trotz der Unkenntnis dieser Filme, wofür sich folgende These aufstellen lässt:

Anders als die Heimat-Filme der NS-Zeit wurden die von Fanck, Trenker und Riefenstahl vor 1933 gedrehten Bergfilme neu auf DVD veröffentlicht und früh hinsichtlich ihres Einflusses auf die Entwicklung hin zur nationalsozialistischen Diktatur filmwissenschaftlich untersucht (Siehe Kapitel. 2.2. "Das Berg-Drama"). Hinzu kam die erwähnte Mitwirkung wichtiger Heimat-Film Protagonisten an zwei NS-Propagandafilmen im Jahr 1933. Nahezu alle kritischen Analysen basieren auf diesen frühen Fakten.

Rudolf Prack in "Der ewige Klang" (1943)
Eine Aufarbeitung der bis 1945 entstandenen Heimatfilme verhinderte aber vor allem der Boom der 50er Jahre. Während es die Komödien mit dem noch jugendlichen Heinz Rühmann oder die Hans-Albers-Filme der 30er Jahre schnell ins Fernsehen und auf Video brachten, hatte die Popularität der 50er Jahre Heimatfilme ihre nur wenige Jahre älteren Vorgänger schnell vergessen lassen. Selbst Liebhaber des Genres wissen oft nicht, dass es sich bei vielen der beliebtesten Film diese Phase um Remakes handelt – so ist es nach wie vor äußerst schwierig an das Original von „Grün ist die Heide“ aus dem Jahr 1932 zu gelangen, um die beiden Drehbücher von Bobby E.Lüthge miteinander zu vergleichen.

Diese Umstände lassen aber auch die Kontinuität zwischen NS-Zeit und Nachkriegszeit in einem anderen Licht erscheinen. Dass die Produzenten auf Filmemacher zurückgriffen, die sich seit mehr als zehn Jahren um das Genre gekümmert hatten, scheint angesichts des überschaubaren Personenkreises nachvollziehbar, gleichzeitig deshalb von einem ungehinderten ideologischen Einfluss auf den Film der 50er Jahre auszugehen, sollte zumindest ergebnisoffen hinterfragt werden.


Kriegsbeginn 1939 bis 1945:

14.09.1939 Drei Väter um Anna - Carl Boese (nach dem 
                            Roman "Fogg bringt ein Mädchen mit" von Walter Kloepfer)
20.10.1939 Waldrausch - Paul May (mit Hansi Knoteck,
                  nach dem Roman von Ludwig Ganghofer, 1962 und 1977 erneut verfilmt)
03.11.1939 Johannisfeuer - Artur Maria Rabenalt ( Drehbuch Kurt Heuser nach dem Drama 
                                                                                                    von Hermann Sudermann)
24.11.1939 Das Recht auf Liebe - Joe Stöckel (nach dem 
                                                      Roman "Vroni Mareiter" von Franz Franchy)
19.01.1940 Der ewige Quell - Fritz Kirchhoff (nach dem 
                                                        Roman "Lohwasser" von Johannes Hinkel)
05.03.1940 Der Feuerteufel - Luis Trenker 
10.04.1940 Krambambuli - Karl Köstlin (mit Sepp Rist und Rudolf Prack, 
                nach dem Roman von Maria von Ebner-Eschenbach, 1955 erneut verfilmt)
12.08.1940 Der rettende Engel - Ferdinand Dörfler (mit Sepp Rist)
30.08.1940 Die Geierwally - Hans Steinhoff (Drehbuch Alexander Lix, 
                            nach dem Roman von Wilhelmine von Hillern, 1956 erneut verfilmt)
25.08.1940 Beates Flitterwoche - Paul May (Drehbuch Joseph Dalman, nach
                                 dem Roman von Gabriele von Sazenhofen, 1955 erneut verfilmt)
17.09.1940 Das sündige Dorf - Joe Stöckel (mit Hansi Knoteck, nach dem 
                                Theaterstück von Max Neal, 1954, 1966 und 1974 erneut verfilmt)
17.09.1940 Die lustigen Vagabunden - Jürgen von Alten (nach dem Roman "Frühlings-Sinfonie 
                                                                     von Franz Rauch, mit Johannes Heesters)
01.12.1940 Zwielicht - Rudolf van der Noss (mit Victor Staal und Carl Raddatz)
05.12.1940 Rosen in Tirol - Géza von Bolváry (Drehbuch Ernst Marischka,
             nach der Operette "Der Vogelhändler", 1953, 1960 und 1962 erneut verfilmt)
17.12.1940 Im Schatten des Berges - Alois Johannes Lippl (mit Hansi Knoteck und Winnie Markus)
20.12.1940 Herzensfreud - Herzensleid - Hubert Marischka (mit Paul Hörbiger und Magda Schneider, 
               Drehbuch Aldo von Pinelli, nach dem Drama "Junger Wein" von Raimund Martin)
11.02.1941 Am Abend auf der Heide - Jürgen von Alten (Drehbuch 
                                    Thea von Harbou, nach dem Roman von F.B.Cortan)
14.02.1941 Hochzeitsnacht - Carl Boese (nach dem Bühnenstück
                                                    "Der Stier geht los" von O.C.A. zur Nedden)
14.03.1941 Der laufende Berg - Hans Deppe (Drehbuch Joseph Dalman, 
                      mit Hansi Knoteck, nach dem Roman von Ludwig Ganghofer)
17.10.1941 Wetterleuchten um Barbara - Werner Klingler (mit Sybille Schmitz)
18.12.1941 Der Meineidbauer - Leopold Hainisch (mit O.W.Fischer,
            nach dem Drama von Ludwig Anzengruber, 1956 erneut verfilmt)
23.12.1941 Heimaterde - Hans Deppe (Drehbuch Géza von Cziffra)
08.01.1942 Der Strom - Günther Rittau (mit Hans Söhnker, nach
                                    dem Theaterstück von Max Halbe, Remake von 1922)
24.04.1942 Die Erbin vom Rosenhof - Franz Seitz (mit Hansi Knoteck 
                                                                                 und Paul Klinger)
08.05.1942 Violanta - Paul May (nach dem Roman 
                                        "Der Schatten" von Ernst Zahn, Remake von 1927)
21.12.1942 Der Hochtourist - Adolf Schlyssleder (Drehbuch Joe Stöckel,
                                    nach dem Bühnenstück von Curt Kraatz, 1961 erneut verfilmt)
16.01.1943 Der Ochsenkrieg - Hans Deppe (Drehbuch Joseph Dalman,
                                                       nach dem Roman von Ludwig Ganghofer)
02.04.1943 Liebe, Leidenschaft und Leid - J.A.Holman
22.04.1943 Der kleine Grenzverkehr - Hans Deppe (Drehbuch Erich Kästner, 
                nach seinem Roman "Georg und die Zwischenfälle", 1957 erneut verfilmt)
15.07.1943 Der ewige Klang - Günther Rittau (mit Rudolf Prack)
11.02.1944 Die keusche Sünderin - Joe Stöckel (nach dem
                       Bühnenstück "Antiquitäten" von Friedrich Forster-Burggraf)
08.09.1944 Aufruhr der Herzen - Hans Müller (mit Rudolf Prack)
05.04.1945 Der Erbförster - Alois Johannes Lippl (nach dem Drama von Otto Ludwig)

Gesamtinhalt Essay Heimatfilm:


1. Einleitung und Inhalt:
1.1. Spiegel des Zustands einer Gesellschaft
1.2. Die 50er Jahre – der Versuch von Abgrenzung und historischer Einordnung
1.3. Von Ludwig Ganghofer über den Nationalsozialismus bis zum „Schwarzwaldmädel“
1.4. Kontinuierliche Weiterentwicklung des Genres
1.5. Zielsetzung
1.6. Quellen

2.1. Pioniere des Heimatfilms
2.2. Das Berg-Drama

3. Die Phase des Nationalsozialismus - der Heimatfilm der Jahre 1934 bis 1945
3.1. Der "innere Zirkel" der Heimatfilm-Macher
3.2. Der Heimatfilm als Vehikel der NS-Ideologie?

4. Die Nachkriegszeit bis "Schwarzwaldmädel" – der Heimatfilm der Jahre 1947 bis 1950
4.1. Viele alte und wenige neue Köpfe
4.2. Die Ursache des Erfolgs von "Schwarzwaldmädel": Aktion oder Reaktion?

5. Die erste Boom-Phase – der Heimatfilm der Jahre 1951 bis 1954
5.1. Der "Innere Zirkel" wächst
5.2. Die neuen "Mannsbilder"
5.3. Die weiblichen Stars

6. Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957
6.1. Höhepunkt und beginnender Niedergang
6.2. Lust an der Freizeit statt Flucht aus dem Alltag
6.3. Die Protagonisten der zweiten Welle
6.4. Die Stunde der Komödianten

7. Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969
7.1. Gibt es ein Ende des Heimatfilms?
7.2. Die unaufhaltbare Modernisierung
7.3. Die alten und die neuen Männer

Donnerstag, 11. Juni 2015

Bergdrama und Pioniere des Heimatfilms - die frühen Jahre 1930 bis 1933


2.1. Pioniere des Heimatfilms

Joe Stöckel in "Die blonde Christel" (1933)
Die erstaunlich große Anzahl an Heimatfilmen in der nur kurzen Tonfilm-Phase bis zum Beginn der NS-Diktatur 1933 stand noch ganz im Zeichen der Stummfilm-Ära. Regisseure wie Hanns Beck-Gaden, Franz Osten, Franz Seitz sen., Hans Behrendt und Erich Waschneck gehörten zu den Pionieren des Heimatfilms und drehten Anfang der 30er Jahre ihre ersten Tonfilme in dem ihnen vertrauten Genre - mit unterschiedlichen Konsequenzen für ihre Karrieren.

Nur wenige Monate nach der Ganghofer-Verfilmung „Die blonde Christel“, schuf das Team um Regisseur Seitz und die Autoren Joseph Dalmann und Joe Stöckel mit „SA-Mann Brand“ (1933) einen der ersten NS-Propagandafilme – für alle Beteiligten der Startschuss zu einer kontinuierlichen Weiterbeschäftigung in der von den Nationalsozialisten kontrollierten Filmbranche. Seitz wurde bis Anfang der 40er Jahre regelmäßig als Regisseur verpflichtet, darunter bei nicht wenigen Heimatfilmen. Sechs Jahre nach dem Ende des Kriegs fügte er seinem Oevre mit „Der letzte Schuss“ (1951) noch einen letzten Genre-Vertreter hinzu. Joseph Dalman, ebenfalls Stummfilm-erfahren, blieb bis zu seinem Tod 1944 einer der führenden Drehbuch-Autoren des Heimat-Film-Genres und für Joe Stöckel begann eine nur durch die unmittelbaren Nachkriegsjahre unterbrochene Heimatfilm-Ära, die erst 1959 mit seinem Tod endete. Zwar hatte er in den frühen 20er Jahren schon als Schauspieler und Regisseur gearbeitet, aber erst mit seinem Drehbuch zu „Der Schützenkönig“ stellte sich der Erfolg ein.

"Die blonde Christel" - erste Ludwig Ganghofer-Verfilmung der Tonfilmzeit
Parallelen zu Seitz' Karriere lassen sich auch bei Erich Waschneck finden, der im Alter von über 60 Jahren nach dem Krieg noch drei Filme drehte. Auch er hatte sich als Regisseur des antisemitischen Films „Die Rothschilds“ (1940) einmal vor den NSDAP-Propaganda-Karren spannen lassen, „An heiligen Wassern“ (1932) blieb aber sein einziger Heimatfilm. Im Gegensatz zu Hanns Beck-Gaden und Franz Osten, deren Schwerpunkt schon in Stummfilmzeiten auf dem Genre gelegen hatte, die aber nach 1934 keine Regie mehr in Deutschland führten. Franz Osten, älterer Bruder des Münchner Filmproduzenten Peter Ostermayr und bereits im Jahrzehnt zuvor mehrere Jahre in Indien tätig, wechselte erneut nach Asíen und gilt heute als einer der Begründer des Bollywood-Kinos, Hanns Beck-Gaden half auch seine unverhohlene Sympathie für das NS-Regime nichts.

Tragisch entwickelte sich dagegen das Schicksal des jüdischen Regisseurs Hans Behrendt, dessen erste Regie-Arbeit „Alt-Heidelberg“ (1923) schon dem Heimatfilm gewidmet war und dem die erste Fassung von „Grün ist die Heide“ (1932) zu verdanken ist. Im Oktober 1933 erschien noch sein „Hochzeit am Wolfgangsee“, kurz bevor er sich auf eine langjährige Flucht über Spanien und Österreich begab, wo er jeweils noch einen Film drehte, bis er 1938 nach Belgien gelangte. Dort wurde er 1940 verhaftet und kam nach dem Transport durch mehrere Internierungslager 1942 im KZ Auschwitz ums Leben. Sein „Grün ist die Heide“ – Autor  Bobby E. Lüthge blieb dagegen wie schon zu Stummfilmzeiten ein vielbeschäftigter Autor, schrieb parallel das Drehbuch zum Propaganda-Film „Hitlerjunge Quex“ (1933) und war auch für den neuen Heimatfilm-Boom der 50er Jahre mit zuständig - sowohl die zweite Fassung von „Grün ist die Heide“ (1951), als auch das Drehbuch für den ersten westdeutschen Farbfilm nach dem Krieg - „Schwarzwaldmädel“ (1950) - stammen aus seiner Feder. 


2.2. Das Berg-Drama

„Im Unterschied zum Heimatfilm, der sich zur gleichen Zeit immer wieder ins Hochgebirge wagte, blieb die Natur im Bergfilm nie unverbindliche Kulisse, sondern war stets zentrales erzählerisches und visuelles Thema“ (Christian Rapp „Höhenrausch – der deutsche Bergfilm“, S.8, Wien 1997)

"Stürme über dem Montblanc" Arnold Fanck
Anfang der 30er Jahre stand der Heimatfilm noch ganz im Schatten des Berg-Dramas, dessen Erfolg vor allem drei Protagonisten zu verdanken war – Arnold Fanck, Leni Riefenstahl und Luis Trenker. Dank „Berge in Flammen“, „Der weiße Rausch“ und „Stürme über dem Montblanc“ wurde der Bergfilm nach Historiendramen und Komödien zum dritterfolgreichsten Genre des Jahres 1932 (Quelle:„Höhenrausch“, S.11). Fanck hatte nach frühen Dokumentarfilmen erstmals bei „Der Berg des Schicksals“ (1924) mit Luis Trenker zusammengearbeitet, 1926 schloss sich Leni Riefenstahl an, die gemeinsam mit Trenker in Fancks „Der heilige Berg“ die Hauptrolle spielte. Beide lösten sich in den Jahren danach wieder von Fanck und brachten ihre eigenen Filme heraus, was in den Jahren 1930 bis 1932 zur Hochkonjunktur des Genres führte.

Die Rolle des Bergfilms, dessen Hochphase noch vor der Machtübernahme der NSDAP endete, ist heute umstritten. Siegfried Kracauer untersuchte in seiner filmsoziologischen Studie „From Caligari to Hitler“ (1947) den deutschen Film bis 1933 als Spiegelbild zeitgenössischer Stimmungen und emotionaler Fixierungen (siehe auch „Essay zum Heimatfilm“ Kapitel 1.1.). 

"Das blaue Licht" (1932) Leni Riefenstahl
„Mit ihrem heroischen Idealismus und ihren nationalistischen Botschaften kamen sie den zur Machtübernahme rüstenden Nationalsozialisten deutlich entgegen“ 







schließt Kracauer aus seinen Überlegungen, eine These, die nicht beantwortet, warum es nach 1934 keinen nennenswerten Bergfilm mehr gab, sieht man von Trenkers „Der Berg ruft“ (1938) ab, ein Remake seines Stummfilms „Kampf ums Matterhorn“ von 1928. „Der Berg ruft“ wurde Trenkers erfolgreichster Film, lässt aber gleichzeitig den Widerspruch zur nationalsozialistischen Ideologie deutlich werden – die Betonung der Individualität:

„…bleibt der Parameter des egomanen Verhaltens die alpine Landschaft. Überwindet, bezwingt sie der Held, bestätigt und bekräftigt sie seine Autorität – gibt er sich ihr preis, ermöglicht sie ihm das finale Opfer.“ (Christian Rapp, „Höhenrausch“, S. 9)

Luis Trenker in "Der Sohn der weißen Berge" (1930)
Zwar steht der von Trenker gespielte Bergsteiger am Ende als Sieger da, der Film lässt aber an der gleichzeitigen Außenseiter-Position dieser Figur keinen Zweifel. Erst Trenkers nach dem Krieg gedrehte Berg-Dramen „betteten den Helden in ein breiteres soziales Bezugsfeld ein“, wie Christian Rapp in seiner detaillierten Untersuchung des Bergfilms zutreffend formulierte.









Die frühen Tonfilm-Jahre 1930 bis 1933 :             

12.08.1930 Der Sohn der weißen Berge - Luis Trenker, Mario Bonnard
25.12.1930 Stürme über dem Montblanc - Arnold Fanck
03.02.1931 Die Försterchristel - Frederic Zelnik  (auf Basis des Operettenlibretto, 
                                                                                               1952 und 1962 erneut verfilmt)
28.09.1931 Berge in Flammen - Luis Trenker
02.10.1931 Der bebende Berg - Hanns Beck-Gaden (nach dem Roman von Hugo Rüttgers)
27.11.1931 Der Hochtourist - Alfred Zeisler
10.12.1931 Der weiße Rausch - Arnold Fanck
30.12.1931 Im Banne der Berge - Franz Osten
24.03.1932 Das blaue Licht - Leni Riefenstahl (Nach dem Roman "Bergkristall"
                                                                                                                von Gustav Renker)
06.09.1932 Die Zwei vom Südexpress - Robert Wohlmuth
24.09.1932 Der Schützenkönig - Franz Seitz (Drehbuch Joe Stöckel, 
                                                                                      sein Einstieg ins Heimatfilm-Genre)
03.10.1932 Fürst Seppl - Franz Osten (Remake von 1915)
08.12.1932 Abenteuer im Engadin - Max Obal (Drehbuch Arnold Fanck)
09.12.1932 Grün ist die Heide - Hans Behrendt  (Nach Motiven von Hermann Löns,
                                                             Drehbuch Bobby E. Lüthge, 1951 erneut verfilmt)
13.12.1932 An heiligen Wassern - Erich Waschneck (nach dem Roman von J.C. Heer,
                                                                                                               1960 erneut verfilmt)
22.12.1932 Der RebellLuis Trenker
22.12.1932 Die Herrgottsgrenadiere - Anton Kutter
10.02.1933 Die blonde Christel - Franz Seitz (nach dem Roman von Ludwig Ganghofer, 
                  1950 unter dem Originaltitel "Der Geigenmacher von Mittenwald" erneut verfilmt)
30.03.1933 Sprung in den Abgrund - Harry Piel
07.04.1933 Gipfelstürmer - Franz Wenzler (Drehbuch Bobby E. Lüthge)
12.05.1933 Der sündige Hof - Franz Osten (Remake von 1915)
05.09.1933 Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt - Charles Klein
09.10.1933 Hochzeit am Wolfgangsee - Hans Behrendt
31.10.1933 Du sollst nicht begehren... - R. Schneider-Edenkoben
03.11.1933 Heideschulmeister Uwe Karsten - Hans Behrendt (Nach dem Roman 
                                                                          von Felicitas Rose, 1954 erneut verfilmt)
10.11.1933 Ein Kuss in der Sommernacht - Franz Seitz  (Drehbuch Joseph Dalman 
                                                                                                         und Joe Stöckel)
15.11.1933 Drei Kaiserjäger - Franz Hofer, R.Land (Die Handlung spielt während des 1.Weltkriegs)
21.11.1933 Der Judas von Tirol - Franz Osten
30.11.1933 Schwarzwaldmädel - Georg Zoch (Remake von 1920, 1950 und 1973 erneut verfilmt)

Gesamtinhalt Essay Heimatfilm:


1. Einleitung und Inhalt:
1.1. Spiegel des Zustands einer Gesellschaft
1.2. Die 50er Jahre – der Versuch von Abgrenzung und historischer Einordnung
1.3. Von Ludwig Ganghofer über den Nationalsozialismus bis zum „Schwarzwaldmädel“
1.4. Kontinuierliche Weiterentwicklung des Genres
1.5. Zielsetzung
1.6. Quellen

2. Bergdrama und Pioniere des Heimatfilms – die frühen Jahre 1930 bis 1933
2.1. Pioniere des Heimatfilms
2.2. Das Berg-Drama

3. Die Phase des Nationalsozialismus - der Heimatfilm der Jahre 1934 bis 1945
3.1. Der "innere Zirkel" der Heimatfilm-Macher
3.2. Der Heimatfilm als Vehikel der NS-Ideologie?

4. Die Nachkriegszeit bis "Schwarzwaldmädel" – der Heimatfilm der Jahre 1947 bis 1950
4.1. Viele alte und wenige neue Köpfe
4.2. Die Ursache des Erfolgs von "Schwarzwaldmädel": Aktion oder Reaktion?

5. Die erste Boom-Phase – der Heimatfilm der Jahre 1951 bis 1954
5.1. Der "Innere Zirkel" wächst
5.2. Die neuen "Mannsbilder"
5.3. Die weiblichen Stars

6. Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957
6.1. Höhepunkt und beginnender Niedergang
6.2. Lust an der Freizeit statt Flucht aus dem Alltag
6.3. Die Protagonisten der zweiten Welle
6.4. Die Stunde der Komödianten

7. Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969
7.1. Gibt es ein Ende des Heimatfilms?
7.2. Die unaufhaltbare Modernisierung
7.3. Die alten und die neuen Männer

Freitag, 5. Juni 2015

Mädchen mit Gewalt (1970) Roger Fritz

Inhalt: Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch) sind Arbeitskollegen, aber ihr gemeinsames Interesse gilt nur den Frauen, denen sie nach Feierabend hinterher jagen. Mit Werners schnittigem Auto fahren sie durch München, sprechen Mädchen auf der Straße an oder besuchen alte Bekannte, um ihre Chancen erneut zu testen. Dabei reagieren sie genauso schnell auf Zuwendung wie Ablehnung – die nächste Gelegenheit wartet schon.

Nachdem sie zwei junge Frauen einfach auf der Straße zurückließen, da diese ihnen schon nach kurzer Zeit auf die Nerven gingen, landen sie auf einer Go-Kart-Bahn, wo sie auf eine Gruppe von Studenten treffen. Es kommt zu offenen Feindseligkeiten mit den jungen Männern, von denen sich besonders Werner provoziert fühlt, aber Alice (Helga Anders) versucht zwischen ihnen zu vermitteln und beruhigt die Situation wieder. Die junge Frau ist ganz nach dem Geschmack der beiden Freunde, die ihre Chance wittern, als alle noch zum nächtlichen Baden aufbrechen wollen. Sie nehmen Alice in ihrem Auto mit, haben aber ein ganz eigenes Ziel…


"Mädchen mit Gewalt" , liegt seit dem 20.05.2015 nicht nur erstmals auf DVD / Blue-Ray vor, sondern wurde von Subkultur Entertainment in ihrer "Edition Deutsche Vita" nach Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Damit wurde nicht nur eine filmhistorische Lücke geschlossen - Roger Fritz' Filme spiegeln sehr genau die soziologischen Veränderungen in der BRD der 60er und 70er Jahre wider - sondern auch meine ganz persönliche Lücke. Aufmerksam wurde ich auf seinen Film Mitte der 70er Jahre auf dem Cover des "Soundtrack" -Albums der Rockgruppe CAN, ohne jemals näher hinter das Versprechen des Filmtitels zu gelangen. Bis zu dieser Veröffentlichung, die hinsichtlich Bildqualität und Ausstattung ein Optimum bietet. Interessant sind der Audio-Kommentar von Roger Fritz und Arthur Brauss, sowie das Interview mit Rolf Zacher nicht nur hinsichtlich ihres Informationswerts, sondern in ihrer selbstverständlichen Haltung, die weit von unserem heutigen Analyse-Denken entfernt ist. Sie waren damals dabei, haben unmittelbar auf ihre Umgebung reagiert und ihr Ding gemacht - genau das sieht man diesem Film in jedem Moment an. (Die grünen Links führen zur OFDb-Bestellseite). 


Schon der Titel klingt verabscheuungswürdig: "Mädchen mit Gewalt" - Gibt es etwas Feigeres und Niederträchtigeres, als gegenüber Frauen Gewalt anzuwenden? - Nicht überraschend, dass Roger Fritz‘ dritter Langfilm nach "Mädchen, Mädchen" (1967) und "Häschen in der Grube" (1969) in die Ecke "Zynischer Reißer" (Katholischer Filmdienst) gestellt wurde, obwohl Klaus Löwitsch für seine Rolle als "Bester Schauspieler" ausgezeichnet wurde. Doch ähnlich der parallel erschienenen Filme "Deadlock" (Regie Roland Klick) und "Rote Sonne" (Regie Rudolf Thome) blieb Roger Fritz die Anerkennung im Rahmen des "Neuen deutschen Films" versagt und geriet sein Film schnell in Vergessenheit als ein gesellschaftskritische Aspekte effektheischend formulierendes Genre-Werk. Ein Urteil, dass sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten eines Regisseurs zieht, der - ausgehend von Georg Tresslers Film "Die Halbstarken" (1956), über den der 20jährige Roger Fritz eine Bildreportage fertigte, bis zu seiner letzten Regie-Arbeit "Frankfurt Kaiserstraße" (1981) - die soziokulturelle Entwicklung der BRD nach dem Krieg begleitete und wie unter einem Brennglas fokussierte.

Das galt auch für seine Mitstreiter. Mit Klaus Löwitsch, der schon in "Der Pauker" (1958) einen gewalttätigen, kriminellen Jugendlichen als warnendes Beispiel mimte, hatte Fritz 1960 in "...und noch frech dazu" gemeinsam vor der Kamera gestanden, dazu unter Frank Wisbar in dessen NS-kritischen "Fabrik der Offiziere" (1960) einen Wehrmachtssoldaten gespielt, um nach einer Rolle in Marran Gosovs Kurzfilm "Iris auf der Bank" (1965) erstmals in "Mädchen, Mädchen" (1967) Regie, Drehbuch und Produktion zu vereinen. Der Karrierebeginn seiner damaligen Frau Helga Anders, die Fritz in seinen frühen Filmen immer in der weiblichen Hauptrolle besetzte, findet sich ebenfalls im moralisch ambitionierten Film der späten 50er/frühen 60er Jahre wieder. An der Seite Heinz Rühmanns in „Max, der Taschendieb“ (1962) trat sie noch als kecke Tochter auf, bevor sie selbst ins Fahrwasser immer freizügigerer Filme geriet („Das Rasthaus der grausamen Puppen“, 1967).

Auch dem dritten Hauptdarsteller, Arthur Brauss, und Co-Autor Jürgen Knop war dieses Sujet vertraut, dessen beim Feuilleton anrüchiger Ruf übersehen ließ, wie genau sich darin die entstehenden Konflikte durch eine sich verändernde Sozialisation widerspiegelten. Mit „Treibgut der Großstadt“ (1967), „Heißer Sand auf Sylt“ (1968) und „Straßenbekanntschaften auf St. Pauli“(1968) hatte Knop sein Gefühl für den 60er Jahre-Zeitgeist ebenso bewiesen, wie Brauss – hier schon gemeinsam mit Klaus Löwitsch - in „Heisses Pflaster Köln“ (1967, Regie Ernst Hofbauer) und Radley Metzgers „Carmen Baby“ (1967). Kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten zu „Mädchen mit Gewalt“, spielte Roger Fritz noch eine tragende Rolle in der deutsch-italienischen Co-Produktion „Femmine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969) unter der Regie von Alberto De Martino, der darin Emanzipation, sexuelle Revolution und wachsenden Hedonismus zu einer Thriller-Handlung verband. Fritz‘ Rolle eines italienischen Familienvaters, der jede moralische Instanz verliert und Sex nur noch zur Machtausübung und Erniedrigung nutzt, kam einem frühen Abgesang auf die Ende der 60er Jahre noch propagierten Ideale gleich.

In ihrem sezierenden, schonungslosen und letztlich fatalistischen Blick auf die Geschlechterrollen ähneln sich beide Filme, aber Roger Fritz ging in „Mädchen mit Gewalt“ noch darüber hinaus und entwarf eine kammerspielartige Situation, die zwei Drittel des Films prägt, unterstützt von der sparsam eingesetzten „Can“-Musik und einer Kiesgruben-Location, die jeden unnötigen Ballast von der Story fernhalten. Nur die ersten 30 Minuten geben Zeugnis von der Lebenswelt der zwei männlichen Protagonisten Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch), ihrer Arbeit und ihrem Freizeitverhalten, das allein von der gemeinsamen Jagd auf Frauen bestimmt wird. Als eingespieltes Team nehmen sie jede Gelegenheit war, um sie genauso schnell wieder fallenzulassen, wenn sich nicht der erwartete Erfolg einstellt. Nachdem sie auf einer Go-Kart-Rennbahn Alice (Helga Anders) kennenlernten, die eine vielversprechende Erotik ausstrahlt, gelingt es ihnen, sie von ihrer Gruppe zu separieren und nachts allein mit ihr in einer Kiesgrube zu landen. Zuerst entwickelt sich die Situation wie gewünscht, doch als der jungen Frau bewusst wird, dass die Anderen nicht mehr nachkommen, fordert sie die beiden Männer auf, sie wieder zurückzubringen.

Von besonderer Bedeutung dieser ersten Minuten ist der Konflikt zwischen den beiden knapp über 30jährigen Arbeitskollegen und der Studentengruppe, zu der Alice gehört. Rolf Zacher, der in den Jahren zuvor mehrfach als junger Freigeist in den Filmen von George Moorse auftrat („Der Griller“, 1968), steht für das damalige Selbstverständnis der jungen Männer in ihrem liberalen Umgang mit jungen Frauen – ein Umgang, der 10 Jahre zuvor noch ausgeschlossen und auch 1970 nur in einer Großstadt wie München vorstellbar war. Der Betrachter erfährt nichts von der Vergangenheit von Werner und Mike, aber dass sie mit Anfang 20 noch nicht diese Möglichkeiten hatten, steht außer Zweifel. Das verleiht ihrer permanenten Baggerei etwas getriebenes, wie der Versuch, die eigene Jugend nachzuholen. Zacher und seine Kumpels spüren das sofort und provozieren die „Älteren“ – Alice kann den handgreiflich werdenden Konflikt zwar schlichten, empfiehlt sich damit aber unbewusst noch mehr als Objekt der Begierde.

Der von Roger Fritz nicht autorisierte Alternativ-Filmtitel „Mädchen…nur mit Gewalt“ (gemäß seiner Aussage im Audio-Kommentar) erweist sich schon zu diesem Zeitpunkt als Unsinn. Weder Werner, noch Mike wollen Gewalt anwenden. Im Gegenteil überspielt ihr forsches Vorgehen nur ihre Sehnsucht nach Liebe, die sie sich in ihrer jeweiligen Männer-Rolle nicht zugestehen, die in der später eskalierenden Situation aber von wesentlicher Bedeutung wird. Die Antipoden Werner und Mike stehen geradezu prototypisch für den männlichen Charakter – eine legitime, auch in Theaterdramen übliche Zuspitzung, der nichts „reißerisches“ anhaftet. Werner ist der Macher, Mike gibt sich intelligent und gebildet. Normalerweise eine schwer vorstellbare Verbindung, aber Männer verstanden es schon immer, bei gleichem Interesse Unterschiede zu akzeptieren oder mehr noch, diese für sich zu nutzen. Für die Jagd auf Frauen erweisen sich ihre jeweiligen Fähigkeiten als vorteilhaft, vorausgesetzt sie kommen gleichberechtigt zum Zug. Doch Alice weckt in beiden Männern eigene Bedürfnisse, weshalb die sonst unterdrückten Empfindungen explosionsartig herausbrechen und zu unvorhersehbaren Konsequenzen führen.

Die umstrittenste Figur in diesem Dreieck ist die Frauenrolle. Helga Anders, schon optisch dafür prädestiniert, verkörperte eine sexuell freizügig auftretende junge Frau, die nicht nur sofort nackt baden geht, sobald die Drei in der Kiesgrube angekommen waren, sondern selbst nach der Vergewaltigung nie ihr Dekolleté zuhält. Die oberen zwei Knöpfe ihres Kleides waren abgerissen und Roger Fritz, der sich sonst mit Nacktaufnahmen sehr zurückhielt, lässt die Kamera permanent auf ihren nur knapp verhüllten Busen halten und bediente damit nicht nur den Voyeurismus des Betrachters, sondern auch das von Werner formulierte Vorurteil, dass Alice doch selbst schuld an ihrer Situation wäre. Auch das Verhalten der jungen Frau, dass zwischen verzweifelter Wut und Mitgefühl changiert, fördert diesen Eindruck noch.

Diese Form der Inszenierung, die entscheidend zum „reißerischen“ Eindruck beitrug, lässt wiederholt deutlich werden, welche Risiken Filmemacher eingehen, wenn sie vom Betrachter Selbstreflexion einfordern. Zur Entstehungszeit des Films provozierte Alice' Verhalten zwar deutlich mehr, aber an Mikes Ausführungen über die Folgen einer Anzeige wegen Vergewaltigung hat sich bis heute ebenso wenig geändert, wie an dem allgemeinen Urteil über promiskuitiv auftretende Frauen. Auch Mike und Werner – sieht man von der Verheißung einer damals noch frischen sexuellen Liberalisierung einmal ab – stehen stellvertretend für bis heute übliche männliche Charakterzüge. Zwar storytechnisch fokussiert und einer extremen Situation ausgesetzt, aber in ihrer Demaskierung generell gültig. „Mädchen mit Gewalt“ als zeitlos zu bezeichnen, ist deshalb noch zu schwach, auch Attribute wie „zynisch“ oder „böse“ - heute anerkennend gemeint - lassen nach wie vor den Abstand des Betrachters zum Geschehen erkennen. Doch dieser existiert hier nicht und das macht die Größe dieses Films aus.

"Mädchen mit Gewalt" Deutschland 1970, Regie: Roger Fritz, Drehbuch: Roger Fritz, Jürgen Knop, Winfried SchnitzlerDarsteller : Helga Anders, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, Rolf Zacher, Astrid Bohner, Monika ZinnenbergLaufzeit : 94 Minuten

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