Mittwoch, 12. Juni 2013

Der grüne Bogenschütze (1961) Jürgen Roland

Inhalt: Julius Savini (Harry Wüstenhagen) veranstaltet Führungen für interessierte Touristen in der Villa seines Chefs Abel Bellamy (Gert Fröbe), um sein Gehalt ein wenig aufzubessern. Der schwerreiche Amerikaner weilt derweil in den USA und ahnt nichts von der Nebenbeschäftigung seines Sekretärs, wird aber durch das Missgeschick eines Besuchers darauf aufmerksam gemacht. Ein etwas zu neugieriger Mann entdeckt eine Geheimtür, die sich mit dem Arm einer Bogenschützen-Statue öffnen lässt, was ihm einen grünen Pfeil einbringt, der sich tödlich in seinen Rücken bohrt.

Wieder zurück in London reagiert Bellamy sehr erbost darauf, dass Savini fremde Menschen in sein Haus ließ. Zudem war ihm der Ermordete nicht unbekannt, dem es dank des grünen Bogenschützen nicht gelang, das Geheimnis zu entdecken, dass sich hinter der Tür verbirgt. Diese führt zu einer versteckten Wohnung im Kellergeschoss, in der Bellamy eine alte Frau gefangen hält. Entsprechend nervös reagiert er, als er erfährt, dass er neue Nachbarn hat. Ein Mr.Howett (Hans Epskamp) ist in die Villa gegenüber eingezogen, gemeinsam mit seiner Adoptivtochter Valery (Karin Dor), eine geborene Bellamy…


Wie geplant kam beim vierten Edgar Wallace-Film der Rialto Filmgesellschaft wieder Regisseur Jürgen Roland an die Reihe, erneut mit Drehbuchautor Wolfgang Menge und Hauptdarsteller Klausjürgen Wussow an seiner Seite. Doch diese Planmäßigkeit täuscht, denn "Der grüne Bogenschütze" wurde ihr letzter Wallace - Film, eine von Jürgen Roland frühzeitig getroffene Entscheidung, die der Umsetzung deutlich anzumerken ist. Angesichts der großen Zahl späterer Edgar-Wallace-Filme, die häufig unfreiwillig komisch oder bewusst überzeichnet wurden, ist es in Vergessenheit geraten, dass "Der grüne Bogenschütze" die für Edgar Wallace-Krimis typischen Eigenarten schon zu einem frühen Zeitpunkt ins Extreme steigerte.

Die Käuzchen schreien sich die Seele aus dem Leib und die Nebelmaschinen laufen am Limit, wenn Valerie Howett (Karin Dor) nachts ein Boot besteigt, um die finster gelegene alte Villa des reichen Abel Bellamy (Gert Fröbe) zu besuchen - mehr waberndes England-Feeling ist kaum möglich. Allein Gert Fröbe ist die Ansicht des Films wert, so dick trägt er als schwergewichtiger Amerikaner auf, der eine alte Frau (Hela Gruel) in einer geheimen Wohnung im Keller seines Hauses festhält und auch sonst vor keiner kriminellen Missetat zurückschreckt. Wann hat es im Wallace-Film je einen charismatischeren Bösewicht gegeben, der seine Gesinnung keinen Moment verbirgt und alle Menschen wie Dienstboten behandelt, dessen tatsächlichen Pläne aber im Unklaren bleiben ?

Autor Wolfgang Menge gab sich in seiner Überarbeitung des ursprünglich von Wolfgang Schnitzler verfassten Drehbuchs die größte Mühe, die Verwirrung auf die Spitze zu treiben. Puzzleartig reiht er Szene an Szene und führt eine Vielzahl an Personen ein, ohne erzählerische Stringenz zu entwickeln. Im Gegenteil, wird die Story immer undurchsichtiger, desto mehr Fakten aufgedeckt werden - eine ironische Überspitzung der typischen Wallace-Eigenart, am Ende die unwahrscheinlichste Lösung zu präsentieren. Der als Basis dienende Kriminalroman "The green archer", den Edgar Wallace 1923 veröffentlichte, ist wesentlich nachvollziehbarer erzählt und rechtfertigte auch den Titel "Der grüne Bogenschütze", der im Film dagegen nur eine untergeordnete Rolle spielte. Seine abschließende Enttarnung wird fast nebensächlich abgehandelt - ein klarer Verstoß gegen die Erwartungshaltung des Publikums und signifikant für die Intention der Macher.

Sowohl die "Stahlnetz" - Fernsehserie (1958 - 1968), als auch der wenige Jahre später entstandene "Polizeirevier Davidswache" (1964) lassen in ihrer sachlichen, der Realität verpflichteten Inszenierung deutlich werden, warum Jürgen Roland und Wolfgang Menge mit dem Wallace-Universum nicht warm werden konnten. Schufen sie mit "Der rote Kreis" (1960) noch einen Zwitter zwischen strukturiertem Kriminalfilm und Wallace-Elementen, der im Gesamtwerk einen seriösen Eindruck hinterlässt, sollte "Der grüne Bogenschütze" zur großen Abschiedssause werden. Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, vermittelte diese vierte Wallace-Verfilmung innerhalb von weniger als zwei Jahren schon einen inflationären Charakter - gut aus Eddie Arents am Ende geäußerten Worten herauszuhören, der den plötzlich von außen kommenden Lärm damit erklärt, dass dort schon der nächste Wallace-Film entsteht. Für Arent das richtige Stichwort, denn er blieb der Serie treu, spielte aber in "Der grüne Bogenschütze" erstmals konsequent die Witzfigur, nachdem er in "Die Bande des Schreckens" (1960) schon Tendenzen in diese Richtung gezeigt hatte.

Für Klausjürgen Wussow als Inspector Featherstone blieb es dagegen der letzte Auftritt in einem Wallace-Streifen. Gegen seinen Machismo kam nicht einmal Joachim Fuchsberger an, denn die Verbindung zur schönen Valerie stellt er letztlich dadurch her, dass er ihre Mutter schon als seine Schwiegermutter betrachtet - Widerspruch zwecklos. Nicht einmal der Austausch von Zärtlichkeiten war noch notwendig, womit Roland die Geschlechter-Klischees der Reinl-Verfilmungen gelungen persiflierte, letztlich aber die Erwartungshaltungen des Publikums erneut nicht erfüllte.

Entsprechend hinterlässt "Der grüne Bogenschütze" im Wallace-Universum einen zwiespältigen Eindruck - dank des besonders schaurig finsteren Settings und der von Fröbe und Arent verkörperten Figuren, verbreitet der Film bestes Wallace-Feeling, welches die verwirrende Handlung mit ihren unerwarteten Brüchen dagegen nicht befriedigt. Erkennt man darin den Stilwillen seiner Macher, wird "Der grüne Bogenschütze" zu einer gelungenen Umsetzung, die sich selbst nicht ernst nimmt und die damaligen Klischees ironisch bricht - innerhalb des Wallace-Universums eine Ausnahme.

"Der grüne Bogenschütze" Deutschland 1961, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Wolfgang Menge, Wolfgang Schnitzler, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Klausjürgen Wussow, Karin Dor, Gert Fröbe, Wolfgang Völz, Eddie Arent, Harry WüstenhagenLaufzeit : 89 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Jürgen Roland:

Dienstag, 11. Juni 2013

Duell in den Wolken (The tarnished angels, 1957) Douglas Sirk


Inhalt: New Orleans, Mitte der 30er Jahre während der Karnevalszeit. Nicht nur die Mardi Gras Umzüge ziehen die Menschen an, sondern auch die verwegenen Kunstflieger in ihren kleinen und wendigen Maschinen. Der Journalist Burke Devlin (Rock Hudson) lernt dort die Familie Shumann kennen, als er dem neunjährigen Jack Shumann (Christopher Olsen) zu Hilfe kommt. Er ist der Sohn des ehemaligen Weltkrieg-Flieger-As Roger Shumann (Robert Stack), der sein Dasein als Flieger bei Wettrennen fristet, und LaVerne Shumann (Dorothy Malone), die mit gewagten Stunts auftritt.

Devlin hilft der in Geldknappheit steckenden Familie und deren Mechaniker Jiggs (Jack Carson), in dem er sie in seiner Wohnung schlafen lässt. Nachts erfährt er von LaVerne viel über deren Leben und will einen Zeitungsartikel über die Menschen schreiben, die immer am Rand des Todes leben. Doch sein Redakteur hält nichts von den "Zigeunern" und schmeißt Devlin, als dieser deshalb wütend reagiert, raus. Als er daraufhin wieder zu dem Veranstaltungsgelände, kommt er noch rechtzeitig zu dem Wettfliegen und wird Zeuge eines tödlichen Unfalls...


"The Party's next door! - And that's the way it's always been!"

Angesichts der blonden Schönheit, die diese Worte mit einem Glas Bourbon in der Hand spricht, möchte man an Ironie glauben, aber Douglas Sirk erzählt hier nach William Faulkner's Roman "Pylon" eine Geschichte der Gegensätze. Und bewies mit "The Tarnished Angels", wie virtuos er in der Lage ist, ein überzeugendes menschliches Drama aufzubauen. Zwei Jahre zuvor drehte er mit den selben Hauptdarstellern (nur Lauren Bacall fehlte diesmal) "Written in the Wind", dessen bonbonfarbene Buntheit die darunter verborgene Tragik nur langsam zum Vorschein kommen ließ - die Schwarz-Weiß Bilder in "The Tarnished Angels" lassen dagegen keine Illusionen mehr entstehen. Dabei böten sich bunte Farben erneut an, denn Sirk erzählt seine Geschichte während der Karnevalszeit in New Orleans. Die Menschen auf den Straßen und in ihren Wohnungen feiern mit fantasievollen Maskierungen, während parallel eine große Flugschau stattfindet - ein buntes Spektakel mit Jahrmarkt, Stunts und Flugzeug-Rennen um eine von Pylonen abgesteckte Strecke.

Schon die ersten Bilder inmitten der Zuckerwatten und Karussell-Fröhlichkeit, lassen den Gegensatz zu den tatsächlichen Empfindungen der Menschen deutlich werden, weshalb Sirk nur wenige Elemente benötigt, um den Betrachter mit den Protagonisten vertraut zu machen. Burk Devlin (Rock Hudson), Journalist einer ansässigen Zeitung, schlendert über das Jahrmarktgelände und kommt einem Jungen zu Hilfe, der von einem Mechaniker damit geärgert wird, dass er in Frage stellt, wer sein Vater ist. Dabei handelt es sich bei Jack Shumann (Christopher Olsen) eindeutig um den Sohn von LaVerne (Dorothy Malone) und Roger Shumann (Robert Stack). Doch angesichts der blonden Schönheit LaVerne, die auch bei Devlin sofort Begehrlichkeiten weckt, sind Verdächtigungen dieser Art schnell ausgesprochen. Besonders wenn man weiß, dass der Mechaniker Jiggs (Jack Carson) immer mit der Familie Shumann von Flugschau zu Flugschau reist.

Douglas Sirk entwirft hier ein Gebilde gegenseitiger Abhängigkeiten, deren tatsächliche Tragweite sich erst zum Schluss herausstellt. Jeder Glamour, der sich auf Grund der Flugzeuge, des abenteuerlichen Ambientes mit seinen Heldengeschichten und der schönen Ehefrau ergeben könnte, wird schon beim ersten Blick in Roger Shumann’s mürrisches Gesicht vertrieben. Ganz abgesehen davon, dass die Familie in Geldnöten steckt und nicht weiß, wie sie ihre Unterkunft bezahlen soll. Devlin hilft ihnen und lädt sie dazu ein, in seiner Wohnung unterzukommen.

Devlin selbst macht trotz aller scheinbaren Entspanntheit auch keinen frischen Eindruck und es ist erstaunlich, wie zerknautscht und fast depressiv Rock Hudson hier gegen sein übliches Image spielt. Die Gespräche, die sich zunehmend zwischen ihm und LaVerne entwickeln, haben von Beginn an den Charakter der Begegnung zweier Menschen, die nach Liebe und Anerkennung dürsten, Trotzdem lässt Sirk keinen Zweifel daran, dass hier keine romantische Geschichte erzählt wird. LaVerne leidet unter der ablehnenden Haltung ihres Ehemannes, der kaum einmal mit ihr spricht, während Devlin, der Ablenkung im Alkohol sucht, sich in seinem intellektuellen Anspruch unterfordert und von der Umgebung nicht anerkannt fühlt. Durch das nächtliche Gespräch mit LaVerne noch zusätzlich aufgeheizt, will er eine Reportage über die Familie schreiben, aber sein Redakteur lehnt die „Zigeuner“, wie er sie nennt, ab. Verletzt und wütend attackiert Devlin ihn und wird rausgeschmissen.

Zurückgekehrt zu der Flugschau, wird er Zeuge eines Wettkampfes zwischen Roger Shumann und einem jungen Flieger, der von Matt Ord (Robert Middleton) ein Flugzeug gestellt bekommt. Matt Ord ist ein wohlhabender Geschäftsmann Ende Fünfzig, der mit den Flugwettbewerben Geld verdient, ohne selbst sein Leben zu riskieren, und wird von Shumann entsprechend abgelehnt. Zudem hat er ein Auge auf LaVerne geworfen. Entgegen der sonst nah an die Personen herangehenden Kamera, inszeniert Sirk die Flugkämpfe als beeindruckendes optisches Spektakel, deren Spannung regelrecht greifbar wird. Die Flugzeuge, die in möglichst engen Kehren um die Pylone fliegen, berühren sich beinahe, und es überrascht nicht, dass tödlichen Unfälle keine Ausnahme sind. So auch diesmal, als dem jungen Flieger bei einem Crash mit Shumann ein Flügel seiner Propellermaschine abbricht. Er stürzt ab, während Shumann sein brennendes Flugzeug noch landen und sich retten kann.

Die Art wie Sirk hier den Tod inszeniert, ist typisch für seine Filme - er nimmt ihn ernst, betont gleichzeitig aber dessen Beiläufigkeit. Als später Männer den Sarg aus einer Halle tragen, sieht man im Vordergrund einen Propeller starten. Trotz des Unglücks macht sich Shumann sofort auf die Suche nach einer Ersatzmaschine, um am nächsten Tag wieder mitfliegen zu können. Doch das einzige zur Verfügung stehende Flugzeug gehört Matt Ord und hat einen kaputten Motor. Shumann drängt seinen Mechaniker Jiggs, diesen zu reparieren, und fordert seine Frau dazu auf, Matt Ord dazu zu überreden, ihm die Maschine zur Verfügung zu stellen, wohl wissend, dass sie ihm dafür schöne Augen machen muss.

Sirks Meisterschaft lag in der geschickten Zuspitzung der Emotionen, die geradezu zwingend auf eine vulkanartige Eruption hinführte, hier aber geht er noch einen Schritt weiter. Nach zwei Dritteln der Laufzeit kommt es zu einer Katastrophe, die normalerweise das Ende eines Films bedeutet hätte oder zu einer Lösung hätte führen müssen. Doch Sirk setzt seinen Film zwar fort, verzichtet aber abrupt auf die sich bisher steigernde Dramatik und verfällt in einen fast emotionslosen Gleichklang. Damit verändern sich auch die Gewichtungen zwischen den einzelnen Personen. Lag Sirks Augenmerk lange Zeit auf Devlin und LaVerne, während Robert Stack als wortkarger und meist unfreundlicher Pilot im Hintergrund agierte, zeigt sich jetzt dessen Bedeutung für das innere Gefüge. Anders als üblich hatte die Katastrophe keine reinigende Wirkung, sondern lässt erst die innere Leere der Beteiligten deutlich werden. Das Ende verspricht zwar ein wenig Hoffnung auf Veränderung, aber davon abgesehen hinterlässt „The Tarnished Angels“ nur verlorene Seelen.

"The tarnished angels" USA 1957, Regie: Douglas Sirk, Drehbuch: George Zuckerman, William Faulkner (Roman), Darsteller : Rock Hudson, Dorothy Malone, Robert Stack, Jack Carson, Robert Middleton, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:

"Zu neuen Ufern" (1937)
"La Habanera" (1937)
"Magnificent obsession" (Die wunderbare Macht, 1954)
"All that heaven allows" (Was der Himmel erlaubt, 1955)

Samstag, 8. Juni 2013

13 Stühle (1938) E.W. Emo

Inhalt: Felix Rabes (Heinz Rühmann) Friseurladen läuft schlecht, als ihn die Nachricht einer Erbschaft erreicht. Er soll sofort nach Wien kommen, um das Erbe seiner wohlhabenden Tante anzutreten. Auf der Zugfahrt redet er schon von seinem zukünftigen Reichtum, womit er die Neugier der hübschen Lily Walter (Inge List) weckt, die keinen Hehl aus ihrem plötzlich erwachten Interesse macht. So zusätzlich in Stimmung versetzt, ist die Ernüchterung groß, als er in der leeren Wohnung seiner Tante landet. Nur 13 Biedermeier-Stühle scheinen von einem bescheidenen Wert zu sein, weshalb er sie dem Trödler Alois Hofbauer (Hans Moser) in Kommission gibt.

Die Nacht verbringt er ein letztes Mal in der Wohnung der Tante, unbequem auf einem schmalen Sofa schlafend. Wütend auf sie schimpfend will er ihr Wandbild umdrehen, als ihm ein dahinter geklemmter Brief entgegen fällt, den er sofort zerreißt. Um ihn wenig später wieder zusammenzusetzen, wodurch er von 100.000 Mark erfährt, die sie ihm vermacht hatte. Dummerweise hatte sie das Geld in einem der 13 Stühle versteckt, die Rabe dem Trödler zum Verkauf gegeben hatte. Dieser kommt ihm mit der erfreulichen Nachricht entgegen, dass er schon alle Stühle losgeworden wäre, was Rabe in tiefe Verzweiflung führt. In seiner Not vertraut er sich Hofbauer an, bietet ihm ein Teil der Erbschaft und sie machen sich zusammen auf die Suche nach dem richtigen Stuhl…


Vordergründig scheint sich "13 Stühle" nur wenig vom üblichen Heinz-Rühmann-Starvehikel der Phase Ende der 30/ frühe 40er Jahre zu unterscheiden, in denen Komödien wie der ebenfalls 1938 entstandene „5 Millionen suchen einen Erben“ oder „Der Gasmann“ (1941) mit der wiederholt erzählten Geschichte vom kleinen Mann, der plötzlich zu Reichtum gelangt, der Ablenkung vom Alltag dienen sollten - inclusive den typischen Konsequenzen nach der ersten Versuchung bis zum letztlichen Erkennen der wahren Werte, die selbstverständlich nicht im schnöden Mammon liegen.

Doch zwei wesentliche Merkmale heben den Film trotz seiner offensichtlichen Anpassung an den damaligen Publikumsgeschmack und der vorgegebenen Linie des Propagandaministeriums, der sich der viel beschäftigte Komödienspezialist E.W.Emo nicht widersetzte, aus der Masse heraus - die Story basiert auf einer russischen Novelle ("12 Stühle") aus den 20er Jahren, die als beißende Satire auf das eigene Volk zu verstehen war, und sie stellt statt des üblichen "lieben Frauchens" diesmal den österreichischen Volksschauspieler Hans Moser an Rühmanns Seite, der einen deutlich originelleren Partner abgibt. Nachdem sie zuvor in "Der Himmel auf Erden" (1935), "Ungeküsst soll man nicht schlafen gehen" (1936) und "Der Mann von dem man spricht" (1937) zusammen gespielt hatten - nach dem Krieg kam noch "Wir werden das Kind schon schaukeln" (1952) dazu, immer unter Regisseur Emo - blieb "13 Stühle" ihr einziger gemeinsamer Film nach dem kurz zuvor erfolgten Anschluss Österreichs an Deutschland, weshalb der gebürtige Essener Heinz Rühmann in Wien auftaucht, nachdem er in seiner Rolle als Felix Rabe erst mit dem Zug dorthin fahren musste.

Der Grund für diese Reise liegt in der unverhofften Erbschaft seiner Tante, die - obwohl in ihrem Umfang keineswegs einschätzbar - sofort zu kühnsten Fantasien Anlass gibt und mit Lily Walter (Inge List), die Felix Rabe (Heinz Rühmann) im Zugabteil trifft, auch beim weiblichen Geschlecht gleich Begehrlichkeiten erzeugt. Anders als in den meisten Rühmann-Filmen entfernt sich der Film nicht so weit von der literarischen Vorlage, dass er Rabes Egoismus, gepaart mit naiver Dummheit leugnet. Auch wenn der Zuschauer damals einem Heinz Rühmann ein solches Verhalten nachsah, hält der Film dessen Jagd nach Reichtum ohne moralisches Schöngerede erfreulich konsequent durch. Moser und Rühmann geben lange Zeit ein durch die äußeren Umstände zusammen geschweißtes Paar ab, dass sich einerseits herzlich misstraut, andererseits keine Gnade kennt, um wieder in den Besitz des Stuhls zu gelangen, in dem die Erbtante 100.000 Mark versteckt hatte.

Allein das Rabe in diese Situation kam, wirft ein bezeichnendes Bild auf seinen Charakter, denn als er in Wien nur eine leer geräumte Wohnung mit dreizehn alten Biedermeier-Stühlen vorfindet, verliert er schnell die Contenance, beleidigt das kurz vorher noch so "geliebte Tantchen" und verkauft die Stühle an den Trödler Alois Hofbauer (Hans Moser), um wenigstens die Rückfahrt bezahlen zu können. Erst in der Nacht erkennt er das Geheimnis der Stühle, doch am Morgen muss er feststellen, dass Hofbauer diese schon veräußert hatte. Um wieder in deren Besitz zu gelangen, verrät er diesem von dem versteckten Schatz und gemeinsam machen sie sich auf die Suche.

Der Film nutzt die vielfältigen Charaktere und Situationen, bei denen die Zwei auftauchen, für respektlose Beobachtungen des mitmenschlichen Verhaltens. Als Felix Rabe aus einem brennenden Haus, wo er fälschlicherweise einen der Stühle vermutete, nebenbei einen Hund rettet, wird dieser zwar mit Begeisterung in die Arme genommen, aber von dem Retter nimmt Niemand Notiz. Vielleicht lag es am Drehort Wien, dass selbst bei kritischen Szenen wie dem Aufenthalt im Kuriositäten-Kabinett oder in der Irrenanstalt, wo Rabe und Hofbauer fast folgerichtig landen, keine Anspielungen auf nationalsozialistisches Gedankengut zu erkennen sind. Sehr positiv kommt dem Film auch Mosers Spiel zugute, der anders als der jugendliche Rabe zwar vordergründig als grantelnder Wiener seine Paraderolle gibt, aber innerhalb der ansonsten egoistischen Gesellschaft der Einzige ist, der echte Sympathien verdient.

Gerade die Frauen kommen in „13 Stühle“ schlecht weg, da sie entweder als herrische Ehefrauen oder geldgeile Luxusweibchen auftreten. Trotzdem ist diese Gestaltung im Vergleich zu den üblichen Komödien dieser Zeit erfrischend, denn durch den Verzicht auf ein „Love-Interest“ für Rühmann - auch wenn er das erst spät begreift - existiert hier keine idealisierte Frauengestalt mit sicherer Anwartschaft auf das Mutterkreuz. Die Frauen dürfen stattdessen richtig fies sein und reihen sich damit getreu der russischen Originalvorlage, die in den Film - Credits nicht erwähnt wurde, gleichberechtigt in die Männerwelt ein. Nur die beiden Protagonisten ragen letztlich positiv heraus, was durch das leicht aufgesetzte, aber kurz gehaltene Happy-End betont wird. Diese Abweichung von der Romanvorlage kann nur als Anbiederung an die damaligen Erwartungshaltungen verstanden werden, ändert aber nichts an dem guten Eindruck einer erfrischend schnellen Komödie mit einem dezent respektlosen Charakter.

"13 Stühle" Deutschland 1938, Regie: E.W. Emo, Drehbuch: E.W. Emo, Per Schwenzen, Yevgeni Petrow (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Hans Moser, Annie Rosar, Inge List, Ondra, Alfred NeugebauerLaufzeit : 84 Minuten

Mittwoch, 5. Juni 2013

Das Wirtshaus im Spessart (1958) Kurt Hoffmann

Inhalt: Obwohl der Moritatensänger (Rudolf Vogel) vor den Räubern im Spessart warnt und eine hohe Belohnung auf den Räuberhauptmann (Carlos Thompson) ausgesetzt ist, wagen sich die Wanderburschen Felix (Helmut Lohner) und Peter (Hans Clarin) in den finsteren Wald, ängstlich darauf vertrauend, dass sie als arme Schlucker nicht beraubt werden. Ganz anders sieht die Situation für die Comtesse Franziska von Sandau (Liselotte Pulver) und ihren Verlobten Baron Sperling (Günter Lüders) samt ihrer Begleitung aus, die mit ihrer Kutsche in eine Grube fahren und nicht mehr weiter können.

Zu ihrem scheinbaren Glück erscheinen wie zufällig Knoll (Wolfgang Neuss) und Funzel (Wolfgang Müller) an der Unglücksstelle, die ihnen den Tipp geben, die Nacht in einem nahe gelegenen Wirtshaus zu verbringen. Doch die beiden Räuber locken sie damit in die vorbereitete Falle, denn in dem abseits gelegenen Gasthaus taucht bald die Räuberbande mit dem Hauptmann an der Spitze auf, der sich ein ordentliches Lösegeld für die Comtesse erhofft. Um ihn zu täuschen, gibt sich Felix, der gemeinsam mit Peter auch im Wirtshaus untergekommen war, verschleiert als Comtesse aus, die selbst als Räuber verkleidet zu fliehen versucht. Doch als ihr klar wird, dass sie ihre Freunde damit im Stich lässt, schließt sie sich der Bande an…


Die Moritat um die Räuberbande im Spessart, die im 18.Jahrhundert spielen soll, war nicht nur die vierte Zusammenarbeit Kurt Hoffmanns mit Liselotte Pulver, sondern wurde einer der erfolgreichsten deutschen Filme der 50er Jahre, der folgerichtig mit „Spukschloss im Spessart“ (1960) und „Herrliche Zeiten im Spessart“ (1967) noch zwei Fortsetzungen nach sich zog, natürlich jeweils mit Liselotte Pulver in der Hauptrolle. Ein Erfolg dieser Größenordnung funktionierte nur mit einem genauen Gespür für den damaligen Publikumsgeschmack, weshalb der Zahn der Zeit deutlich mehr an "Das Wirtshaus im Spessart" genagt hat, als an einem weniger kompatiblen Werk wie "Die Zürcher Verlobung", den Helmut Käutner ein Jahr zuvor mit Lieselotte Pulver drehte.

Der Grund für den Erfolg der Geschichte um Comtesse Franziska (Liselotte Pulver) lag in der idealen Kombination damals beliebter Genres. Beginnend mit einem Vogelhändler und Moritatenerzähler (Rudolf Vogel), der dem Geschehen eine erzählerische Klammer gibt, liegt ein Schwerpunkt auf dem Gesang, der nicht kitschig klingt, sondern in einer Art Sprechgesang zwischen komödiantischen, albernen und sanft kabarettistischen Momenten wechselt. Besonders die beiden Erz-Komiker Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, die hier als gutmütige, leicht trottelige Räuber in das Geschehen eingreifen, dürfen sich auf diese Weise über kleinbürgerliches Denken amüsieren.

Die historisch anmutende Kulisse vor dem Hintergrund von Wasserschloss Mespelbrunn im Spessart, wirkt theatralisch künstlich mit betont schmutzigem Räuberlager und einem von waberndem Nebel umflorten düsteren Wirtshaus mitten im Wald. Eine bewusst herbei geführte Wirkung, denn trotz der gruseligen Atmosphäre macht Regisseur Hoffmann kein Geheimnis daraus, dass es sich hier um eine leicht abgedrehte Komödie handelt, deren Räubermilieu er für respektlose Bemerkungen und moralisch gewagte Konstellationen nutzte. Der dicke Pfarrer, der das Geschehen mit weisen Sprüchen und erhobenem religiösen Zeigefinger kommentiert, wirkt entsprechend deplaziert und lächerlich – eine sanfte Kritik an den kirchlichen Moralvorstellungen.

"Das Wirtshaus im Spessart" vermittelt aus heutiger Sicht ein so vieldeutiges, wie uneinheitliches Bild. Der historische Rahmen versucht trotz schöner Kostüme gar nicht erst authentisch zu wirken. Einerseits gibt es den Oberst eines Kavallerieregiments, dessen Auftritt an einen typischen preußischen Offizier (Hubert von Meyerinck) aus der Zeit von Wilhelm II. erinnert, obwohl der Film optisch früher angesiedelt ist, andererseits spielt Liselotte Pulver die junge Adlige in einer Mischung aus Rüpelhaftigkeit und Selbstbewusstsein, die für 1958 sehr modern war. Noch heute ist es gut nachvollziehbar, dass diese Mischung aus Märchen, gruseliger Räuber-Atmosphäre und Komödie mit vielen witzig frechen Sprüchen und Gesängen sehr gut ankam, besonders dank der burschikos, respektlosen Liselotte Pulver. Dazu werden Seitenhiebe auf das Militär, die Kirche, die adligen geldgierigen Führungskräfte und das Spießbürgertum im Allgemeinen abgegeben. Und zu alledem gibt es noch eine romantische Liebesgeschichte zwischen der Comtesse und dem Räuberhauptmann (Carlos Thompson).

Die Story selbst ist sehr einfach gehalten und liefert nur das Grundgerüst für die Gesänge und komödiantischen Szenen - und für die frivolen Momente zwischen unverheirateten Männlein und Weiblein. Leider geht dem wilden Treiben am Ende ein wenig die Luft aus, da auch „Das Wirtshaus im Spessart“ nicht ohne Happy-End auskommt und sich der Räuberhauptmann in Wirklichkeit als ganz lieber und dazu noch adliger Kerl entpuppt. Auch daran wird der Geist von 1958 sichtbar, der sich in einem akzeptierten Rahmen ein wenig Kritik leistet, letztlich aber doch die Erwartungshaltungen des Publikums an eine schöne unterhaltende Geschichte erfüllen will.

Trotz kleinerer Wagnisse wirkt "Das Wirtshaus im Spessart" heute altmodisch, da sich die kabarettistisch komödiantischen Anspielungen am damaligen Zeitgeist orientierten und inzwischen betulich und harmlos daher kommen. Auch den emanzipatorischen Ansatz hält der Film nicht durch, denn die lange Zeit in einer Hosenrolle agierende Liselotte Pulver akzeptiert am Ende ihre mädchenhafte Unterordnung, um die Erwartung an Romantik und die gewohnten Geschlechterrollen zu erfüllen. Die Räuberposse um eine Comtesse, die zusammen mit Freunden von Räubern entführt wird und als Mann verkleidet entfliehen kann, hat viel von ihrer damaligen Wirkung verloren, lässt aber den Spaß der Beteiligten an dem Film nach wie vor spüren, denn Kurt Hoffmann konnte eine Vielzahl komödiantischer Schauspieler von Hans Clarin, über Ralf Wolter bis Günter Lüders aufbieten. Und das damals führende Komikerpaar Neuss/Müller befand sich wie üblich in großartiger Spiellaune, weshalb "Das Wirtshaus im Spessart" auch heute noch bestens unterhalten kann.

"Das Wirtshaus im Spessart" Deutschland 1958, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Luiselotte Enderle, Kurt Hoffmann, Heinz Pauck, Darsteller : Liselotte Pulver, Carlos Thompson, Hans Clarin, Rolf Wolter, Günther Lüders, Helmut Lohner, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Rudolf Vogel, Ina Peters, Hubert von Meyerinck, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:

"Quax, der Bruchpilot" (1941)
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Ich denke oft an Piroschka" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

Sonntag, 2. Juni 2013

Heiße Ernte (1956) Hans H.König

Inhalt: Wie jedes Jahr im August kommen zahlreiche Erntehelfer nach Tettnang in die Nähe des Bodensees, um bei der Hopfenernte mit anzupacken. Nach Geschlechtern getrennt werden sie in Baracken untergebracht, von wo aus sie jeden Tag zu den Feldern gebracht werden - für viele von ihnen eine wichtige Erwerbsquelle. Doch diesmal kommt es für Konrad Stammer (Erik Schumann), Sohn des Gutsbesitzers und engagierter Organisator des Ernteeinsatzes, zu einer überraschenden Wiederbegegnung.

Unter den Arbeiterinnen befindet sich Auschra (Edith Mill), eine junge Vertriebene, bei deren Familie er als Soldat während des 2.Weltkriegs im Memelland Unterkunft gefunden hatte. Schon damals hatte sie ihm gefallen, weshalb seine Gefühle für sie erneut entflammen. Zuerst zurückhaltend, beginnt Auschra seine Liebe zu erwidern, womit sie erhebliche Konflikte herauf beschwört. Konrad Stammer ist mit Sybille Scharfenberg (Hanna Rucker), der Tochter des benachbarten Gutsbesitzers (Ernst F.Fürbringer), verlobt und mit Stanislaus Sadowski (Harald Schmid) taucht ein Mann aus Auschras Heimat auf, der für sich ältere Rechte an ihr einfordert...


Während seiner nur wenige Jahre andauernden Karriere als Regisseur und Drehbuchautor widmete sich Hans H. König größtenteils dem Heimatfilm, bevor er nach "Jägerblut" (1957) wieder ausschließlich als Schriftsteller arbeitete. Beginnend mit "Rosen blühen auf dem Heidegrab" (1952), entstanden seine Werke während der Hochphase des Genres, weshalb seine außergewöhnliche Art der Inszenierung unter den die Erwartungshaltung des Publikums meist auf übliche Weise bedienenden Heimatfilmen in Vergessenheit geriet. An "Heiße Ernte" arbeitete König zudem das vierte Mal mit Edith Mill zusammen, der damaligen Frau seines Bruders, die erneut die weibliche Hauptrolle übernahm. Auch Johannes Kai, der seinen Namen nach dem Krieg änderte, da er unter seinem gebürtigen Namen Hanns Wiedemann für einschlägige Publikationen während der Zeit des Nationalsozialismus verantwortlich war, war das dritte Mal an einem seiner Drehbücher beteiligt, dass sich offensichtlich am neorealistischen Reißer "Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949) von Giuseppe De Santis orientierte.

In beiden Filmen steht der Einsatz einfacher Arbeiter - hier zur Ernte von Hopfen, in "Riso amaro" zur Anpflanzung von Reis - im Mittelpunkt, die aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, entfernt von ihrer Heimat unter wenig komfortablen Bedingungen einem harten Broterwerb nachzugehen. Auch die Unterbringung in Baracken, die teilweise handgreiflichen Auseinandersetzung der Frauen auf engstem Raum, die der Regisseur zur Befriedigung voyeuristischer Einblicke nutzte (von König gleichzeitig wieder ironisiert, indem er die Männer schamlos glotzen lässt) und die realistische Darstellung des Arbeitseinsatzes, erinnern stark an "Riso amaro", aber König verzichtete auf jegliche politische Relevanz und schilderte die Gutsherrn als untadelige Autoritäten, die ihre Arbeiter unter fairen Bedingungen beschäftigen.

Auch "Riso amaro" nutzte seinen gesellschaftskritischen Gestus nur oberflächlich, legte seine Protagonisten aber komplexer an. Anders als Silvana Mangano, die in ihrer Rolle kriminell handelte und provozierend erotisch auftrat, muss allein der Hintergrund als nach dem Krieg Vertriebene dafür herhalten, das Auschra (Edith Mill) mit den Vorurteilen ihrer Umgebung konfrontiert wird. Ihr wird promiskuitives Verhalten und kalte Berechnung unterstellt, um den Sohn des Gutsbesitzers Konrad Stammer (Erik Schumann), der mit der Tochter des benachbarten Gutsbesitzers Sybille Scharfenberg (Hanna Rucker) verlobt ist, zu verführen. Doch König lässt weder einen Zweifel am Anstand von Auschra, noch an seiner kritischen Haltung gegenüber den so Urteilenden. Die Vorurteile gegenüber den Vertriebenen waren sicherlich Realität in der jungen BRD, aber König nutzte sie nur zur Dramatisierung, ohne einen generellen gesellschaftskritischen Bezug herzustellen.

Auch die männlichen Charaktere unterschieden sich deutlich zwischen beiden Filmen. Vittorio Gassman ist als charmanter Krimineller in „Riso amaro“ differenzierter gestaltet als Helmut Schmid, der – das dritte Mal von Hans H.König in seinen Filmen besetzt - mit seiner  körperbetonten Energie für die Rolle des Bösewichts geradezu prädestiniert wirkt. Wieder aus dem Gefängnis entlassen, verdingt sich Stanislaus Sadowski (Helmut Schmid) ebenfalls als Erntearbeiter, hat es aber nur auf Auschra abgesehen, der er bei der Flucht aus dem Memelland beigestanden war, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Daraus macht er gegenüber Konrad Stammer - der im Vergleich zu Stanislaus blass bleibt, auch wenn er um seine Liebe kämpft - ältere Rechte an ihr geltend, als sich zwischen dem jungen Gutsherrn und Auschra etwas anbahnt. So lässt es sich begründen, warum der Film später den Titel "Der Gutsherr und das Mädchen" erhielt, der nur noch auf diese klassenübergreifende Liebesgeschichte hinwies, obwohl diese Änderung sicherlich auch von dem Vorbild "Riso amaro" ablenken sollte.

Unnötigerweise, denn auch wenn Königs Film die italienische Lässigkeit im Umgang mit moralischen Standards vermissen ließ, so unterschied sich sein Heimatfilm - sowohl in den spontan wirkenden musikalischen Einlagen, den ungekünstelten Naturaufnahmen, als auch dem Umgang der Geschlechter untereinander - wesentlich von vielen volkstümelnden und moralisch verlogenen Kreationen des Genres. Zwar entsprach die negative Charakterisierung der "selbstbewussten und unabhängigen Frau" Sybille - die ihren Verlobten folgerichtig an Auschra verliert - der damals gängigen Meinung, aber entscheidender für die abschließende Wirkung des Films war, dass die Produktionsgesellschaft in das von König geplante Ende eingriff. Anstatt dem eindrucksvoll agierenden Helmut Schmid als Wüterich Stanislaus die abschließende Konsequenz zu überlassen, was den guten Gesamteindruck gesteigert hätte, musste Edith Mill in einer später nachgedrehten Szene unrealistischerweise einen meterhohen Absturz überleben, da dem Publikum das negative Ende nicht zuzumuten gewesen wäre.

"Heiße Ernte" Deutschland 1956, Regie: Hans H. König, Drehbuch: Johannes Kai, Hans H. König, Carl Winston, Darsteller : Edith Mill, Erik Schumann, Helmut Schmid, Hanna Rucker, Maria Sebaldt, Ernst F. Fürbringer Friedrich DominLaufzeit : 92 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Hans H. König: