Montag, 15. Juli 2013

Haie und kleine Fische (1957) Frank Wisbar

Inhalt: 1940 – der 18jährige Hans Teichmann (Hansjörg Felmy) und seine Kameraden Gerd Heyne (Horst Frank), Emil Stollenberg (Thomas Braut) und Vögele (Ernst Reinhold) treten ihren ersten Dienst als angehende Offiziere auf dem Minensuchboot „Albatros“ an, und lassen sich ihre gute Laune auch nicht von dem unfreundlichen Empfang durch Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) vermiesen. Im Gegenteil – schon bald überqueren Teichmann und ein Freund den nahe gelegenen See mit ihrer Jolle, bis sie fast mit einem Motorboot zusammen stoßen, dem Teichmann unfreundliche Worte hinterher ruft.

Zurecht wie er findet, auch als er erfährt, dass die Frau seines Flotillen-Chefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) am Steuer saß. Zur Strafe muss er ihr beim Einkauf und der Einrichtung der Wohnung helfen, aber die Nähe zu der jungen und hübschen Frau Engelmann (Sabine Bethmann) empfindet Teichmann zunehmend als Vergnügen. Als er sie küsst, wehrt sie sich einen Moment nicht, weist ihn dann aber von sich, womit sein Job bei ihr beendet ist. Kurz darauf sticht er mit dem Minensuchboot in See, wo es zu dramatischen Ereignissen kommt, in die auch sein Flotillen-Chef verwickelt wird…


Obwohl der Kriegsfilm seit der "08/15" - Trilogie (1954/55) erfolgreich in den deutschen Kinos lief, hielten sich die Produzenten mit der Darstellung von Kampfhandlungen merklich zurück. Das änderte sich mit "Der Stern von Afrika" und "Haie und kleine Fische", die kurz nacheinander im Herbst 1957 in die deutschen Lichtspielhäuser kamen. Basierte "Der Stern von Afrika" noch auf der Biografie eines bekannten Kampffliegers und stand in der Tradition zuvor entstandener Kriegsfilme, die der Thematik auf diese Weise einen seriösen Anstrich geben sollte ("Canaris" 1954), verarbeitete der sonst unbekannt gebliebene Schriftsteller Wolfgang Ott in "Haie und kleine Fische" seine persönlichen Erfahrungen als Soldat der Marine und wirkte auch am Drehbuch der Verfilmung mit.

Sein überraschender Erfolg als Autor stand signifikant für die damalige Sehnsucht nach Stoffen, die das Erleben eines durchschnittlichen Soldaten im Krieg wiedergaben, weshalb "Haie und kleine Fische" stilbildend für die zukünftigen Kriegsfilme werden sollte. Im Mittelpunkt steht der angehende Marine-Offizier Hans Teichmann (Hansjörg Felmy), der als gerade 18jähriger kurz nach Kriegsbeginn auf einem Minensuchboot dient, bevor er 1941 an Bord eines U-Bootes versetzt wird. Das gab Regisseur Frank Wisbar die Gelegenheit, zuerst Gefechte auf See zu zeigen, bevor er die intensiven Erlebnisse der Männer unter Wasser mit der Enge an Bord, Luftknappheit und Torpedoangriffen wiedergab, die vom Gegner mit Echolot-Suche und Wasserbomben beantwortet wurden. Geschickt verband Wisbar dazu originale Aufnahmen mit gespielten Szenen, was einen authentischen Eindruck hinterlässt, auch wenn einzelnen davon die Studio-Atmosphäre anzumerken ist.

Regisseur Frank Wisbar hatte zum Zeitpunkt seines ersten deutschen Films nach dem Krieg schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit "Anna und Elisabeth" war er 1933 erstmals bei den Nationalsozialisten angeeckt, die seinen Film als Verstoß "gegen das gesunde Volksempfinden" betrachteten, bevor er mit "Fährmann Maria" (1936) zwar wenig Begeisterung bei Joseph Göbbels auslöste, aber einen exemplarischen Fantasy-Film mit Sybille Schmitz in der Hauptrolle ablieferte. 1946 drehte er mit "Strangler of the swamp" ein Remake des Films in Hollywood, nachdem er 1938 in die USA emigriert war, da seine halbjüdische Frau unter die Rassegesetze fiel. Erfolg hatte er dort erst, als er begann, für das Fernsehen zu arbeiten und daraufhin eine eigene Produktionsgesellschaft aufbaute. Seine Rückkehr nach Deutschland wurde von der Intention begleitet, die jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten, weshalb er nach "Haie und kleine Fische" mit "Hunde, wollt ihr ewig leben" (1958), "Nacht fiel über Gotenhafen" (1959) und "Fabrik der Offiziere" (1960) drei weitere während des 2.Weltkriegs spielende Filme herausbrachte, die trotz ihres offensichtlichen Unterhaltungscharakters eine kritische Betrachtungsweise versuchten.

Die bemerkenswerteste Szene in "Haie und kleine Fische" erinnert direkt an Wisbars Schicksal. Horst Frank, der Teichmanns Freund und Kameraden Gerd Heyne spielt, der gerade zum Oberleutnant befördert wurde, sinniert angesichts des Todes seines Vaters im KZ Bergen-Belsen darüber, was denn wäre, wenn er eine Frau heiratet, die nicht jüdisch wäre wie seine Großeltern. Dann wären seine Kinder Achtel-Juden und hätten eine Überlebenschance - nur kurz danach erschießt er sich selbst. Abgesehen von dieser kurzen, spät im Film angeordneten Sequenz, die verdeutlicht, dass die nationalsozialistische Ideologie in jeden Lebensbereich eindrang, taucht sie im übrigen Film nicht mehr auf. Stattdessen verkörperte Hansjörg Felmy den Typus des unangepassten Burschen, der zwar freiwillig zur Marine geht und auch für sein Vaterland kämpfen will, darüber hinaus aber jede soldatische Disziplin vermissen lässt und auch einen Vorgesetzten schlägt, wenn es der moralischen Gerechtigkeit dient  - eine idealisierte Mischung aus Kriegsheld und antiautoritärem Geist, die mehr die Coolness der 50er Jahre, als das Soldatenleben in der Wehrmacht abbildete.

Der Beginn des Films erinnert entsprechend an eine Sommerfrische. Während ihr Vorgesetzter Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) nur Wert auf korrekte Kleidung und respektvolles Grüßen legt, darüber hinaus aber nichts vom soldatischen Handwerk versteht, vergnügt sich Teichmann mit Freunden beim Segeln und hilft der Frau seines Flottillenchefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) "zur Strafe" für freche Bemerkungen beim Einkaufen und Einrichten der Wohnung. Da es sich bei Frau Engelmann (Sabine Bethmann) zudem um eine hübsche und junge Frau handelt, kann Charmeur Teichmann einfach nicht dagegen an, mit ihr anzubändeln - zwar wird er von ihr zurückgewiesen, aber nur weil es Sitte und Anstand so verlangen. Die "Tragik" dieser verhinderten Liebesgeschichte, die sich durch die gesamte Handlung zieht, kann ihren konstruierten und unrealistischen Charakter zwar nicht ablegen, förderte aber Hansjörg Felmys Reputation als ganzer Kerl und Womanizer.

Felmy, der auch in "Der Stern von Afrika" mitspielte (ebenso wie Horst Frank), gab die wichtige Identifikationsfigur, die die linear erzählte und sich vorhersehbar entwickelnde Story unbedingt benötigte. Seine Kriegserlebnisse - Lebensgefahr, Erfolg, Mannschaftsfeiern, aber auch großes Leid und der Verlust enger Freunde - deckten sich mit den Erfahrungen vieler Betrachter, ohne das schwierige Themen wie Kriegsverbrechen oder ideologische Verflechtungen berührt wurden. Selbst der Feind wird auch in den gefährlichsten Momenten kaum einmal sprachlich verdammt, so dass der Film keinen Moment vermitteln kann, warum es überhaupt zum Krieg gekommen war und welche Ziele damit verfolgt wurden. Schuld daran sind abstrakt die "Haie" - also die Nationalsozialisten - die die "kleinen Fische" - die Soldaten  - einem gefährlichen und sinnlosen Abenteuer aussetzten. Diesen Abenteuer-Charakter vermittelt zumindest der Film, der Teichmann die Gelegenheit gibt, zu zeigen, dass er ein mutiger Kämpfer ist, der sich damit letztlich auch den Respekt seines U-Boot-Kommandanten Jochen Lüttke verdient, den Wolfgang Preiss als autoritären Offizier gibt, der für den ängstlichen Berichterstatter - kein Soldat und der Partei nahe stehend - nur Verachtung übrig hat. Seine Bemerkungen wirken aus heutiger Sicht kleinlich und unsouverän, sprachen den ehemaligen Soldaten aber aus dem Herzen.

"Haie und kleine Fische" galt zum Zeitpunkt seiner Entstehung als "Anti-Kriegsfilm" und an Frank Wisbars Intention lässt sich auch nicht zweifeln, aber gleichzeitig wird deutlich, welche Kompromisse notwendig waren, um mit einem Kriegsfilm an der Kinokasse Erfolg zu haben. Aus heutiger Sicht wirkt der Film nicht nur verharmlosend, sondern regelrecht naiv in der völligen Abwesenheit einer alles beherrschenden Diktatur. Zudem spielte Felmy den Soldaten in einer Mischung aus kernigem Held und Freigeist, wie er in der Realität nicht hätte überleben können, mit der die Identifikation 1957 aber leicht fiel. Dass der Film Kampfhandlungen konkret zeigte und Teichmann am Ende als Einer von Wenigen überlebte, genügte schon als Kritik an einem Krieg, der noch nicht lange genug vorbei war, um ihn in auch nur annähernd ermessen zu können.

"Haie und kleine Fische" Deutschland 1957, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Alf Teichs, Wolfgang Ott (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Horst Frank, Wolfgang Preiss, Sabine Bethmann, Mady Rahl, Siegfried LowitzLaufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Frank Wisbar:

Donnerstag, 11. Juli 2013

Die toten Augen von London (1961) Alfred Vohrer

Inhalt: Erneut wird eine Leiche in der Themse gefunden, die keinerlei Gewaltspuren aufweist, weshalb die Polizei von „Tod durch Ertrinken“ ausgehen muss. Nur Inspector Holt (Joachim Fuchsberger) glaubt nicht an ein Unglück, da es sich jedes Mal um reiche ältere Herren aus Übersee handelte, die keine Verwandten mehr haben, dafür ihr Leben aber bei der selben Gesellschaft versichert hatten. Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), der Chef des Unternehmens, wirkt nicht nur seriös, sondern zeigt sich auch ehrlich betroffen. Inspector Holt ahnt nicht, dass Judd von „Flimmer-Fred“ (Harry Wüstenhagen) erpresst wird, wundert sich aber über dessen Umgang – auch sein Sekretär Edgar Strauss (Klaus Kinski) ist ein alter Bekannter der Polizei.

Um einen Zettel mit Blindenschrift entziffern zu können, die sie bei einer der Leichen gefunden haben, holt sich die Polizei Nora Ward (Karin Baal) zur Hilfe, die als ehemalige Blinden-Betreuerin dazu in der Lage ist. Inspector Long glaubt, dass die „Bande der blinden Hausierer“ unter der Leitung des „Blinden Jack“ (Ady Berber) wieder aktiv ist, den er im Blindenheim vermutet. Doch Reverend Dearborn (Dieter Borsche), der das Heim seit einiger Zeit leitet, hat Jack schon länger nicht mehr gesehen…


Der fünfte von der Rialto produzierte Edgar-Wallace-Film brachte einige Neuerungen, die zu einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen der inzwischen etablierten Reihe führen sollten. Erstmals unterbrach mit Alfred Vohrer ein neuer Regisseur die bisher alternierende Besetzung von Harald Reinl und Jürgen Roland. Roland hatte mit seiner ironischen Umsetzung des vierten Wallace-Streifens "Der grüne Bogenschütze" (1961) seinen Abschied genommen und Reinl, der normalerweise an der Reihe gewesen wäre, kam erst wieder beim siebten Wallace-Film "Der Fälscher von London" (1961) zum Zuge, da das Drehbuch zum geplanten "Das Geheimnis der gelben Narzissen" (1961) - der dann als sechster Film herauskam - noch überarbeitet werden musste.

Neben Alfred Vohrer traten weitere Akteure ins Rampenlicht, die prägend für die Wallace-Reihe werden sollten, allen voran Klaus Kinski, der hier in der Rolle des Sekretärs eines Versicherungsunternehmens noch einen für seine Verhältnisse gemäßigten Charakter spielte. Abgesehen von seinem Auftritt in der weniger bekannten Wallace-Verfilmung "Der Rächer" (1960), die nicht von der Rialto produziert wurde, steht  "Die toten Augen von London" für den Beginn eines nervösen, zum Irrsinn neigenden Verbrecher -Typus, auf den Klaus Kinski noch in vielen weiteren Genre-Filmen festgelegt sein sollte. Auch Dieter Borsche und Karin Baal als "Love-Interest" von Joachim Fuchsberger - immerhin schon zum dritten Mal in der männlichen Hauptrolle besetzt - traten erstmals in einem Wallace-Film auf, blieben aber seltene Gäste der Reihe. Dagegen begann hier der ehemalige österreichische Freistilringer Ady Berber seine Karriere als "Monster vom Dienst", die ihm bis zu seinem frühen Tod 1966 noch einige Rollen in diversen Kriminalfilmen, darunter zwei weiteren Wallace-Streifen („Das indische Halstuch“, 1963), einbringen sollte.

Das Drehbuch zu "Die toten Augen von London" übernahm ein alter Bekannter, denn mit Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen auftretend - setzte wieder der schon für die ersten beiden Wallace-Filme verantwortliche Autor die 1924 erschienene Romanvorlage "The dark eyes of London" in ein filmisches Konzept um. Entsprechend konservativ und deutlich ernsthafter als "Der grüne Bogenschütze" näherte sich Alfred Vohrer seinem ersten Wallace-Film und setzte dabei verstärkt auf die typischen Merkmale der Reihe. Nebelschwaden, starker Kontrast der Schwarz-Weiß Bilder (im Vorspann wurde erstmals Farbe eingesetzt) und beliebte Orte wie dunkle Hafengegenden, verwinkelte Gassen oder anrüchige Nacht-Clubs bildeten den Hintergrund für eine klassische Story, in der es an Leichen nicht mangeln durfte. Selbst der obligatorisch besetzte Eddie Arent als Sgt. „Sunny“ Harvey wurde entgegen seinen beiden letzten Auftritten wieder deutlich zurückgefahren und gibt einen ernsthaften Polizeibeamten mit kleinen Schrullen.

Opfer werden reiche, ältere Herren aus Übersee, die über keine weitere Verwandtschaft verfügen, aber hohe Versicherungen auf ihr Leben abgeschlossen haben  – zwar gelten sie offiziell als ertrunken, aber ihr doch sehr präzises Profil lässt auf eine perfide Planung schließen. Inspector Larry Holt (Joachim Fuchsberger) begreift schnell, dass die Männer ermordet wurden, kann seinen Verdacht aber nicht beweisen. Eine Spur führt zu der Greenwich-Versicherung, bei der alle Toten ihr Leben abgesichert hatten, aber Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), Rechtsanwalt und Chef des Unternehmens, dessen Bruder und Partner vor kurzem verstorben war, wirkt seriös und ist zudem Leidtragender der überraschenden Sterbefälle, da er gezwungen ist, die Versicherungssummen auszuzahlen. Bewegung kommt in die Angelegenheit als mit Gordon Stewart ein Mann in der Themse aufgefunden wird, der sein Erbe noch zuvor seiner Tochter vermacht hatte, die aber bei der Geburt gestorben sein soll, was nicht nur den Tätern zusätzliche Schwierigkeiten bereitet.

Trotz vieler undurchsichtiger Vorgänge und Nebenfiguren, gelang es Alfred Vohrer den Überblick zu bewahren, weshalb die Story nachvollziehbar bleibt, auch wenn die Zufälle sich wie gewohnt häufen. Selbst hinter Nora Ward (Karin Baal) - ursprünglich dem Inspector nur zur Seite gestellt, um die Zettel mit Blindenschrift zu entziffern, die den Leichen zugesteckt wurden und ihn auf die Spur des von Reverend Dearborn (Dieter Borsche) geleiteten Blindenheims bringen - verbirgt sich noch ein typisches Wallace-Geheimnis. Weniger geheimnisvoll entwickelte sich hingegen die Liebesgeschichte zwischen Nora und dem Inspector, der auf seine Macho-Allüren zwar größtenteils verzichtete, an Noras zukünftiger Rolle als Ehefrau und Mutter aber keinen Zweifel ließ – so viele Leichen auch die Themse herunter schwimmen, die moralische Ordnung blieb gewahrt.

Alfred Vohrer gelang mit „Die toten Augen von London“ ein großer Erfolg, der ihn zum wichtigsten und meist beschäftigten Regisseur der Reihe werden ließ. Er nahm die wesentlichen Standards der Reihe, die Harald Reinl schon in „Der Frosch mit der Maske“ (1959) etabliert hatte, wieder auf, und entwickelte sie konsequent weiter, dabei weniger auf Humor, als auf eine ernsthafte Handlung setzend. Kombiniert mit den „Toten Augen“, mit denen der „Blinde Jack“ (Ady Berber) und Reverend Dearborn in die Kamera starren, entstand eine gruselige Atmosphäre, die die konventionelle Story vergessen ließ.

"Die toten Augen von London" Deutschland 1961, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Egon Eis, Wolfgang Lukschy, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Ida Ehre, Klaus Kinski, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Harry Wüstenhagen, Eddie Arent, Joseph Offenbach, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Schmutziger Engel" (1958) 

Mittwoch, 10. Juli 2013

Das Beil von Wandsbek (1951) Falk Harnack

Inhalt: Albert Teetjen (Erwin Geschonneck) und seine Frau Stine (Käthe Braun) betreiben schon lange eine Metzgerei im Hamburger Stadtteil Wandsbek, aber ihre Geschäfte laufen immer schlechter, da sie mit den moderner ausgestatteten und größeren Läden nicht mehr mithalten können. Als die NSDAP an die Macht gekommen war, glaubte Teetjen, dass sich auch an seiner Situation etwas ändert, weshalb er in die Partei eintrat, aber inzwischen schwinden seine Hoffnungen. Doch seine Frau erinnert ihn an seinen Kriegskameraden aus dem Weltkrieg, Hans Peter Footh (Willy A.Kleinau), der es als SS-Standartenführer inzwischen zu großem Einfluss gebracht hat, doch ihr Mann weigert sich, ihn um Hilfe zu bitten. Erst als Stine zufällig an einen Briefumschlag mit einem Anschreiben der Amtsärztin Dr. Käthe Neumeier (Gefion Helmke) gelangt – diese hatte den Umschlag der Mutter und ihrem behinderten Sohn gegeben, die unter ärmlichen Verhältnissen im Dachstuhl wohnen, damit sie sich an Footh wenden können – kann sie ihren Mann überreden, ein Bittgesuch an den früheren Kameraden zu richten.

Footh, der es sich feudal eingerichtet hat und ein luxuriöses Leben genießt, reagiert erst uninteressiert, bis ihm einfällt, dass Teetjen Schlachtermeister ist. Die NSDAP hat in Hamburg noch ein unerledigtes Problem, dass bisher verhindert, dass Adolf Hitler in die Hansestadt kommt. Vier Kommunisten waren zum Tode verurteilt worden, weil sie angeblich schuld am Tod von 18 Menschen sind, die bei Auseinandersetzungen mit der SA in Altona 1932 starben - doch das Todesurteil konnte noch nicht vollzogen werden, weil der zuständige Henker erkrankt war. Da käme der Bittsteller Teetjen für Footh gerade richtig…


Während die Kinoproduktion in der BRD erst langsam wieder anlief, hatte sich die DEFA unter sowjetischer Führung seit 1946 etabliert. Doch während den frühen Filmen wie Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1946) noch der ideologische Freiraum anzumerken war, unter dem sie entstehen konnten, galten Anfang der 50er Jahre schon genaue Anforderungen und Richtlinien, die sowohl die heroische Rolle des kommunistischen Widerstands betonen, als auch einen positiven Ausblick auf die Zukunft geben sollten. "Das Beil von Wandsbek" versprach eine angemessene Umsetzung, denn das Drehbuch basierte auf dem 1943 veröffentlichten Roman von Arnold Zweig, der den Selbstmord eines nationalsozialistischen Henkers, von dem er 1938 in der "Deutschen Volkszeitung" - einer von der KPD im Exil herausgegebenen Wochenzeitung - gelesen hatte, zum Anlass seines Romans nahm.

Zweig verband dieses Ereignis mit dem "Altonaer Blutsonntag" vom 17.Juli 1932 als die SA im Hamburger Stadtteil Altona aufmarschierte - eine bewusste Provokation, da das Arbeiterviertel traditionell als linksgerichtet galt. Es kam zu den erwartet schweren Auseinandersetzungen, in dessen Folge 18 Menschen starben, davon 16 durch Kugeln der Polizei. Die Ermittlungen, die sich allein gegen die Kommunisten richteten, brachten keine Ergebnisse, bis die Justiz kurz nach der Machtergreifung der NSDAP vier junge Antifaschisten und Kommunisten zum Tode verurteilte - ein Urteil, dass erst 1992 wieder aufgehoben wurde. Inzwischen ist es erwiesen, dass der Henker, der die Hinrichtung an den vier Männern vornahm, nicht - wie Zweig damals annahm - Derselbe ist, der später Selbstmord beging, aber der Autor entwickelte daraus eine Ereignisfolge, deren Intention sich unabhängig vom historischen Hintergrund erschließt. Für die DEFA war der Zusammenhang zum "Altonaer Blutsonntag" dagegen von wesentlicher Bedeutung, denn der Widerstand der Kommunisten gegen das nationalsozialistische Regime sollte zum Auslöser für das Scheitern eines Mannes werden, der sich von den Nationalsozialisten kaufen ließ. Mit Erwin Geschonneck in der Hauptrolle des Henkers Albert Teetjen und Falk Harnack, Widerstandskämpfer und seit 1948 künstlerischer Direktor der DEFA, auf dem Regiestuhl, der gemeinsam mit Wolfgang Staudte auch am Drehbuch mitwirkte, waren die Voraussetzungen für ein Gelingen des Films ideal. Entsprechend der Richtlinien wurde Arnold Zweigs Roman um eine Nebenhandlung erweitert, die den heldenhaften Widerstand der Kommunisten im III. Reich betonen sollte. 

Der Schlachtermeister Teetjen wendet sich an seinen früheren Kriegskameraden und jetzigen SS-Standartenführer Footh (Willy A.Kleinau), um ihn wegen seiner schwierigen materiellen Lage um Hilfe zu bitten, was schließlich dazu führt, dass er gegen viel Geld die Hinrichtung von vier unschuldigen Männer ausführt, da der zuständige Henker erkrankt ist. Damit hilft er der Hamburger NSDAP aus der Klemme, da Adolf Hitler nur unter der Voraussetzung, dass die vier Männer hingerichtet worden sind, seinen Besuch in der Hansestadt ankündigte. Diesen bei Arnold Zweig solitär erzählten Vorgang verbindet der Film mit den Aktivitäten einer funktionierenden kommunistischen Widerstandszelle. In einer frühen Szene des Films besucht die Amtsärztin Dr. Käthe Neumeier (Gefion Helmke) einen behinderten jungen Mann, der mit seiner Mutter in einer ärmlichen Dachwohnung über der Fleischerei Teetjen lebt. Nicht nur, dass der selbstbewusste junge Mann keine Angst davor hat, die Bücher von Karl Marx und anderen verbotenen Autoren in seiner Bibliothek zu bewahren, auch sonst ist er aktiv antifaschistisch und stellt nachts Flugblätter her. Die Ärztin dagegen vertritt den Typus des Mitläufers. Sie war früher selbst kommunistisch, gehört inzwischen aber einer bürgerlichen Schicht an, die die Ideen der Nationalsozialisten zwar verabscheut, aber mit ihnen zusammen arbeitet, da sie den Ernst der Lage noch nicht begriffen hat. Deshalb übergibt sie der Mutter des jungen Mannes ein Empfehlungsschreiben an den einflussreichen SS-Mann Footh, um diesen um Unterstützung zu bitten - angesichts der Umstände eine absurde Idee, die aber dazu führt, dass Stine Teetjen (Käthe Braun), die Ehefrau des Schlachters, in den Besitz des Schreibens kommt, welches sie an ihren Mann weitergibt, der damit Footh anschreibt.

Diese konstruiert wirkende Eingangssequenz sollte die Mitwirkung der Kommunisten an der späteren Identifikation des Täters begründen und die daraufhin beschlossene Maßnahme, den Fleischer zu ächten, als Solidaritätsbewegung der Bevölkerung kennzeichnen. Als die Ärztin im Haus des SS-Mannes Wochen nach der Hinrichtung ihren Briefumschlag entdeckt und die Mutter des Jungen darauf anspricht, erfährt sie, dass diese den Umschlag an Frau Teetjen weiter gegeben hatte, womit klar wird, wieso sich die Teetjens plötzlich die Modernisierung ihres Fleischerladens leisten konnten. Doch bevor es dazu kommt, dient ihre Rolle dazu, nochmals den Heldenmut der Kommunisten zu betonen. Nachdem sie von einer im Sterben liegenden Kommunistin darauf hingewiesen wurde, prüft sie gemeinsam mit dem Gefängnisdirektor die Gerichtsakten und kommt zu dem Ergebnis, das das Todesurteil eine von den Machthabern gewollte Farce ist. Zudem besucht sie die vier Verurteilten in ihren Zellen und gibt damit Jedem von ihnen die Gelegenheit, seinen Standpunkt nochmals zu vertreten, Solidarität einzufordern und zum Kampf für die gerechte Sache aufzurufen, die am Ende siegen wird.

Angesichts der beißenden Darstellung der Nationalsozialisten um den ehrgeizigen und selbstverliebten SS-Standartenführer Footh wirken diese Szenen unrealistisch - kaum vorstellbar, dass sich eine Ärztin so frei und sprachlich unangepasst innerhalb eines so diffizilen Umfelds hätte bewegen können. Die wiederholten Warnungen vor den Nationalsozialisten, die bekunden sollten, dass die Kommunisten die Gefahr frühzeitig erkannten und den Widerstand nie aufgaben, wirken zunehmend bemüht und angesichts der realen Gefahr für jeden Regimegegner auch verharmlosend - der behinderte junge Mann verlässt nachts um eins den Dachstuhl seiner Wohnung, um zu einem in der Straße gelegenen Keller zu gehen, wo die Druckerpresse steht - standen aber ganz im Sinn der ideologischen Zielsetzung der DEFA. Um so mehr überrascht es, das „Das Beil von Wandsbek“ der erste DEFA-Film wurde, dessen Aufführung in der DDR verboten wurde und folgende Aussage des SED-Politbüros provozierte:

„Noch krasser offenbaren sich die Fehler des kritischen Realismus in dem Film „Das Beil von Wandsbek“, der nicht die Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse zu den Haupthelden macht, sondern ihren Henker. Die Verfilmung dieses Stoffes war ein ernster Fehler der DEFA-Kommission und des DEFA-Vorstandes.“

Tatsächlich spielten die „Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse“ in Zweigs Roman nur eine untergeordnete Rolle, denn er wollte am Beispiel des Fleischers die Propaganda der Nationalsozialisten, sich für die Arbeiter und einfachen Leute einzusetzen, als Lüge entlarven. An Hand des differenziert beschriebenen Charakters des Fleischers, der von den Nationalsozialisten für deren Zwecke missbraucht wird, verbunden mit den Vorgängen am „Altonaer Blutsonntag“, gelang Zweig das schlüssige Bild einer Gesellschaft im Übergang von der Weimarer Republik zur faschistischen Diktatur. Die Ächtung des Fleischers, nachdem sich das Gerücht in Wandsbek verbreitete, er hätte die Männer geköpft, drückte das innere Unbehagen einer Bevölkerung aus, die keineswegs hinter den Ideen der Nationalsozialisten stand, letztlich aber auch nicht in der Lage war, sich aufzulehnen. Der Fleischer und einmalige Henker wird zum schwächsten Glied einer sich verändernden Gesellschaft, nicht zur Zielperson einer konzertierten Aktion des Widerstands, wie es der Film positiv darzustellen versuchte.

Der Versuch misslang, weil „Das Beil von Wandsbek“ Arnold Zweigs Intention weiter transportierte und die Nebenhandlung den Charakter der nachträglichen Hinzufügung nicht verlor. Das war besonders dem überragenden Spiel Geschonnecks und Brauns zu verdanken, die das Ehepaar Teetjen menschlich nachvollziehbar verkörperten. Ihre Ängste und der damit verbundene Anpassungswille, ihre Leichtgläubigkeit und Kleingeistigkeit, seine Sturheit und das gewollt wirkende konservative Auftreten, ihre Eitelkeit und christliche Gesinnung, aber auch ihr Versuch, gemeinsam ein bisschen Glück erfahren zu wollen, entfalten ein komplexes Bild der menschlichen Psyche, von dem sich kein Betrachter lossagen kann. Zudem betonte Harnacks am Neorealismus orientierter Stil die Armut und Tristesse, und damit die Ausweglosigkeit ihrer Situation, die sich am Ende zu einem Bild zweier verlorener Menschen verdichtet, die gleichzeitig zu Tätern und Opfern werden.

Der Umgang mit der Thematik war signifikant für die Frühphase des „Kalten Krieges“. Während ein kritischer Stoff wie Arnold Zweigs Roman zu Beginn der 50er Jahre kaum eine Chance auf eine Verfilmung in der BRD hatte (erst 1982 wurde er in einem Fernsehfilm umgesetzt), galt es in der DDR die eigene Staatsdoktrin darin unterzubringen, die den kommunistischen Staat als das „bessere“ Deutschland darstellte. Dafür war Zweigs Blick auf die erste Hälfte der 30er Jahre nicht geeignet, denn der Versuch die Geschichte - wenn auch nur in wenigen Aspekten – umzuschreiben, musste misslingen, zu generell war seine Analyse eines Deutschlands auf dem Weg in die Diktatur. Regisseur Falk Harnack verließ die DDR 1952 als Reaktion auf das Filmverbot, der Film kam 1962 stark geschnitten in die DDR-Kinos – die privaten Szenen des Ehepaars wurden größtenteils entfernt – aber das alles konnte dem Film letztlich nichts anhaben, dessen grundsätzliche Aussage bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.

"Das Beil von Wandsbek" DDR 1951Regie: Falk Harnack, Drehbuch: Falk Harnack, Wolfgang Staudte, Erich Conradi, Hans Robert Bortfeld, Arnold Zweig (Roman), Darsteller : Erwin Geschonneck, Käthe Braun, Gefion Helmke, Willy A.Kleinau, Claus Holm, Gisela May, Hilde SessakLaufzeit : 107 Minuten

Dienstag, 9. Juli 2013

Fünf Millionen suchen einen Erben (1938) Carl Boese

Inhalt: Peter Pett (Heinz Rühmann) arbeitet von früh bis spät, um seiner geliebten Ehefrau Hix (Vera von Langen) ein schönes Zuhause zu bieten. Tagsüber geht er mehr oder weniger erfolgreich als Vertreter von Staubsaugern von Tür zu Tür, um abends als Sänger in einem Varieté vor einem gelangweilten Publikum aufzutreten – nicht erstaunlich, dass ihm das wenig Spaß macht. Das ändert sich, als der US-Amerikaner Blubberboom (Oskar Sima) in dem Varieté auftaucht, begleitet von der schönen Mabel (Leny Marenbach) und sich Pett als Abgesandter eines New Yorker Notariats vorstellt, der ihm die frohe Botschaft mitteilt, dass er 5 Millionen Dollar von seinem Onkel geerbt hätte, vorausgesetzt er lebt in einer glücklichen Ehe.

Nichts leichter zu beweisen als das, denkt Pett und will gleich zu seiner Hix stürmen, aber Blubberboom hält ihn zurück, und träufelt ihm ein Schlafmittel in den Champagner. Er hat eigene Pläne mit Pett, weshalb dieser erst aufwacht, als sie schon mitten auf See sind, während sich Hix Sorgen macht. Bis plötzlich der schottische Vetter Patrick (Heinz Rühmann) bei ihr vor der Tür steht, der das Erbe statt Peter erhält, sollte dieser nicht glücklich verheiratet sein. Angesichts der Situation, scheint sich dieser Verdacht zu bestätigen, aber Hix beschließt, gemeinsam mit ihm dem scheinbar treulosen Ehemann hinterher zu reisen…


„Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau, weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin...“

Wem singt Heinz Rühmann als Peter Pett damit nicht aus der Seele? - Der Song, den er jeden Abend vor einem wenig interessiert wirkenden Publikum im Varieté abliefert, wird von Rühmann in solch konterkarierender Art mit stoischem Gesichtsausdruck vorgetragen, dass diese Szene zu recht so berühmt wurde, dass sie den Film in den Schatten stellte.

Im Vergleich zu seinem Alltag könnte die Tätigkeit als steppender Sänger und Kunstpfeifer im Berliner Nachtleben leicht verrucht wirken, denn am Tag ist Pett als Staubsauger-Vertreter unterwegs und pflegt vor allem seine Ehe mit der ihm angetrauten Hix (Vera von Langen). Rühmanns Spiel ist es zu verdanken, dass seine abendlichen Bühnenauftritte nicht aufregender wirken, als würde er im selben Lokal kellnern, womit er wieder überzeugend die Rolle des Kleinbürgers mimte, der es sich in seinem Privatleben gemütlich eingerichtet hat. Um zu betonen, dass ihn auch die größten Versuchungen nicht vom Pfad der ehelichen Tugend abbringen können, wiederholt Pett geradezu formelhaft seine Liebeserklärungen an „seine süße Hix“, womit er nicht nur den hinterhältigen Blubberboom (Oskar Sima) nervt, der auf seine Schwäche hoffte, sondern zunehmend auch den Betrachter, da Rühmann hier - trotz der nach außen hin behaupteten aufregenden Story – nie von seiner Linie als totaler „Saubermann“ abweicht.

Wagte Rühmann in seinen Rollen zuvor auch dezente Fehltritte („Wenn wir alle Engel wären“, 1936), womit er seine menschliche Seite noch betonte, war auch seinen Filmen zunehmend die Prüderie der 30er Jahre anzumerken. In der späteren Heinrich-Spoerl-Verfilmung „Der Gasmann“ (1941), sollten ihn die Verlockungen von 10.000,00 Mark noch einmal kurz vom Pfad der Tugend abbringen, aber hier können selbst 5 Millionen Dollar kaum Eindruck schinden. Diesen Betrag erbt Peter Pett überraschend von seinem verstorbenen Onkel aus Amerika, der als Ehemann mit schlechten Erfahrungen dem Neffen diesen Betrag nur überlassen will, wenn dieser sein Eheglück gegenüber einem Notar nachweist - als ob ein beglaubigtes Schriftstück einen solchen Beweis liefern könnte. Natürlich hat Rühmann dank seiner penetranten Liebeserklärungen schon lange das Publikum von seiner Haltung überzeugt, aber was wäre das für eine Komödie, wenn sie nicht noch ein paar Verwicklungen bereit hielte?

Blubberboom, der als Vertreter des amerikanischen Notariats nach Deutschland gekommen war, möchte die 5 Millionen Dollar natürlich selbst kassieren und hat sich dafür einen zwar perfiden, aber völlig unlogischen Plan ausgedacht. Zuerst erscheint es so, als ob er die schöne Mabel (Leny Marenbach) extra aus den USA mitgenommen hatte, um den braven Peter zu verführen, stattdessen soll sie aber als dessen glückliche Ehefrau in New York Zeugnis ablegen - ein seltsames Konstrukt, dass jede körperliche Annäherung zwischen ihnen verhindern sollte, um Rühmann in seiner Rolle keinen Moment einem unlauteren Verdacht auszusetzen. Zudem ein Plan, der nicht funktionieren kann, denn erwartungsgemäß ist Peter Pett nicht dafür zu begeistern, seine Frau gegen eine andere einzutauschen, weshalb ihm der gerissene Blubberboom während der Erbschaftsfeierlichkeiten im Varieté ein Schlafmittel in seinen Sekt schüttet. Pett wacht erst auf dem Schiff in Richtung USA wieder auf, ohne das seine Frau etwas davon weiß, weshalb sie sich wegen des nicht heimgekehrten Ehemannes große Sorgen macht.

Den Machern um Regisseur Carl Boese - einem vor und nach dem Krieg viel beschäftigten Regisseur anspruchsloser Unterhaltungsfilme (darunter „Heimkehr ins Glück“ (1933) mit Heinz Rühmann) - muss bewusst gewesen sein, dass diese Konstellation zu eindimensional war, weshalb Rühmann eine Doppelrolle verpasst bekam und noch als sein identisch aussehender Vetter Patrick aus Schottland auftrat. Dessen plötzliches Erscheinen widersprach zwar jeder Logik, da er nur durch den Notar Blubberboom von der Erbschaft hätte erfahren können, der kein Interesse an einem weiteren Erben hatte, aber das spielte in „5 Millionen suchen einen Erben“ schon keine Rolle mehr. Allein die Frage, warum Patrick das Geld bekommen sollte, wenn sich Peters Ehe nicht als glücklich erweist, ließe das Story-Konstrukt schon in sich zusammen brechen. Angeblich war eine glückliche Ehe doch die Bedingung für das Erbe. Galt das nur für Peter Pett, nicht aber für seinen Vetter ? – Doch was scherte die Drehbuchautoren ihre Ideen von gestern, entscheidend war nur die so geschürte Dramatik.

Diese Konstellation hätte die Geburt eines „bösen“ Heinz Rühmann sein können, der dem „lieben“ Heinz Rühmann die Erbschaft streitig machen will. Aber weit gefehlt, denn als übler Bursche wurde bekanntlich Oskar Sima besetzt. Immerhin darf Rühmann als schottischer Junggeselle einen Flirt mit der attraktiven Mabel wagen, aber der alte inszenatorische Trick, verschiedene Charaktereigenschaften auf zwei Personen zu verteilen, ergab hier seltsame Blüten. Einmal ist Patrick der weltgewandte, Pfeife rauchende Charmeur und Peter der brave Bürger, der nur an seine Frau denkt, im nächsten Moment mutiert er plötzlich zum souveränen Varieté-Sänger, während Patrick wie ein kleiner Junge reagiert, weil ihn Peters Ehefrau Hix nicht ganz ernst nimmt. Die Drehbuchautoren gaben sich keine Mühe, die beiden Charaktere klar zu trennen, sondern ließen Rühmann frei agieren.

Doch auch sein munteres Spiel kann die platte Story nicht mehr retten. Ließe sich das widersprüchliche Testament noch dem verwirrten Geist eines amerikanischen Millionärs zuschreiben, so wird aus dem angeblich so tollen Plan des feinen Herrn Blubberboom, der erst als Anlass für die Story diente, ein profaner Diebstahl. Nachdem über die gesamte Laufzeit getrickst und getäuscht wurde, um die Öffentlichkeit plus die Notare hinters Licht zu führen, klaut er am Ende das Geld einfach aus dem Safe (wenn auch elegant mit dem richtigen Schlüssel). Die Rolle von Mabel als falsche Ehefrau stellt sich damit als vollkommen sinnlos heraus, denn auf diese Weise hätte Blubberbloom das Geld auch dem echten Ehepaar stehlen können, dass zuvor problemlos ihr gemeinsames Glück nachgewiesen hätte. 

Obwohl der Film mit Originalaufnahmen aus New York beginnt und auch in den Kulissen Weltoffenheit demonstriert, ist „Fünf Millionen suchen einen Erben“ signifikant für das kleinbürgerliche und provinzielle Denken in Deutschland während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Die Stilisierung eines Helden, dem bei der Eröffnung einer 5 Millionen-Erbschaft nur einfällt, dass er jetzt keine Staubsauger mehr verkaufen muss, der offene Rassismus, in dem Dunkelhäutige als exotische Domestiken und Schreckgespenster herhalten müssen, und besonders die Sprache lassen ein sehr eingeschränktes Denken erkennen. Die Verwechslungs-Komödie funktioniert nur, weil Peter und Patrick nicht nur identisch aussehen, sondern auch die selbe Sprache sprechen. Sowohl die Notare, die amerikanische Öffentlichkeit, als auch Mabel verwechseln die beiden Männer, obwohl hier Vertreter dreier Nationen aufeinander treffen. Man könnte das als nebensächlich erachten, da der Film nur den Regeln einer Komödie folgt, aber die gesamte aufgeregte Story bis zur Zuspitzung auf dem Dach eines New Yorker Hochhauses erweist sich letztlich als ein künstlich aufgeblähtes, dank der guten Darsteller allerdings unterhaltsames Nichts. Und sie lebt von dem berühmten Song:

„…ich brauch’ ihr nur in die Auge zu schauen – und schon isse hin!“

"Fünf Millionen suchen einen Erben" Deutschland 1938, Regie: Carl Boese, Drehbuch: George Hurdalek, Jacob Geis, Harald Baumgarten (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Vera von Langen, Leny Marenbach, Oskar Sima, Heinz SalfnerLaufzeit : 82 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carl Boese:


"Die spanische Fliege" (1955)

Mittwoch, 3. Juli 2013

M (1931) Fritz Lang

Inhalt: Während die Mutter das Mittagessen für ihre Tochter vorbereitet, die sie bald aus der Schule zurück erwartet, spricht ein Mann (Peter Lorre) die kleine Else auf ihrem Heimweg an und schenkt ihr einen Apfel. Wiederholt eine Melodie pfeifend, kauft er ihr bei einem blinden Bettler einen Luftballon und gewinnt so das Vertrauen des Mädchens. Ihre Mutter ist immer beunruhigter, da Else weder mit den Nachbarkindern nach Hause kommt, noch sonst ein Lebenszeichen von sich gibt – bis der Luftballon einsam in die Luft steigt und das Kind tot ist.

Ein Aufschrei geht durch die Stadt, denn Else ist das achte Kind, das getötet wurde, aber die Polizei hat keinerlei Ahnung, wer der Täter ist. Während es auf den Straßen zu Lynchjustiz und Aufruhr kommt, kämpft die Polizei mit sich widersprechenden Zeugenaussagen. Um irgendetwas zu unternehmen, veranstalten sie Razzien in der Unterwelt, obwohl der Polizei-Psychologe nicht glaubt, dass sich der Täter unter den Kriminellen befindet. Diese reagieren zunehmend genervt auf die ständigen Polizei-Kontrollen, die ihnen die Geschäfte verderben, weshalb sich unter Führung des Schränkers (Gustav Gründgens) eine Gruppe formiert, die selbst den Kindermörder fassen will…


Fritz Langs erster Tonfilm "M", dessen Drehbuch er gemeinsam mit seiner damaligen Frau Thea von Harbou ersann, ist inzwischen Legende und gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Werken der Filmgeschichte. "M" setzte eine Vielzahl an Filmstandards, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren haben - der Realismus der Anfangssequenz, in der das Verschwinden des Mädchens Else aus dem Blickwinkel ihrer Mutter betrachtet wird, die beinahe dokumentarische Schilderung der Polizeiarbeit, die Überblendungen zwischen Polizeibesprechung und dem Treffen der Gangster, die die Nähe der Gegenparteien verdeutlichen, die aktionsreiche Suche der Unterwelt nach dem Kindermörder bis zu der abschließenden Gerichtsszene, die zwar von den Banditen unter der Leitung des Schränkers (Gustav Gründgens) einberufen wurde, aber schon die klassischen Merkmale von Anklage, Plädoyer und Unschuldsbeteuerung des Angeklagten beinhaltet, begleitet von den erregten Zurufen des Auditoriums.

Allein das es Fritz Lang gelang, der sich während der Stummfilmzeit auf Großproduktionen wie "Die Nibelungen" (1924) oder "Metropolis" (1927) konzentrierte (von ihm selbst als "Schinken" bezeichnet), diese unterschiedlichen Stile zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzufügen, ist bewundernswert, entscheidend dabei ist aber das geschickte Spiel mit den Emotionen, dass dem Film eine Vielzahl an Interpretationen einbrachte vom Zeitgemälde der "Weimarer Republik" bis zum Blick auf die kommende Diktatur unter den Nationalsozialisten. Selbst Propaganda-Minister Joseph Goebbels verstand den Film in seiner Hinsicht und empfand ihn als Plädoyer für die Todesstrafe, weshalb er auch versuchte, Fritz Lang für die nationalsozialistische Sache einzuspannen. Angeblich war er an der Seite von Luis Trenker für die Gründung der Abteilung Regie der "Nationalsozialistischen Betriebsorganisation“ verantwortlich, was von Fritz Lang, der Ende 1933 aus Deutschland emigrierte, bestritten wurde.

Das es zu diesen unterschiedlichen Interpretationen kam, verdeutlicht Langs Meisterschaft, eine bis heute polarisierende Thematik nicht nur umfassend, sondern ohne offensichtliche Bewertung zu betrachten. Besonders die Anfangssequenz ist in dieser Hinsicht vorbildlich, denn Lang zeigt den Mord an dem kleinen Mädchen nicht konkret und verhindert damit eine zu stark gegen den Täter gerichtete Beeinflussung des Betrachters, wie sie im Film inzwischen üblich geworden ist. Trotzdem lässt er an der Konsequenz und Tragik dieses Verbrechens keinen Zweifel, zeigt die immer beunruhigter werdende Mutter, die mit den lapidaren Beruhigungsfloskeln ihrer Nachbarschaft oder eines Vertreters konfrontiert wird, bis der Luftballon, den der Mörder seinem Opfer zuvor bei einem blinden Bettler kaufte, in den Stromkabeln hängen bleibt – so exakt inszeniert, differenziert betrachtet und gleichzeitig emotional nachvollziehbar gelang eine solche Szene kaum ein weiteres Mal im Film.

Anstatt die emotionale Schraube weiter anzuziehen, machte Lang in „M“ das genaue Gegenteil und leitete zu der Polizeiarbeit über, die er in fast dokumentarischer Form beschrieb - mit Kommissar Lohmann im Mittelpunkt, den Otto Wernicke ein weiteres Mal in Langs „Das Testament des Dr.Mabuse“ (1933) spielen sollte. Gemäß seiner ursprünglichen Idee sollte der Kindermörder Hans Beckert (Peter Lorre) die Polizei regelmäßig mit Briefen provozieren, aber in „M“ beließ er es bei einem Brief, dessen genaue Untersuchung letztlich zur Ermittlung des Täters führt. Doch bevor die Polizei in die Nähe eines Fahndungserfolgs kommt, haben die Gangster der Stadt das Heft des Handelns ergriffen und nutzen ihre weit reichenden Möglichkeiten, selbst dem Mörder auf die Spur zu kommen. Sie sind genervt von den ständigen Polizei-Razzien, die ihre Geschäfte empfindlich stören, und beginnen unter der Führung des Schränkers, den Gründgens mit eiskalter Präzision spielte, systematisch die Stadt abzusuchen. Diese Drehbuch Idee geht zurück auf den Fall des Düsseldorfer Serienmörders Peter Kürten, nach dem ebenfalls die Unterwelt fahndete, weshalb der Film beispielsweise in Italien unter dem Titel „M – il mostro di Düsseldorf“ heraus kam, obwohl die Handlung von Lang eindeutig in Berlin angesiedelt wurde, allerdings ohne den Ort konkret zu benennen.

Zurecht, denn die entscheidende Wirkung des Films geht von den begleitenden Reaktionen des Durchschnittsbürgers aus, der - anders als die strategisch vorgehenden Polizisten und Gangster - seinen Emotionen freien Lauf lässt und jederzeit zu Vorverurteilung und Lynchjustiz bereit ist – eine Verhaltensweise, die weder an Zeit, noch Ort gebunden ist, und sich bis heute nicht verändert hat. Darin ein Abbild der „Weimarer Republik“ in ihrer Endphase zu erkennen, greift deshalb zu kurz, wie Lang selbst wenige Jahre später mit seinem in Hollywood gedrehten Film „Fury“ (Blinde Wut, 1936) bewies, in dem Spencer Tracy einem Lynch-Mob ausgesetzt wird. Doch anstatt eines unschuldigen Weißen, wollte er einen Schwarzen dem Mob aussetzen, der tatsächlich eine Weiße vergewaltigt hatte. Hollywood ließ diese Konstellation nicht zu, aber daran wird deutlich, dass es Lang nicht um einfache Lösungen ging, sondern um eine unmittelbare Konfrontation des Betrachters mit seiner eigenen Haltung.

Diese fordert Lang in „M“ mit einer Gerichtsverhandlung heraus, in der ein als dreifacher Mörder gesuchter Verbrecher über einen Kindermörder richten will, begleitet von einem Auditorium, das ausschließlich aus Mitgliedern der Unterwelt besteht. Bis zu diesem Zeitpunkt spielte Peter Lorre nur eine Nebenrolle und gab entsprechend wenige Einblicke in seine Psyche, weshalb sein abschließender, eindrucksvoll gespielter Auftritt zum herausragenden Höhepunkt des Films wird. Lorre gelingt es, die innere Zerrissenheit und Verzweiflung über die eigene Sucht, Kinder zu missbrauchen und zu töten, zu vermitteln, die ihn nicht als Monster, sondern als Menschen bestehen lässt. Neben seiner Haltung, kommen auch alle anderen zu Wort – die ihm vorwerfen, sich als psychisch Kranker vor der Strafe drücken zu wollen, die Mütter, die ihre Kinder verloren haben, oder Diejenigen, die ihn für ein Ungeheuer halten, dass nicht weiterleben darf. Das abschließende Urteil des ordentlichen Gerichts lässt Lang weg – Jeder soll sein eigenes Urteil fällen.

"M" Deutschland 1931, Regie: Fritz Lang, Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang, Darsteller : Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Otto Wernicke, Theo Lingen, Paul KempLaufzeit : 107 Minuten