Sonntag, 27. März 2016

Die Spalte 1971 Gustav Ehmck

Inhalt: Ein Teenager legt ein kleines Bündel auf die Gleise, doch bevor der herankommende Zug es überfahren kann, rettet eine ältere Frau das Baby vor dem sicheren Tod. Sie behält die kleine Sophie bei sich und zieht sie auf, doch nachdem sie gestorben ist, kommt ihre Enkeltochter in ein katholisches Erziehungsheim. Ihre Mutter, die sie damals töten wollte, schreibt ihr einmal aus dem Gefängnis, aber darüber hinaus gibt es keine familiäre Bindung für die Heranwachsende.


Für die Erzieher ist Sophie (Gerhild Berktold) ein hoffnungsloser Fall, dem sie nur mit absoluter Strenge zu begegnen wissen. Wenig überraschend bricht die inzwischen 15jährige mit Unterstützung ihrer Kameradinnen aus dem Heim aus und landet mittellos auf den Münchner Straßen. Ein junger Mann (Axel Schiessler) wird auf das ziellos umherstreifende hübsche Mädchen aufmerksam, spricht sie an und bietet ihr seine Hilfe an. Dankbar nimmt sie an und die Beiden kommen sich schnell näher…

Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

"Die Spalte" war ein Schock. Traf schon "Perle der Karibik" (1971) ins Mark, hallte die Wirkung meines persönlichen Abschluss-Films noch lange auf der Heimfahrt nach, während parallel "Mädchen beim Frauenarzt" (1971) das offizielle Programm beendete. Nicht nur der Schrecken saß tief, auch die Überraschung war groß. Die mir aus dieser Zeit bekannten Sex-Filme bedienten sich gerne den zahlreichen Gefahren der neuen Freiheit, nutzten diese aber vor allem als Anlass für ausschweifende Nacktdarstellungen. Für den meist männlichen Voyeur blieb alles ein großer Spaß. 

Den trieb Regisseur Ehmck dem Betrachter hier gründlich aus. Ursache dafür, warum "Die Spalte" danach schnell wieder in der Versenkung verschwand. Einzig auf einem italienischsprachigen Video wurde der Film Anfang der 90er Jahre noch einmal veröffentlicht. Die Screenshots stammen sowohl von dem Video (Beispiel oben links), wie der Aufführung im Nürnberger Komm-Kino (Beispiel oben rechts). 



"Die Spalte" kam im April 1971 in die deutschen Kinos, exakt zwischen dem Start von "Schulmädchen-Report - Was Eltern nicht für möglich halten" (1970) und dessen Nachfolger "Schulmädchen Report 2 - Was Eltern den Schlaf raubt" (1971). Die Reihe an Filmen, die das Erotik-Bedürfnis eines ausgehungerten deutschen Publikums Anfang der 70er Jahre befriedigen sollten, ließe sich beliebig verlängern. Die meisten von ihnen schafften es später auf diverse Videoträger und prägen bis heute das Bild einer harmlos-verruchten Sexwelle in Folge der 68er Generation. Dabei durfte der pädagogische Zeigefinger nicht fehlen, der den Nacktdarstellungen das nötige moralische Gegengewicht verlieh, um ein Abrutschen ins Schmuddel-Image zu vermeiden. Nur so ließen sich die hohen, weit in bürgerliche Schichten vordringenden Besucherzahlen erreichen. Der Widerspruch, voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen, gleichzeitig aber vor den Gefahren von Promiskuität und optischer Zurschaustellung für junge Frauen zu warnen, wurde zum Abbild einer sich nach außen hin modern und aufgeklärt gebenden Gesellschaft.

Übertreibung gehörte im jungen Sexfilm zum Geschäft. Einerseits durfte die weibliche Jugend hemmungslos ihren Trieb ausleben, andererseits wimmelte es nur so von Profiteuren ihrer frisch entdeckten sexuellen Freiheit. Vergewaltiger, Zuhälter und Spanner lauerten an jeder Ecke. Ingrid Steeger stirbt am Ende in „Ich, ein Groupie“ (1970) nackt und drogenabhängig auf Berlins Straßen, in Alois Brummers „Gefährlicher Sex frühreifer Mädchen“ (1971) steht gleich zu Beginn ein Hausmeister wegen angeblicher „Unzucht mit Minderjährigen“ vor Gericht, und in den „Schulmädchen-Report“-Filmen fand sich immer ein Busfahrer, Lehrer oder Familienvater, der die Unschuld jungfräulicher Mädchen bedrohte. Ernst nahm das Niemand. Im Gegenteil tanzten die Darstellerinnen so freizügig auf der Leinwand herum, dass die Schuldfrage schon geklärt war. Die Männer reagierten quasi nur und bestätigten damit das bis heute tief verwurzelte Vorurteil, die Frauen hätten sie durch ihr Verhalten und ihre Optik erst motiviert.

Auch in „Die Spalte“ fällt am Ende ein solcher Satz. „Keine Frau kann gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen werden“, sagt ein Polizist. Die vorherige Handlung belehrte den Betrachter eines Besseren. Es ist die Geschichte eines ungewollten Mädchens. Als Säugling rettet ihre Großmutter sie vor dem Tod. Sie wächst bei ihr auf, kommt aber nach deren Ableben in ein katholisches Erziehungsheim. Ihre Mutter, die sie damals auf die Zuggleise legte, schreibt ihr einmal aus dem Gefängnis - für ihre Betreuerin nur der Anlass, die Rechtschreibfehler korrigieren zu lassen. Sophie (Gerhild Berktold) befindet sich auf der untersten Sprosse der gesellschaftlichen Leiter – ein Dasein, dass Anfang der 70er Jahre über keinerlei Reputation verfügte. Im Heim gilt ausschließlich das Prinzip der Strenge und Sophie bestätigt mit ihrem Verhalten diese Vorgehensweise – renitent, unbelehrbar und offensichtlich frühreif gilt sie als hoffnungsloser Fall.

Ohne zu moralisieren oder emotional zu schüren, entfaltete Regisseur Gustav Ehmck die Geschichte eines unaufhaltsamen Niedergangs. Die damals 17jährige Gerhild Berktold, die nur ein weiteres Mal ebenfalls unter Ehmcks Regie in einem Kinofilm auftrat ("Heiß und kalt", 1972), darüber hinaus aber unbekannt blieb, spielte die Sophie mit größter Natürlichkeit und vollem Körpereinsatz. Sie ist sehr hübsch, aber ihre Nacktheit bediente keinen Voyeurismus. Im Gegenteil betonte Ehmck damit ihre totale Abhängigkeit – Sex dient in „Die Spalte“ fast ausschließlich der Erniedrigung und zur Machtausübung.

Trotzdem verfiel der Film nicht in Einseitigkeit. Der Regisseur und sein Autor Christian Rolf zeigten keine Berührungsängste bei der Widergabe der Realität vor dem Münchner Hintergrund: kleine deutsche Zuhälter, ein türkischer Platzhirsch (Dursun Firat), bürgerliche Freier und sexuelle Dienstleistungen für griechische Gastarbeiter im Keller eines Restaurants. Auch Sophie eignet sich nicht zur Identifikation - zu sperrig, naiv und ungebildet ist ihr Charakter. Aber ihr Verhalten ist immer nur Reaktion auf ihre Armut und soziale Abhängigkeit. Dank seines dokumentarischen Stils bewahrte der Film den notwendigen Abstand, um das Geschehen erträglich zu gestalten, mehr noch aber um dessen generellen Charakter zu betonen. Sophia ist kein Einzelschicksal. Eine linke Aktionsgruppe versucht die Mädchen von der Straße zu holen. Für die Polizei kein Grund zur Freude, denn die Zuhälter machen ihnen deutlich weniger Ärger, als die aufmüpfigen Studenten – Ruhe ist bekanntlich die erste Bürgerpflicht.

Gewalt, Ausbeutung und Prostitution sind in „Die Spalte“ kein Spiel zwischen Männer-Fantasie und moralischer Entrüstung, sondern erbarmungslose Realität. Auch als Warnung vor freizügiger Sexualität eignete sich die Figur der Sophie nicht, deren Schicksal mit den kecken Gymnasiastinnen aus dem „Schulmädchen-Report“ nichts gemein hat. In den Augen der Allgemeinheit galt sie von Beginn an als Verlorene. Eine Haltung, die auch „Die Spalte“ zu spüren bekam. Sex, nackte Tatsachen und ein bisschen Gefahr durften sein, aber ohne den Betrachter mit echten Problemen und seinen eigenen Vorurteilen zu konfrontieren. Der Geist, der hinter der im Sexfilm gepflegten Ambivalenz von Voyeurismus und moralischem Zeigefinger stand, sorgte auch dafür, dass „Die Spalte“ schnell in Vergessenheit geriet.

"Die Spalte" Deutschland 1971, Regie: Gustav Ehmck, Drehbuch: Christian Rolf, Darsteller : Gerhild Berktold, Dursun Firat, Axel Schiessler, Werner Umberg, Silvia Lasch, Maxi Maxi, Armin Richter, Laufzeit : 85 Minuten

Sonntag, 13. März 2016

Das Spukschloss im Salzkammergut (1966) Rolf Olsen, Hans Billian

Udo (Jürgens) und seine Eva (Gertraud Jesserer) im Beziehungs-Clinch
Inhalt: Nachdem Manfred (Schnelldorfer) Hannelore (Auer) nach drei Jahren in den USA und Zwischenstopp auf Mallorca mit seinem Alfa Spider am Flughafen abgeholt hatte, umkurven sie entspannt den Wolfgangsee und kommen auf alte Zeiten zu sprechen – genauer auf Udo (Jürgens) und dessen amouröses Abenteuer, das im Ehehafen endete.

Der Beginn klingt allerdings wenig vielversprechend, denn anstatt ihn auf seiner Tournee zu begleiten, wollte seine Freundin (Gertraud Jesserer) eine eigene Karriere als Schauspielerin starten. Ob so viel weiblichen Widerspruchsgeists, blieb Udo nur der Bruch und er gesellte sich allein zu seiner international besetzten Show-Truppe, die im selben alten Schloss am Neusiedler See landete wie die notorisch klamme Theatergruppe, der sich seine Freundin angeschlossen hatte. Klar, dass das nicht lange gut gehen konnte… 

Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

"Das Spukschloss im Salzkammergut" erfreute am dritten Tag des 15. Hofbauer-Kongresses die Herzen mit seinem Mix aus Musik- und Heimatfilm sowie platter Komödie - ganz den populären Vorbildern "Das Spukschloss im Spessart" (1960) und Billians erster Regie-Arbeit "Übermut im Salzkammergut" (1963) verpflichtet, aus deren Titeln die Produktionsgesellschaft raffiniert einen "neuen" Titel zusammensetzte. Es wurde ihr letzter Akt, war aber insofern konsequent, weil auch der Film nichts Neues bot.

Das Filmplakat verweist auf ihre Absichten. Udo Jürgens sieht darauf deutlich "flotter" aus als in den Filmaufnahmen, die mehr als drei Jahre zuvor entstanden waren. Und als Stars wurden neben ihm Hannelore Auer und Manfred Schnelldorfer groß aufgeführt, die mit der eigentlichen Filmhandlung genauso wenig zu tun hatten, wie das "Spukschloss" im Salzkammergut steht. Sie sollten der Resteverwertung nur einen modernen Anstrich geben.






"Mercie, chérie" sang Udo Jürgens am 5. März 1966 in Luxemburg und gewann den 11. Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne für Österreich - vielleicht der entscheidende Grund, warum "Das Spukschloss im Salzkammergut" am 23. November 1966 noch das Licht der Kinoleinwand erblickte.

"Da steht Udo ganz groß drauf" meint Eva - wohl eine optische Täuschung...
Heimatfilm und Schlagerfilm waren in den frühen 60er Jahren eine Allianz eingegangen, um der darbenden Branche auf die Beine zu helfen, aber inzwischen war nur noch ein leises Röcheln zu vernehmen (siehe den Essay "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969 "). Udo Jürgens, dessen Karrierebeginn eng mit dem Schlagerfilm verbunden war ("Die Beine von Dolores" (1957)), hatte Anfang 1964 in "Unsere tollen Tanten in der Südsee" seinen letzten Filmauftritt, bevor er sich ausschließlich auf den Gesang konzentrierte. Der deutsche Verleihtitel "Siebzehn Jahr, blondes Haar" für die italienisch-deutsche Co-Produktion "La battaglia dei mods", September 1966 herausgekommen, war reiner Etikettenschwindel, erst in "Das Spukschloss im Salzkammergut" tauchte Udo Jürgens tatsächlich noch ein letztes Mal als Schauspieler aus der Versenkung auf.

...denn seine "Internationale Show-Gruppe" reist per Bus durch die Provinz
Es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um die Entstehung des Films als Resteverwertung der "Music House" - Production Company am Ende ihrer kurzen Existenz zu erkennen. Udo Jürgens‘ einziger Song im Film "Das kann auch dir gescheh'n" stammte aus dem Jahr 1962, weshalb viel dafür spricht, dass Regisseur Rolf Olsen die von ihm erdachte Story um den Streit einer Schauspieltruppe und einer tingelnden Music-Show direkt nach "Hochzeit am Neusiedler See" abdrehte, der Ende 1963 in die Kinos kam. Die Besetzung um das Protagonisten-Paar Getraud Jesserer und Udo Jürgens sowie bekannte Darsteller wie Ruth Stephan, Mady Rahl, Oskar Sima oder Rudolf Schündler war bis in kleine Nebenrollen identisch, gedreht wurde jeweils vor dem Hintergrund des Neusiedler Sees im Burgenland und Rocco Granata  trat in beiden Filmen auf – auch sein 1966 gesungener „Tango d’amore“ stammte aus dem Jahr 1962. 


Von 1963 bis 1966 – ein Quantensprung

Hannelore Auer ganz 1966
Verräterisch sind auch die Angaben zum Drehbuch in den Credits. Idee und Ausführung stammten von Rolf Olsen, Hans Billian hatte es nur bearbeitet. Dass Olsen an der letztlichen Kino-Fassung von „Das Spukschloss im Salzkammergut“ aktiv beteiligt war, ist unwahrscheinlich. Obwohl fast gleichaltrig gibt es keinen weiteren Berührungspunkt in ihren umfangreichen Oevres. Dem erfahrenen Schlagerfilm-Spezialisten Billian blieb es allein überlassen, eine Modernisierung einzuleiten. Er montierte neben die handlungsintegrierten Musiknummern einige ortsfremde, aber aktuelle Schlager, darunter zwei von Peggy March. Sein größter Regie-Eingriff galt einer zusätzlichen Rahmenhandlung, mit der er den Film im Salzkammergut verortete und in die Gegenwart von 1966 versetzte. Zuerst sollten die Bilder eines Düsen-Jets internationales Flair vermitteln, bevor der Olympionike und Teilzeit-Sänger Manfred Schnelldorfer Hannelore Auer im Alfa-Spider um den Wolfgangsee kutschierte. Deren Lied „Nur mein Herz bleibt in Mallorca“ spielte nicht nur auf die zunehmende Reisefreude der Deutschen an, die frivol und selbstbewusst agierende Auer ließ auch die Protagonisten der Haupthandlung alt aussehen.

Udo und Gertraud ganz 1963
Gegen sie wirkte Udo Jürgens im Anzug mit akkuratem Haarschnitt entsprechend der altbackenen Story wie ein Musterschüler. Da kann Hannelore Auer in der Rahmenhandlung noch so oft „den Udo“ erwähnen, im Film hebt er sich nur durch seinen wenig sympathischen Umgang mit seiner Freundin Eva (Gertraud Jesserer) ab, deren Wunsch, als Schauspielerin berufstätig sein zu wollen, er lächerlich findet – der daraus entstehende Streit zu Beginn der Handlung war noch ganz dem traditionellen Geschlechter-Rollenbild zu verdanken. Dass Udo sich darüber hinaus nicht zu schade war, die geringen Erfolgsaussichten der kräftig dilettierenden Darsteller-Riege um seine Freundin am „Spukschloss“ zu torpedieren, war eine unnötige Dramatisierung dieser Thematik. Den Produzenten muss die dünne Story bewusst gewesen sein, weshalb sie den einzigen Höhepunkt des Films gleich zu Beginn schon vorwegnahmen – die zentral gelegene 2minütige Spukszene im Schloss, in der die Schauspieler die arroganten Musiker aus dem Schlaf schrecken. Vermutlich der einzige Grund neben Udo Jürgens‘ gewachsener Popularität, Olsens unveröffentlichte Filmrolle aus der Mottenkiste zu holen.

Die schauspielernde Konkurrenz
Bleibt nur noch die Frage, warum die so schmählich behandelte Verlobte am Ende ihren Udo doch heiratet? – Die Antwort findet sich im Jahr 1963, als der weibliche Wunsch nach einem eigenen Einkommen noch wenig populär war und Udos Verhalten als legitim galt. Nun ist 1966 nicht als Jahr des emanzipatorischen Durchbruchs in die Geschichte eingegangen, aber die Gesellschaft veränderte sich Mitte der 60er Jahre rasant und Hannelore Auers abschließende Verteidigung der Haltung Udos klang nur noch halbherzig – die Erwartung des Publikums an Typen, die cool und modern wirken wollten, hatte sich verändert. Es kann entsprechend ausgeschlossen werden, dass Udo Jürgens seine einmalige Wiederauferstehung auf der Leinwand begrüßte – auch für Manfred Schnelldorfer blieb es der letzte Auftritt in einem Kinofilm.

Das Händchen macht Schluss
Parallel feierte Rolf Olsen „heiße Nächte“ in Frankfurt, („In Frankfurt sind die Nächte heiß“ (1966)) und Billian beteiligte sich wenig später an der spanisch-deutschen Co-Produktion „Das Haus der tausend Freuden“ (1967), bevor er es „Pudelnackt in Oberbayern“ (1969) trieb. Hannerlore Auer ließ es derweil bei "Suzanne - die Wirtin von der Lahn" (1967) krachen. Auf die „Sex-Karte“ hatte Billian bei seiner Frischzellenkur noch verzichtet, zu brav kam Olsens 63er Vorlage daher. Irgendwie aus der Zeit gefallen, aber in der von Billian zusammengeschusterten Vielfalt ein wunderschöner Abgesang auf Heimat- und Musikfilm.

"Das Spukschloss im Salzkammergut" Deutschland 1966, Regie: Rolf Olsen, Hans Billian, Drehbuch: Rolf Olsen, Hans Billian, Darsteller : Udo Jürgens, Gertraud Jesserer, Hannelore Auer, Manfred Schnelldorfer, Ruth Stephan, Oskar Sima, Mady Rahl, Ilse Peternell, Laufzeit : 82 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Olsen

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" (1964) 
"Heubodengeflüster" (1967) 
"Der Arzt von St.Pauli" (1968)

Sonntag, 6. März 2016

Perle der Karibik (1981) Manfred Stelzer

Inhalt: Diethard (Diethard Wendtland) arbeitet als Vertreter für Lexika und lebt allein in einer neu bezogenen Sozialbauwohnung in einem noch im Bau befindlichen Block. Sein Tagesablauf ist gut organisiert und er hat ein paar Ersparnisse zur Seite gelegt, aber zu seinem Glück fehlt ihm noch eine Ehefrau. Auch Kontaktanzeigen brachten bisher keinen Erfolg – trotz des Stichworts „Idealer Partner". Entsprechend aufmerksam reagiert er, als er die asiatische Ehefrau eines Kunden (Horst Pinnow) kennenlernt. Sie wurde dem Mittvierziger von einem auf ausländische Frauen spezialisierten Institut vermittelt.

Diethard hebt sein Geld ab und investiert es nicht nur in eine Ehefrau, sondern auch in die Einrichtung seiner Wohnung. Der erste Weg, nachdem er die junge Frau aus der Karibik (Alisa Saltzmann) am Flughafen abholte, führt sie zum Standesamt, wo die Ehe sogleich geschlossen wird. Auch das weitere Zusammenleben als Mann und Frau wurde von Diethard schon exakt vorausgeplant…






Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

"Perle der Karibik" (wie der Film ohne Artikel korrekt heißt) lief am letzten Tag des 15. Hofbauer-Kongresses und konfrontierte mich mit meiner Vergangenheit. Der über einen Abzweig des Stadtrings gebaute terrassierte Wohnblock, der in Stelzers Film eine wichtige atmosphärische Rolle einnahm, ließ mich sofort erschaudern, als ich ihn 1982 das erste Mal sah. Und übte gleichzeitig eine große Faszination auf mich aus. Bis heute gehört er für mich zu den prägnantesten Gebäuden der westberliner Phase bis zum Mauerfall.

Dank Stelzer, der ein Jahr zuvor noch auf der Baustelle drehte, erhielt ich einen Einblick in den Komplex, der mir bisher verwehrt blieb. Ganz abgesehen davon, dass mir 1982 nicht bewusst war, wie neu der Wohnblock war, der ähnlich wie das nicht weit entfernt liegende raumschiffartige Kongresszentrum in einer Zeit - Mitte der 70er Jahre - konzipiert wurde, die noch vom unbedingten Fortschrittglauben geprägt war. Anfang der 80er Jahre zeigten sich erste Risse - eine Entwicklung, die in Stelzers Film gegenwärtig ist.


Die Geschichte vom deutschen Mann, der sich eine Ehefrau aus dem Ausland besorgt, war 1981 nicht mehr neu. Das Institut, an das sich Diethard (Diethard Wendtland) wendet, um per Katalog eine Bestellung aufzugeben, hatte sich auf die Vermittlung solcher Ehen spezialisiert. Ein nicht ganz billiger Service, der aber professionell abgewickelt wird: pünktlich erreicht die gewünschte junge Frau (Alisa Saltzman) den Flughafen in Berlin-Tegel, ausgestattet mit den geeigneten Papieren, um sofort am Standesamt geheiratet werden zu können. Diethard hatte alle Vorbereitungen abgeschlossen, war zuvor schon in eine neue Wohnung in einem noch im Bau befindlichen Block eingezogen und hatte sie ehegerecht mit Doppelbett und Einbauküche eingerichtet. Exakter lässt sich ein solches Arrangement auch in heutigen Internet-Zeiten kaum planen.

Ebenso wenig hat sich die landläufige Meinung über diese Art der Beziehungsanbahnung in den letzten Jahrzehnten geändert und Regisseur Manfred Stelzer bemühte sich auch nicht, gängige Klischees außer Kraft zu setzen. Herr Diethard ist ein besonders steifes Exemplar Mann, dessen geringe Fähigkeit zur Empathie offensichtlich beim Verkauf von Lexika aufgebraucht wird. Bei einem Termin hatte der Vertreter die asiatische Ehefrau eines Kunden kennengelernt, der sich sehr zufrieden über diese Verbindung äußerte. Einzig das undurchdringliche ständige Lächeln seiner Frau irritiere ihn, gab dieser zu bedenken, weshalb Diethard sich für eine andere Variante entschied - eine „Perle der Karibik“. Mit der vorhersehbaren Konsequenz. Zwischen den Beiden entsteht keine Nähe und das Arrangement scheitert.

Gerade auf Grund der klaren Voraussetzungen – sie sucht wirtschaftliche Sicherheit, er eine Sexualpartnerin und Hausfrau – besitzen diese nach jahrtausendealten Regeln geschlossenen Verbindungen nicht selten gute Chancen. Hätte der Regisseur einen umgänglichen Typ Mann in den Mittelpunkt gestellt, hätte ihre Beziehung vielleicht halten können. Doch darum ging es Manfred Stelzer nicht. Die organisierte Eheschließung zweier Menschen unmittelbar nach ihrer ersten Begegnung geschieht hier im Stil einer Versuchsanordnung. Über ihre genaue Herkunft und die näheren Beweggründe der jungen Frau erfährt der Zuschauer ebenso wenig, wie über die Vergangenheit und sozialen Umstände des 41jährigen Diethard. Im Stil seiner vorherigen Dokumentarfilme („Monarch“ (1980)) nutzte Stelzer die Thematik der Partnervermittlung für den Blick auf sein eigentliches Interesse – auf Deutschland.

Im Hintergrund das Bauschild mit der innenliegenden Autobahn...
Berlin-West Anfang der 80er Jahre ist ein Ort der Kälte. Der noch im Bau befindliche Neubaublock, den Stelzer als Hintergrund wählte, ist bis heute eines der markantesten Beispiele für die Schaffung neuen Wohnraums bei größtmöglicher Verkehrs-Mobilität. Turmartig erhebt sich der Wohn-Koloss über die Stadtautobahn. Detailliert ist das im Film nicht zu sehen, aber wiederholt fängt die Kamera das Bauschild ein und konfrontiert die junge Frau aus der Karibik mit den noch aktiven Bautätigkeiten, sobald sie die vier Wände der Sozialbauwohnung verlässt. Ihr Versuch, diese in einen aus ihrer Sicht lebenswerten Raum zu verwandeln, scheitert sowohl an den baulichen Voraussetzungen, als auch an ihrem Ehemann, der die aus seiner Sicht artfremde Nutzung mit Pflanzen und Früchten ablehnt.

...und Beanboats (Alisa Saltzman) Blick hoch zu den Terrassen.
Erneut ließe sich die mangelnde Toleranz und Flexibilität des Ehemanns als Ursache anführen, aber Diethard ist weder frustriert, noch besonders autoritär. Und er bemüht sich, seiner neuen Frau die Eingewöhnung zu erleichtern. Er besorgt vermeintlich vertraute Utensilien aus ihrer Heimat und ist auch beim Haushaltsgeld nicht knausrig. Seine Unzufriedenheit und aufkommende Strenge entstehen aus seiner Fassungslosigkeit gegenüber dem Verhalten der jungen Frau, die aus seiner Sicht das Geld für unnütze Dinge ausgibt, die Wohnung verschandelt und die Aufgaben einer Hausfrau nicht erfüllt. Diethard steht bei Stelzer für den Geist eines gut organisierten, allein rationale Beweggründe gelten lassenden Deutschlands, kombiniert mit einer männlichen Haltung, die durch ein Jahrzehnt Emanzipation verunsichert ist. Diethards Ehe mit einer Frau aus dem Ausland entsprang nicht zuletzt auch dem Wunsch nach der Aufrechterhaltung der gewohnten Geschlechterrollen.

In Stelzers Film werden Form und Inhalt zu einer Einheit. „Die Perle der Karibik“ ist klar strukturiert und linear erzählt. Der Film interessiert sich weder für Vergangenheit, noch Zukunft, sondern beschreibt eine Gegenwart, in der für das Irrationale und Spontane kein Platz vorhanden ist. Es wird nicht als Chance, sondern als Bedrohung empfunden. Stelzer stilisierte Deutschland auf diese Weise zu einem Ort, an dem selbst Lebensfreude bis in die privatesten Nischen organisiert wird. Dank seines dokumentarischen Stils und des Verzichts auf emotionale Zuspitzungen bewahrte Stelzer die notwendige Distanz zu seinen Protagonisten und urteilte nicht. Seine generelle Sicht spiegelt die zwangsläufige Konsequenz wider. Die junge Frau aus der Karibik verschwindet und Diethard setzt sein normiertes Leben allein fort - verloren sind sie Beide.

"Perle der Karibik" Deutschland 1981, Regie: Manfred Stelzer, Drehbuch: Manfred Stelzer, Wolfgang Quest, Axel Voigt, Darsteller : Diethard Wendtland, Alisa Saltzman, Alfred Edel, Horst Pinnow, Gertrud Hoffmann, Laufzeit : 81 Minuten

Sonntag, 28. Februar 2016

Die spanische Fliege (1955) Carl Boese

Sommer (Rudolf Platte) und Klinke (Joe Stöckel) vor der "spanischen Fliege"
Inhalt: Daxburg soll ein eigenes Amtsgericht bekommen. Für den Stadtrat und Unternehmer Heinrich Klinke (Joe Stöckel) prinzipiell eine gute Nachricht, wäre da nicht die alte Geschichte, die irgendwo in den Gerichtsakten vergraben ist. Zwar wurde die „Spanische Fliege“, wie die verführerische Varieté-Sängerin von ihm und seinen Freunden genannt wurde, vor 18 Jahren von den Moralwächtern des Staates ausgewiesen, aber Klinke sah sich wenige Monate später mit den Folgen seines Techtelmechtels konfrontiert. Und zahlte seitdem brav Alimente für seinen unehelichen Sohn. Sollte das Amtsgericht nach Daxburg kommen, könnte dieser Vorgang bekannt werden.

Dr. Gerlach (Hans Richter) erfährt Interessantes von Ambrosius (Paul Henckels)
Als er diese Sorge seinem Freund Hugo Sommer (Rudolf Platte) anvertraut, reagiert dieser überraschend. Den Sohn beansprucht der Vater dreier Töchter für sich selbst, schließlich zahle auch er seit 18 Jahren Alimente. Bald stellt sich heraus, dass die beiden Stadträte Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) ebenfalls für den damaligen Fehltritt zahlen, aber damit erschöpft sich das Thema noch nicht. Der junge Anwalt Dr. Gerlach (Hans Richter) tritt die Nachfolge des alten Dr. Ambrosius (Paul Henckels) an, der damals die Alimente-Zahlungen mit den vier Männern aushandelte, und gerät dadurch in den Besitz der Akten…


Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

Schön war's. Aber es hat gedauert. Nachrufe auf Ruth Leuwerik und Ettore Scola, zwei sehr von mir geschätzte Filmkünstler, kamen mir im Januar dazwischen, der Alltag sowieso. Aber der Beginn des Jahres ist nicht vergessen, der wie bisher bei jedem Hofbauer-Kongress für mich von bewusstseinserweiternder Qualität war, womit ich schon bei der "spanischen Fliege" bin, der den zweiten Kongresstag in Nürnberg am 08.01. einleitete. 

Fast könnten Erinnerungen an sonntägliche Nachmittage in den 70er Jahren aufkommen, an denen sich die Familie vor dem Bildschirm versammelte, um eine "alte Schwarz-Weiß"-Komödie zu sehen - Joe Stöckel, Rudolf Platte und Hans Richter erwiesen sich in solchen Situation als Garanten für beste Unterhaltung. So auch hier, nur dass "Die spanische Fliege" kein familientauglicher Dauergast im TV wurde und es auch auf kein anderes Medium schaffte. Ein Fall für das Hofbauer-Kommando, dass hier eine niederländische Version in 35mm zeigte. Dank deren Abneigung gegenüber Synchronisationen in OV mit holländischen Untertiteln.


Was führt der Bildhauer (Stanislav Ledinek) im Schilde? 
Dass es sich bei der "spanischen Fliege" um ein Potenzmittel handelt, gehörte Mitte der 50er Jahre noch zum Allgemeinwissen. Obwohl es in der Story nicht vorkommt – „die spanische Fliege“ ist der Kosename für eine verführerische Varieté-Tänzerin -  hatte Franz Arnold seinen 1913 herausgebrachten Bühnenschwank danach benannt, damit gezielt die Assoziationen eines Publikums anregend, dass von Sex nur hinter vorgehaltener Hand sprach. Der Erfolg seines ersten Theaterstücks gab ihm Recht, das eine Vielzahl weiterer Lustspiele aus Arnolds und Ernst Bachs Feder, seinem Compagnon, nach sich zog, in denen sie die bürgerliche Doppelmoral humorvoll sezierten. Komödien-Spezialist und Vielfilmer Carl Boese hatte schon 1931 mit „Die schwebende Jungfrau“ erstmals einen ihrer Texte verfilmt. Im selben Jahr folgten noch „Die spanische Fliege“ unter der Regie von Ernst Jacoby und drei weitere Kino-Adaptionen ihrer populären Bühnenwerke. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war der Boom schlagartig vorbei und Arnold musste aus Deutschland emigrieren. Erst Anfang der 50er Jahre erlebten ihre Werke eine erneute Konjunktur im Kino.

Joe Stöckel - drei Jahrzehnte Dauergast auf der Komödien-Leinwand
Angesichts der Prüderie, die in den 50er Jahre in Deutschland vorherrschte, überrascht die Wiederentdeckung der in den moralischen Niederungen spielenden Stücke. Zumal sich ausgesprochene Prominenz darum kümmerte. Parallel zu seinen Heimatfilm-Erfolgen „Schwarzwaldmädel“ (1950) und „Grün ist die Heide“ (1951) drehte Hans Deppe „Die Nacht im Separee“ (1950) und „Der Fürst von Pappenheim“ (1952), unter Mitwirkung von Sonja Ziemann, Olga Tschechowa, Paul Hörbiger, Grethe Weiser, Viktor De Kowa und zweimal Georg Thomalla, nur um die Bekanntesten zu nennen. Auch Carl Boese griff 1952 wieder auf eine Vorlage des Duos Arnold/Bach zurück und verfilmte „Der keusche Lebemann“ - erneut mit Georg Thomalla und Grethe Weiser in tragenden Rollen. Dazu gesellten sich der aufgehende Stern am Heimatfilm-Himmel Marianne Koch und das Komödien-Urgestein Joe Stöckel. Umso bemerkenswerter ist es, dass diese Filme anders als viele Heimatfilme und Liebeskomödien dieser Zeit inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Auch im Fernsehen gehörten sie nicht zum Standard-Repertoire.

Hans Richter einmal als Schwerenöter (mit Jester Naefe)...
Das gilt auch für „Die spanische Fliege“, Boeses Remake der 31er Verfilmung, der neben Joe Stöckel noch mit Rudolf Platte, Paul Henckels, Hubert von Meyerinck, Ruth Stephan und Hans Richter aufwarten konnte. Letzterer in einer für ihn ungewohnten Rolle als trickreicher Rechtsanwalt, denn seit „Die Feuerzangenbowle“(1944) war Richter auf das „Enfant terrible“ festgelegt, gab in „Grün ist die Heide“ den Lautsprecher eines Landstreicher-Trios oder spielte in den „Knall und Fall“ – Filmen den Knall, ein wörtlich zu nehmender Name. Doch trotz seines seriösen Auftretens und seiner ernsten Absichten bei Hannelore Klinke (Jester Naefe), der Tochter des im Örtchen Daxburg einflussreichen Stadtrats und Unternehmers Heinrich Klinke (Joe Stöckel), spielte Richter auch hier den Störenfried, der ein seit 18 Jahren gehütetes Geheimnis aufzudecken droht.

...und als Anwalt der Damen vom Wohltätigkeitsverein
Damals hatten vier honorige Herren – neben Klinke, noch Hugo Sommer (Rudolf Platte) und die ebenfalls im Stadtrat sitzenden Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) – eine Affäre mit einer schönen Tänzerin, bis diese von der Sittenpolizei des Landes verwiesen wurde. Eine wenig verklausulierte Anspielung auf die Nationalsozialisten, die über den moralischen Anstand der Bürger wachten, selbst aber gerne hinsahen. Bei den vier verheirateten Männern kam ihr Einsatz offensichtlich zu spät, denn ihnen wird von dem Rechtsanwalt Dr. Ambrosius (Paul Henckels) die Rechnung in Form von Alimentezahlungen aufgemacht – für den Sohn der „spanischen Fliege“, den sie ein paar Monate später im Ausland gebar. Vier Männer zahlen für einen Sohn. Das an dieser Konstellation etwas nicht stimmen konnte, ist von Beginn an klar, aber weitere Ungereimtheiten kommen hinzu bis es in Daxburg kaum noch Jemanden gibt, der Interesse an der Aufdeckung der vollständigen Wahrheit hat, die alle zu überrollen scheint.

"Es ist mein Sohn" beharrt Hugo Sommer
Oberflächlich betrachtet gehört „Die spanische Fliege“ zum Typus der Moral-Komödien, in der ein einmaliger, zeitlich weit zurückliegender Fehltritt zur Lawine wird, weil sich der „Sünder“ beim Versuch, das Geheimnis zu wahren, immer tiefer in sein Lügengebäude verstrickt.  In der Regel enden diese Stücke mit einem geläuterten Protagonisten, dessen Ehre nach kurzer Abbitte wieder hergestellt ist – Happy-End und Wiederherstellung der Moral  inbegriffen. Das „Stillhalteabkommen“, mit dem Arnolds Bühnenstück endet, hat mit dieser Art „Happy End“ nichts gemein. Geläutert ist hier Niemand. Im Gegenteil schlägt die Angst vor der Aufdeckung des Seitensprungs regelmäßig um in den Stolz über den gezeugten „Sohn“ bis zur Anbetung der damaligen Geliebten in Form eines Fetischs. Obwohl es nicht auszuschließen ist, dass der körperliche Kontakt mit der Tänzerin bei einem Teil der Männer eher der Fantasie als der Realität entsprungen sein könnte, leugnet Niemand den lang zurückliegenden Fehltritt – besonders Platte und Stöckel gefallen sich gut im Selbstbild des feurigen Liebhabers.

Heiles Familienleben (Stöckel mit Erika von Thellmann)
Mit hohem Tempo und subversivem Witz entfaltete „Die spanische Fliege“ eine Situation, die sich nicht mehr in Wohlgefallen auflösen konnte. Wer deshalb hofft, die Beteiligten werden mit der Härte der Konsequenzen konfrontiert, wird enttäuscht werden. Daran ist nicht einmal den Ehefrauen gelegen. Selbst die gewohnt autoritär auftretende Elisabeth Flickenschildt als Frau Sommer, deren Ehemann Hugo vor ihr zittert, macht sich keine Illusionen hinsichtlich der Qualität ihrer Beziehung. Wichtig ist ihr nur, dass er weiterhin kuscht. Die bürgerliche Oberfläche blieb zwar gewahrt, überdeckte hier aber nur schwach die Bedürfnisse des Einzelnen und ließ die moralischen Anstandsregeln zur Makulatur werden.

"Die spanische Fliege" Deutschland 1955, Regie: Carl Boese, Drehbuch: Edgar Kahn, Franz Arnold (Theaterstück), Darsteller : Joe Stöckel, Rudolf Platte, Hans Richter, Paul Henckels, Elisabeth Flickenschildt, Hubert von Meyerinck, Erika von Thellmann, Jester Naefe, Ruth Stephan, Albert Florath, Laufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carl Boese:

"Fünf Millionen suchen einen Erben" (1938)

Montag, 15. Februar 2016

Geheimaktion Schwarze Kapelle (1959) Ralph Habib

Inhalt: Auf Grund einer Warnung des Kellners in seinem Lieblings-Lokal kann der regime-kritische Journalist Robert Golder (Peter van Eyck) knapp seiner Verhaftung durch die Gestapo entkommen, um kurz darauf trotzdem überwältigt und entführt zu werden. Verantwortlich dafür ist eine Widerstandsgruppe aus der Führungsebene der Wehrmacht, die ihn als Boten benötigt. Er soll einer Vertrauensperson im Vatikan die Pläne Hitlers für den Westfeldzug übermitteln, damit in den betroffenen Ländern Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. So soll eine weitere Eskalation des Krieges nach der Besetzung Polens verhindert werden und nach einer Absetzung Hitlers Friedensgespräche stattfinden.

Reichsführer SS Heinrich Himmler (Werner Peters) will das verhindern, kann aber den mit einem gefälschten Pass reisenden Golder nicht aufhalten, der unbeschadet nach Rom gelangt. Dort befindet sich eine Einsatztruppe der SS unter der Leitung von Hoffmann (Ernst Schröder), deren mörderisches Vorgehen aber argwöhnisch vom römischen Polizei-Präfekten (Gino Cervi) betrachtet wird. Deshalb sind sie gezwungen geschickt vorzugehen und setzen ihre beste Agentin (Dawn Addams) auf den Journalisten an…


"Geheimaktion schwarze Kapelle" erschien Ende der 50er Jahre in einer Phase, in der die Akzeptanz gegenüber Filmen, die sich mit der jüngeren Geschichte auseinandersetzten, stieg. Für Produzent Arthur Brauner bekanntes Terrain, aber der deutsch-italienisch-französischen Co-Produktion, die die PIDAX erstmals am 23.12.2014 auf DVD herausbrachte, sind die Konzessionen deutlich anzumerken, die die Aufarbeitung des Nationalsozialismus damals noch erforderten.

Der erwähnte "Tatsachenbericht" über den Widerstand gegen Adolf Hitlers Kriegspläne verband unterschiedliche Aktionen zu einem Agenten-Stück mit Liebesaffäre, in dem keine reale Person außer dem Reichsführer SS Heinrich Himmler vorkam. Trotzdem hätte "Geheimaktion schwarze Kapelle" Anerkennung verdient gehabt, da sich der Film mit einem bis heute wenig bekannten Kapitel des Widerstands auseinandersetzte und gleichzeitig die veränderte Sozialisation Ende der 50er Jahre abbildete. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Schon Mitte der 50er Jahre waren Filme über den 1945 im KZ hingerichteten langjährigen Chef der deutschen "Abwehr" Wilhelm Canaris ("Canaris" (1954)) und das Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler in die Kinos gekommen - darunter der von Arthur Brauners CCC produzierte, mehrfach ausgezeichnete "Der 20.Juli" (1955) unter der Regie von Falk Harnack. "Geheimaktion schwarze Kapelle" berief sich auf ein weiteres Kapitel des Widerstands aus höchsten Kreisen der Wehrmacht. Der damalige Oberst und spätere Generalmajor Hans Oster hielt Kontakt zur obersten Heeresleitung und verriet Hitlers Pläne für den Westfeldzug an den niederländischen Militär-Attaché Bert Sas, um eine weitere Eskalation des Krieges nach der Besetzung Polens zu verhindern. Im Auftrag Osters und unter dem Schutz der „Abwehr“ versuchte parallel der Rechtsanwalt und Offizier der Wehrmacht Josef Müller - nach dem Krieg erster Vorsitzender der bayrischen CSU - über den Vatikan in Rom Kontakt zum britischen Botschafter aufzunehmen. Für den Fall, dass Hitler stürzt, sollte ein Friedensabkommen mit England vorbereitet werden.

Oster und viele seiner Mitstreiter wurden später von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt, aber ihr vergeblicher Versuch, die Nationalsozialisten aufzuhalten ist heute weit weniger bekannt als das Stauffenberg-Attentat. Noch unbekannter ist die deutsch-italienisch-französische Co-Produktion „Geheimaktion schwarze Kapelle“, obwohl Ende der 50er Jahre die Akzeptanz für eine kritische Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit stieg – Filme wie „Kriegsgericht“ (1959) mit Karlheinz Böhm oder Bernhard Wickis „Die Brücke“ (1959) erhielten hohe Anerkennung. Trotzdem galt die Thematik nach wie vor als heikel. Gut zu erkennen am Verhalten des Journalisten Robert Golder (Peter van Eyck), der die Geheim-Pläne für den Westfeldzug nur einem angesehenen Mitglied der Kirche überlassen will. Gebetsmühlenartig wiederholt er, kein Verräter am eigenen Volk sein zu wollen – ein Vorwurf, dem sich die Widerstandskämpfer noch in den 50er Jahren ausgesetzt sahen. Von Hans Oster sind die Worte überliefert:

„Man könnte nun sagen, dass ich ein Landesverräter sei, aber das bin ich in Wahrheit nicht. Ich halte mich für einen besseren Deutschen als all die anderen, die Hitler nachlaufen. Mein Plan ist und meine Pflicht sehe ich darin, Deutschland und damit die Welt von dieser Pest zu befreien.“ (Quelle: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Wikipedia)

Sieht man von dem geplanten Westfeldzug ab, unter dessen wiederholtem Aufschub durch Adolf Hitler die Glaubwürdigkeit des Widerstands litt, blieb im Film fast nichts von dieser realen Situation übrig. Autor Olaf Herfeldt hatte in seinem Roman die Übergabe der Angriffs-Pläne und den geheimen Treffpunkt in Rom zu einem Agenten-Thriller mit Liebesgeschichte vor pittoresker Kulisse kombiniert. Einzig der Reichsführer SS Heinrich Himmler (Werner Peters) als finsterer Strippenzieher im Hintergrund stand für die NS-Diktatur, seine Männer in Rom unter der Leitung von Hoffmann (Ernst Schröder) blieben dagegen austauschbare gedungene Mörder. Dieser weitgehende Verzicht auf ideologischen Ballast zeigte sich besonders bei den italienischen Protagonisten. Franco Fabrizi als aristokratischer Kontaktmann der Widerstandsgruppe mit schickem Cabriolet und Gino Cervi als römischer Polizeipräfekt walteten im Stil von Lebemännern. Zwar hing Benito Mussolinis Porträt im Polizei-Präsidium an der Wand, aber Erwähnung findet der „Duce“ im Film nicht. Im Gegenteil schien selbst der nach Gutdünken handelnde Präfekt schon im Widerstand gegen Nazi-Deutschland zu stehen.

Diese Konzession an die italienischen Co-Produzenten war möglicherweise ein Grund dafür, warum der Film in Deutschland wenig Reputation erfuhr, denn trotz der Freisprechung der obersten Heeresleitung von Schuld am kommenden Angriffs-Krieg – der Generaloberst (Werner Hinz) bleibt nach Beginn der West-Offensive gegen seine innere Überzeugung im Amt, um keinem Hitler-Gefolgsmann Platz zu machen – kamen die Bösewichte allein aus dem deutschen Lager. Dass die Hauptfigur souverän von Peter van Eyck verkörpert wurde, half nur bedingt, denn er legte seine Rolle gewohnt zwiespältig an: ein von den Ereignissen gebrochener, pessimistischer Charakter, der sich bedingungslos in die sexuell offensiv auftretende Tilla (Dawn Addams) verliebt, die als Agentin der SS auf ihn angesetzt wurde.

Zugunsten dieser Liebesgeschichte trat die ursprüngliche, mit dokumentarischen Aufnahmen über den Aufstieg Hitlers beginnende, politische Dimension des Films in den Hintergrund, auch weil der französische Regisseur Ralph Habib die Ereignisse in Rom im Stil der damaligen Gegenwart inszenierte. Nächtliche Partys, Strandleben in Ostia, die Nacktszene in der Umkleidekabine oder die gemeinsame Nacht in seinem Hotelzimmer – mit den späten 30er Jahren hatte das nur wenig zu tun. Betont wurde dieser Eindruck noch durch die Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit der us-amerikanischen Schauspielerin Dawn Addams, deren Optik und ihr selbstbewusst, pragmatisches Auftreten einem modernen Frauenbild entsprachen. Addams, die als „Femme fatale“ kurz zuvor in „Die feuerrote Baronesse“ (1959) schon wenig aufregte, war mit ihrer reduzierten Erotik ideal besetzt, da sie trotz ihrer Rolle als Verführerin den moralisch geforderten Anstand wahrte – die notwendige Voraussetzung für die Akzeptanz des Liebespaars Golder/Tilla.

Trotzdem war diese Konstellation dem damaligen Publikum schwer zu vermitteln, wie am letzten Satz der Inhaltsangabe der „Filmbühne“ deutlich wird:

„Für Golder und Tilla bleibt nur noch die Hoffnung, das Glück ihrer Liebe in der Flucht nach Südamerika zu retten“ (Filmbühne Nr.5002, Beilage der Pidax-DVD)


Vielleicht wollte der Autor des Textes damit ein mögliches Happy-End konkretisieren, das die sonstigen historischen Umstände nicht hergaben, aber diesen Gefallen tat ihm der am Ende offen bleibende Film nicht. Für eine Aufarbeitung der realen Hintergründe des Widerstands gegen die Nationalsozialisten ist „Geheimaktion schwarze Kapelle“ historisch zu ungenau und zu unentschieden zwischen Polit-Thriller und Liebesgeschichte, aber als düsteres Zeitbild funktionierte er. Die desillusionierten Lebensentwürfe der beiden Protagonisten wiesen in ihrem Pessimismus schon in Richtung „Denn das Weib ist schwach…“ (1961), der ebenfalls auf Basis eines Drehbuchs von Hans Nicklisch entstand. Darin beschrieb er die Ernüchterung nach einem "Wirtschaftswunder"-Jahrzehnt mit großen sozialen Veränderungen – ein Einfluss der Gegenwart, Ende der 50er Jahre, der auch „Geheimaktion schwarze Kapelle“ anzumerken ist.

"Geheimaktion schwarze Kapelle" Deutschland, Italien, Frankreich 1959, Regie: Ralph Habib, Drehbuch: Hans Nicklisch, Olaf Herfeldt (Roman), Darsteller : Peter van Eyck, Dawn Addams, Werner Peters, Franco Fabrizi, Gino Cervi, Ernst Schröder, Werner Hinz, Laufzeit : 98 Minuten