Samstag, 8. Juni 2013

13 Stühle (1938) E.W. Emo

Inhalt: Felix Rabes (Heinz Rühmann) Friseurladen läuft schlecht, als ihn die Nachricht einer Erbschaft erreicht. Er soll sofort nach Wien kommen, um das Erbe seiner wohlhabenden Tante anzutreten. Auf der Zugfahrt redet er schon von seinem zukünftigen Reichtum, womit er die Neugier der hübschen Lily Walter (Inge List) weckt, die keinen Hehl aus ihrem plötzlich erwachten Interesse macht. So zusätzlich in Stimmung versetzt, ist die Ernüchterung groß, als er in der leeren Wohnung seiner Tante landet. Nur 13 Biedermeier-Stühle scheinen von einem bescheidenen Wert zu sein, weshalb er sie dem Trödler Alois Hofbauer (Hans Moser) in Kommission gibt.

Die Nacht verbringt er ein letztes Mal in der Wohnung der Tante, unbequem auf einem schmalen Sofa schlafend. Wütend auf sie schimpfend will er ihr Wandbild umdrehen, als ihm ein dahinter geklemmter Brief entgegen fällt, den er sofort zerreißt. Um ihn wenig später wieder zusammenzusetzen, wodurch er von 100.000 Mark erfährt, die sie ihm vermacht hatte. Dummerweise hatte sie das Geld in einem der 13 Stühle versteckt, die Rabe dem Trödler zum Verkauf gegeben hatte. Dieser kommt ihm mit der erfreulichen Nachricht entgegen, dass er schon alle Stühle losgeworden wäre, was Rabe in tiefe Verzweiflung führt. In seiner Not vertraut er sich Hofbauer an, bietet ihm ein Teil der Erbschaft und sie machen sich zusammen auf die Suche nach dem richtigen Stuhl…


Vordergründig scheint sich "13 Stühle" nur wenig vom üblichen Heinz-Rühmann-Starvehikel der Phase Ende der 30/ frühe 40er Jahre zu unterscheiden, in denen Komödien wie der ebenfalls 1938 entstandene „5 Millionen suchen einen Erben“ oder „Der Gasmann“ (1941) mit der wiederholt erzählten Geschichte vom kleinen Mann, der plötzlich zu Reichtum gelangt, der Ablenkung vom Alltag dienen sollten - inclusive den typischen Konsequenzen nach der ersten Versuchung bis zum letztlichen Erkennen der wahren Werte, die selbstverständlich nicht im schnöden Mammon liegen.

Doch zwei wesentliche Merkmale heben den Film trotz seiner offensichtlichen Anpassung an den damaligen Publikumsgeschmack und der vorgegebenen Linie des Propagandaministeriums, der sich der viel beschäftigte Komödienspezialist E.W.Emo nicht widersetzte, aus der Masse heraus - die Story basiert auf einer russischen Novelle ("12 Stühle") aus den 20er Jahren, die als beißende Satire auf das eigene Volk zu verstehen war, und sie stellt statt des üblichen "lieben Frauchens" diesmal den österreichischen Volksschauspieler Hans Moser an Rühmanns Seite, der einen deutlich originelleren Partner abgibt. Nachdem sie zuvor in "Der Himmel auf Erden" (1935), "Ungeküsst soll man nicht schlafen gehen" (1936) und "Der Mann von dem man spricht" (1937) zusammen gespielt hatten - nach dem Krieg kam noch "Wir werden das Kind schon schaukeln" (1952) dazu, immer unter Regisseur Emo - blieb "13 Stühle" ihr einziger gemeinsamer Film nach dem kurz zuvor erfolgten Anschluss Österreichs an Deutschland, weshalb der gebürtige Essener Heinz Rühmann in Wien auftaucht, nachdem er in seiner Rolle als Felix Rabe erst mit dem Zug dorthin fahren musste.

Der Grund für diese Reise liegt in der unverhofften Erbschaft seiner Tante, die - obwohl in ihrem Umfang keineswegs einschätzbar - sofort zu kühnsten Fantasien Anlass gibt und mit Lily Walter (Inge List), die Felix Rabe (Heinz Rühmann) im Zugabteil trifft, auch beim weiblichen Geschlecht gleich Begehrlichkeiten erzeugt. Anders als in den meisten Rühmann-Filmen entfernt sich der Film nicht so weit von der literarischen Vorlage, dass er Rabes Egoismus, gepaart mit naiver Dummheit leugnet. Auch wenn der Zuschauer damals einem Heinz Rühmann ein solches Verhalten nachsah, hält der Film dessen Jagd nach Reichtum ohne moralisches Schöngerede erfreulich konsequent durch. Moser und Rühmann geben lange Zeit ein durch die äußeren Umstände zusammen geschweißtes Paar ab, dass sich einerseits herzlich misstraut, andererseits keine Gnade kennt, um wieder in den Besitz des Stuhls zu gelangen, in dem die Erbtante 100.000 Mark versteckt hatte.

Allein das Rabe in diese Situation kam, wirft ein bezeichnendes Bild auf seinen Charakter, denn als er in Wien nur eine leer geräumte Wohnung mit dreizehn alten Biedermeier-Stühlen vorfindet, verliert er schnell die Contenance, beleidigt das kurz vorher noch so "geliebte Tantchen" und verkauft die Stühle an den Trödler Alois Hofbauer (Hans Moser), um wenigstens die Rückfahrt bezahlen zu können. Erst in der Nacht erkennt er das Geheimnis der Stühle, doch am Morgen muss er feststellen, dass Hofbauer diese schon veräußert hatte. Um wieder in deren Besitz zu gelangen, verrät er diesem von dem versteckten Schatz und gemeinsam machen sie sich auf die Suche.

Der Film nutzt die vielfältigen Charaktere und Situationen, bei denen die Zwei auftauchen, für respektlose Beobachtungen des mitmenschlichen Verhaltens. Als Felix Rabe aus einem brennenden Haus, wo er fälschlicherweise einen der Stühle vermutete, nebenbei einen Hund rettet, wird dieser zwar mit Begeisterung in die Arme genommen, aber von dem Retter nimmt Niemand Notiz. Vielleicht lag es am Drehort Wien, dass selbst bei kritischen Szenen wie dem Aufenthalt im Kuriositäten-Kabinett oder in der Irrenanstalt, wo Rabe und Hofbauer fast folgerichtig landen, keine Anspielungen auf nationalsozialistisches Gedankengut zu erkennen sind. Sehr positiv kommt dem Film auch Mosers Spiel zugute, der anders als der jugendliche Rabe zwar vordergründig als grantelnder Wiener seine Paraderolle gibt, aber innerhalb der ansonsten egoistischen Gesellschaft der Einzige ist, der echte Sympathien verdient.

Gerade die Frauen kommen in „13 Stühle“ schlecht weg, da sie entweder als herrische Ehefrauen oder geldgeile Luxusweibchen auftreten. Trotzdem ist diese Gestaltung im Vergleich zu den üblichen Komödien dieser Zeit erfrischend, denn durch den Verzicht auf ein „Love-Interest“ für Rühmann - auch wenn er das erst spät begreift - existiert hier keine idealisierte Frauengestalt mit sicherer Anwartschaft auf das Mutterkreuz. Die Frauen dürfen stattdessen richtig fies sein und reihen sich damit getreu der russischen Originalvorlage, die in den Film - Credits nicht erwähnt wurde, gleichberechtigt in die Männerwelt ein. Nur die beiden Protagonisten ragen letztlich positiv heraus, was durch das leicht aufgesetzte, aber kurz gehaltene Happy-End betont wird. Diese Abweichung von der Romanvorlage kann nur als Anbiederung an die damaligen Erwartungshaltungen verstanden werden, ändert aber nichts an dem guten Eindruck einer erfrischend schnellen Komödie mit einem dezent respektlosen Charakter.

"13 Stühle" Deutschland 1938, Regie: E.W. Emo, Drehbuch: E.W. Emo, Per Schwenzen, Yevgeni Petrow (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Hans Moser, Annie Rosar, Inge List, Ondra, Alfred NeugebauerLaufzeit : 84 Minuten

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