Donnerstag, 14. November 2013

Die Unbekannte (1936) Frank Wisbar

Inhalt: Eine Frauenleiche, die aus dem Wasser gefischt wurde, wird auf eine Polizeistation gebracht. Obwohl sie offensichtlich Selbstmord beging, lächelt ihr Antlitz, was die Polizisten darüber sinnieren lässt, unter welchen Umständen sie starb:

Es ist der letzte Abend, an dem Madeleine (Sybille Schmitz) als Sängerin auftritt, obwohl sie in dem Nachtclub große Erfolge feierte. Viele Männer versuchen es noch ein letztes Mal, sie für sich zu gewinnen, aber Madeleine glaubt nicht an die große Liebe und hat sich längst entschieden, in einer Großstadt ein neues Engagement anzunehmen. Als sie dort auf dem Bahnhof ankommt wird sie zufällig Zeuge eines Diebstahls. Innerhalb einer großen Menschenmenge, die sich um den bekannten Afrika-Forscher Thomas Bentick (Jean Galland) versammelt hatte, der gerade seine Braut Evelyn (Ilse Abel) verabschiedet, schnappt sich ein Dieb eine Tasche mit wertvollen Unterlagen, aber Madeleine kann die Polizei noch rechtzeitig warnen.

Bentick und seine Braut bedanken sich bei ihr, aber für Madeleine ist die Angelegenheit schon erledigt. Nicht so für den Forscher, der die schöne Frau vor dem Bahnhof stehen sieht und sie mit seinem Auto zu einem Hotel mitnimmt, dass er ihr empfiehlt. Er selbst wohnt dort auch und bittet sie, ihm am Abend Gesellschaft zu leisten. Sie sagt zu, obwohl sie am selben Abend ihren ersten Auftritt an ihrer neuen Arbeitsstelle hat. Als man ihre Bitte, einen Tag später dort beginnen zu können, ablehnt, kündigt sie spontan, zieht sich ein schönes Abendkleid an und geht zu der Verabredung mit Bentick…


Nachdem "Fährmann Maria" im Januar 1936 in die Kinos gekommen war, drehte Regisseur Frank Wisbar noch im selben Jahr einen weiteren Film mit Sybille Schmitz in einer tragenden Hauptrolle, der in mehrfacher Hinsicht prophetisch wirkt - "Die Unbekannte". Der Film beginnt mit einer aufgebahrten Frauenleiche, deren Schönheit, unterstrichen durch ein Lächeln in ihrem Gesicht, die anwesenden Polizisten darüber sinnieren lässt, unter welchen Umständen die junge Frau in den Freitod ging. Zurück geht diese Ausgangssituation auf die inzwischen vergessene Legende über "Die Unbekannte aus der Seine", die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum Allgemeingut gehörte und sich in unzähligen Haushalten in Form einer reproduzierten Totenmaske wieder fand, die häufig die Wände schmückte. Die damalige Faszination erklärt sich aus dem für eine Wasserleiche ungewöhnlich friedlichen Gesichtsausdruck und entfachte die Fantasien der Betrachter, obwohl die Authentizität der Totenmaske nie bewiesen wurde.

Nicht wenige Künstler ließen sich davon animieren und spielten  in ihren Werken auf diese Legende an - darunter Rainer Maria Rilke in seinem einzigen Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (1910) - aber den größten Einfluss auf den Mythos hatte die 1934 erschienene Novelle "Die Unbekannte" des studierten Botanikers und späteren Schriftstellers Reinhold Conrad Muschler, der mit einer rührseligen Geschichte um die junge Madeleine einen veritablen Bestseller ablieferte. Seine Fiktion von der großen Liebe einer armen Waise zu dem englischen Diplomaten Thomas, der ihre Gefühle zuerst erwidert - selbstverständlich bewahren sie bei ihrer gemeinsamen Reise nach Paris immer den moralischen Anstand - sich dann aber doch für die Frau entscheidet, mit der er zuvor schon verlobt war, traf den Nerv der Zeit. Madeleine stirbt im Bewusstsein ihrer ewigen Liebe mit einem glücklichen Lächeln, da für sie ein Weiterleben nach Thomas' Ablehnung keinen Sinn mehr hat.

Autor Muschler war seit 1932 Mitglied der NSDAP und drückte seine glühende Verehrung für Adolf Hitler in den Büchern "Adolf Hitler unser Führer" (1933) und "Das deutsche Führerbuch" (1934) aus. Eine Liebe, die nicht ewig andauerte, wie sein Austritt aus der NSDAP 1937 dokumentiert, die seine Schriftstellerkarriere unterbrach. Erst nach 1948 konnte er diese noch sehr produktiv bis zu seinem Tod 1957 fortsetzen. Es bedarf keiner tiefgründigen Interpretation, um die Geschichte von der glückseligen Selbstaufopferung Madeleines in die Nähe der nationalsozialistischen Ideologie zu rücken, die das persönliche Opfer für Führer und Vaterland propagierte. Auch die thematische Linie zu Wisbars Vorgängerfilm "Fährmann Maria" wird darin offensichtlich, in dem Sybille Schmitz ebenfalls eine Frau verkörperte, die bereit ist, für ihre Liebe in den Tod zu gehen, dessen morbide, schwermütige Umsetzung allerdings nur wenig Anklang beim Propagandaministerium fand.

Doch während zu "Fährmann Maria" noch entsprechende Hintergrundinformationen existieren, macht "Die Unbekannte" ihrem Namen alle Ehre, obwohl es sich um die Verfilmung eines damals aktuellen Bestsellers handelte - nicht einmal ein Filmplakat lässt sich zu einer damaligen Vorführung finden. Noch weniger bekannt sind nur die zwei letzten Filme Wisbars, bevor er aus Deutschland mit seiner jüdischen Frau emigrierte - "Ball im Metropol" (1937) und "Petermann ist dagegen" (1938). Sieht man von Aribert Mog ab, dessen NSDAP -Mitgliedschaft ihn nicht davor bewahrte, eingezogen zu werden, weshalb er 1941 beim Russlandfeldzug starb, verfügte der Cast von "Die Unbekannte" über keinen echten Filmstar. Zwar ist hier Curd Jürgens in einer seiner ersten Rollen zu sehen, aber der einzig relevante Part an der Seite von Sybille Schmitz, der des englischen Diplomaten Thomas Bentick, wurde von Wisbar mit dem französischen Mimen Jean Galland besetzt, der mit entsprechendem Akzent spricht und in keinem weiteren deutschen Film mitwirkte. Doch allein die Besetzung von Sybille Schmitz hätte genügen müssen, um für Aufmerksamkeit beim Publikum zu sorgen, aber ihr Abstand zu den nationalsozialistischen Machthabern, gepaart mit ihrer moralisch anrüchigen Haltung, schadete trotz ihrer Popularität zunehmend ihrer Reputation.

Entscheidender dafür, dass „Die Unbekannte“ im nationalsozialistischen Deutschland kein Erfolg wurde und in Vergessenheit geriet, dürfte Frank Wisbars Bearbeitung der Buchvorlage gewesen sein. Schon dass er Sybille Schmitz, deren Schönheit und selbstbewusstes Auftreten eine geheimnisvolle Erotik ausstrahlte, die Rolle der Madeleine spielen ließ, widersprach dem verklärten Frauenbild einer selbstlos liebenden Waisen. Konsequenterweise veränderte Wisbar den Charakter der weiblichen Hauptrolle und ließ seinen Star als Sängerin eines Nachtclubs auftreten, der die Männer scharenweise zu Füßen liegen. Allein das zu Beginn von ihr vorgetragene Lied „Die große Liebe ist nur ein Märchen“ mit der Textzeile „…die Türen meines Herzens sind zu…“ genügt schon für den gesamten Film. Entsprechend lässt sie eine Vielzahl an gebrochenen Männerherzen zurück, als sie sich entscheidet, ein Engagement in einer anderen Stadt anzunehmen. Wisbars Film lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich auf konkrete Liebesabenteuer eingelassen hatte, an denen sie nach kurzer Zeit wieder die Lust verlor. In einer späteren Szene erkennt sie ein älterer Herr wieder, der ihr vorwirft, sie hätte einen seiner begabtesten Studenten mit ihrer unmoralischen Lebensweise in die Verzweiflung getrieben.

Auch die männliche Hauptrolle wurde von Wisbar stark überarbeitet. Thomas Bentick ist im Film kein englischer Diplomat, sondern ein in Deutschland lebender, sehr bekannter Afrika-Forscher, dessen Nationalität offen bleibt. Er will in wenigen Tagen zu einem 5jährigen Forschungsaufenthalt abreisen, verabschiedet sich aber schon von seiner deutschen Verlobten Evelyn (Ilse Abel), die vorausfährt, während er noch ein paar Formalitäten in Berlin erledigen muss. Am Bahnhof begegnen sie Madeleine, die dank ihrer Aufmerksamkeit einen Diebstahl wichtiger Unterlagen verhindern kann. Kaum hat Bentick seine Braut verabschiedet, wirbt er offensiv um die schöne Madeleine, fährt sie zum Hotel und bittet sie um ihre Begleitung bei einem abendliche Dinner. Die Art, wie sich Madeleine darauf einlässt, widerspricht in jeder Hinsicht dem damals tradierten Frauenbild, dem in Muschlers Roman gehuldigt wurde. In vollem Bewusstsein darüber, dass Bentick verlobt ist und damit ihre fatalistische Haltung über die Liebe bestätigt, kündigt sie ihre neue Arbeitsstelle, weil ihr nicht erlaubt wurde, einen Tag später zu beginnen, und geht in einem schicken Abendkleid zu der Verabredung.

Nicht mehr an die Arbeitsstelle gebunden, willigt sie ein, mit Thomas nach Berlin zu fahren, aber mit einer romantischen Liebesreise nach Paris, wie sie Muschler in seinem Buch beschrieb, hat das wenig zu tun. Viel mehr entsteht ein Wechselspiel zwischen dem Werben des sehr wohlhabenden Lebemanns und der attraktiven, selbstbewussten Frau, die spürt, dass sie tiefe Gefühle für ihn entwickelt. Nur in dieser emotionalen Ebene lassen sich Parallelen zur literarischen Vorlage erkennen, aber Wisbar zieht entgegengesetzte Schlüsse daraus. Nicht Thomas entscheidet sich gegen Madeleine, sondern sie schickt ihn zu seiner Braut. Ihre letzte Entscheidung wird zu einer Bestätigung des Liedes, das sie zu Beginn sang - „Die große Liebe ist nur ein Märchen“. Einen Moment lang trauert sie, aber ihr letzter Weg erinnert nicht an einen Selbstmord, sondern an ein Wandeln in die Ewigkeit mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht.

Frank Wisbar nahm der „Unbekannten aus der Seine“ die Rückständigkeit einer idealisierten passiven und keuschen Frauenfigur, und verlieh ihr in der von Sybille Schmitz verkörperten Madeleine einen erotischen, selbstbewussten Gestus. Damit konnte er die Erwartungshaltung an eine Romanverfilmung schwerlich erfüllen, aber die eigentliche Tragik des Films erschließt sich erst heute. Nur mit Sybille Schmitz, deren individueller Charakter zwar die Menschen faszinierte, gleichzeitig aber nicht in ihre Zeit passte und fremd blieb, konnte Wisbars Film funktionieren. Als sie 1955 an einer Überdosis Tabletten starb war sie ihr Leben lang geblieben, was der Film prophezeite – „Die Unbekannte“.

"Die Unbekannte" Deutschland 1936, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Frank Wisbar, Reinhold Conrad Muschler (Roman), Darsteller : Sybille Schmitz, Jean Galland, Aribert Mog, Ilse Abel, Curd JürgensLaufzeit : 86 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Frank Wisbar:

Keine Kommentare:

Kommentar posten