Freitag, 10. Januar 2014

Soviel nackte Zärtlichkeit (1968) Günter Hendel

Inhalt: Peter Kremer (Erich Fritze) ist nach 20 Jahren in Kanada wieder nach Deutschland zurück gekehrt, hat sich in der Nähe von München auf dem Land ein Haus gekauft und beabsichtigt, dort in Ruhe von seinem hart erarbeiteten Vermögen zu leben. Bevor er erstmals zu seinem Landsitz fahren will, übernachtet er in einem Münchner Hotel, wo er am späten Abend von einer nur mit einem Handtuch bekleideten Frau überrascht wird, die an seine Zimmertür klopft.

Kitty (Erika Remberg) hatte Ärger mit einem aufdringlichen Kerl, der ihre Kleider zerriss, weshalb sie Peter Kremer bittet, zu ihrem Bruder Jochen (Lutz Hochstraate) in der Nähe zu fahren, um ihr etwas zum Anziehen zu holen. Kremer hilft der hübschen jungen Frau gerne, mit der er auch den nächsten Tag verbringt. Schon lange von seiner Ehefrau getrennt lebend, verliebt er sich spontan und nimmt Kitty und ihren jüngeren, kränkelnden Bruder mit zu seinem neuen Haus auf dem Land...


An Günter Hendels allgegenwärtiger Mitwirkung an seinem ersten Film "Soviel nackte Zärtlichkeit" wird nicht nur die Bedeutung dieses Films für ihn selbst ersichtlich, sondern zeigte sich die Aufbruchstimmung, die unter den Filmschaffenden Ende der 60er Jahre in Deutschland herrschte. Die Aufweichung eherner moralischer Strukturen, eine Atmosphäre kontroverser gesellschaftspolitischer Diskussionen und der Einfluss des europäischen Genre-Kinos schufen die Basis für etwas Neues. Dass Hendel neben der Produktion, der Regie und dem Drehbuch in einer prägenden Nebenrolle mitspielte und die Filmmusik komponierte, lässt nur einen Schluss zu - er wollte diesen Film unbedingt machen. Nur die Kameraarbeit überließ er Franz Vass, der seine Begeisterung teilte, wie er mit seinen Produktionen "Jungfrau aus zweiter Hand" (1967) und "Vulkan der höllischen Triebe" (1968) zuvor schon bewies.

"Soviel nackte Zärtlichkeit" beginnt entsprechend mit der Konfrontation von konservativen Wertvorstellungen und den Insignien der Moderne - eine Auseinandersetzung, die stilbildend für den Film sein sollte und Hendels Haltung widerspiegelte. Der Pfarrer eines kleinen bayerischen Dorfes kommt nach München, um die junge Eva (Doris Arden) aus einem Strip-Lokal zurückzuholen, wo sie als Animiermädchen arbeitet. Die Rolle des Priesters übernahm Hendel konsequenterweise gleich selbst, denn dieser greift im weiteren Verlauf des Films noch mehrfach in die Handlung ein. Ohne Moralpredigten und bigottes Getue betrachtet er das Leben mehr von seiner praktischen Seite – seine konservative Haltung damit tatkräftig verteidigend. Das klappt auch bei der blonden Eva, die ihm brav in die ländliche Heimat folgt, nachdem er dem Bar-Keeper einen Faustschlag verpasste.

Neben dem Priester und Eva gehörten Hendels Sympathien noch dem Polizisten des Dorfes (Klaus Krüger), aber innerhalb des Films spielen sie nur eine Nebenrolle. Die drei Protagonisten verkörperten dagegen die extremen Haltungen des damaligen Diskurses in der BRD, woraus Hendel fast unmerklich eine Thriller-Handlung entwickelte. Peter Kremer (Erich Fritze) steht stellvertretend für das alte Deutschland. Kurz nach dem Krieg war er für zwanzig Jahre nach Kanada ausgewandert, wo er sich mit harter Arbeit ein Vermögen verdiente. Jetzt hat er sich einen Landsitz im Voralpenland zugelegt, wo er seinen Lebensabend in Ruhe genießen will. Was dem körperlich fitten Selfmade-Man zu seinem Glück noch fehlt, ist eine Frau, denn seine kinderlos gebliebene Ehe ist schon vor vielen Jahren in Kanada gescheitert. Als die hübsche Kitty (Erika Remberg), nur mit einem Handtuch verhüllt, vor seiner Hotelzimmertür in München steht – angeblich hatte ein aufdringlicher Kerl ihr Kleid zerrissen - reagiert er ganz als Kavalier alter Schule, aber seine innere Begeisterung kann er kaum verbergen.

Während sich Kitty und er am folgenden Tag schnell näher kommen, gesellt sich noch eine weitere Figur dazu, die klischeehaft alle damaligen Vorurteile gegen die deutsche Jugend bestätigte. Kittys jüngerer, kränklicher Bruder Jochen (Lutz Hochstraate) zeichnet sich vor allem dadurch aus, jede ihm gewährte Vergünstigung skrupellos anzunehmen, ohne selbst irgendetwas zu leisten - außer, dass er sich mehr schlecht als recht als Schriftsteller versucht. Da Kremer Kitty zu seinem neuen Wohnsitz mitnehmen möchte, kommt er um ihren Bruder nicht herum, den sie auf Grund seiner Krankheit nicht allein lassen kann. Auch auf dem Land kennt Jochen keine Hemmungen, raucht trotz seiner Lungenbeschwerden, trinkt Alkohol, okkupiert den neuen Farbfernseher und hört laut Musik. Zudem verführt er die dank der Fürsprache des Priesters als Haushaltshilfe eingestellte Eva zum Sex und sieht gemeinsam mit ihr Pornos – das teure Abspielgerät hat er selbstverständlich mit dem Geld Kremers bezahlt.

Dagegen wirkt der seriös auftretende Geschäftsmann angenehmer, aber er will die gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland nicht wahrhaben und verharrt in alten Rollenbildern, was ihn berechenbar werden lässt. Die geheimnisvollste Figur bleibt lange Zeit die sich zwischen diesen Polen bewegende Kitty, die an einer ernsthaften Krankheit zu leiden scheint, aber die Situation zwischen den drei Akteuren spitzt sich zunehmend zu und führt zu überraschenden Wendungen, die ihre jeweiligen Positionen relativieren. Auch wenn sich Hendels Film einige konstruierte Drehbuch-Kniffe leistet, entsteht doch das schlüssige Bild einer sich verändernden Gesellschaft, das der Regisseur in dem gewählten Mikrokosmos unterhaltsam zuspitzte. Sex und Habgier, Eigensinn und Überlegenheitsgefühl gehen eine unheilvolle Allianz ein - „Soviel nackte Zärtlichkeit“ erweist sich am Ende als Wunschtraum.

Hendels Haltung dazu lässt sich an seiner Rolle als Priester ablesen – grundsätzlich konservativ, aber die neuen Realitäten annehmend, greift er nur ein, wenn er es für nötig hält. Ansonsten sieht er sich die brodelnde Angelegenheit gelassen von Außen an und wartet ab, bis sich die Protagonisten selbst erledigt haben.

"Soviel nackte Zärtlichkeit" Deutschland 1968, Regie: Günter Hendel, Drehbuch: Günter Hendel, Darsteller : Erika Remberg, Erich Fritze, Lutz Hochstraate, Doris Arden, Günter HendelLaufzeit : 81 Minuten

"Soviel nackte Zärtlichkeit" lief am 02.01.2014 als erster Film des 12. Hofbauer-Kongresses in Nürnberg - die Aufnahmen wurden während der Aufführung von der seltenen, leider schon befallenen Filmkopie gemacht.

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