Montag, 30. September 2013

Das Mädchen Rosemarie (1958) Rolf Thiele

Inhalt: Rosemarie Nitribitt (Nadja Tiller) hält sich in einem mondänen Frankfurter Hotel auf, um Kontakt zu wohlhabenden Herren aufzunehmen, die dort fernab ihrer Ehefrauen tagen, wird aber von dem Portier (Hubert von Meyerinck) des Hauses verwiesen. Dieser verdient sich etwas nebenbei, um selbst die zahlungskräftige Klientel mit einschlägigen Damen zu verkuppeln. Doch sein Rausschmiss kann nicht verhindern, dass sich Rosemarie vom Hinterhof aus mit dem Generaldirektor Bruster (Gerd Fröbe) für später verabredet. Als sie dessen aus der Garage fahrenden Mercedes 300 anhält und einsteigen will, trifft sie zu ihrer Überraschung auf Konrad Hartog (Carl Raddatz), der wie viele Herren den gleichen Wagentyp fährt. Da sie ihm auch gefällt, nimmt er sie stattdessen mit und beginnt mit ihr eine Liason. Er finanziert ihr ein Appartement, richtet und kleidet sie ein, während sie sich von ihren früheren Kumpanen Walter (Jo Herbst) und Horst (Mario Adorf) verabschiedet, die mit ihr eigentlich gemeinsame Sache machen wollten, weshalb sie wenig erfreut auf ihre Entscheidung reagieren.

Bald möchte sich Rosemarie nicht mehr mit der Rolle der heimlichen Geliebten abfinden, aber besonders Hartogs Schwester (Barbara Rütting) weiß zu verhindern, dass die gesellschaftlich nicht adäquate junge Frau an größeren Festivitäten teilnehmen kann. Nachdem sie Hartog erneut unter fadenscheinigen Gründen abgewimmelt hatte, begegnet sie dem französischen Industriellen Fribert (Peter van Eyck), der ihre Anziehungskraft sofort einzuschätzen weiß. Er verpasst ihr ein internationales damenhaftes Auftreten, worauf ihr die einflussreichen Männer reihenweise zu Füßen liegen – doch Fribert verfolgt dabei eigenmächtige Ziele…


Angesichts des inflationären Gebrauchs von "Kult" durch diverse Marketingabteilungen, wird die Austauschbarkeit und minimale Halbwertzeit heutiger mit diesem angeblichen Gütesiegel versehenen Produkte besonders im Vergleich zu den Ereignissen um eine Dame offensichtlich, die 1957 in Frankfurt/Main ermordet wurde - Rosemarie Nitribitt. Deutlich wird daran auch, dass die Verselbstständigung eines Namens und der damit zusammenhängenden Geschehnisse erst durch die Mythen entstehen, die sich darum ranken - obwohl der "Fall Rosemarie Nitribitt" zu einem festen Bestandteil der Annalen der Bundesrepublik Deutschland gehört und bis in die Gegenwart regelmäßige mediale Veröffentlichungen nach sich zieht, sind die realen Umstände kaum Jemandem bekannt, ganz abgesehen davon, dass der Mord bis heute nicht aufgeklärt wurde.

Dass sich Regisseur Rolf Thiele den Vorwurf der "Kolportage" gefallen lassen musste, als er nur wenige Monate nach Nitribitts Tod seinen Film "Das Mädchen Rosemarie" in die Kinos brachte, lag entsprechend nah, auch weil er damit unmittelbar ins Selbstverständnis der sich am eigenen Wirtschaftswunder delektierenden Politiker und Wirtschaftsbosse vorstieß. Mit dem Journalisten Erich Kuby nahm er zudem einen Drehbuchautoren mit an Bord, der sich als "Nestbeschmutzer von Rang" (Heinrich Böll) schon einen Namen gemacht hatte, und als links-liberaler Kritiker an der Regierungspolitik von vornherein unter Generalverdacht stand. Dabei hatte dessen Story über Leben und Tod der Rosemarie Nitribitt nur wenig mit der Realität gemein - weder interessierte er sich für ihre Vergangenheit, noch versuchte er, die näheren Umstände ihres Tode genauer zu beleuchten – sondern entwickelte die Geschehnisse um die Luxus-Prostituierte im Stil einer Satire. Eine notwendige Vorgehensweise, da jede größere Nähe zur Realität die Gefahr von falschen Verdächtigungen in einem schwebenden Verfahren hervorgerufen hätte.

Trotzdem versuchte das Auswärtige Amt die Teilnahme des Films am Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig zu verhindern, was den Bekanntheitsgrad noch zusätzlich erhöhte - die Folge davon waren ca. 8 Millionen Kinobesucher. Auch die Schwierigkeiten, die Rolf Thiele zuvor am Drehort in Frankfurt bekam, wirken aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, da im Film Niemand direkt beschuldigt wird, sondern die generelle Kritik an Wirtschaftswunderwahn, Doppelmoral und Vergangenheitsverdrängung in eine kabarettistische Form verpackt wurde, die nicht zufällig an Filme wie "Wir Kellerkinder" (1960) erinnert - Co-Autor Jo Herbst, Mitglied der „Berliner Stachelschweine“, war am Drehbuch beider Filme beteiligt. Herbst spielte zudem einen Vertreter des Prekariats, aus dem Rosemarie (Nadja Tiller) stammt, und gab gemeinsam mit Mario Adorf einige Gesangsnummern zum Besten. Auch die übrigen Schauspieler  - Gert Fröbe, Hubert von Meyerinck, Werner Peters, Peter van Eyck, Arno Paulsen, Horst Frank, Helen Vita, Karin Baal und Hanne Wieder (die in ihrer Rolle in "Spukschloss im Spessart" (1960) auf die Nitribitt-Figur anspielte) – gaben in „Das Mädchen Rosemarie“ Kostproben beliebter Klischeetypen, besonders Werner Peters und Gert Fröbe waren auf den Typus des spießigen deutschen Kapitalisten geradezu abonniert.

So harmlos die damaligen Späße heute wirken, so deutlich lässt sich an der Reaktion auf den Film die sehr konservative Haltung der 50er Jahre ablesen. Allein das deutsche Industriekapitäne unverhohlen die Dienste von Call-Girls für sich beanspruchten – sehr gelungen die Rolle des Hotel-Portiers (Hubert von Meyerinck), der immer genügend Kandidatinnen in seinem Notizbuch führte, fein säuberlich nach optischen Qualitäten gekennzeichnet – genügte schon als Provokation, so wie das parallele Absingen des Liedes „Wir hamm den Kanal voll“ zu marschierenden Bundeswehrsoldaten als Affront gegen eine staatliche Institution betrachtet wurde. Besonders die Party im Haus des Großindustriellen Willy Bruster (Gerd Fröbe) ist entlarvend in ihrem biederen Versuch, dekadent sein zu wollen, und wenn am Ende - nach dem Mord an der zunehmend störenden Rosemarie Nitribitt - die Armada der Mercedeslimousinen (im Volksmund mit dem Beinamen „Adenauer“ versehen) davon fährt, dann kamen Thiele und Kuby den damaligen Empfindungen schon sehr nah. Wie gut sie den Zeitgeist erfassten, lässt sich allein an der Geschwindigkeit erkennen, mit der sie den Film nach dem Mord in die Kinos brachten. Rudolf Jugert drehte mit „Die Wahrheit über Rosemarie“ (1959) nur ein Jahr später einen weiteren Film zu dem Thema, an den sich heute kaum noch Jemand erinnert.

Zudem prägt ihr Film bis heute das Bild der Nitribitt und der sie umgebenden Insignien – im Gegensatz zu der ehemaligen Miss Austria Nadja Tiller, war die echte Nitribitt keineswegs von ähnlich genereller Schönheit und ihre Anziehungskraft auf ihre Freier und Liebhaber beruhte auf einer menschlichen Dimension, die in Thieles plakativ gehaltenem Film lange Zeit nicht vorkommt. Das muss den Machern bewusst gewesen sein, denn im letzten Drittel schwenkt der Film zunehmend von der Satire in Richtung eines ernsthaften Dramas. Offensichtlich versuchte Autor Kuby auch die Tragik hinter der Figur der Nitribitt zu erfassen, die sich eine feste Beziehung und ein traditionelles Leben wünschte, womit er auch verhindern wollte, sie eindimensional als gewinnsüchtige Prostituierte zu charakterisieren. Dank Nadja Tillers überzeugendem Spiel bleibt sie die Sympathiefigur des Films – eine erstaunliche Position angesichts ihres gesellschaftlichen Ansehens – aber dem Film ging der konsequent übertriebene Stil verloren, mit der er die 50er Jahre Wirtschaftswunderzeit zuvor so amüsant seziert hatte.

Die letzte Szene wiederholt wieder den Beginn des Films – nur mit Karin Baal in der Rolle des leichten Mädchens, das im Hotel Kontakt sucht – womit die Macher den ewigen Kreislauf aus Macht und Ohnmacht betonen wollten. Ein in seiner Signalwirkung sozialkritisches Ende, das die zuvor größtenteils aus Musiknummern und überzeichneten Klischees bestehende Handlung aber schwächte und dem Film einen uneinheitlichen Charakter verlieh, weshalb "Das Mädchen Rosemarie" den Ruf der Kolportage nie verlor, anstatt für seinen entlarvenden Gestus anerkannt zu werden.

"Das Mädchen Rosemarie" Deutschland 1958, Regie: Rolf Thiele, Drehbuch: Erich Kuby, Jo Herbst, Rolf Thiele, Rolf Ulrich, Darsteller : Nadja Tiller, Peter van Eyck, Gert Fröbe, Carl Raddatz, Mario Adorf, Jo Herbst, Werner Peters, Hanne Wieder, Horst Frank, Karin Baal, Hubert von Meyerinck, Helen Vita, Arno Paulsen, Laufzeit : 97 Minuten


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Mittwoch, 25. September 2013

Die Geierwally (1940) Hans Steinhoff

Inhalt: Während die Männer des Ortes im Wirtshaus sitzen und darüber diskutieren, dass es zu gefährlich ist, sich zum Nest des Lämmergeiers abzuseilen, um dessen Nachwuchs zu stehlen, befindet sich Wally Fender (Heidemarie Hatheyer) schon in der Felswand und greift sich das Junge. Doch dessen Mutter ist nicht weit und beginnt, Wally zu attackieren, die versucht, sich mit einem Messer zu wehren. Das gelingt ihr nur schlecht, da sie noch das Junge halten muss, während sie von den Männern wieder hoch gezogen wird. Erst ein gezielter Schuss des Jägers Joseph Brandl (Sepp Rist) rettet sie. Wieder auf dem Plateau dankt Wally ihrem Retter, der für sie aber nur Verachtung übrig hat, da sie sich nicht wie eine Frau verhielte - er nennt sie spöttisch "Geierwally". 

Trotzdem liebt Wally Joseph, was sie auch ihrem Vater Alois (Eduard Köck) zu Verstehen gibt, für den der Jäger nur ein armer Schlucker ist, der als Schwiegersohn nicht in Frage kommt. Stattdessen plant er ihre Hochzeit mit dem Großbauern Vinzenz (Leopold Esterle), um die beiden größten Höfe der Gegend zusammen zu bringen. Doch Wally widersetzt sich ihrem Vater, weshalb er sie mit ihrem jungen Geier hoch auf die Alm verbannt, wo sie monatelang bei widrigen Bedingungen, nur in Begleitung des seltsamen Klettenmaier (Ludwig Auer), ausharren muss. Als sie wieder herunter darf, haben sich wesentliche Dinge im Ort verändert...


Der von Wilhelmine von Hillern 1873 geschriebene Roman "Die Geier-Wally" entstand aus der Begeisterung über eine Frau, die eine gefährliche Männerarbeit übernommen hatte, und ist aus einem Zeitkontext heraus zu verstehen, als einem solchen Handeln noch etwas Sensationelles anhaftete. Gesehen hatte die Autorin die Szene, in der sich eine junge Frau zu einem Adlerhorst abgeseilt hatte, um weitere Angriffe auf die Schafherde ihres Dorfes zu unterbinden, auf einem Selbstporträt der Tiroler Malerin Anna Stainer-Knittel, bei der es sich tatsächlich um eine früh emanzipierte Frau handelte, die ihren Ehemann gegen den Willen ihres Elternhauses wählte und bis ins hohe Alter mit ihrer "Zeichen- und Malschule für Damen" in Innsbruck berufstätig blieb, aber die dramatischen Ereignisse, die sie um Walburga Fender ersann - wie sie sie in ihrem Roman nannte - entsprangen nur ihrer Fantasie.

Nicht weniger typisch für die Entstehungszeit ist die gleichzeitige Relativierung dieser selbstbewussten, körperlich starken und schönen weiblichen Figur, die sich, um als Frau geliebt zu werden, letztlich einem Mann hingeben muss. Mit dem "Bären-Joseph" - so genannt, weil der Jäger Joseph Brandl einen gefährlichen Bären erlegte - existiert auch das entsprechende Objekt ihrer Begierde, aber dieser verachtet Wally nicht zuletzt deshalb, weil sie sich so eigensinnig und unweiblich verhält. Besonders mit ihrem strengen Vater, der zwar stolz reagiert, als sie den jungen Geier aus dem Nest stiehlt, sie aber mit dem Bauern Vinzenz Gellner aus wirtschaftlichen Erwägungen verheiraten will, steht sie in einem ständigen Konflikt, weshalb sie von ihm auf die Hoch-Alm verbannt wird, um bei widrigen Bedingungen zur Vernunft zu kommen - eine Erziehungsmethode, die bei der "Geierwally" nicht funktioniert.

An dieser Story über weiblichen Widerstandsgeist ist besonders interessant, dass sie sich ihre Attraktivität bis heute bewahrt hat. 1892 hatte die Oper "La Wally" von Alfredo Catalani Premiere und 1920 erschien die erste filmische Version des Romans mit Henny Porten in der Rolle der "Geierwally". 2005 wurde der Stoff zuletzt für das deutsche Fernsehen adaptiert, nachdem Walter Bockmayer 1988 eine Parodie herausgebracht hatte, die sich als Satire auf den deutschen Heimatfilm verstand - ein aus heutiger Sicht verbreitetes Missverständnis, das jeden in wilden Bergwelten spielenden Stoff automatisch dem in den 50er Jahren populären Heimatfilm-Genre zurechnet. 1956 entstand auch eine zeitgemäß angepasste Variante mit Barbara Rütting in der Hauptrolle, aber die Romanvorlage verfolgte eine andere Intention. Der Hintergrund einer rauen, teilweise menschenfeindlichen Landschaft spitzte noch die in einem archaischen Umfeld entstehende Situation zu, mit der die Autorin die Ausweglosigkeit und damit die Widerstandskraft ihrer Protagonistin betonte. Daran lässt sich auch der Anlass für die von Hans Steinhoff in der Frühphase des 2.Weltkriegs umgesetzte Version erkennen, dessen "Geierwally" die Stärke der deutschen Frau symbolisieren und herausfordern sollte. Mit einer heilen Welt, wie sie in den 50er Jahren im Gegensatz zu den im Krieg zerstörten Städten hochstilisiert wurde, hatte das wenig zu tun.

An Afra, einer wichtigen Nebenfigur, lässt sich diese unterschiedliche, sich nach dem Krieg verändernde Sichtweise an einem scheinbar nebensächlichen Detail verdeutlichen. In Wilhelmine von Hillerns Roman handelt es sich bei Afra um die uneheliche Halbschwester des "Bären-Joseph", in Steinhoffs Film um dessen uneheliche Tochter. In beiden Fällen führt die Verheimlichung ihres Status, um sie vor einer Ausgrenzung zu schützen, zu dem Missverständnis, dass Afra für Josephs Geliebte gehalten wird, was die Situation zwischen ihm und Wally eskalieren lässt. Auch im Heimatfilm von 1956 kommt es zu dieser Verwechslung, aber Afra ist hier die Nichte von Joseph, was diesen von persönlicher moralischer Schuld freispricht, dessen hartnäckiges Verschweigen ihres Verwandtschaftsgrads aber unglaubwürdiger wirken lässt. Diese Abschwächung innerer Konflikte zugunsten einer geglätteten Moralvorstellung ist in vielen Remakes der 50er Jahre zu beobachten - etwa in den zwei Versionen nach Ebner-Eschenbachs Roman "Krambambuli" (1940) und "Heimatland" (1955) - und signifikant für das Heimatfilm-Genre.

An Glätte war Regisseur und Drehbuchautor Hans Steinhoff auch nicht gelegen, sondern an einer dramatischen Hochstilisierung, wie schon die offensichtlich an Richard Wagners Musik orientierten Orchesterklänge vermitteln, mit denen der Film beginnt. Brutal schlägt der Vater (Eduard Köck) mit einem Knüppel auf seine Tochter Wally (Heidemarie Hatheyer) ein, greift sie in das Gesicht von Joseph (Sepp Rist), als er sie mit Gewalt küssen will, und schlägt Wally den niederträchtigen Bauern Vinzenz Gellner (Leopold Esterle) von Hinten nieder, als dieser auf eine alte Magd einschlägt. Wutverzerrt begegnen sich die Gesichter und schreien sich hasserfüllt an - in "Die Geierwally" gibt es nur Emotionen pur, folgt ein dramatisches Ereignis dem nächsten. Obwohl sich Regisseur Hans Steinhoff, über den Zeitgenossen wie Billy Wilder oder Hans Albers, die mit ihm zusammen gearbeitet hatten, sehr negativ urteilten, schon vor 1933 der nationalsozialistischen Ideologie zuwandte, von der NSDAP entsprechend gefördert wurde und mit "Hitlerjunge Quex: Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend" (1933) einen der ersten Propagandafilme fertigte, der heute nur noch unter Vorbehalt zu sehen ist - mit "Ohm Krüger" (1941) ließ er "Der Geierwally" einen weiteren heute nur beschränkt zugänglichen Propagandafilm folgen – hielt er sich größtenteils an die Romanvorlage und verzichtete auf ideologisch geprägte Veränderungen.

Sicherlich kam die Story einer starken, kämpferischen Frau, die nicht aufgeben wollte, der Zielsetzung des Propagandaministerium zu Beginn des Krieges entgegen, welche von Steinhoff auch entsprechend herausgearbeitet wurde, aber die Konsequenz, mit der Heidemarie Hatheyer hier spielt, ihr Mut, auch hässlich, ungerecht und egoistisch zu wirken, und die Kompromisslosigkeit, mit der die Auseinandersetzungen geführt werden, können heute noch faszinieren, ebenso wie eine Bergwelt, die felsig, hart und kalt wirkt und ohne die für die 50er Jahre typische heimliche Touristenwerbung auskam. Angesichts des sehr kurz gehaltenen Happy-Ends, dass anders als der Roman und die 1956er Verfilmung auf die abschließende dramatische Rettung des von Gewehrkugeln getroffenen Josephs aus einer Felsspalte verzichtete, entsteht am Ende nicht der Eindruck einer Unterordnung, sondern bleibt das Bild einer durchsetzungsfähigen, selbstständigen Frau bestehen.

"Die Geierwally" Deutschland 1940, Regie: Hans Steinhoff, Drehbuch: Hans Steinhoff, Jacob Geis, Alexander Lix, Wilhelmine von Hillern (Roman), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Sepp Rist, Winnie Markus, Eduard Köck, Leopold EsterleLaufzeit : 98 Minuten 

Montag, 23. September 2013

Fährmann Maria (1936) Frank Wisbar

Inhalt: Der alte Fährmann (Karl Platen) setzt einen Musiker (Carl de Vogt) herüber ans andere Ufer, wo dieser im Ort zu einem Fest aufspielen soll. Er freut sich auf dessen Bezahlung, denn damit hat er nach 15 Jahren endlich genügend Geld zusammen, um der Stadt die Fähre abkaufen zu können. Der Musiker lacht über ihn, da seine Arbeit dadurch nicht leichter werden wird, aber der alte Fährmann sieht das anders, da er endlich zu seinen eigenen Gunsten Geld verdienen kann.

Doch dazu kommt es nicht mehr, denn nachts möchte noch ein Fahrgast am anderen Ufer abgeholt werden - ein schwarz gekleideter, schweigsamer Mann (Peter Voß), der dem Fährmann nur mit einem Kopfnicken zu verstehen gibt, dass er ablegen soll. Dieser gehorcht und beginnt hinüber zu setzen, doch dabei verlassen ihn die Kräfte und er stirbt. Ohne die genauen Umstände zu kennen, spricht es sich in der Umgebung schnell herum, dass der Tod den Fährmann geholt haben soll, weshalb Niemand dessen Nachfolge antreten will. Bis eine heimatlose junge Frau (Sybille Schmitz) auftaucht, die Arbeit sucht und sich bereit erklärt, den Posten zu übernehmen...


Seine erfolgreichste Phase als Filmregisseur erlebte Frank Wisbar, nachdem er Mitte der 50er Jahre wieder nach Deutschland zurückgekehrt war und mit "Haie und kleine Fische" (1957) begann, sich mit der jüngeren Historie seines Heimatlandes auseinanderzusetzen. Nach seiner Emigration 1938 in die USA hatte es lange gedauert, bis er dort über den Status eines B-Film Regisseurs hinaus gekommen war. Erst als er sich Anfang der 50er Jahre dem Fernsehen zuwandte und eine eigene Produktionsgesellschaft gründete, schuf er sich die Basis, um anspruchsvolle Filme nach eigenem Ermessen umsetzen zu können. Seine Vorkriegsfilme waren zu diesem Zeitpunkt schon in Vergessenheit geraten, wie auch der Großteil der daran Beteiligten.

Am ehesten blieb von seinen vor seiner Flucht gedrehten Filmen "Fährmann Maria" in Erinnerung, denn mit "Strangler of the Swamp" schuf Frank Wisbar 1946 ein Remake der Story um den weiblichen Fährmann, dass von ihm an die Erwartungshaltung des us-amerikanischen Publikums angepasst wurde. Einer solchen sah sich Wisbar auch 1936 ausgesetzt, denn der Propagandaminister der NSDAP, Joseph Göbbels, begutachtete seinen Film zwei Wochen bevor er in die Kinos kam. Ihm persönlich gefiel er nicht, aber „Fährmann Maria“ wurde mit den Prädikaten "künstlerisch wertvoll" und "volksbildend" freigegeben, womit er besser beurteilt wurde als Wisbars früherer Film "Anna und Elisabeth" (1933), der nach Ansicht der Nationalsozialisten gegen das "gesunde Volksempfinden" verstoßen hatte.

So wie der irritierend klingende Filmtitel "Fährmann Maria" Zwiespältigkeit ausdrückt, verzichtet der gesamte Film auf jede Eindeutigkeit in seiner inszenatorischen Anlage, weshalb die Interpretationen von der Anpassung an die "Blut und Boden" - Ideologie der Nationalsozialisten bis zu einer verschlüsselten Anti-Haltung reichen. Allein die Besetzung des Films unterstreicht diese Mehrdeutigkeit - und steht gleichzeitig exemplarisch für die Vergänglichkeit von Ruhm und Erfolg. Das zum Vorspann erklingende "Heidelied", mit dem Wisbar zu dem Musiker (Carl de Vogt) überleitet, der gerade von dem alten Fährmann (Karl Platen) zum anderen Ufer gefahren wird, wurde von der Sängerin Mimi Thoma gesungen, deren mit tiefer Stimme vorgetragenen wehmütigen Lieder in den 30er und 40er Jahren ein Millionen-Publikum fanden, sie aber auch zu regelmäßigen Auftritten in Propagandaveranstaltungen verpflichtete. Obwohl sie im September 1945 noch Stargast einer Benefiz-Veranstaltung zugunsten des "Roten Kreuzes" in München war, verblasste ihr Stern nach dem Krieg schnell. Mit nur 59 Jahren starb sie 1968, inzwischen vollständig in Vergessenheit geraten, in Köln.

Carl de Vogt, der hier einen unsteten Musiker verkörperte, war sowohl als Stummfilmstar, als auch als Sänger schon in den 20er Jahren sehr bekannt, konnte nach seinem Berufsverbot, dass wegen seines 1933 erfolgten Eintritts in die NSDAP nach 1945 verhängt wurde, aber nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen und ist heute ebenso unbekannt. Aribert Mog, vor 1933 schon Mitglied des antisemitischen "Kampfbund für deutsche Kultur" und prädestiniert für Helden-Rollen ("Sprung ins Nichts" (1932)) verkörperte in "Fährmann Maria" den verletzten Soldaten, in den sich Maria verliebt. Trotz seiner Mitwirkung am Propagandafilm "Wunschkonzert" (1940) wurde er im selben Jahr zum Kriegsdienst eingezogen und fiel 1941 beim Russlandfeldzug. Auch Co-Autor Hans-Jürgen Nierentz verfügte als Schriftsteller über eine eindeutige Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie. Schon 1930 der Partei beigetreten, arbeitete er in verschiedenen hohen Positionen, unter anderen als Fernseh-Intendant und als Mitglied des "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda". Seine Mitwirkung am Drehbuch zu "Fährmann Maria" blieb seine einzige Filmarbeit. Nach 1945 – er galt eine Zeitlang als verstorben – hielt er sich bis zu seinem Tod im Hintergrund.

Entgegengesetzt zu dieser Reihe, die sich weiter fortsetzen ließe - Kameramann Franz Weihmayr war parallel zu seiner Tätigkeit für Wisbar am Propagandafilm "Hans Westmar" (1933) über Horst Wessels und an den Leni Riefenstahl -Filmen "Der Sieg des Glaubens" (1933) und "Triumph des Willens" (1935) beteiligt - steht Hauptdarstellerin Sybille Schmitz, die weder in einem eindeutigen Propagandafilm mitwirkte, noch sich der NSDAP annäherte. Zudem galt die ausschließlich ernsthafte Rollen verkörpernde, ausdrucksstarke Darstellerin moralisch nicht als integer – aus ihrer Vorliebe für beide Geschlechter machte sie kein Geheimnis -  weshalb sie trotz ihrer großen Attraktivität nie ein UFA-Star für die allgemeine Masse wurde. Die Folgen davon bekam sie nach dem Krieg zu spüren. Obwohl sie als unbelastet eingestuft wurde und schon in frühen Nachkriegsfilmen mitwirkte ("Zwischen gestern und morgen" (1947)), kam sie über Nebenrollen nicht mehr hinaus und nahm sich alkoholabhängig 1955 als 45jährige das Leben. Rainer Werner Fassbinder widmete ihren letzten Lebensjahren, stellvertretend für die Sozialisation Westdeutschlands in den 50er Jahren, den Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982), der mit ihrem Suizid endet. Auch Eduard Wenck, erfolgreicher Nebendarsteller während der Zeit des Nationalsozialismus, der in „Fährmann Maria“ den Dorfschulze verkörperte, beging 1954 als 60jähriger Selbstmord.

Den offensiv morbiden Charakter des Films deshalb als Menetekel zu begreifen, wäre unzutreffend – sämtliche Beteiligte wirkten parallel auch in Unterhaltungsfilmen mit - aber die Auseinandersetzung mit dem Tod, die allgegenwärtig über dem Film liegt, gilt als signifikant für die nationalsozialistische Ideologie. Schon in frühen Propagandafilmen wie „Morgenrot“ (1933) wurde der Tod als Mittel zur Selbstopferung für das Vaterland legitimiert. Die in Wisbars Film erfolgte Personifizierung des „Todes“ (Peter Voß) orientierte sich dagegen mehr an der traditionell in der bildenden Kunst verankerten Figur des „Gevatter Tod“, wie er schon von Fritz Lang in „Der müde Tod“ (1921) thematisiert wurde. Zudem besteht an der eindeutigen Gefahr, die von dieser Figur ausgeht, von Beginn an kein Zweifel, denn die Eingangssequenz, in der das Erscheinen des schwarz gekleideten, autoritär und schweigsam auftretenden Mannes zum Tod des alten Fährmanns (Karl Platen) führt, der sich gerade erst aus der Abhängigkeit lösen konnte – er hatte nach 15 Jahren genug Geld verdient, um der Stadt die Fähre abkaufen zu können – betont ausschließlich dessen unbarmherzige Vorgehensweise, welche dem Film eine stetig über der Handlung liegende Spannung verleiht.

Frank Wisbar und sein Kameramann Franz Weihmayr unterstrichen diese düstere Atmosphäre mit expressiven Schwarz-Weiß-Bildern, die die Landschaft der Lüneburger Heide als einen Ort stilisierten, aus dem unbekannte Gefahren geboren werden – jedes Geräusch und jeder Schatten, der sich in der Dunkelheit bewegt, kann eine unmittelbare Bedrohung bedeuten. Damit wählte Wisbar eine Charakterisierung des landschaftlichen Hintergrunds, die dem nach dem Krieg aufkommenden Heimatfilm der 50er Jahre entgegen gesetzt war. In dem für das Genre exemplarischen „Grün ist die Heide“ (1951) diente dieselbe Heidelandschaft als Hort der Geborgenheit und Tradition. Auch der Begriff der „Heimat“ hat in „Fährmann Maria“ eine andere Bedeutung, denn hier handelt es sich weniger um einen Zuflucht versprechenden geografischen Ort, als um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einer Idee – eine eindeutige Anspielung auf die nationalsozialistische Ideologie, die besonders aus den Worten des verletzten jungen Mannes herauszuhören ist, den Maria (Sybille Schmitz) vor seinen Verfolgern rettet. Mehrfach betont er, dass sich jenseits des Ufers seine Heimat befindet, für die es sich zu kämpfen lohnt, ohne das Wisbar diesen Ort darüber hinaus näher definiert. Entsprechend lässt sich Marias Bereitschaft, sich für ihn opfern zu wollen - trotz der damit verbundenen, der nationalsozialistischen Ideologie widersprechenden christlichen Symbolik - auch als Teil des Kampfes um die Idee/Heimat interpretieren, so sehr sie unmittelbar aus Liebe zu ihm handelt.

Anders als in vielen Mitte der 30er Jahre entstandenen reinen Unterhaltungsfilmen, lässt sich die Nähe zu seiner Entstehungszeit in „Fährmann Maria“ nicht ausblenden. Dass Joseph Goebbels den Film trotzdem als „misslungenes Experiment“ betrachtete und die unterschwelligen Anspielungen aus heutiger Sicht kaum noch Gewicht haben, verdankt der Film dem Spiel seiner Hauptdarstellerin. Obwohl Maria als ein Mensch ohne Heimat in die Handlung tritt, weshalb sie von der Gesellschaft als Außenseiterin behandelt wird - ihr den Kraft raubenden Beruf eines Fährmanns anzubieten, den Niemand mehr übernehmen wollte, zeugt ebenso von Respektlosigkeit, wie die Eindeutigkeit, mit der ihr die Männer nachstellen – wirkt Sybille Schmidt mit ihrem klaren Gesicht und ihrer sparsamen, wahrhaftigen Ausdrucksweise stärker als ihre Umgebung. Die gespenstische Moorlandschaft, der Schatten, aus dem der Tod tritt, das blecherne Geräusch, mit dem die Fähre gerufen wird, die Männer, die die schöne Frau begehren, aber auch die Heimat, die auf sie wartet – sie alle bleiben weit hinter der beeindruckenden weiblichen Hauptfigur zurück.

"Fährmann Maria" Deutschland 1936, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Frank Wisbar, Hans-Jürgen Nierentz, Darsteller : Sybille Schmitz, Aribert Mog, Peter Voß, Carl de Vogt, Karl Platen, Eduard WenckLaufzeit : 81 Minuten

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Mittwoch, 18. September 2013

Bildnis einer Unbekannten (1954) Helmut Käutner

Inhalt: Bei einer Ballett-Aufführung im Pariser Opernhaus sieht der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) das Gesicht einer jungen Frau (Ruth Leuwerik), dass ihn sofort fasziniert, weshalb er es spontan auf sein Programmheft skizziert. Da sie schon in der Pause geht, gelingt es ihm nicht, sie kennenzulernen, aber noch am selben Abend beschließt er, ihren Kopf auf den nackten Körper von Jacqueline (Ingrid van Bergen) zu malen, die ihm Modell sitzt.

Er ahnt nicht, dass es sich bei der Unbekannten um Nicole, die Ehefrau des Diplomaten Walter (Erich Schellow) handelt, weshalb sie wieder zu ihm nach Madrid fuhr, wo er in der Botschaft arbeitet. Glücklich wieder bei ihm zu sein, sieht sie sich noch am selben Abend mit einem Pflichttermin konfrontiert, den sie aber Beide übermütig abkürzen. Wenige Tage später kommen sie nicht so glimpflich davon, denn der Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) veranstaltet eine Gemälde-Versteigerung zugunsten kranker Kinder, an der Walter teilnehmen muss, obwohl er dessen Methoden nicht mag. Kurz bevor das nächste Gemälde aufgerufen wird, zeigt ihm Hernandez unter vier Augen das von Keller gemalte Nacktbild seiner Frau, um ihn zu erpressen, aber Walter gibt nicht nach und es kommt zu einem Skandal...


Helmut Käutners Film "Bildnis einer Unbekannten" beginnt mit der großen Liebe. Nach ein paar Tagen in ihrer Heimatstadt Paris kehrt Nicole (Ruth Leuwerik) wieder zurück zu ihrem Mann Walter (Erich Schellow) nach Madrid, wo dieser als Diplomat tätig ist. Zwar kommen sie um eine abendliche Einladung beim Botschafter (Albrecht Scheonhals) nicht herum, aber diese verbringen sie gemeinsam auf der Tanzfläche, um sich früh in ihre Wohnung zurückzuziehen. Den Kommentar zu dieser Konstellation gibt die Gattin des Botschafters (Irene von Meyendorff) ab, die angesichts des liebenden Paars die Haltbarkeit eines solchen Glücksgefühls ohne Neidgefühle realistisch einzuschätzen weiß.

An dieser Figur lässt sich die Haltung des Regisseurs und seines Drehbuchautors Hans Jacoby, der nach seiner Rückkehr aus der Emigration erstmals wieder in Deutschland arbeitete, genau ablesen, denn aus ihr spricht der Fatalismus einer mit den Realitäten des Lebens vertrauten Frau. Als ein Gemälde von Nicole, auf dem sie nackt die Perlenkette trägt, die sie nach der Hochzeit von ihrem Mann geschenkt bekam, bei einer Kunst-Versteigerung zugunsten kranker Kinder im Haus des windigen spanischen Geschäftsmann Hernandez (Paul Hoffmann) auftaucht, ist ihr die moralische Entrüstung gleichgültig. Ob Nicole mit einem anderen Mann geschlafen hat oder nicht, spielt für sie keine Rolle - aus ihren Worten lässt sich leicht heraushören, dass sie diese Option auch für sich selbst in Betracht zieht - sie kritisiert nur, dass das Bild in die Öffentlichkeit gekommen ist. Der verwerfliche Versuch von Hernandez, Walter mit dem Bild seiner Frau zu erpressen - eine Verklausulierung der Franco-Diktatur, die auf diese Weise einen Gegner ausschalten will - spielt für sie und den Botschafter keine Rolle.  Einzig die öffentliche Meinung ist von Belang, weshalb dieser von Walter verlangt, sich scheiden zu lassen oder seine Karriere beim diplomatischen Dienst zu quittieren.

Aus der Diskrepanz zwischen Realität und den in der Gesellschaft verankerten moralischen Standards entstand in vielen Filmen Käutners erst das notwendige Spannungsverhältnis für seine Geschichten. Hier kehrt er die Thematik um. Der Bruch zwischen den Liebenden wird einzig durch die von dem Gemälde hervorgerufenen Stimmungen erzeugt, ohne dass es dafür einen gerechtfertigten Anlass gibt - der Maler Jan Maria Keller (O.W. Fischer) war von Nicoles Gesicht so fasziniert, dass er es noch in der Pariser Oper skizzierte und als Kopf für den Körper seines Nacktmodells (Ingrid van Bergen) verwendete - wird aber zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Diese Abläufe als Kritik an der internationalen Diplomatie zu begreifen - wie es in manchen zeitgenössischen Kritiken geäußert wurde -, ist oberflächlich, denn Käutner nutzte diesen Hintergrund vor allem wegen der darin verankerten Zuspitzung einer generellen gesellschaftlichen Haltung.

Zudem hat Nicoles Ehemann Walter nichts mit den typischen Männerrollen aktueller romantischer Komödien gemeinsam, die ihre künstliche Dramatik aus konstruierten Missverständnissen erzeugen. Er glaubt Nicole, dass sie ihn nicht betrogen hat, aber er gerät in die Mühlen zwischen beruflicher Karriere und romantischen Liebesfantasien. Dass er den Maler in Paris persönlich aufsuchen will, ist Zeichen seiner Unsicherheit, weshalb er seine Frau, wider seines Empfindens, sofort beim Wort nimmt, als sie plötzlich doch ihre Affäre gesteht – sie liefert ihm damit einen willkommenen Entscheidungsgrund. Aus heutiger Sicht wirkt die Rollenverteilung der beiden konkurrierenden Männer eindeutig – hier der korrekte, etwas langweilige Diplomat, dort der lässige, unterhaltsame Künstler – aber es bedurfte schon eines Mimen wie O.W. Fischer, um diese Figur sympathisch wirken zu lassen, die den Anforderungen an einen zuverlässigen Ehemann deutlich widersprach.

Bis heute werden Bohemiens dieser Art am Filmende zivilisiert – meist wird ihnen ein gesichertes Einkommen angedichtet und die bisherigen Frauengeschichten als nebensächlich relativiert - um die Entscheidung der weiblichen Hauptfigur für diesen Typus rechtfertigen zu können. Nicht bei Käutner, dem es weniger um die gefestigte Figur des Malers ging als um Nicole. Sein Film erzählt die Geschichte ihrer Emanzipation, eines wachsenden Selbstbewusstseins bis zu einer Unabhängigkeit, die sie in der Lage versetzt, nicht nur ihrer eigenen Entscheidungen zu treffen, sondern sie auch selbst umzusetzen. Ruth Leuwerik spielte noch mehrfach unter der Regie von Helmut Käutner, darunter knapp 10 Jahre später in „Die Rote“ (1962), in der sie eine Frau verkörperte, die ohne finanziell abgesicherten Hintergrund ihren Ehemann verlässt. Beide Filme lassen sich als Indiz für die Entwicklung der Emanzipation der Frau in den 50er Jahren verstehen, die Käutner Anfang der 60er Jahre deutlich pessimistischer analysierte als in „Das Bildnis einer Unbekannten“. Ruth Leuwerik, die hier selbst die von Käutner zur Musik Franz Grothes geschriebenen Liedtexte sang, glänzt in der Rolle einer liebenswerten, emotionalen jungen Frau, die ihren eigenen Weg findet – eine Möglichkeit, die ihr in „Die Rote“ nicht mehr offen stand.

Im Zusammenspiel mit O.W. Fischer entwickelte sich ein äußerst Stil sicherer und optimistisch gehaltener Unterhaltungsfilm, der in der Glaubwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen und der Modernität seiner Anlage nur noch selten erreicht wurde.

"Bildnis einer Unbekannten" Deutschland 1954, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Hans Jacoby, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Erich Schellow, Irene von Meyendorff, Ingrid van Bergen, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner:

Montag, 16. September 2013

Das schwarze Schaf (1960) Helmut Ashley

Inhalt: Nach dem Ende der sonntäglichen Messe wird direkt neben dem Kirchengebäude ein Toter entdeckt, der offensichtlich mit einem Hammer erschlagen wurde. Nachdem Inspector Graven (Herbert Tiede) erfahren hatte, dass nur ein sehr großer Mann einen solchen Schlag hätte ausführen können, steht sein Urteil fest und er schreitet zur Verhaftung. Doch Pater Brown (Heinz Rühmann) durchschaut im Gegensatz zu ihm den tatsächlichen Tatvorgang und kann den Täter überführen.

Damit schützt er den zu unrecht Verdächtigten vor einer Verurteilung, was ihm entsprechende Zeitungsberichte einbringt, nicht aber die Anerkennung des Bischofs (Friedrich Domin), der zwar die positiven Aspekte seines detektivischen Spürsinns sieht, diese aber im Sinne der Kirche nicht dulden kann. Um weitere Nebentätigkeiten zu unterbinden, versetzt er Pater Brown zu einer neuen Gemeinde, in der es schon viele Jahre keine Verbrechen mehr gegeben hat…


Dass Heinz Rühmann in "Das schwarze Schaf", der Ende 1960 in die Kinos kam, erstmals die Romanfigur "Father Brown" des englischen Kriminalbuchautors G.K. Chesterton verkörperte, hatte mehrere Ursachen. Zwei Jahre zuvor hatte er einen Polizeioffizier in "Es geschah am hellichten Tag" (1958) gespielt, an dessen Drehbuch neben Friedrich Dürrenmatt auch Hans Jacoby beteiligt war, der seit "Vater sein dagegen sehr" (1957) an den meisten Rühmann-Filmen dieser erfolgreichen Phase mitgearbeitet hatte. Gemeinsam mit István Békeffy schrieb er Heinz Rühmann die Rolle des "Pater Brown", wie die Figur in der deutschen Version heißt, auf den Leib - ein gottesfürchtiger, moralisch integrer Mann, dem Obrigkeitsdenken, Vorurteile und blinder Gehorsam fremd sind.

Diese Konstellation hatte neben der altersgerechten Rolle für den knapp 60jährigen Rühmann den Vorteil, dass sie keine Relativierungen benötigte, wie sie in seinen Filmen mit Familienanhang in der Regel vorgesehen wurden. Der katholische Priester Pater Brown (Heinz Rühmann) ist nur seiner Haushälterin Mrs. Smith (Lina Carstens) verpflichtet, die gezwungen ist, seine ständigen Umzüge mitzumachen. Und natürlich Gott, dessen Güte er für die Entstehungszeit des Films erstaunlich liberal auslegte. Nicht nur der ehemalige Einbrecher Flambeau (Siegfried Lowitz) gehört zu seinen Freunden, auch sonst erweist sich Pater Brown als tolerant. Souverän bewältigt er den ersten, zur Einführung des Protagonisten nur kurz geschilderten Kriminalfall des Films damit, dass er eine junge Prostituierte zu Hilfe holt, um ihren als Mörder überführten Vater dazu zu überreden, sich der Polizei zu stellen. Die sachliche Schilderung dieser Situation kommt ohne moralische Fingerzeige aus, womit sich der Film deutlich von seinen in dieser Zeit entstandenen Filmen wie "Ein Mann geht durch die Wand" (1959) oder "Max, der Taschendieb" (1962) unterschied, in denen Rühmanns Verstöße gegen die bürgerliche Ordnung jeweils in gesellschaftlicher Anpassung endeten.

Hier dagegen nicht. Auch wenn die Kirchenführung in Person des Bischofs (Friedrich Domin) gelassen auftritt und Browns Verdienste durchaus zu schätzen weiß, hinterlässt sie einen ungerechtfertigt strengen Eindruck. Aus heutiger Sicht einer säkular geprägten Gesellschaft wirkt diese Kritik an der katholischen Kirche zwar sehr dezent, bewies 1960 aber Mut, auch wenn Chesterton seine "Father Brown"-Romane freier auslegte. Sein "Father" war als "Weltgeistlicher" kein an einen festen Ort gebundener Priester, so dass er auch in einem Gefängnis in Chicago arbeiten konnte. Die meisten Fälle fanden aber in England statt, dessen Bewohner größtenteils der "Church of England" angehören, weshalb das Umfeld keineswegs so homogen wie im Film ausfiel. Um das in Deutschland gewohnte christliche Ambiente mit dem britisch geprägten Hintergrund verbinden zu können, wurde die Handlung ins streng katholische Irland verlegt. Angesichts dieser Bemühungen wird deutlich, dass Heinz Rühmanns Interpretation eines unvoreingenommenen Geistlichen, der konsequent seinen Überzeugungen folgt, auch wenn diese gegen die Anordnungen seiner Vorgesetzten verstoßen, im Zeitkontext modern angelegt war.

Zu Hilfe kam ihm dabei die allgemeine Begeisterung für Kriminalfilme im deutschen Kino, die seit der Edgar-Wallace-Verfilmung "Der Frosch mit der Maske" (1959) große Erfolge feierten - ein weiterer Anlass für die Entstehung der Pater Brown-Filme. Mit Fritz Rasp und Siegfried Lowitz gehörten zudem zwei prägende Edgar-Wallace-Darsteller der ersten Stunde zur Besetzung, aber die Einflussnahme erfolgte gegenseitig. Komponist Martin Böttcher wurde mit der Pater Brown-Erkennungsmelodie bekannt, bevor er im Jahr darauf begann („Der Fälscher von London“, 1961), auch die Musik zu Edgar-Wallace-Filmen zu schreiben. 1962 landete er mit der Musik zum Karl May-Film "Ein Schatz im Silbersee" seinen größten Erfolg. Auch Helmut Ashley, der nach vielen Jahren als Kameramann erstmals Regie führte, sollte zwei Jahre später die Leitung eines Edgar-Wallace-Films ("Das Rätsel der roten Orchidee" (1962)) übernehmen. Beim zweiten Pater-Brown Film "Er kann's nicht lassen" (1962) war zudem Egon Eis, unter dem Pseudonym Trygve Larsen einer der Initiatoren der Wallace-Reihe, für das Drehbuch verantwortlich und die "Omnia Deutsche Film Export", maßgeblich an der "Mabuse" - Filmreihe ("Die 1000 Augen des Doktor Mabuse" (1960)) beteiligt, übernahm den Vertrieb.

Entsprechend wenig fiel „Das schwarze Schaf“ stilistisch aus dem Rahmen. Etwas weniger reißerisch als die Wallace-Filme oder das „Mabuse“ – Franchise angelegt, ist den klar strukturierten Schwarz-Weiß-Bildern ihr Bemühen um die Darstellung einer anrüchigen „Halbwelt“ deutlich anzumerken. Auch die klischeehaften Charaktere können ihre deutsche Herkunft nicht verleugnen, vermitteln weder irisches Lokalkolorit, noch Internationalität und könnten eins zu eins in einem Edgar-Wallace-Film mitspielen. Ähnliches ließe sich zu dem wie gewohnt konstruierten Kriminalfall feststellen, dessen Aufklärung nicht nur das „Kaninchen aus dem Hut“, sondern den vollkommen unnötig geäußerten Hinweis eines Beteiligten benötigt - gäbe es nicht Heinz Rühmann als Pater Brown. Seine differenziert gespielte Figur besitzt deutlich mehr Profil als die üblichen Polizeioffiziere in den Wallace-Krimis, weshalb seine Eigensinnigkeit, gepaart mit Humor dem „Schwarzen Schaf“ bis heute einen vergnüglichen, altmodischen Charme verleihen kann.

"Das schwarze Schaf" Deutschland 1960, Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Hans Jacoby, István Bekéffy, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Siegfried Lowitz, Fritz Rasp, Karl Schönböck, Friedrich Domin, Maria SebaldtLaufzeit : 89 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Ashley:

Donnerstag, 12. September 2013

Dr. Fummel und seine Gespielinnen (1970) Atze Glanert

Inhalt: Bevor Herr Blümlein (Robert Fackler) zu seiner Kur aufbricht, die er wegen seiner Bandscheiben dringend benötigt, greift er noch schnell tief in die Kasse des Fleischerladens, den er mit seiner Frau Rosa Blümlein (Annemarie Wendl) betreibt, von der er sonst immer sehr knapp gehalten wird. Schon im Zug kann er den Blick nicht von den Beinen der ihm gegenüber sitzenden Dame lassen, der er nur unter größten Schwierigkeiten den Koffer in die Ablage hieven konnte. Spontan entscheidet er deshalb, sich einer Massage zu unterziehen, weshalb er schon in München aussteigt.

Dank einschlägiger Informationen gelangt er in ein entsprechendes Etablissement, wo er sich als Kassenpatient vorstellt - ein geeigneter Fall für die von Dr. Fummel angeleiteten Mädchen, die unter der Leitung des Grafen (Michael Cromer) fröhlich ihrem Tagwerk nachgehen. Auf Blümlein wird die attraktive Lisa angesetzt, die weiß, wie sie einen Klienten abhängig werden lässt…


Obwohl "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" Anfang 1970 noch vor Ernst Hofbauers "Schulmädchen-Report: was Eltern nicht für möglichhalten"  (1970) in die Kinos kam, der dem jungen deutschen Sexfilm zu ungeahnter Popularität verhelfen sollte, war es schon der vierte Film des Produzenten, Drehbuchautors und Teilzeit-Nebendarstellers Alois Brummer, der ab seinem nächsten Film "Graf Porno bläst zum Zapfenstreich" (1970) auch zum Regisseur wurde - eine Position, die hier ausnahmsweise Atze Glanert übernahm, der bei Brummers früheren Filmen "Eros Center Hamburg" (1969) und "Graf Porno und die liebesdürstigen Schwestern" (1969) als Kameramann agierte. Nur beim ersten Film "Graf Porno und seine Mädchen"(1969) war er noch nicht dabei, im Gegensatz zu Rinaldo Talamonti, der in Brummers frühen Filmen fest als Darsteller gesetzt war und bis in die späten 70er Jahre ein Hauptakteur des Genres blieb.

Mit Doris Arden, die in "Dr.Fummel und seine Gespielinnen" zum dritten Mal von Brummer besetzt wurde, war eine Aktrice mit  dabei, die schon Erfahrungen unter Ernst Hofbauer in "Heisses Pflaster Köln" (1967) gesammelt hatte und in "Carmen Baby" (1967) mitspielte - von dem us-amerikanischen Regisseur Radley Metzger in Szene gesetzt, der als ein Wegbereiter des Erotikfilms gilt. Auch Alois Brummer suchte einen eigenständigen Weg, der stilbildend für das Genre werden sollte. Im Gegensatz zu den Ende der 60er Jahre noch unter dem Deckmantel des Aufklärungsfilms verbreiteten Sexfilmen in Deutschland - eine Idee, die Hofbauer in seinen "Report"-Filmen weiter entwickelte - erzählten seine Filme eigenständige Geschichten, die auf einen derben Humor setzten, woraus sich eine bayrisch folkloristisch geprägte Sexfilm-Komödienvariante entwickelte, die Brummer später - parallel zu Franz Marischkas "Liebesgrüße aus der Lederhose"(1973) - mit "Unterm Dirndl wird gejodelt" (1973) oder "Beim Jodeln juckt die Lederhose" (1974) weiter konkretisierte.

Zwar gelten Hans Billians parallel entstandene "Pudelnackt in Oberbayern" (1969) und "Die Jungfrauen von Bumshausen" (1970) als erste Sexfilme im alpenländlichen Heimatgewand, aber auch "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" versetzte den Handlungsort von München schon zeitweise auf einen Bauernhof, wo Franz Muxeneder - später Dauergast in den "Lederhosen"-Filmen - erstmals als krachlederner Möchtegern-Liebhaber auftrat, der hier aber noch nicht zum Zuge kommt. Zudem gilt die Rahmenhandlung den Erlebnissen des Kleinstadt-Bürgers und unterdrückten Pantoffelhelden Herr Blümlein (Robert Fackler), der - endlich von seinem Hausdrachen Rosa Blümlein (Annemarie Wendl) befreit - statt zur Kur zu fahren in der Großstadt München aussteigt, wo er erwartungsgemäß nach Strich und Faden von den Prostituierten ausgenommen wird.

Brummer scheute sich nicht, bekannte Strickmuster und Klischees deutscher Komödien-Klamotten wieder zu verwenden, um mit thematisch grob aneinander gereihten Spielszenen Humor vorzutäuschen. Das misslang völlig, da die Darsteller schlicht überfordert waren, einen Sketch gekonnt auszuspielen. Schon in einer frühen Szene, in der Talamonti als Müllmann auf den gerade in München angekommenen Blümlein trifft, wird deutlich, mit welchen Qualitäten der Film aufwarten wird - fehlendes Timing, gekünstelte Sprache und viel unfreiwilliger Humor, unterstützt noch von einem Schnitt, der abrupt von einer Szene zur nächsten überblendet. Eine Ausnahme bildete der Gelegenheitsschauspieler und Gründer des Koffer-Imperiums MCM, Michael Cromer, der hier als "der Graf" souverän auftritt und in seinem eigenen grünen Porsche (mit Autotelefon) unterwegs ist. Seine Position als Chef des Bordells und Frauenliebling ist überzeugend, während der titelgebende Dr. Fummel (Alexander Kessler) als sächselnde Witzfigur nur eine Nebenrolle innehat.

Diese filmtechnischen Feinheiten ließen sich allesamt vernachlässigen, da sie nur als Basis für die tatsächliche Intention, möglichst viel nackte Haut zu zeigen, dienten, wovon der Film auch ausreichend Gebrauch machte. Eine große Zahl ausgesprochen hübscher Frauen bevölkert entsprechend die Leinwand, aber erotische Situationen wollen sich trotzdem nicht einstellen. Im Gegensatz zu den italienischen oder französischen Erotikfilmen dieser Phase, die sich auch als Provokation gegen moralische Standards verstanden, blieb der deutsche Sexfilm ganz auf dem Boden der Bürgerlichkeit. Zwar wuseln in "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" Männlein und Weiblein wild durcheinander, zupfen neckisch am Busen oder reiten ausgelassen aufeinander, aber sexuelle Begierde oder ein angedeuteter Geschlechtsakt existieren hier nicht - nicht einmal ein intensiver Kuss wird gezeigt.

Einzig in einer lesbischen Szene kurz vor dem Ende des Films kehrt einen Moment Ruhe ein und beschäftigen sich die beiden sonst selbstverständlich heterosexuellen Frauen intensiv miteinander - ein deutliches Anzeichen für die unveränderten Geschlechterrollen. Dass in den Sexfilmen generell dem Voyeurismus des Mannes gefrönt wurde, ist dessen ureigene Aufgabe, auffällig ist aber der beinahe völlige Verzicht auf eine intensive Mann-Frau-Beziehung. Der Geschlechterumgang behält in "Dr. Fummel" einen "Knuddel" - Charakter, um der Kamera zwar genügend Gelegenheit zu geben, entblößte Körper einzufangen, aber auch keine Neidgefühle auf eine reizvolle, den bürgerlichen Regeln widersprechende Lebensweise entstehen zu lassen. Die Rollen beschränkten sich zudem auf promiskuitive, zur Prostitution bereite Frauen, die auf junge Selbstdarsteller oder lächerliche alte Männer treffen - mit weiblicher Emanzipation hatte das nichts zu tun.

Mit "Dr. Fummel und seinen Gespielinnen" bediente Vieldreher Alois Brummer Ende der 60er Jahre geschickt den steigenden Bedarf an sexuellen Darstellungen - der Sexfilm wurde in dieser Zeit zu einem wesentlichen Bestandteil der deutschen Filmproduktion - ohne die Grundfesten der Moral in Frage zu stellen, denn dank des derben Humors, wurde jede ernsthafte Attitüde einer gesellschaftlichen Liberalisierung sofort im Keim erstickt. Erst aus heutiger Sicht wird deutlich, dass Brummers spielerische Filme auch Mut in ihrem unbeschwerten Dilettantismus bewiesen und trotz der Konzessionen an ein konservatives Publikum eine Aufbruchstimmung vermittelten, die nicht mehr aufzuhalten war, was den spezifischen Reiz dieser Filme ausmacht.

"Dr. Fummel und seine Gespielinnen" Deutschland 1970, Regie: Atze Glanert, Drehbuch: Alois Brummer, Pierre O. Pistek, Darsteller : Doris Arden, Michael Cromer, Rinaldo Talamonti, Alois Brummer, Veronika Faber, Franz MuxenederLaufzeit : 76 Minuten 

Montag, 9. September 2013

Der Mann, der Sherlock Holmes war (1937) Karl Hartl

Inhalt: Mitten in der Nacht stehen zwei Männer auf den Gleisen und halten den Express-Zug nach Paris an, um auf offener Strecke einzusteigen. Dieser ungeheure Vorgang wäre normalerweise unverzeihlich, aber das selbstbewusste Auftreten des Mannes mit Pfeife und im Karo-Mantel, der sich in Begleitung eines Mannes befindet, bei dem es sich offensichtlich um einen Doktor handelt, kann nur der berühmte Sherlock Holmes sein – eine Meinung, die auch zwei verdächtige Gestalten teilen, um bei der ersten Gelegenheit das Weite zu suchen.

Eine ideale Ausgangssituation für die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die ihr letztes Geld für das Sherlock-Holmes-Outfit ausgegeben hatten, denn so können sie gleich deren Abteil und Gepäck übernehmen, und lernen zudem die Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck) kennen, die mit den beiden verschwundenen Herren verabredet waren. Sie befinden sich auf dem Weg zum Haus ihres verstorbenen Onkels, dessen Vermögen sie geerbt haben. Flint und McPherson haben anderes im Sinn und begeben sich in Paris sofort ins beste Hotel am Platze, denn nur wer groß einsteigt, wird von möglichen Auftraggebern auch ernst genommen – so zumindest die Theorie…


Angesichts der vielen Filme, in denen Heinz Rühmann und Hans Albers ab den 30er Jahren bis zu Albers' Tod 1960 mitwirkten, überrascht es vordergründig, dass sie in dieser Zeit nur dreimal gemeinsam auftraten - früh in "Bomben auf Monte Carlo" (1931) und noch einmal 1954 in "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins". Von diesen drei Filmen verfügt nur "Der Mann, der Sherlock Holmes war" über einen spannungsreichen Hintergrund, der sich sowohl auf die Qualität des Films positiv auswirkte, als auch begründete, warum es zu kaum einer weiteren Zusammenarbeit kam. Zum Entstehungszeitpunkt von "Bomben auf Monte Carlo" war die Rollenverteilung noch eindeutig - Hans Albers war schon ein großer Filmstar, während Heinz Rühmann noch am Beginn seiner Karriere stand - und der Dreh zu "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" basierte Mitte der 50er Jahre auf dem Konsens beider Mimen, wieder an alte Erfolge anknüpfen zu wollen, womit ein Patt zwischen ihren Rollen entstand.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" wurde dagegen zu beider Hochphase als große Filmstars gedreht, weshalb die nachvollziehbare Besetzung - Hans Albers als selbstbewusst auftretender, jede Situation beherrschender Sherlock Holmes, Heinz Rühmann als vorsichtiger, den Meister loyal unterstützender Dr. Watson - automatisch Konfliktpotential beinhaltete. Ein ähnliches Gleichgewicht bestand auch hinter der Kamera, denn Regisseur und Autor Karl Hartl war ein Spezialist für dramatische und fantastische Filme, in denen Hans Albers schon zweimal die Hauptrolle gespielt hatte ("F.P.1 antwortet nicht" (1932) und "Gold" (1934)), während Co-Autor Robert A. Stemmle komödiantische Stoffe bevorzugte und unter anderen für die Rühmann-Filme "So ein Flegel" (1934) und "Heinz im Mond" (1936) verantwortlich war. Im Nachhinein lässt sich diese Konstellation - so schwierig sie in der Praxis gewesen sein mag - nur als Glücksfall betrachten, denn sie verband nicht nur geschickt Kriminalfilm mit Komödie, sondern nahm den jeweiligen Charakter-Typen der beiden Stars, dank deren gegensätzlichen Spiels, ihre sonst übliche Einseitigkeit.

Zudem entzogen sich Hartl und Stemmle vollständig dem nationalsozialistischen Gedankengut, indem sie schon bei der ersten Einblendung deutlich werden ließen, welche Vorbilder sie für ihren Film nahmen - die fantasievollen, reich bebilderten Romanhefte über die Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Zwar ist die Handlung zur Zeit der Weltausstellung in Paris 1937 angesiedelt, aber darüber hinaus hält sich der Film nicht lange mit Realitäten auf. Munter mischt er die Nationalitäten, ohne auf Sprachbarrieren oder Stereotypen zu achten. Im Gegenteil agieren Albers und Rühmann auch als britische Bürger wie gewohnt und die Pariser Behörde wirkt in ihrer Unfähigkeit und ihrem Hierarchiedenken wie eine Parodie auf das deutsche Beamtentum. Besonders mit der einzig eindeutig deutschen Figur Erwin Wutzke (Lothar Geist), ein naseweiser Junge aus Berlin, der zu Fuß zur Pariser Weltausstellung gegangen ist und natürlich sofort als Einziger sieht, dass es sich bei den seltenen Mauritius-Marken um Fälschungen handelt - schließlich besitzt er eine eigene Briefmarkensammlung - gelang eine äußerst witzige Persiflage auf nervige Besserwisser.

Entsprechend ungebremst entfaltet sich ein Geschehen, dass quasi ohne Vorgeschichte auskommt. Gleich zu Beginn stoppen Albers und Rühmann auf den Gleisen stehend den Zug Richtung Paris, um als Sherlock Holmes und Dr. Watson die Verbrecher in Angst und Schrecken zu versetzen. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die sich nur rollengerecht verkleidet haben, aber das Spiel mit der doppelten Identität besitzt hier noch mehr Ebenen. Einerseits agieren Albers und Rühmann als Hochstapler in gewohnter Form - der Eine ohne Rücksicht auf Verluste, der Andere schüchtern und schuldbewusst, was sich wunderbar in dem stimmig integrierten Badezimmer-Duett "Jawoll, meine Herr'n!" verbindet - andererseits nehmen sie ihre Rollen als Holmes und Watson ernst, woraus sich ein klassischer Kriminalfall entwickelt, um am Ende in einer absurden Gerichtsszene zu enden, in der auch Sherlock Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle (Paul Bildt) eine wichtige Rolle spielt.


Bei "Der Mann, der Sherlock Holmes war" gelang das seltene Kunststück, die Qualitäten zweier unterschiedlicher Darsteller kongenial zu einem Geschehen zu verbinden, dass dank seines Tempos, seiner Einfälle und witzigen Dialoge, sowie der lässigen filmischen Umsetzung bis heute nichts von seinem unterhaltenden Charakter verloren hat. Selbst die beiden braven Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck), die als gleichwertig besetztes Love-Interest für die beiden Protagonisten eher blass blieben - im Gegensatz zur mondänen Madame Ganymare (Hilde Weissner), die als selbstbewusst auftretende Frau nur zur Verbrecherbande gehören konnte - können den guten Gesamteindruck eines Films nicht schwächen, der für seine Entstehungszeit, aber auch im Gesamtwerk der beiden Filmstars Heinz Rühmann und Hans Albers einen hohen Stellenwert einnimmt.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" Deutschland 1937, Regie: Karl Hartl, Drehbuch: Karl Hartl, Robert A.Stemmle, Darsteller : Heinz Rühmann, Hans Albers, Marieluise Claudius, Hansi Knoteck, Hilde WeissnerLaufzeit : 106 Minuten